"Getauft und gesandt"

Bischof Kohlgraf zum Außerordentlichen Monat der Weltmission, den Papst Franziskus ausgerufen hat

"#mymission is ..." Bischof Kohlgraf zusammen mit missio-Gast Sr. Lissamma Antony
Di 22. Okt 2019
Bischof Peter Kohlgraf

Die Missio-Aktion "#mymission is ..." zielt darauf ab, das Thema "Mission" neu ins Gespräch zu bringen.

Bischof Kohlgraf formuliert seine Botschaft zum Außerordentlichen Monat der Weltmission: "#mymission is Jesus Christus ins Gespräch zu bringen und ihm Stimme zu geben!"

Bischof Kohlgraf sagt weiter: „Wir sind wir alle gesandt. Die Weitergabe des Evangeliums ist keine Einbahnstraße, kein Frontalunterricht, kein belehrender Monolog. Sie ist jedoch auch kein belangloser Austausch von Freundlichkeiten. Sie ist Begegnung, gemeinsames Ringen, Ausdruck der Freundschaft. Und sie rechnet mit der Gegenwart des Geistes auch in dem Menschen, der ausdrücklich (noch) nicht an Christus glaubt.“

Die Mission, die Weitergabe des Evangeliums ist nicht eine kirchliche Aufgabe neben anderen, sondern der Wesenskern der Kirche[1]. Die Texte des II. Vatikanums und der Päpste der letzten Jahrzehnte durchzieht dieses Thema wie ein roter Faden. Der Maßstab kirchlicher Mission ist die Sendung Jesu durch den Vater in die Welt der Menschen. Mission ist keine Übergabe von Texten, sondern ein Geschehen der Begegnung. Gott tritt in die Geschichte ein, er redet die Menschen an „wie Freunde“ (Dei Verbum 2), er offenbart sich in „Tat und Wort“. In der Sendung des Hl. Geistes wird die Kirche befähigt, diese Sendung weiter zu führen. Die Kirche und ihre Glieder sollen die Sendung verwirklichen, indem sie zum einen Christus in dieser Welt und seine liebende Zuwendung darstellen, und zum anderen eine Lebensgestalt verwirklichen, die Christus durchscheinen lässt, und seine Nähe zu den Menschen, die Liebe des Vaters in Tat und Wort bezeugen (Vgl. Lumen Gentium 8).

Diese Aussagen habe ich skizziert, um deutlich hervorzuheben, dass die Sendung der Kirche nur wirksam geschehen kann, wenn sie aus der Gegenwart Christi im Heiligen Geist geschieht, und gleichzeitig die Form einer Begegnung „wie Freunde“ verwirklicht, in die geschichtliche Wirklichkeit der Menschen eintaucht, sich wie Christus auch von ihr berühren lässt und sie gleichzeitig heilsam verwandelt. Die Weitergabe des Glaubens – auch im Sinne der Tradition – ist etwas Lebendiges und Dynamisches: „Diese apostolische Überlieferung kennt in der Kirche unter dem Beistand des Heiligen Geistes einen Fortschritt“ (Dei Verbum 8). Ausdrücklich traut das Konzil dem „Nachsinnen und Studium“ der Gläubigen, ihrer geistlichen Erfahrung einen Beitrag zu diesem tieferen Eindringen in die Offenbarung zu, bevor es das Charisma der Bischöfe betont, die Wahrheit der Offenbarung auszulegen. Alle Glieder der Kirche haben an der Sendung teil, an der Aufgabe der Weitergabe des Evangeliums. Allerdings stellt Papst Paul VI. im Jahr 1975 fest: „Der Bruch zwischen Evangelium und Kultur ist ohne Zweifel das Drama unserer Zeitepoche, wie es auch das anderer Epochen gewesen ist. Man muß somit alle Anstrengungen machen, um die Kultur, genauer die Kulturen, auf mutige Weise zu evangelisieren. Sie müssen durch die Begegnung mit der Frohbotschaft von innen her erneuert werden. Diese Begegnung findet aber nicht statt, wenn die Frohbotschaft nicht verkündet wird.“ (Evangelii Nuntiandi 20).

Vor kurzem habe ich in einem Interview wie auch in anderen Zusammenhängen dieses Auseinanderklaffen zwischen Evangelium und Lebenswirklichkeit angesprochen und bin daraufhin von manchem deutlich kritisiert worden. Ein Briefschreiber sieht in meiner Aussage eine Aufforderung zur „Anpassung an den Zeitgeist“, weil die Schuld an der wahrnehmbaren Kluft nicht bei der Kirche und ihrer Lehre liege, sondern an den inkompetenten Bischöfen und der mangelnden Glaubensbereitschaft der heutigen Menschen. Andere äußern sich ähnlich. Gleichgültig, ob wir über Evangelisierung, Mission oder Sendung der Kirche sprechen, eines zeigen die lehramtlichen Texte überdeutlich: Weitergabe des Evangeliums kann nur gelingen, d.h. die Kluft kann nur geringer werden, indem die Glieder der Kirche (und nicht eine abstrakte Kirche) das Evangelium in Tat und Wort bezeugen, sie den Menschen wie Freunden begegnen, sich von der Wirklichkeit dieser Welt berühren lassen, Hörerinnen und Hörer des Wortes Gottes sowie der Fragen und Themen der Menschen werden und einen Fortschritt in der Erkenntnis des Willens Gottes zulassen, weil der Geist Gottes sie treibt. Interessanterweise thematisieren die Päpste und das Lehramt zumeist eben nicht die „böse Welt“, die nicht glauben will, sondern nehmen die Kirche selbst in den Blick: Die Kirche muss sich immer wieder selbst evangelisieren, d.h. in ihr selbst gibt es die Kluft zwischen dem Evangelium und ihrer Lebenswirklichkeit. Neben dieser Selbstevangelisierung sind es die Glieder der Kirche, die sich der Sendung verweigern, und darin sieht der Papst den Hauptgrund für das Größerwerden der Kluft und des Unverständnisses seitens der Menschen. Insofern die Weitergabe des Evangeliums den Maßstäben Jesu und seiner Sendung entspricht, indem sie auf Begegnung, Hören und Freundschaft zu den Menschen beruht, wird sie Formen finden müssen, die auch die Menschen unserer Zeit als einladend, bedenkenswert und begründet annehmen können. Das ist etwas anderes als profillose Anpassung an einen wie auch immer gearteten Zeitgeist, sondern die Bereitschaft, sich auch von den Gesprächspartnern etwas sagen zu lassen: „Die Evangelisierung beinhaltet auch den ehrlichen Dialog, der die Argumente und Empfindungen des Anderen zu verstehen sucht. Denn zum Herz des Menschen gelangt man nicht ohne unentgeltlichen Einsatz, Liebe und Dialog. Das verkündete Wort soll also nicht nur ausgesprochen, sondern im Herzen seiner Empfänger auch angemessen bezeugt werden. Das erfordert, auf die Hoffnungen und Leiden sowie auf die konkreten Situationen derer zu achten, an die man sich wendet. Darüber hinaus öffnen die Menschen guten Willens gerade im Dialog ihr Herz bereitwilliger und teilen ehrlich ihre geistlichen und religiösen Erfahrungen mit. Ein solcher Austausch, der für echte Freundschaft kennzeichnend ist, bietet eine wertvolle Gelegenheit für das Zeugnis und für die christliche Verkündigung. Wie in jeden Bereich menschlicher Tätigkeit, kann sich auch in den Dialog über religiöse Fragen die Sünde einschleichen. Es kann gelegentlich vorkommen, dass dieser Dialog nicht von seinem eigentlichen Ziel bestimmt ist, sondern dem Betrug, egoistischen Interessen oder der Anmaßung unterliegt und so den Respekt vor der Würde und der religiösen Freiheit der Gesprächspartner schuldig bleibt.“[2]

In diesem Sinne sind wir alle gesandt. Weitergabe des Evangeliums ist keine Einbahnstraße, kein „Frontalunterricht“, kein belehrender Monolog. Sie ist jedoch auch kein belangloser Austausch von Freundlichkeiten. Sie ist Begegnung, gemeinsames Ringen, Ausdruck der Freundschaft. Und sie rechnet mit der Gegenwart des Geistes auch in dem Menschen, der ausdrücklich (noch) nicht an Christus glaubt. Bischof Klaus Hemmerle hat es in einem bekannten Satz formuliert: „Lass mich dich lernen, dein Denken und Sprechen, dein Fragen und Dasein, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich dir zu überliefern habe.“[3]

 

[1] Vgl. Knut Wenzel, Kleine Geschichte des Zweiten Vatikanischen Konzils, Freiburg i. Br. 2005, 216f.

[2] (Kongregation für die Glaubenslehre: Lehrmäßige Note zu einigen Aspekten der Evangelisierung, 3.12. 2007, Nr. 6).

[3] Zitiert aus: Katholische Arbeitsstelle für missionarische Pastoral, „Lass mich dich lernen…“. Mission als Grundwort kirchlicher Erneuerung = Kamp kompakt 4, Erfurt 2017, 4.

missio-hilft: Außerordentlicher Monat der Weltmission (c) Missio Aachen

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Weltmissionssonntag am 27. Oktober 2019

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