„Habt Salz in euch und haltet Frieden untereinander“

Predigt von Bischof Peter Kohlgraf beim Pontifikalamt in Kamp-Bornhofen bei der Jahreswallfahrt zum Jahresmotto "Salz" am 15. August 2021

Holzschale mit Salz (c) Sea Wave | Adobe Stock
Holzschale mit Salz
Datum:
So. 15. Aug. 2021
Von:
Bischof Peter Kohlgraf

„Habt Salz in euch und haltet Frieden untereinander“ – dieser bemerkenswerte Auftrag aus dem Munde Jesu an seine Jünger findet sich im Markusevangelium (9,50). Er schließt sich an die Bemerkung Jesu an, das Salz dürfe seinen Geschmack nicht verlieren. Wir erinnern uns auch an den Gedanken in der Bergpredigt des Matthäus, dass die Jüngerinnen und Jünger Jesu „Salz der Erde“ seien, und Licht der Welt (Mt 5,13). Offenbar war das Salz in der Umwelt Jesu und auch in seiner Verkündigung ein sprechendes Symbol, dessen er sich gerne bediente. Und tatsächlich finden sich auch im Alten Testament Bildworte über das Salz und seine Bedeutung für den Menschen und seine Beziehung zu Gott und untereinander. In diesem Jahr steht die Wallfahrt hier in Kamp-Bornhofen unter diesem Bild. 

Der Wert des Salzes ist uns heute nur noch schwach bewusst. Für wenige Cent kann man es im Supermarkt kaufen. Um seine Bedeutung für den Menschen in biblischen Zeiten zu verstehen, muss man sich einiger Tatsachen bewusstwerden. Am Salz hängen die Gründung von Städten, die internationale Vernetzung durch die Handelsstraßen und Wasserwege, Mangel oder Überfluss an Salzvorräten entscheiden über das Wohl und Wehe ganzer Regionen. Salz konserviert, gibt Geschmack, und findet so auch Eingang in die Welt der Religionen. Salz steht für Dauer und Wert, so dass es bis heute als Gabe im Rahmen der Eheschließung überreicht werden kann. Weil das Salz vor Fäulnis und Verderben bewahrt, wird es als Mittel gegen das Böse und die Dämonen verwendet. Neugeborene Kinder werden mit Salz eingerieben, böse Geister sollen erst gar keinen Kontakt mit ihnen bekommen können. Feste Bündnisse werden mit Salz besiegelt. Opfer im Jerusalemer Tempel werden daher gesalzen, Gott selbst nennt seinen Bund mit dem Gottesvolk einen „Salz-Bund“ (Lev 18,19). Er steht fest. Im Kolosserbrief (4,6) werden die Prediger ermahnt, Reden zu halten, die mit Salz gewürzt sind, d.h. Reden, die ernst genommen werden können. In unserem Sprachgebrauch ist eine deutliche Ansprache „gesalzen“, sie nennt die Probleme beim Namen. 

„Habt Salz in euch und haltet Frieden untereinander“. Es lohnt sich, auf diesen Gedanken zurückzukommen. Das Salz würzt, reinigt und konserviert. Es verhindert Fäulnis und Gestank. Bei P. Peter Köster finde ich dazu eine überzeugende Erklärung: In der Nachfolge Jesu kann jemand wohl nur bestehen, wenn er von der „Wurzelbürste des Lebens“ wie mit Salz eingerieben (…) davor bewahrt wird, menschlich und geistlich kraftlos zu werden. „Ein Jünger, der die Wachstumsgesetze menschlichen und geistlichen Reifens vernachlässigt, wird zum Ärgernis.“ Die Jüngerinnen und Jünger Jesu sollen aus der Kraft des Wortes heraus leben und reden, sie sollen  darauf achten, dass ihre Worte nicht belanglos werden. Die Rede der Kirche braucht also das Salz des Lebens. Sie muss kraftvoll sein, genährt aus dem Wort Gottes. Die Kirche muss sich zum einen als Kennerin des Gotteswortes erweisen. Es geht darum, seinen Willen zu suchen. Zum anderen aber geht es um das Gesalzen-Werden mit der Realität dieser Welt. Ich bin tatsächlich fest davon überzeugt, dass das Wort Gottes auch in dieser Zeit das Entscheidende zu sagen hat. Wir merken den Rückgang kirchlicher Präsenz. Wir müssen in dieser Situation das gesalzene Wort Gottes verkünden. Die Menschen von heute brauchen ebenfalls die Botschaft einer Liebe, die nie zurückgenommen wird. Auch dafür steht das Salz. Sie dürfen aber auch den Anspruch Gottes vernehmen, dass er ihnen Verantwortung übertragen hat für die Zukunft der Welt für den Erhalt der Schöpfung, für Grundlagen, die ein gemeinsames Leben ermöglichen, sie müssen auch den Anspruch Gottes hören, dass es keinen Gott gibt neben ihm. Die Jüngerinnen und Jünger Jesu können dann gesalzen reden, wenn sie die Wirklichkeit dieser Welt kennen und sich in keine Sonderwelt flüchten. Die Kirche ist zwar nicht von dieser Welt, aber muss mitten in ihr das Evangelium verkünden und das Reich Gottes leben. Wer mit uns glaubenden Menschen zusammenkommt, sollte spüren, dass unser Glaube reift ist und erwachsen. Ich halte es gerade heut für wichtig, dass wir nicht nur Sätze und Parolen nachplappern, sondern dass wir Auskunft geben können über unsere Glaubenswege, über unser Suchen und Nachdenken, über unsere Hoffnungen und auch unsere Zweifel. Das sind die „Wurzelbürsten des Lebens“, die unseren Glauben salzen. Ich habe immer wieder gesagt, dass ich es nicht für einen Schaden halte, dass wir heute auf derartige Weise zu unserem Glauben stehen müssen, der für die meisten Menschen unbekannt und nur eine Möglichkeit eines Sinnangebots darstellt. Der Glaube und die Verkündigung werden nicht dadurch gesalzen, dass man einfach etwas übernimmt, sondern indem man sich davon „einreiben“ und prägen lässt. Dann sind unsere Worte auch nicht mehr belanglos. 

Das Bild vom Salz macht ein weiteres deutlich. Die Verkündigung wird nicht gesalzen durch starke Worte, sondern durch ein überzeugendes Leben, persönlich und miteinander. Im Markusevangelium ist es der Friede, in der Bergpredigt des Matthäus die Versöhnungsbereitschaft, die Feindesliebe, die inneren Haltungen und das Reden mit- und übereinander. Im Grunde ist das eine Binsenweisheit, im Alltag erfahren wir, wie aktuell und schwierig diese Fragen sind. In der Kirche streiten sich Hierarchie und Basis, rechts und links, jung und alt, und mir bietet sich oft der Eindruck, dass unser Miteinander oder Gegeneinander zu oft der Grund für die Ablehnung des Evangeliums ist. Konflikte hat es immer gegeben, das ist keine Katastrophe. Sie werden dann zum Hindernis unseres Auftrags, wenn wir anderen das Katholisch-Sein absprechen, wenn wir unsere Meinung für Gottes Meinung halten, wenn der Ton lieblos und menschenverachtend wird. Wie soll man uns dann das Evangelium abnehmen? 

Nicht wenige machen sich Sorgen um die Zukunft des Glaubens in unserem Land. Mir hilft dabei das Wort vom Bund Gottes als „Salz-Bund“. Wir schenken Frischvermählten Brot und Salz, ihr Bund soll Bestand haben. Gottes Bund hat Bestand. So berechtigt die Sorgen sind, muss ich doch daran erinnern, dass Gott immer mit uns geht. Er kündigt seinen Bund nicht. In all den Problemen der Zeit, auch in der Kirche, ist dieser Glaube das Fundament meiner Hoffnung. Das Böse macht nicht Halt vor der Kirche. So wie das Salz in der alten Vorstellung das Böse abhält, so möge Gott das Gute mächtig werden lassen. Wenn wir alle Salz der Erde sind, dürfen wir mit seiner Kraft daran mitarbeiten. Wir sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Guten, dafür sollen wir Menschen sein, die selbst sich dem Guten verschreiben. Dafür braucht es alle. Zu oft schauen wir nur auf die Bischöfe, aber Kirche sind alle Getauften. Sie alle sind Salz der Erde, Licht der Welt. Wir alle müssen dafür sorgen, dass das Salz nicht schal wird. 

Von Maria war noch nicht die Rede. Wir feiern das Fest ihrer Erhöhung. Ich denke, in ihr können wir einen Menschen sehen, der von Salz erfüllt war, dessen Glaube nicht belanglos geblieben ist. Sie war erfüllt von der Gegenwart Gottes, Glaube war für sie keine Theorie, sondern Erfahrung der Nähe Gottes, auch mit Fragen und Sorgen. Darin ist sie uns sehr nahe. Sie ist wirklich von den Wurzelbürsten des Lebens „geschrubbt“ worden, sie hielt unter dem Kreuz aus. Sie betet wir damals im Abendmahlssaal mit der Kirche auch in den heutigen Fragen. Maria bezeugt die Treue Gottes in allen Phasen des Lebens. Das Salz, das sie uns heute anbietet, ist der Glaube an das ewige Leben. Das ist die Kernbotschaft der Kirche. Möge der Blick auf ihre Erlösung uns Mut machen, Menschen zu werden, die Salz in sich haben und Frieden untereinander. Sie betet mit und für uns.