Gott hat uns auch im Glauben nicht als Einzelkinder erschaffen

Predigt von Bischof Peter Kohlgraf im Gottesdienst zum Jahresschluss 2021, Dom zu Mainz, 31.12.2021

RT8A0090-R-HG-02 (c) Bistum Mainz
RT8A0090-R-HG-02
Datum:
Fr. 31. Dez. 2021
Von:
Bischof Peter Kohlgraf

Ja, die Kirche hat in vielen Punkten versagt. Ich persönlich bleibe nicht, weil ich Bischof bin, sondern weil es Christus ist, der seine Kirche zusammenführt, sein Wort schenkt, seine Nähe in den Sakramenten vermittelt. Auf ihn will ich nicht verzichten.“

Durch dieses Jahr haben uns viele Fragen begleitet und sie werden uns offenbar weiter begleiten. Viele dieser Fragen begannen mit „Wo“. Ich will die Gelegenheit nutzen, aus meiner Sicht einige dieser Fragen aufzunehmen.

Eine Frage glaubender Menschen ist: Wo ist Gott? Es ist nachvollziehbar, dass in leidvollen Zeiten die Frage hochkommt, wie diese Erfahrung mit dem Glauben an einen gütigen Gott vereinbar sein soll. Menschen werden krank, sie leiden und sterben, nicht nur an Corona. Ich erinnere an die Menschen, die durch die Flutkatastrophen schwer getroffen sind. Schaue ich in theologische Literatur, finde ich zeitgemäße Antworten. Gottes Schöpfung entfaltet sich in Freiheit, dazu gehören Prozesse der Evolution, dazu gehören auch Viren und Krankheitserreger, die anderes Leben zerstören. Dazu gehören Naturereignisse, die vom Menschen nicht zu bewältigen sind. Die Schöpfung ist eben nicht abgeschlossen. Gott schickt nicht willkürlich Krankheiten oder Katastrophen, sondern sie sind Teil seiner Schöpfung, die er wie den Menschen auch auf freiheitliche Wege mit Experimenten schickt. Schöpfung ist Werden und Vergehen, Leben und Tod. Als Theologe finde ich das Nachdenken darüber spannend, geistlich nährt es mich nicht endgültig. Diese Tage las ich in einer Zeitung eine Formulierung: das Lesen eines Buches über Tapferkeit macht nicht tapfer. Es stimmt in vielen Bereichen: der Zeitungskommentar über ein Fußballspiel macht mich nicht fit, ein schönes Kochbuch macht mich nicht satt. Wo ist Gott? In diesen Monaten helfen meiner Wahrnehmung nach schlaue Gedanken über Gott und die rätselhafte Schöpfung nur bedingt. Ich erinnere mich an meine Kindheit, als ich in einem Kölner Hallenbad schwimmen lernte. Die Trockenübungen am Beckenrand und die Erklärungen des Schwimmlehrers waren sicher notwendige Vorbereitungen. Am Ende lerne ich nur schwimmen, wenn ich ins Wasser springe. Dann merke ich nach ersten Versuchen, wie das Wasser mich zu tragen beginnt, wie gut es ist, ins Wasser einzutauchen. Eine Antwort auf die Gegenwart Gottes finde ich wohl erst dann, wenn ich ins Wasser springe, das heißt, wenn ich mich auf den Glauben und das Vertrauen auf ihn einlasse. Da mögen auch Zweifel und Fragen bleiben, und die je neue Suche nach ihm gehört zum Glauben. Aber ich muss den Sprung in seine guten Hände wagen. Dazu will ich Sie alle heute einladen. Beantworten Sie die Frage: Wo ist Gott? mit Ihrer persönlichen Glaubensantwort. So wie er sagt: ich lasse dich nicht los, könnte auch unsere Antwort lauten: ich klammere mich an dir fest. Ich springe in dich hinein. Manchmal fragen wir auch unter falschen Bedingungen. Als wäre Gott nur da, wenn es gut läuft. Er steht aber nicht unter unserem Anspruch, wir stehen unter seinem. Eine der ersten Fragen Gottes an den Menschen ist auch eine „Wo“-Frage: „Wo ist Abel, dein Bruder“? (Gen 4,9). Bevor der Mensch nach Gott fragt, erinnert Gott den Menschen an seine Verantwortung. Wenn der Mensch in den Glauben eintaucht, übernimmt er Verantwortung für den anderen Menschen. Springen wir, tauchen wir ein, werden wir persönlich Glaubende! Denken wir weniger über Gott nach, als dass wir in ihm leben. Dann werden wir vielleicht immer wieder die Erfahrung des Getragenseins machen. Und wenn nicht, gilt immer auch, dass wir unter seinem Wort stehen, dass er uns nach unserer Verantwortung in diesen Zeiten fragt, die wir auch nicht an ihn abgeben können. Wo ist dein Bruder, deine Schwester? Auch da helfen weniger fromme Worte als helfende und aufmerksame Taten. Gott muss nicht nur in unserem Kopf leben, sondern auch Herz, Hände und Füße ergreifen. 

Immer wieder musste ich mir die Frage gefallen lassen: Wo ist die Kirche? Ich frage zurück: Wer ist hier mit Kirche gemeint? Der Bischof? Das kann es doch allein nicht sein. Zunächst nehme ich die Frage ernst. Wo war ich? Ich könnte auf viele mediale Beiträge verweisen. Aber natürlich war ein Wesensmerkmal des Bischofsamtes erheblich eingeschränkt. Über weite Strecken gab es kaum persönliche Begegnungen. Einige Gemeindejubiläen konnten stattfinden, besonders die Firmungen waren für alle stärkende Erfahrungen. Aber selbstverständlich leben Sakramente von Nähe und Berührung, in diesen Zeiten nur schwer möglich. Ich wundere mich manchmal, dass einige nach der Kirche riefen und damit wahrscheinlich den Bischof meinten, die sonst eher distanziert sind. Ich nehme zumindest die Kritik an, dass mancher von der Kirche weniger politische Erklärungen erwartet als persönliche Glaubenshilfen. Dennoch führt das Evangelium auch nicht in die reine Innerlichkeit. Ansonsten war es mein Schicksal und das Schicksal auch vieler meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Stunden und Tage in Videokonferenzen zu verbringen. Ich kann Kirche aber auch anders definieren. Es fand und findet viel Seelsorge statt, die keine Schlagzeilen produziert. Viele Haupt- und Ehrenamtliche haben Wunderbares geleistet, auch wenn in der Kirche wie anderenorts nicht alles perfekt läuft.  Daher ist eine fundamentale Kritik an „der“ Kirche auch immer ein Schlag ins Gesicht der Engagierten vor Ort. Ich nenne die Gemeinden, die Kitas, die Schulen, die caritativen Einrichtungen, Pflegeinrichtungen, Hospize, Privatinitiativen. Das sind nur Beispiele für ganz viele andere. Am Nikolaustag überraschen Menschen aus der Betriebsseelsorge Fernfahrer mit einem Nikolausgeschenk. Das ist Kirche. Man könnte daraufhin einmal die Berichte der Zeitungen und Medien durchschauen. Lassen wir uns auch dieses Engagement nicht schlechtreden. Kirche ist da in den Gottesdiensten, in den offenen Kirchen, in den auch in dieser Zeit oft funktionierenden Gemeinschaftsangeboten, kulturellen und geistlichen Aktivitäten. Wir müssen lernen, das Kirchesein aller Getauften auch wirklich ernst zu nehmen. Wo war Kirche? In so Vielen, die auch persönlich ihr Christsein im Alltag gelebt haben. Allen will ich heute von Herzen danke sagen und Mut machen, so weiter zu gehen. Defizite werden natürlich offenbar. Wir müssen uns ihnen stellen und an ihnen arbeiten. 

Wo stehen unsere Gläubigen? Viele verlassen die Kirche aus Frust und aus vielfältigen Gründen. Entfremdungsprozesse haben eine lange Geschichte, nicht wenige gehen auch aus der Mitte der Kirche. Ja, die Kirche hat in vielen Punkten versagt. Ich persönlich bleibe nicht, weil ich Bischof bin, sondern weil es Christus ist, der seine Kirche zusammenführt, sein Wort schenkt, seine Nähe in den Sakramenten vermittelt. Auf ihn will ich nicht verzichten. Die großen Weltreligionen stehen auch für die Erfahrung, dass ein Glaube ohne Gemeinschaft wohl nicht tragfähig ist. Auch im Glauben hat Gott uns nicht als isolierte Wesen geschaffen, oder wie der Papst sinngemäß sagt: Gott hat uns auch im Glauben nicht als Einzelkinder erschaffen. Wir gehen einen „Pastoralen Weg“ im Bistum, der uns neu nach dem Auftrag in unserer Zeit fragen lässt, wir gehen einen „Synodalen Weg“, der sich der systemischen Fragen der Kirche auch im Hinblick auf den Missbrauchsskandal stellt, der Papst ruft uns weltweit zur Synodalität, zu einer neuen Kultur des Miteinanders in der Kirche. Bei all diesen Prozessen darf es nicht nur um den Erhalt traditioneller Strukturen gehen oder um ein Kreisen um binnenkirchliche Probleme. Ich greife das Wort des Papstes von einer neuen Kultur des Miteinanders auf. In diesem Geist versuchen wir uns auch im Bistum den schwierigen Aufgaben zu stellen, bis hin zur Aufarbeitung des Missbrauchs. Vieles kann kritisiert werden, und wird es. Nur ich muss auch sagen: es gibt keine Institution, an der wir uns orientieren könnten. Hier ist nicht der Ort, unsere Maßnahmen zu erläutern. Auf unserer Homepage finden sich immer wieder auch aktuelle Informationen dazu. Wo stehen unsere Gläubigen? Wir gehen in Zeiten, wo diese Frage jeder und jede sehr persönlich wird beantworten müssen. Und viele beantworten diese Frage mit der biblischen Antwort: „Hier bin ich!“ Sie mischen sich ein, sie beten, sie engagieren sich, sie gestalten Kirche und Gesellschaft. Auch dafür einen großen Dank. Ohne Sie alle könnte ich nicht Bischof sein, und wir nicht Kirche im Bistum Mainz. 

Wo werden unsere Gläubigen sein? Was ist nach der Pandemie, deren Ende derzeit nicht absehbar ist? Vieles wird sich verändert haben. Rätselraten hilft jetzt nicht. Ich bin optimistisch, dass viele Menschen Sehnsucht nach Gemeinschaft, nach Gottesdienst, nach Beziehung zu Gott im Wort und im Sakrament haben. Ich vermute, dass die Notwendigkeit einer persönlichen Antwort noch stärker wird als zuvor. Diese Antwort allerdings kann niemandem abgenommen werden. Was ist Dir persönlich Dein Glaube wert? Zu den möglichen Neujahrsplänen könnte auch gehören, den persönlichen Sprung in den Glauben zu wagen. 

Wir legen das Jahr in Gottes gute Hände. Auch die vielen nicht genannten und offenen Fragen. Er war da, mit uns. Die Kirche war da, weil Sie und viele mit uns die Wege des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe gegangen sind. Bleiben wir zusammen, denn auch im Glauben geht es allein nicht. Gott segne das vergangene Jahr, und er lasse sein Licht ins neue Jahr leuchten.