Der Mensch ist Mittel. Punkt? Humanisierung der digitalen Arbeitswelt

Predigt von Bischof Peter Kohlgraf beim Gottesdienst im Rahmen des Empfangs am Vorabend zum Tag der Arbeit 2019

Di 30. Apr 2019
Bischof Peter Kohlgraf

„Macht euch die Erde untertan“ (Gen 1,28) – dieser Satz ist oft missverstanden worden, als sei der Mensch das Haupt der Schöpfung, der machen könne, was er wolle. „Macht euch die Erde zu einem menschenwürdigen Lebensraum.“ – So hat Kardinal Höffner den Satz interpretiert[1]. Heute wissen wir, dass ein menschenwürdiger Lebensraum nicht zu schaffen ist, indem wir die Schöpfung ausbeuten und zerstören. Der Mensch ist Teil der Schöpfung, wir bewohnen ein gemeinsames Haus mit den anderen Geschöpfen (Papst Franziskus, Enzyklika, Laudato si).

 

[1] Kardinal Joseph Höffner, Christliche Gesellschaftslehre, Kevelaer 1983, 153.

Die menschliche Arbeit ist ein Beitrag zur Gestaltung des gemeinsamen Hauses und zur Verwirklichung des Schöpfungsauftrags: „Macht die Erde zu einem menschenwürdigen Lebensraum.“ Wir lernen neu, dass in den Arbeitsprozessen der Mensch im Mittelpunkt zu stehen habe, dass die Wirtschaft dem Menschen zu dienen habe, er im Mittelpunkt stehen müsse. Die Konzilskonstitution „Gaudium et spes“ fasst es zusammen: „In den wirtschaftlichen Unternehmen stehen Personen miteinander in Verbund, das heißt freie, selbstverantwortliche, nach Gottes Bild geschaffene Menschen“ (Gaudium et Spes 68). Als Kardinal Höffner seine Gesellschaftslehre schrieb, waren bestimmte Themen des technischen Fortschritts noch nicht absehbar. Dennoch hat er bereits damals bestimmte Grundlagen formuliert, die heute angesichts der Digitalisierung von neuer Brisanz sind. Der Mensch im Mittelpunkt bedeutet:

Menschenwürde vor Rentabilität

Kardinal Höffner macht sich Gedanken über die Art der Menschenführung in den Unternehmen. In einer Sonntagszeitung am vergangenen Sonntag[1] berichtete ein Artikel über den Einsatz von Algorithmen in Schulen in China. Kinder werden im Klassenraum analysiert, ja von Maschinen seziert. Alle Verhaltensweisen werden ausgewertet, Aufmerksamkeit, Unachtsamkeit, jede Regung wird dem Lehrer gemeldet. Die Rolle des Lehrers besteht in der Auswertung der Daten, nicht mehr in der Zuwendung zur Person. Erschreckenderweise reagieren viele Eltern positiv auf diese Entwicklung, verspricht sie doch eine Leistungssteigerung der Kinder und eine totale Kontrolle der Gedanken und des Verhaltens. Dahinter steht ein Menschenbild der machbaren und total kontrollierbaren Produktivität und Leistungssteigerung. Am Ende werden Menschen herangebildet, die steuerbar und bis ins Letzte effektiv sind. So etwas kann es auch in der Arbeitswelt geben. Es ist ein gutes Zeichen, wenn uns solche Nachrichten besorgt stimmen. Gott sei Dank spüren viele Menschen, dass dies nicht der Weg in die Zukunft sein kann, weder in der Pädagogik, noch in der Arbeitswelt. Höffner beschreibt in seiner Gesellschaftslehre eine Entwicklung, die einer solchen Haltung entgegensteuern will. Er stellt fest, dass Unternehmen (1983!) zunehmend bemüht sind, Menschen zweckfrei zu sehen. Leitgedanke „ist also nicht – im Sinne eines intelligenten Egoismus – die Rentabilität, sondern die Menschenwürde“[2]. Ist das heute noch so? In vielen Unternehmen sicher, es ist jedoch immer wieder Achtsamkeit geboten. Der Zeitungsartikel über die Situation in den Schulen in China verschweigt ein Problem nicht: die angestrebte Pädagogik lähmt jede Eigeninitiative, jede Kreativität, jedes kritische Nachfragen, jedes Hobby. Auch wenn Höffner die Themen der Digitalisierung nicht kennen konnte, macht er vor über 30 Jahren darauf aufmerksam, dass ein solches Menschenbild am Ende auch die Produktivität der Unternehmen nicht wird sichern können. Nur wenn wir die Würde des Menschen ernst nehmen, seine Kreativität und Teilhabe fördern, wird auch das Unternehmen rentabel arbeiten können. Die christliche Botschaft steht nicht gegen Gewinn und Ertrag, aber er hat dem Menschen zu dienen, seine Würde zu fördern, nicht ihn dem Gewinn unterzuordnen, so dass er auf der Strecke bleibt.

Aufmerksamkeit gegenüber Erlösungsfantasien[3] durch technischen Fortschritt

Die christliche Botschaft steht auch nicht gegen den technischen Fortschritt, will jedoch auch in diesem Zusammenhang den Menschen in die Mitte stellen. Es gibt laute Stimmen, die mit der Digitalisierung Heilsvorstellungen verbinden. Technik könne alle Probleme lösen: Krieg, Krankheit, Hunger seien technisch zu bewältigen. Selbst der Tod sei zu besiegen. Der israelische Historiker Yuval Noah Harari entwirft ein Bild einer digitalen Zukunft, in der Daten an die Stelle der Götter treten. Es werde soweit kommen, dass künstliche Intelligenz die Menschen bei den meisten Aufgaben übertreffen und ersetzen werde. Er sieht eine Klasse „von nutzlosen Menschen“. Das heißt doch, dass der Mensch gleichzeitig an die Stelle Gottes tritt, nicht wenige Menschen jedoch auf der Strecke bleiben. Tatsächlich steht die Frage im Raum, welche Folgen die Digitalisierung für den Arbeitsmarkt der Zukunft haben werde. Optimisten sehen zahlreiche neue Arbeitsplätze, Pessimisten den Wegfall zahlreicher Berufe, und dass viele Menschen auf der Strecken bleiben werden. Die Erinnerung an das christliche Menschenbild ist nun keine religiöse Spielerei. Auch die Entwicklungen der Digitalisierung gilt es um der Würde des Menschen willen zu gestalten, und zwar nicht im Hinblick auf einen abstrakten Menschen, sondern im Blick auf den einzelnen konkreten Menschen, der durch seine Arbeit seine Menschenwürde verwirklicht. In den technischen Entwicklungen müssen wir als Christinnen und Christen immer wieder die Frage stellen: Wie wollen wir in Zukunft Mensch sein? Wir haben es in der Hand, die Technik hat dem Menschen zu dienen, nicht der Mensch der Technik. Selbstverständlich stecken in den technischen Entwicklungen ungeahnte Möglichkeiten, Arbeit humaner zu gestalten. Sobald technische Errungenschaften aber an die Stelle religiöser Heilsversprechen treten, müssen wir deutlich die Stimme erheben.

Der Mensch im Mittelpunkt als Gottes Ebenbild

Zu den provozierenden Kapiteln der Kirchengeschichte gehört der Name Galileo Galilei, dessen Einsichten seinerzeit verdammt wurden. Unter Papst Johannes Paul II. wurde er rehabilitiert. Zeitgenossen nennen das Beispiel gerne, um die Wissenschaftsfeindlichkeit und Rückständigkeit der Kirche zu belegen. Vordergründig ging es um die Frage: Ist die Erde der Mittelpunkt des Kosmos, so dass sich alles um die Erde dreht, so die klassische Theorie, oder ist die Erde nur ein Gestirn unter vielen, die sich um den gemeinsamen Mittelpunkt der Sonne drehen. An diesem scheinbar rein naturwissenschaftlichen Problem hing ein ganzes Weltbild. Damit verbunden war nämlich die Frage: ist die Welt, und mit ihr der Mensch der Mittelpunkt der Schöpfung, oder ist die Welt und mit ihr der Mensch nur ein Randphänomen. Mit den neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen rückte der Mensch aus dem Mittelpunkt als Krone der Schöpfung in die Reihe der anderen Geschöpfe. Theologisch schwierig wurde es, als sich daraus theologische Konsequenzen ableiteten. Wenn der Mensch aufhört, sich als Gottes Ebenbild  zu sehen und zu benehmen, wird die biblische Lehre vom Menschen in Frage gestellt. Für viele Menschen brach damals eine Welt wirklich zusammen. Heutige Fragen haben noch gravierendere Konsequenzen. Der Mensch entdeckt wie nie zuvor, wie klein er wirklich ist. Er vermag immer mehr in die Geheimnisse der Schöpfung einzudringen, aber sie wird ihm auch immer rätselhafter. Die Technik ist ein solches Gebiet, das den Menschen in Frage stellt. Wir dürfen nicht aufhören, den Menschen als Ebenbild Gottes in den Mittelpunkt zu stellen. Der Mensch muss die Entwicklung gestalten, die Technik dient ihm, nicht er der Technik und dem Fortschritt. Jede Ideologie zeichnete sich dadurch aus, dass der einzelne Mensch einer bestimmten Idee untergeordnet wurde. Jeder einzelne Mensch aber ist immer wichtiger als eine Idee, eine Theorie oder eine Utopie, der wir folgen.

Wenn wir heute den Tag der Arbeit begehen, dann stellen wir den Menschen in den Mittelpunkt, als Bild Gottes, als Mitarbeiterin und Mitarbeiter Gottes an der Schöpfung. Wir erinnern an den Wert der menschlichen Arbeit, die Teilhabe an der Schöpfungstätigkeit Gottes sein soll. Sobald von „nutzlosen Menschen“ die Rede ist, oder in der Praxis Menschen für nutzlos erklärt oder behandelt werden, müssen wir den Mund aufmachen. Genauso, wenn Technik oder Fortschritt über den einzelnen Menschen gestellt werden.

Der Mensch im Mittelpunkt. Das ist eine Folge unseres Glaubens. Gott hat den Menschen geschaffen als sein Abbild, er sendet seinen Sohn, der Mensch wird, er heiligt uns, den Menschen, durch seinen Geist. Er will, dass wir Leben haben, Leben in Fülle. Lassen wir uns in die Verantwortung nehmen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an seinem Heilswerk zu sein.

 

[1] Friederike Böge, Gläserne Schüler, in: FAS vom 29.4. 2019, S. 4.

[2] Höffner, 157.

[3] Zum Folgenden vgl. Volker Jung, Digital Mensch bleiben, München 2018, 29-44.