Der Geist ist so vielfältig, wie Gott vielfältig und unauslotbar ist.

Predigt von Bischof Peter Kohlgraf beim Pontifikalamt am Hochfest Pfingsten Dom zu Mainz, Pfingstsonntag, 23. Mai 2021, 10.00 Uhr

Bischof Peter Kohlgraf (c) Bistum Mainz
Bischof Peter Kohlgraf
Datum:
Fr. 21. Mai 2021
Von:
Bischof Peter Kohlgraf

"Der Geist ist auch der „Tröster- Geist“. Mir scheint, dass in diesen Zeiten wohl alle einen Trost brauchen, die einen mehr, die anderen weniger. Vermutlich hat jeder Mensch schon einmal Trost gebraucht. "

Wenn Texte der Bibel vom Geist Gottes erzählen, gebrauchen sie starke Bilder. Sie erzählen vom Sturm und vom Feuer, von der verwandelnden Schöpferkraft, vom Wehen und damit von Veränderung, Begeisterung und Bewegung. Gerade die Pfingstgeschichte in Jerusalem bringt diese Erfahrungen auf den Punkt. Davon geht eine Bewegung aus, die nicht mehr zu stoppen ist. In der Apostelgeschichte und in den Gemeinden der Briefe des Paulus wirkt der Geist in den Gaben der Gläubigen, er ist das Lebensprinzip der Kirche. Es gibt die Zusammenstellung der sogenannten „sieben Gaben des Heiligen Geistes“, die zu beschreiben versuchen, wie der Geist Gottes im Leben eines Menschen wirkt: durch Rat und Stärke, Weisheit, Wissen und Verstand, Frömmigkeit und Gottesfurcht. Daneben sprechen biblische Geist-Texte von anderen Erfahrungen, die eher in den inneren Bereich der menschlichen Erfahrung gehören, etwas geradezu Intimes sein können. Der Geist ist so vielfältig, wie Gott vielfältig und unauslotbar ist. 
Eine Gabe des Geistes will ich in diesen schwierigen Zeiten besonders hervorheben: Der Geist ist auch der „Tröster- Geist“. Mir scheint, dass in diesen Zeiten wohl alle einen Trost brauchen, die einen mehr, die anderen weniger. Vermutlich hat jeder Mensch schon einmal Trost gebraucht. Kinder kommen zu den Eltern, wenn sie traurig sind, wenn sie einen Verlust erlitten haben oder sich ängstigen. Es ist wohl eine der wesentlichen Erfahrungen der Kindheit, dass die Eltern in solchen Situationen für das Kind da sind, sich Zeit nehmen, Interesse haben und Nähe schenken. In den Jahren der Kindheit wächst aufgrund solcher Nähe ein Grundvertrauen in das Leben, die Welt und die Menschen. Durch Trost, Zuwendung und Nähe wächst die „Resilienz“, die Gabe, auch schwere Erfahrungen zu bewältigen und neue Hoffnung zu schöpfen. Trost wächst aus einem Vertrauen, das nicht enttäuscht wird. Trost entsteht aus der Erfahrung, dass wichtige Menschen nicht weglaufen, sondern sich der Erfahrung der Not, der Trauer und der Ratlosigkeit stellen. In den Jahren der Kindheit lernen Menschen hoffentlich, dass sie sich in die Arme eines anderen Menschen fallen lassen können. Tröstende Worte helfen, aber mehr noch hilft die Nähe, das Da-Bleiben, die Berührung und die Verlässlichkeit. Neben der Familie können derartige Trösterinnen und Tröster viele Menschen sein, die den Lebensweg kreuzen oder begleiten, Freundinnen und Freund, auch kurze Wegbegleiterinnen und –begleiter. Es sind nicht immer die großen Lebenskrisen. Es sind auch kleine Abschiede, Erfahrungen von Erfolglosigkeit und Ablehnung, die des Trostes bedürfen. 
Tatsächlich kennt bereits die Antike den Gedanken, dass jeder Mensch die Aufgabe haben kann, zur Trösterin oder zum Tröster für andere zu werden. Für das menschliche Zusammenleben ist die Bereitschaft dazu von unschätzbarer Bedeutung. Es ist Aufgabe jedes Menschen, aufmerksam für andere zu sein, sie stark zu machen, Interesse zu zeigen, ihnen zu helfen, ein Grundvertrauen in das Leben finden. Es ist kein Wunder, dass auch für die christlichen Gemeinden das Trösten der Trauernden und Bedrängten zu den unverzichtbaren Werken der Barmherzigkeit gehört. Der Apostel Paulus nennt die Gabe des Trostes als eine der wesentlichen Geistesgaben in der Gemeinde (Röm 12,8). Neben Leitung, Lehre und anderen „Charismen“ gehört das Trösten zu den Kernaufgaben der Gemeinde. Wenn heute in erster Linie Leitungsaufgaben in den aktuellen kirchlichen Debatten diskutiert werden, sollte uns dieser Hinweis nachdenklich machen. Denn ohne eine solche Seelsorge ist alles nur äußerliches Geschäft ohne Geist und Inhalt. Bereits im Alten Testament sollen die Propheten das Volk in scheinbar auswegloser Situation im Auftrag Gottes trösten. Sie sollen dem Volk Mut zusprechen, ihm helfen, Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Ziel des Trostes ist es, den Menschen Mut zu machen, ihre Zukunft in die Hand zu nehmen, neues Vertrauen zu fassen und eigene Perspektiven aus dem Glauben im Miteinander zu finden. 
Es gibt auch die „Vertröstung“, einen Scheintrost, der sich besonders im Religiösen in frommen Sprüchen erschöpft, die nicht durch Erfahrung gedeckt sind. Menschen in der Trauersituation machen die Erfahrung, dass sich Freunde abwenden, weil sie die Situation nicht aushalten. Menschen flüchten sich in Floskeln: „Das wird schon wieder“, „die Zeit heilt alle Wunden“ oder ähnliche gutgemeinte Trostversuche. Es kann ein Trost sein, die gemeinsame Sprachlosigkeit auszuhalten. Trost heißt Nähe zu schenken, ohne direkt konkret helfen zu können, stellvertretend zu glauben und zu hoffen, wenn es zunächst scheinbar keinen Ausweg gibt. Der „Erfolg“ des Trostes kann darin bestehen, einen Sinn im Unglück und der Trauer zu suchen und zu glauben. Hilfreicher Trost versucht aber nicht, dem anderen Menschen eine eigene Deutung aufzudrängen. Jeder und jede kann eine solche Perspektive nur selbst entwickeln und ausbauen. Gerade religiöser Trost ist schnell dabei mit Sinndeutungen. Ich kann sie anbieten, aber ob sie helfen, bleibt offen. Als religiöser Mensch muss ich es aushalten, dass der Glaube nicht immer einfache Antworten zur Hand hat. Der Tröster, die Trösterin bleibt aber dabei: Wer tröstet, läuft nicht davon. 
Wie kann lässt sich die österliche Hoffnung zum Leuchten bringen kann, ohne sich in die genannten religiösen Formeln zu flüchten? Denn die biblische Botschaft ist eine Botschaft des Trostes, besonders angesichts von Verlust, Trauer und Leiden. Gott ist der Tröster schlechthin. Männliche und weibliche Attribute werden ihm zugeschrieben. Er ist der liebende Vater, der seinen gescheiterten Sohn in die Arme nimmt, ihm Würde und neues Leben schenkt (Lk 15,11-32). Er ist die Mutter, die die aufgewühlte Seele des Kindes zur Ruhe finden lässt (Ps 131,2). Er ist der Hirte, der den Menschen durch das Tal des Todes begleitet (Ps 23). Jesus selbst berührt Menschen und es geht von ihm eine heilende Kraft aus in vielen verschiedenen Nöten der Menschen. Der Geist Gottes ist Tröster und gibt den Trost in die tiefsten Kammern der Seele. Was unterscheidet diese Aussagen von den Trostfloskeln, die eher aggressiv stimmen als dass sie als helfend erfahren werden? Hinter den biblischen Texten stecken persönliche Erfahrungen glaubender Menschen. Wer sich auf Gott einlässt, kann derartige Trost-Erfahrungen machen, aber dies ist kein Automatismus. Manchmal bedarf es langer Wege durch das dunkle Tal, bevor sich dann der gedeckte Tisch auf den Auen des Lebens zeigt (vgl. Ps 23). Gott geht mit, aber er ist kein Zauberer des Glücks im Augenblick. Es müsste uns als Kirche gelingen, von derartigen Erfahrungen zu erzählen, auch von eigenen, so dass Menschen in der Bedrängnis eigene Lebenssituationen selbst zu deuten lernen. Wäre es nicht eine schöne Aufgabe für unsere Gemeinden und kirchlichen Angebote, Menschen zu helfen, selbst nach Spuren des Lichts und der Hoffnung zu suchen. Und sie bei dieser Suche zu begleiten? 
Gottes Geist bietet sich als Tröster an. Er bleibt verlässlich dabei, mit ihm kann ich nicht zugrunde gehen, er eröffnet Hoffnungsperspektiven, ohne mich zu erdrücken. Gerne bete ich den Satz aus der Pfingstsequenz: „Höchster Tröster in der Zeit, Gast, der Herz und Sinn erfreut, köstlich Labsal in der Not. In der Unrast schenkst du Ruh‘, hauchst in Hitze Kühlung zu, spendest Trost in Leid und Tod.“ Diesen tiefen Trost, den Tröster – Geist, wünsche ich allen von ganzem Herzen.