„Das ist heute“

Predigt von Bischof Peter Kohlgraf beim Abendmahlsamt Dom zu Mainz, Gründonnerstag, 9. April 2020

Impuls Bischof zu Gründonnerstag (c) Bistum Mainz
Impuls Bischof zu Gründonnerstag
Do 9. Apr 2020
Bischof Peter Kohlgraf

„Am Abend, an dem Jesus ausgeliefert wurde, nahm er das Brot, dankte, brach das Brot und reichte es seinen Jüngern mit den Worten: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Ebenso nahm er den Kelch, dankte wiederum, gab den Kelch seinen Jüngern: Nehmt und trinkt alle daraus. Das ist mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird.“ Diese Worte sprechen wir in jeder Heiligen Messe, heute am Gründonnerstag wird hinzugefügt: „Das ist heute“.

Predigt von Bischof Peter Kohlgraf zu Gründonnerstag 2020 (c) Bistum Mainz

Predigt von Bischof Peter Kohlgraf zu Gründonnerstag 2020

9. Apr 2020

"Die Hingabe Jesu vollzieht sich hier, so, wie sie sich damals vollzogen hat. Wir feiern keine rührselige Erinnerung, vielmehr gibt Jesus sich heute- wie damals-und in jeder Messfeier."

Lesung und Predigt als Videobotschaft

Dieser kleine Satz hat mich in jedem Jahr berührt, heute ist er sogar erschütternd. Denn er macht deutlich: Die Hingabe Jesu vollzieht sich hier, so wie sie sich damals vollzogen hat. Wir feiern keine rührselige Erinnerung, vielmehr gibt Jesus sich heute – wie damals – und in jeder Messfeier. Er will die Nahrung der Jünger sein. Nach Ostern feiern die Gemeinden diesen Auftrag, immer im Bewusstsein, dass sie tun, was er getan hat, ja mehr noch, dass er selbst mit ihnen feiert und sich verschenkt. Er wird zur Nahrung und verteilt sich an die Menschen. Es ist bitter und traurig, dass wir in diesem Jahr noch nicht einmal mit zwölf Personen diesen Auftrag Jesu öffentlich feiern können. Heute nicht und auch nicht am Ostersonntag. Für viele glaubende Menschen hinterlässt dies eine offene Wunde. Die Bilder aus Rom, der Papst vor einem leeren Petersplatz, sind Sinnbild für diese Situation. Aber die Nachrichten von den vielen Schwerkranken und Toten zeigen: Diese einmaligen Maßnahmen sind notwendig. Der Verstand erkennt die Notwendigkeit, aber das Herz kommt bei vielen nur schwer hinterher.

Es ist Zeit für eine neue „Kultur der Sehnsucht“

Die kirchliche Tradition kennt den Gedanken der „eucharistischen Sehnsucht.“ Bereits die Psalmen sind Lieder der Sehnsucht. Sie sprechen von einer dürstenden Seele, von einer inneren Unruhe, die den Menschen erst in Gott Ruhe finden lässt. Diese Sehnsucht wird in diesem irdischen Leben nie gestillt werden. Der Mensch wird Gott in diesem Leben nie besitzen. Gerade wenn er von Gott berührt wird, entfacht dies die Sehnsucht nach seiner Nähe neu. Im Empfang der Eucharistie wird der Mensch mit Christus eins, so sagt die katholische Tradition, aber nicht, um sich in dieser Einheit einzurichten, sondern um stets neu auf die Suche nach tieferer Einheit zu gehen. Vielleicht ist jetzt die Zeit der Sehnsucht. Zu oft gehe ich gedankenlos zur Heiligen Kommunion, sie ist selbstverständlich. Ist sie aber auch Ausdruck dieser tiefen und unergründlichen Sehnsucht nach dem großen Gott, dessen Liebe wir nie ausschöpfen können? Es ist die Zeit der Sehnsucht. Es gilt, die Sehnsucht neu zu entdecken, die uns auch schmerzlich erkennen lässt: Wir werden in dieser zerbrechlichen Welt das letzte Glück nicht finden, schon gar nicht in vergänglichen Dingen. Manche denken schon über die Zeit nach der Krise nach. Was wird sich verändern? Vielleicht die Aufmerksamkeit füreinander, vielleicht das Bewusstsein für die Zerbrechlichkeit der Welt und dafür, dass Glück nicht zu machen und nicht zu kaufen ist. Vielleicht erwacht eine neue „Kultur der Sehnsucht“, auch in der Kirche, und das Bewusstsein dafür, dass Glaube nicht allein in Routinen besteht; dass Christus nicht als Besitz und Rechtsanspruch gelten darf; dass Christsein mehr ist als das Pochen auf Wahrheitsanspruch und Moral, sondern das Entfachen einer tiefen Sehnsucht im Menschen und das Angebot einer Wegbegleitung für die Menschen, die das Suchen nach etwas Größerem noch nicht aufgegeben haben. Vielleicht ist jetzt die Zeit, in der wir manches in uns neu spüren, was in der Normalität des Sakramentenempfangs längst verschüttet war: die Bereitschaft, sich verwandeln zu lassen und sich die unstillbare Seele von ihm füllen zu lassen. Christus ist ja nicht fort. Er hat viele Weisen, seine Gegenwart zu schenken, denn er hat ja auch Sehnsucht nach dem Menschen. Wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, ist er da. Wo Menschen beten, ist er da. Wo sich einzelne Menschen an ihn wenden und beten, ist er da. Er bleibt bei uns in seinem Wort, in den vielen Zeichen der Liebe, die wir einander schenken. Natürlich findet auch dieses Jahr Ostern statt: in der Gestalt großen Verzichts, aber vielleicht in neu erwachender Sehnsucht nach ihm. Lassen Sie sich Liebe schenken in den vielen Möglichkeiten, miteinander zu sein, zu beten, zu hören, zu reden, auch in der Form eines gemeinsamen Agape-Mahles. In den frühchristlichen Gemeinden gehörten derartige Mähler eng zur Eucharistie und „verlängerten“ sie (Vgl. 1 Kor 11,17ff.).

 

Es ist Zeit, die Caritas zu leben als die Kehrseite der Eucharistie

Jesus feiert nicht nur ein Mahl, er zeigt die Folgen. Wer nicht bereit ist, anderen den Dienst der „Fußwaschung“ zu schenken, hat nicht verstanden, welche Verwandlung zur Hingabe im Empfang der Eucharistie steckt. In diesem Jahr müssen ja nicht nur die meisten Gläubigen auf den Kommunionempfang verzichten, es fehlt auch die Erfahrung der Gemeinde. Unsere medialen und digitalen Angebote können sie vielleicht ein wenig ersetzen, aber sie bleiben eine Notlösung. Es ist vielleicht Zeit, wieder stärker den Wert auch der betenden Gemeinde zu erfahren. Bereits der Hebräerbrief stellt traurig fest, wie sich viele der Gemeinschaft entziehen (Hebr. 10,25). Für gewöhnlich brauchen vielen Menschen Kirche und Gemeinde und deren Gottesdienste offenbar nicht. Aber in diesen Zeiten brauchen wir uns auch emotional dringender. Vielleicht ist es Zeit, christliche Gemeinde wieder mehr zu schätzen lernen – und nicht nur zu fragen: „Was habe ich von ihr?“, sondern sich bewusst zu machen: „Auch die Gemeinde braucht mich“. Derzeit bleiben wir auf Distanz – aus bekannten Gründen. Manche haben ihre Enttäuschung auch mir gegenüber geäußert. In diesem Jahr ist aber nicht Nähe Ausdruck der Nächstenliebe, sondern Distanz und Rücksichtnahme auf die Gesundheit und das Leben der anderen. Bewusster Verzicht auf den gemeinsamen Gottesdienst ist in diesem Jahr tiefster Ausdruck der Caritas, die Jesus im Abendmahlssaal vorgelebt hat. Merkwürdig: auf die eucharistische Christusgemeinschaft verzichten wir schmerzlich, um die Gegenwart im Nächsten ernst zu nehmen und den Auftrag zum Dienst an ihm. Frömmigkeit kann in diesem Jahr nicht darin bestehen, auf Kosten der Gesundheit anderer die eigene Frömmigkeit zu leben. Fußwaschung tun derzeit viele Menschen: Pflegerinnen und Pfleger, Ärztinnen und Ärzte, Menschen, die in den Krankenhäusern und sozialen Einrichtungen arbeiten, diejenigen, die unsere Versorgung aufrechterhalten. Ihnen allen ist von Herzen Danke zu sagen. Es ist die Zeit der Entdeckung des Auftrags zur Caritas: Viele Menschen sind derzeit besonders bedroht: die Kranken, die alten Menschen, die Wohnungslosen, Helferinnen und Helfer, um nur einige zu nennen. Ich sehe auch die Bilder der Geflüchteten, die nun aus dem öffentlichen Interesse rücken. Es ist Zeit, diese Menschen neu sehen zu lernen. Und diese tiefere Sorge um sie darf auch nach den Wochen der Krise nicht nachlassen. Eucharistie ohne Caritas ist nicht die Gabe, die Jesus uns schenkt, damals wie heute.

Zeit der Sehnsucht, Zeit einer neuen Gemeinschaft und einer stärkeren Verantwortung für andere. Wenn diese Impulse von diesem Jahr ausgehen, können sie wichtige Bausteine sein auf dem Weg einer geistlichen Erneuerung.

Möge Christus unsere Wege segnen und besonders die von der Krise am meisten Betroffenen.

 

 

1 Vgl. www.jesuiten.org/news/sehnsucht-nach-eucharistie (Abruf am 30.03.2020).

2 Vgl. Dieter Emeis, Art. Sehnsucht. II. Praktisch-theologisch, in: LThk³ 2009, Bd 9, 403.