"... wie sehr unsere Welt solche heiligen Menschen braucht, Mutmacherinnen und Mutmacher, die Hoffnung und Aufmerksamkeit schenken"

Predigt von Bischof Peter Kohlgraf beim Pontifikalamt am Hochfest Allerheiligen im Hohen Dom zu Mainz am Sonntag, 1. November

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Spiegelung
Datum:
So. 1. Nov. 2020
Von:
Bischof Peter Kohlgraf

Religion ist Opium des Volkes, also ein Betäubungsmittel, um die harte Wirklichkeit aushalten zu können. So formulierte Karl Marx und Lenin änderte die Formel: Religion ist Opium für das Volk, also ein Betäubungsmittel, das die Religionsführer, etwa die Kirche, den Leuten geben, damit sie nichts an der Wirklichkeit ändern müssen. Gerade in diesen Tagen spüren wir, wie drängend und bedrängend das Thema der Endlichkeit des Lebens wird. Viele Menschen warten auf ein klares Wort des Trostes und der Ermutigung, welches mehr als Vertröstung sein muss. Vielleicht ist dieses heutige Fest ein solcher „Mutmacher“.

Das Fest Allerheiligen wie der gesamte Glaube an die Auferstehung wäre gründlich missverstanden, wenn wir es als eine Art Vertröstung nehmen würden. Die Zeiten von Marx und Lenin sind vorbei. Gott ist nicht tot, und Gott sei Dank auch nicht die Hoffnung von gläubigen Menschen, dass der Tod nicht das Ende ist, sondern der Beginn eines anderen, größeren Lebens sein wird. Glaubende Menschen haben aus dieser Hoffnung auch immer Motivation geschöpft, den Weg des Glaubens in diesem Leben gerne und hoffnungsvoll zu gehen. Wir brauchen Helferinnen und Helfer im Glauben. Jemand hat Heilige einmal als Menschen bezeichnet, die anderen glauben helfen. Das stimmt für die großen Heiligen, aber das gilt auch für jeden von uns. Wenn wir für andere Gott erfahrbar machen, wenn wir anderen helfen, die Hoffnung nicht zu verlieren, sind wir Heilige, die helfen. In diesen Wochen und Monaten spüren wir, wie sehr unsere Welt solche heiligen Menschen braucht, Mutmacherinnen und Mutmacher, die Hoffnung und Aufmerksamkeit schenken. Wir verehren so die großen Heiligen, dürfen aber auch uns in dieser Berufung sehen.

Heilige sind Menschen, die von Gott ergriffen sind. Das ist doch das Wichtigste im Glauben, dass wir spüren: Da ist ein Funke übergesprungen. Von Gott ergriffen zu sein bedeutet, glauben zu können, von ihm unendlich geliebt zu sein. Vielen Heiligen war das durchaus nicht immer klar. Oft haben sie lange Umwege gehen müssen, um das glauben zu können. Es fängt beim Apostel Paulus an. Er eifert für seinen Glauben, und die Wende kommt in sein Leben, als er begreift, dass im gekreuzigten Christus Gottes Liebe unter uns sichtbar geworden ist. Er wird der Missionar dieser Gnade: Du lebst nicht aus frommen und anderen Höchstleistungen, sondern du lebst allein davon, dass Gott dich liebt, weil er dir seine Gnade schenkt, dass du angenommen und versöhnt bist in deiner Armseligkeit und Schuld. Darin formuliert er den Kern der christlichen Botschaft. Das Evangelium, das er verkündet, ist die Person Jesu, der uns geliebt hat bis zum letzten. Das ist auch das Evangelium für die vielen Menschen in diesen Tagen, die nach Orientierung und Halt suchen. Etwas Besseres haben wir nicht an der Hand. Jeder Heilige hat früher oder später dies staunend bekannt und auf eigene Weise angenommen. Weil die Heiligen uns alle auf ihre Art auf diesen Kern unseres Glaubens aufmerksam machen, helfen sie uns glauben.

Heilige sind Menschen, die den Menschen und seine Welt geliebt haben. Es gibt keinen Heiligen, der als Verächter anderer Menschen heilig geworden ist. Man kann nicht Gott lieben und die Menschen verachten. Wenn Religion Opium wäre, würde sie unsre Erde und ihre Wirklichkeit verdrängen. Nein, Heilige lieben diese Wirklichkeit, weil Gott nur in dieser Wirklichkeit erfahrbar ist. Gott wird ja Mensch, das heißt, dass er diese Erde liebt, mit all ihrer Dunkelheit, ihrem Elend, ihrem Leid, aber auch dem unendlich Schönen. Heilige sind Menschen, die versuchen, die Welt und den anderen Menschen mit den Augen Gottes zu sehen. Deswegen lohnt es sich, für das Gute zu kämpfen, anderen Menschen leben zu helfen. Heilige haben oft ihren Platz gehabt an der Seite der Armen, Trauernden, Verfolgten, die Jesus seligpreist. So helfen die Heiligen uns glauben, weil sie uns die Augen dafür öffnen, dass unsere Welt keine gottlose, sondern eine von Gott erfüllte und geliebte Welt ist. Die Not dieser Tage braucht Heilige mit wachen Sinnen für das, was der oder die andere braucht. Heilige helfen uns glauben, weil sie uns deutlich machen, dass man nicht für sich selbst heilig ist, nicht für sich selbst Christ ist. Ich muss andere mitnehmen, bzw. es geht beim Christsein immer darum, mehr das Heil und das Glück des anderen zu suchen und auf diese Weise selbst glücklich zu werden. Es gibt keinen Heiligen, der als geistlicher Egoist heilig geworden ist. Heilige sind Menschen, die sich selbst wegschenken konnten, die immer auch ihr Herz mitgegeben haben.

Schließlich sind Heilige Menschen, die sich nichts auf ihre Heiligkeit einbilden. Wer zu sehr von seiner eigenen Heiligkeit überzeugt ist, ist davon noch weit entfernt. Auch darin helfen Heilige uns glauben, weil sie uns davor bewahren, zu selbstgerecht zu werden. Es gibt keinen Heiligen, von dem bekannt ist, dass er sich selbst seiner Heiligkeit ganz sicher bewusst gewesen ist. Ganz im Gegenteil, oft hielten sie die anderen für besser als sich selbst. Heilige halten ein wenig die Selbstkritik in uns wach. Die meisten Heiligen waren übrigens Menschen mit tiefem Humor. Zu dieser Selbstkritik gehörte bei ihnen auch, über sich selbst lächeln zu können, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen. Es gibt keinen Heiligen, der als trauriger und verbissener Mensch heiliggesprochen wurde. Unsere Zeit braucht derartige Heilige, die der Verbissenheit und der Schärfe des öffentlichen und privaten Klimas diese Gelassenheit und Demut entgegensetzen.

Man muss nicht verstorben sein, um Heiliger zu sein. Jeder und jede, der oder die anderen hilft, zu glauben, zu hoffen und zu lieben, ist ein Heiliger oder eine Heilige im Sinne Gottes.