„Die Liebe tut große Dinge mit den kleinen Dingen"

Predigt von Bischof Peter Kohlgraf beim Pontifikalamt am Hochfest des Leibes und Blutes Christi (Fronleichnam) Hoher Dom zu Mainz, Donnerstag, 11. Juni 2020

Mainz, 11. Juni 2020: Bischof Peter Kohlgraf vor dem ausgesetzten Allerheiligsten bei der eucharistischen Anbetung am Ende des Fronleichnamsgottesdienstes im Mainzer Dom. (c) Bistum Mainz / Blum
Mainz, 11. Juni 2020: Bischof Peter Kohlgraf vor dem ausgesetzten Allerheiligsten bei der eucharistischen Anbetung am Ende des Fronleichnamsgottesdienstes im Mainzer Dom.
Do 11. Jun 2020
Bischof Peter Kohlgraf

Die Prozession zieht in diesem Jahr nicht durch die Stadt. Daher ist es gut, sich daran zu erinnern, dass jeder und jede von uns Tempel Gottes ist, sein Heiligtum, in dem Gott wohnt. Wir alle sind verwandelt in den Leib Christi, werden selbst zur Monstranz, zum Tempel Gottes, zum Heiligtum, in dem Christus wohnt. Wir sollen darstellen, was wir feiern und empfangen. Christus gewinnt in uns Gestalt, er bekommt durch uns Hand und Fuß.

„Die Liebe tut große Dinge mit den kleinen Dingen. Die Eucharistie lehrt es uns. Dort ist Gott in einem Stück Brot enthalten. Wenn wir es mit dem Herzen aufnehmen, wird dieses Brot in uns die Kraft der Liebe freisetzen. Wir werden uns gesegnet und geliebt fühlen und wir werden segnen und lieben müssen.“

Diesen Gedanken lese ich in der Fronleichnamspredigt von Papst Franziskus aus dem vergangenen Jahr.

In unseren feierlichen Gottesdiensten und Prozessionen würden wir in einem normalen Jahr genau dieses Zeugnis in die Öffentlichkeit tragen. Heute bleiben wir weitgehend in den Kirchenräumen und feiern mit überschaubaren Gruppen unsere Liturgien. In den 27 Jahren meiner priesterlichen Tätigkeit ist die Fronleichnamsprozession auch schon ausgefallen – wegen Unwetters, in diesem Jahr wegen der Corona-Situation. Aber das Fest fällt nicht aus, und die Botschaft und das Zeugnis dürfen auch nicht hinter den verschlossenen Kirchentüren bleiben.

„Die Liebe tut große Dinge mit den kleinen Dingen" – so formuliert der Papst. Es ist für mich ein starkes Trostwort, denn kirchlich ist in diesem Jahr vieles kleiner und bescheidener, ja auch mühsamer. Dennoch ist nicht allein die Zahl der Mitfeiernden entscheidend, sondern die Liebe, die von diesem Tag ausgeht. Er hat uns zuerst geliebt: Dies ist die Botschaft dieses Festes. In der Eucharistie gibt Christus sich uns selbst, er gibt sich ganz für uns. Unsere Antwort ist das Verlangen nach ihm. Der Theologe Romano Guardini erinnert daran, dass die Heilige Schrift immer wieder die Sehnsucht nach Gott mit dem leiblichen Hunger und Durst vergleicht: „So möchten wir mit Gott geeint werden, wie unser Leib mit Speise und Trank. (…) Nicht nur erkennen möchten wir Ihn, nicht nur lieben, sondern Ihn greifen, halten, haben – ja, sagen wir es getrost, essen, trinken, in uns hinein, bis wir von Ihm gesättigt wären, gestillt, Seiner voll. Das ist es.“ Und Gott selbst sagt: „So muß es sein.“

„Die Liebe tut große Dinge mit den kleinen Dingen“. Die Liebe tut es, dass wir immer wieder von Ihm erfüllt werden, dass unser Suchen nach Gott im Empfang der Eucharistie immer wieder Klarheit und Nahrung erhält. Das wirkt er in dem kleinen Brot. In den vergangenen Wochen wurde für viele Menschen diese leibliche Sehnsucht nicht gestillt, aber natürlich war und ist Christus in vielen Formen gegenwärtig. Auch die Heilige Schrift und das Wort kann und muss ich in mich aufnehmen, wie es die Bibel vom Propheten Ezechiel und seiner Berufungsvision berichtet: „Öffne deinen Mund und iss, was ich dir gebe (…) Menschensohn, iss diese Rolle. (…) Ich aß sie, und sie wurde in meinem Mund süß wie Honig.“ (Ez 2,8-3,3). Die Eucharistie ist Quelle und Höhepunkt, aber auch das Wort Gottes kann und muss ich „kauen“, in mich aufnehmen, mich von ihm erfüllen lassen. Gott wirkt in Kleinem Großes. In diesem kleinen Brot, in seinem Wort erfüllt er mich, und will mich mit seiner Liebe nähren. In diesen Tagen sind es neben der Eucharistie für viele Menschen kleine Formen des Gebets, der Betrachtung, die die Sehnsucht wachhalten und auf Gottes Angebot seiner Liebe antworten. Die vielen kleinen Formen des Gebets der vergangenen Wochen sind Samenkörner, aus denen Gott Großes wachsen lassen kann. Heute stellen wir Christus im Sakrament des Altares in den Mittelpunkt, das sichtbare Sakrament seiner Hingabe für uns.

„Die Liebe tut große Dinge mit den kleinen Dingen.“ Es ist für mich auch ein Trostwort in die Situation der Kirche, deren Entwicklung in eine immer kleinere Gestalt führt und noch weiter führen wird. Die Frage steht im Raum, welche Folgen diese Monate auch für die Kirche haben werden. Eines ist sicher: wir werden weniger. Der Trost der Hoffnung auf Gottes Macht soll mich und uns nicht beruhigen, wir müssen tatsächlich neu evangelisieren. Die Gestalt der Kirche wird sich nicht verändern, wir stehen mitten in diesem Veränderungsprozess. Und es geht nicht um den Erhalt der Kirche, sondern um Nahrung für die Menschen, die uns angeboten wird und die wir anbieten müssen. Und auch hier gilt: wenn wir in der Kirche Menschen bleiben, in denen diese Sehnsucht brennt, dann kann auch mit einer kleiner werdenden Kirche Gottes Liebe Großes wirken. Was das konkret bedeutet, wird uns beschäftigen, wir werden lernen müssen, unsere Hoffnung nicht auf Macht und Besitz zu bauen.

„Wir werden uns gesegnet und geliebt fühlen“, so der Papst. Sich gesegnet fühlen. „Segnen kann nur Gott. Segnend schaut er sein Geschöpf an. Er ruft es beim Namen.“ Segnen ist das Gegenteil von fluchen, es ist ein Wort des Lebens gegen die Kräfte des Hasses. Wir leben in einer kranken Welt, im wahrsten Sinne des Wortes. Nicht nur die Krankheit des Leibes, die Angst vor dem leiblichen Tod ist unser Fluch, unter dem wir auch leben müssen. Es ist die Einsamkeit, die Unsicherheit, auch das Böse, die Mächte der Gewalt und des Hasses. Dagegen setzt Gott den Segen, die Zusage des absolut Guten. Über unserem Leben steht seine segnende Hand. Wir dürfen uns, auch wenn wir in diesem Jahr nicht durch die Straßen mit der Monstranz ziehen, unsere Stadt, unser Bistum und die vielen Menschen segnen. Ihnen sagen, dass nicht der Fluch das letzte Wort hat, sondern der Segen. Alle dürfen sich gesegnet und geliebt fühlen.

„Wir werden uns gesegnet und geliebt fühlen und wir werden segnen und lieben müssen.“ Die Prozession zieht in diesem Jahr nicht durch die Stadt. Daher ist es gut, sich daran zu erinnern, dass jeder und jede von uns Tempel Gottes ist, sein Heiligtum, in dem Gott wohnt. Wir alle sind verwandelt in den Leib Christi, werden selbst zur Monstranz, zum Tempel Gottes, zum Heiligtum, in dem Christus wohnt. Wir sollen darstellen, was wir feiern und empfangen. Christus gewinnt in uns Gestalt, er bekommt durch uns Hand und Fuß. Eucharistiefeier wurde ja nie so verstanden, dass ich in den Genuss seiner Gegenwart komme, und damit ist es genug. Wer Christus empfängt, wird ein zweiter Christus und setzt Christus in der Welt gegenwärtig. Jeder und jede von uns ist sozusagen eine kleine Fronleichnamsprozession in der Öffentlichkeit, eine Monstranz Christi, denn wir werden ja gesandt mit dem Auftrag, unseren Glauben öffentlich zu machen. Zeugnis zu geben, dass Gott in unserer Stadt wohnt, dass wir sein Heiligtum sind und er den Weg unseres Lebens mitgeht – dazu ist jede und jeder von uns gesandt. Wir sollen und können zum Segen für andere werden. Das ist unser Auftrag als seine Kirche. Dieses Brot wird in uns die Kraft der Liebe frei setzen, diese Hoffnung des Heiligen Vaters teile ich von ganzem Herzen.

Aus Kleinem kann Gott Großes wirken. Wir dürfen uns gesegnet und geliebt fühlen und dies weitergeben. Möge das Fronleichnamsfest unseren Blick schärfen für die Quellen des Lebens, die Gott uns anbietet.

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