„Friede ist allweg in Gott, denn Gott ist der Friede.“

Predigt von Bischof Peter Kohlgraf
im Gottesdienst zum Weltfriedenstag 
Dom zu Mainz am 17. Januar 2021

Nikolaus von der Flühe (c) wikipedia
Nikolaus von der Flühe
Datum:
So. 17. Jan. 2021
Von:
Bischof Peter Kohlgraf

„Friede ist allweg in Gott, denn Gott ist der Friede.“

Dieses Glaubensbekenntnis formuliert der heilige Niklaus von Flüe (1417-1487), der besonders in der Schweiz als Friedensheiliger verehrt wird. Wiederholt war ich auch persönlich dort in der Schweiz, wo er gelebt hat und bin ihm dadurch nahegekommen.

Manche tun sich schwer mit ihm. Denn nach politisch aktiven Jahren als Richter verlässt er nach langem Ringen Frau und Kinder und zieht sich in die Einsamkeit zurück. Ohne die Zustimmung seiner Frau hätte er dies wohl nicht getan. Dennoch muss man sagen, dass er als Einsiedler entscheidende Beiträge geleistet hat, aktiv den Frieden zu sichern. Menschen suchen bei ihm Rat, verfeindete Parteien lassen sich von ihm zu friedlichen Konfliktlösungen motivieren. Das soll uns heute beschäftigen1.

Es ist für Klaus von Flüe eine erschütternde Erfahrung, dass Christenmenschen aufeinander einschlagen. Recht oder auch Unrecht werden mit Gewalt durchgesetzt. Immer mehr wird Gott für ihn zur Quelle des Friedens. Das ist auch an unsere Zeit eine Anfrage in verschiedene Richtungen. Klaus nimmt Gott radikal ernst. Er hätte starke Anfragen an die Menschen, die Gott „einen guten Mann“ sein lassen, der für die konkrete Lebensgestaltung uninteressant ist. Er hätte nicht verstanden, wie man an Gott glauben kann – und ihn ins Jenseits verlagert. Er wäre wahrscheinlich zornig geworden, wenn er erlebt hätte, wie in manchen Ausformungen der Religion Gott für die Begründung von Gewalt herhalten muss. Gott ist der Friede, davon ist er fest überzeugt. Mit diesem Gott darf sich keine Gewalt begründen lassen. Ich ahne schon den Widerspruch: Wie oft ist doch auch in der Bibel von Kriegen die Rede, die im Namen Gottes geführt werden. Die Bibel fordert doch die Todesstrafe. Die Bibel fordert doch die gewaltsamen Strafen gegen Verbrecher und selbst Gewalt gegen Kinder kann ich mit biblischen Zitaten belegen. Es ist erschütternd, wie Papst Franziskus aus katholischen Kreisen angegangen wurde, als er sich gegen die Todesstrafe aussprach. Und der Papst ist selbst in die Falle getappt, als er körperliche Züchtigung von Kindern für tolerabel erklärte. Wenn man die Bibel als Steinbruch benutzt und passende Zitate herausnimmt, wird man selbstverständlich alles belegen können. Das gilt übrigens auch für viele andere Themen, die mit dem Hinweis auf biblische Halbsätze scheinbar alternativlos sind.

Schauen wir in die Versuchungserzählung Jesu in der Wüste. Der Teufel geht genau so mit der Bibel um. Er reißt Sätze aus dem Zusammenhang und begründet damit seine Haltung. Um Gott geht es ihm natürlich nicht. Heilige wie Klaus von Flüe können so nicht mit der Bibel umgehen. Sie stehen damit in gut christlicher Tradition. Bereits die Kirchenväter der ersten Jahrhunderte wissen, dass man einzelne Texte nur verwenden darf, indem man das Ganze, den roten Faden im Blick behält. Klaus von Flüe war sein ganzes Leben auf der Suche nach diesem roten Faden. Es ist die Suche nach dem „einig Wesen“, dem einen Gott, in dem die vielen Fragen und scheinbaren Widersprüche zusammenfinden. Der „rote Faden“ in der Geschichte Gottes mit den Menschen ist für ihn die Erfahrung des Friedens, der wahrhaft göttlich ist.

Wir gehen heute dem Motto der „Achtsamkeit als Weg zum Frieden“ nach. Klaus von der Flüe steht zunächst für die Achtsamkeit gegenüber dem Willen Gottes, nach dem er ein Leben lang sucht. Gebet ist für ihn diese achtsame Suche nach dem einen Gott. Diesen Gott und seinen Willen findet er wesentlich nicht in der Betrachtung isolierter biblischer Forderungen, sondern im achtsamen Hören auf ihn in der Stille. Gott lerne ich immer wieder neu kennen. Ich habe seinen Willen nicht, indem ich anderen Forderungen und religiöse Normen um die Ohren haue. Auch dies kann zu einer Form religiöser Gewaltausübung werden. Wir entdecken heute das Thema des geistlichen Missbrauchs. Geistlicher Missbrauch geschieht dort, wo ohne Achtsamkeit für das, was der andere Mensch braucht, gesagt wird, was für ihn gut ist, und nur das! Ich vermute, dass unser Glaube für viele Menschen erheblich attraktiver wäre, wenn sie uns alle als Menschen erleben würden, die auf der Suche nach „dem einig Wesen“ sind – und nicht schon alles wissen und haben. Und dass wir Menschen sind, in denen sich diese Achtsamkeit und Aufmerksamkeit in der Friedensliebe ausdrückt. Achtsamkeit als Weg zum Frieden heißt für mich zuerst: die Achtsamkeit gegenüber dem Gott, der Friede ist.

Diese Achtsamkeit Gott gegenüber kann Klaus von Flüe nicht von der Achtsamkeit gegenüber Menschen trennen. Glaube ist Friedensarbeit. Sein Rezept beschreibt er kurz und knapp: „Aufeinander horchen – einander gehorchen“. Er wird mit Recht „schlichter Zeuge eines entwaffneten Gottes“ genannt (Nicolas Buttet). Frieden kann nicht entstehen, indem jede Partei ohne Rücksicht auf die eigene Position pocht. Es funktioniert nur im gegenseitigen Hören und Verstehenwollen. Das ist keine „Harmoniesauce“, sondern mühevolle Arbeit.

Wir müssten gerade in der Kirche Vorbilder sein, indem wir so miteinander auf dem Weg sind. Die Realität ist oft anders. Auch das macht uns in einer Welt unglaubwürdig, in der es genügend Spaltung und Säbelrasseln gibt. Achtsamkeit bedeutet, den anderen verstehen zu wollen, ohne dass man seine Position teilen muss. Es bedeutet, auch im Gegner das Ebenbild Gottes zu sehen und seine Würde anzuerkennen. Die Einheit der Menschen untereinander ist die Grundlage für mögliche Vielfalt. Auch das gehört für Klaus von der Flüe zum roten Faden, der im Blick bleiben muss. Nicht der Friedensstifter ist naiv. Vielmehr weist die christliche Tradition darauf hin: Eher ist derjenige realitätsfern, der meint, Frieden sei das Schweigen aufgerichteter und aufeinander gerichteter Waffen. Achtsamkeit bedeutete für Klaus von Flüe ein radikales Ernstnehmen der Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit war für ihn aber nicht nur die Realität der Kriege damals und der zerrissenen Welt, sondern auch das Wissen darum, dass Gott Frieden wirken will und wirken kann – durch jeden einzelnen Menschen. Für ihn wäre der Glaube an die Kraft des Guten Realität, die sich zutraut, die Welt zu verändern und zu gestalten.

So wie uns im Hinblick auf die Klimaentwicklung die Zeit davonläuft, so auch durchaus in Fragen der Gestaltung des Friedens. Papst Franziskus hat gerade in „Fratelli tutti“ davon gesprochen, dass es zu verpassen Chancen kommen könne, die sich nicht mehr bieten werden. Nicht nur an die großen Waffensysteme haben wir uns gewöhnt, an neue Nationalismen, sondern auch an Lügen, Beschimpfungen und Herabsetzung von Menschen in der Öffentlichkeit zur Durchsetzung eigener Ziele. Auch in einer Predigt darf ich einen etwas derben Ausspruch von Martin Luther King zitieren: „Wir müssen lernen zusammenzuleben wie Brüder (und Schwestern), oder wir werden zusammen untergehen wie Idioten.“ (zitiert aus Buttet 238). Ich denke, diesen Satz kann man sich gut merken. Achtsamkeit als Friedensarbeit beginnt im Kleinen und erstreckt sich ins Große der Politik. Quelle für uns ist Gott, der der Friede ist. Achtsamkeit nimmt den anderen Menschen ernst, sie will ihn kennenlernen und verstehen. Auch in diesem anderen Menschen ist der Gott lebendig, welcher der Friede ist. Unserer Welt ist diese Achtsamkeit dringend zu wünschen. Ja, auch sie ist eine göttliche Eigenschaft.

1Zum Folgenden besonders: https://bruderklaus.com/bruder-klaus-dorothee-wyss/frieden/ (Abruf am 15.01.2021); Nicolas Buttet, Die Fruchtbarkeit der Mystik in der Politik, in: Roland Gröbli u.a. (Hrsg.), Mystiker, Mittler, Mensch. 600 Jahre Niklaus von Flüe 1417-1487, Zürich ² 2017, 235-239.

"Die Kultur der Achtsamkeit als Weg zum Frieden" - Gottesdienst zum Weltfriedenstag am 17. Januar um 10 Uhr aus dem Mainzer Dom mit Bischof Peter Kohlgraf

16. Jan. 2021