"Gott steckt in allen Augenblicken meines Lebens"

Predigt von Bischof Peter Kohlgraf beim Pontifikalamt am Hochfest der Geburt des Herrn, 1. Weihnachtstag 2020 Dom zu Mainz, 25. Dezember 2020, 10.00 Uhr

Krippe iim Mainzer Dom (c) Bistum Mainz
Krippe iim Mainzer Dom
Datum:
Fr. 25. Dez. 2020
Von:
Bischof Peter Kohlgraf

„O, du fröhliche“: Dieses Lied kann ich in diesem Jahr nicht so einfach singen, nicht nur wegen des fehlenden Gemeindegesangs. So fröhlich ist es in diesem Jahr nicht. Für viele Menschen gilt das wohl, besonders für die Kranken und die Menschen, die um ihre Zukunft bangen. Und auch die geflüchteten Menschen, die in Lagern wie Moria unter unwürdigsten Bedingungen leben, sind sicher nicht in weihnachtlicher Stimmung.

Aber das Lied geht weiter. Es besingt die „gnadenbringende“ Weihnachtszeit: Welt ging verloren, Christ ist geboren. Darin liegt der Grund der Freude und der Hoffnung, auch in diesem Jahr. Wer Gnade erfährt, wird hoffentlich gnadenreicher mit den anderen Menschen umgehen, mit ihnen und über sie gnadenreicher sprechen.

Es war immer wieder die Rede davon, dass die Pandemie wie ein Brennglas wirke und das Gute wie das Schlechte konzentriert zum Vorschein bringe. In diesem Jahr fällt viel der üblichen Weihnachtsseligkeit fort. Ich schaue wie durch ein Brennglas auf den tiefsten Sinn des heutigen Festes. Drei Gedanken kommen mir.

1. Das Leben ist etwas grundsätzlich Gutes und Wunderbares. Nur deswegen lohnt es sich zu leben, zur Arbeit zu gehen, die vielen kleinen alltäglichen Arbeiten zu verrichten. Und auch die Menschen sind – bei all ihren Schwächen und Grenzen – wunderbar. Als gläubiger Mensch habe ich ein Grundvertrauen, dass die Schöpfung gut ist. Nein, die Brille des gläubigen Menschen ist nicht rosarot. Es gibt die Erfahrung des Bösen, es gibt Lüge und Hass, Krankheit und Tod. Trotzdem stehe ich jeden Morgen auf und bin davon überzeugt, dass es einen letzten Sinn dieses Lebens gibt, dass das Gute stärker ist als das Böse. Deswegen lohnt es sich, sich für das Leben einzusetzen. Ja, ich bin von Sinn umgeben, so hat es einmal jemand formuliert. Wer sich ernsthaft dem Leben und seinen Herausforderungen stellt, setzt voraus, dass das Leben nicht absurd ist, sondern sinnvoll. Ich erfahre auch Sinn, wenn ich geliebt werde, ohne Bedingungen und ohne Vorbehalte. Eltern geben ihren Kindern dieses Grundvertrauen mit: Du bist geliebt und deswegen hat alles einen Sinn; und auch du darfst anderen helfen, solchen Sinn zu erfahren. Geliebte Menschen geben einander Sinn. Wer sich geliebt weiß, wird nie sagen können: Es ist doch alles nur schlecht, absurd, sinnlos. Mit diesem Urvertrauen lebe ich, deswegen liebe ich als Christ die Welt und den Menschen, mit allen Grenzen und in aller Vorläufigkeit. Ich bemühe mich jedenfalls. In diesem Jahr wurde über die Gottesdienste an Weihnachten gestritten. Die Sorge um die leibliche Gesundheit ist ein starkes Argument, sie nicht öffentlich zu begehen. Viele Menschen haben sich entschieden, zu Hause zu feiern. Wir haben uns dennoch entschieden, die gemeinsame Feier von Gottesdiensten in den Kirchen zu ermöglichen. Denn Leben bedeutet mehr als ein Leben in körperlicher Gesundheit. Wir dürfen heute diesen tieferen Sinn, die Geborgenheit feiern, die der Glaube uns schenkt. Und wir sind verbunden mit allen, die sich für eine andere Form des Gebets entschieden haben.

2. Gläubige Christen wissen, dass das Leben sinnvoll ist, weil es Gott gibt. Ja, Gott ist der Sinn meines Lebens. Wer an Gott glaubt, bejaht: Es gibt einen Größeren, der mich in die Arme nimmt und mich liebt; und nicht nur mich, sondern jeden Menschen und die ganze Schöpfung. Zu wissen, dass es diese Liebe gibt, lässt mich als gläubigen Menschen morgens aufstehen, und ich weiß, dass es gut ist. Ich glaube nicht an einen Gott, der irgendwo schwebt, als anonyme Kraft über oder in der Schöpfung wirkt. Ich glaube an ihn als Vater, als liebenden Sinn meines Lebens. Diese Erfahrung wünsche ich heute den vielen Menschen, die in verschiedenen Nöten sind. Wenn wir als Kirche heute öffentlich oder im kleinen Kreis beten und Gottesdienst feiern, tun wir dies stellvertretend für sie mit. Unser Gebet und unsere Hoffnung mögen andere Menschen mittragen.

3. Dieser Sinn meines Lebens, dieser tiefe Sinn der Schöpfung, dieser liebende Grund meines Lebens tritt in die Geschichte ein. Er wird greifbar und erfahrbar. Er schlägt sein Zelt unter uns Menschen auf. Gott wird in Jesus selbst Geschichte, er wird Fleisch. Warum kommt er so klein und arm, wie das Evangelium es schildert? Es bleibt mir nicht erspart, darüber nachzudenken. Er, der Schöpfer, er der Grund unserer Welt, der Herr des Lebens: Warum kommt er nicht als König, als Herrscher, der uns die Größe seiner Macht zeigt; warum nicht als Professor, als Philosoph, der uns die Weisheit dieser Welt erklärt? Ich will es so formulieren: Wenn der tiefste Sinn meines Lebens darin besteht, Liebe zu erfahren und Liebe zu schenken, dann wird Gott einen Weg wählen, sich mir zu zeigen, der mir diese offenen Arme und dieses offene Herz offenbart. Ein Kind in der Krippe erdrückt nicht und belehrt nicht, sondern bewegt mich zur Liebe. Das gilt für das ganze Leben und Sterben Jesu. Er erdrückt nicht und begnügt sich nicht mit der Belehrung, sondern er will den ganzen Menschen wirklich gewinnen. Das Kind will mich bewegen, mich dieser Welt genauso zu öffnen, wie ich es an ihm sehe. Und das Kind, das so alltäglich und klein geboren wird, lehrt mich, den Sinn meines Lebens, Gott, nicht im Großen und Schwierigen zu suchen, sondern eben in den kleinen Aufgaben meines Alltags. In den alltäglichen Begegnungen, in den mühevollen Versuchen, alltäglich etwas von meinem Glauben und meiner Liebe weiterzugeben. Das Kind, das so mühsam geboren wird und einen schweren Weg vor sich hat, offenbart mir einen Sinn, der sich nicht in klugen Worten erschöpft, sondern gelebt werden will. Weil dieser Gott sichtbar geworden ist, steckt Gott in allen Augenblicken meines Lebens. Wer Weihnachten feiert, erkennt auch den tieferen Sinn christlicher Nächstenliebe. Wenn du deinen Bruder (und deine Schwester) gesehen hast, hast du Gott gesehen, sagt Clemens von Alexandrien, ein Theologe des 2. Jahrhunderts.

In diesen Monaten ist unser sorgender und liebender Blick besonders gefragt. Er fällt auf die Menschen in der nächsten Umgebung, darf sich aber auch nicht der Verpflichtung zur „universalen Freundschaft“ entziehen, von der Papst Franziskus spricht. Woher sollen die Motivation und die Kraft dazu kommen, wenn nicht vom Glauben an den einen Gott und Vater aller Menschen, der in Jesus Mensch wird? Der Jesuitenpater Alfred Delp hat es im Angesicht des Todes so formuliert: Dem Leben trauen, weil Gott es mit uns lebt. Wer Weihnachten feiert und die Menschwerdung Gottes glaubt, darf froher leben, tiefer glauben, und ausdauernder lieben und so der Welt Sinn geben, weil sie, noch einmal gesagt, geborgen ist in den liebenden Armen eines Vaters, der sich nicht zu schade war, uns seinen Sohn zu schenken. Auch wenn es keine ausgelassen „fröhlichen“ Weihnachten sind, „gnadenreiche“ sind es in jedem Fall. 

 

Pontifikalamt am 1. Weihnachtsfeiertag um 10 Uhr aus dem Mainzer Dom (c) Bistum Mainz / B. Nichtweiss

Pontifikalamt am 1. Weihnachtsfeiertag um 10 Uhr aus dem Mainzer Dom

24. Dez. 2020

Livestream des Pontifikalamtes zu Weihnachten aus dem Mainzer Dom mit Bischof Peter Kohlgraf. Hier geht es zum Text seiner Predigt. Es musizieren Mitglieder des Mainzer Domchores und des Mainzer Domorchesters unter der Leitung von Karsten Storck sowie Professor Daniel Beckmann an der Mainzer Domorgel.