Katholisch sein heißt Herz und Verstand zu gebrauchen

Hirtenwort des Mainzer Bischofs Peter Kohlgraf zur Österlichen Bußzeit

Titel Hirtenwort 2020 (c) Robert Münch / Bistum Mainz
Titel Hirtenwort 2020
Sa 29. Feb 2020
tob (MBN)

Mainz. Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf hat in seinem diesjährigen Hirtenwort zur Österlichen Bußzeit „die einladenden Seiten“ der katholischen Kirche hervorgehoben. Der Blick auf das eine Glaubensbekenntnis, die Erfahrung der Sakramente, das Apostolische Amt und die Tradition sowie die Einheit der Weltkirche ermögliche eine „Hinkehr zum Wesentlichen“ hebt der Mainzer Bischof in seinem Hirtenwort hervor: „Katholisch sein hieß immer auch, Spannungen auszuhalten, sich den Fragen der Welt zu stellen, sein eigenes Herz und seinen eigenen Verstand zu gebrauchen und sich von Christus geliebt zu wissen. Katholisch sein hieß immer, diese Erfahrung allen Menschen zu wünschen und sich nicht egoistisch in die eigene Glaubenswelt zurückzuziehen.“

Das Hirtenwort wird am ersten Fastensonntag, 1. März, in den Gottesdiensten (sowie in den Vorabendmessen am Samstag, 29. Februar) im Bistum Mainz verlesen. Es trägt den Titel „Katholisch sein“. Das Hirtenwort ist auf der Internetseite des Bistums Mainz auch in Einfacher Sprache verfügbar; außerdem gibt es online eine Version in Deutscher Gebärdensprache. Das Hirtenwort erscheint zudem in englischer, italienischer, kroatischer, polnischer, portugiesischer und spanischer Sprache, um Gläubige anderer Muttersprachen sowie die Gemeinden anderer Muttersprache besonders anzusprechen. Auch diese Versionen sind online verfügbar.

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Ist Gott so kleine wie wir ihn oft machen?

Kohlgraf betont die Bedeutung und Notwendigkeit aktueller kirchlicher Debatten um die Fragen von Macht, Sexualmoral, priesterliche Lebensform und die Rolle der Frau in Kirche. Wörtlich heißt es: „Natürlich, das sind die bekannten Themen, die viele mit der katholischen Kirche verbinden. Doch hilft mir dies alles auf dem Sterbebett, wenn ich vor der entscheidenden Begegnung meines Lebens stehe? Ist Gott so klein, wie wir Menschen ihn mit unseren Grenzen, Vorschriften und Normen oft machen?“

Und weiter: „Meine Identität als Katholik ist doch nicht in erster Linie das Verbot, die Verhinderung, das Klammern an Amtsvollmachten. Damit rede ich nicht der unreflektierten Erfüllung aller Erwartungen das Wort. Aber eine positive Suche nach der katholischen Identität spielt in unseren Debatten nur selten eine Rolle. Wir grenzen ab. Und wie oft wird denen, die sich mit dem Althergebrachten schwertun, das Katholischsein abgesprochen! Mich beunruhigen der aggressive Ton und das harte Urteilen über andere. Mit einer solch aggressiven Präsentation in der Öffentlichkeit werden wir niemanden ermutigen, sich mit der Schönheit des Evangeliums auseinanderzusetzen. Als Bischof lade ich ein zur verbalen Abrüstung und zur Hinkehr zum Wesentlichen.“

Katholisch sein heißt mit allen Sinnen an Gott zu glauben

Am Bekenntnis zur Menschwerdung von Jesus Christus im Glaubensbekenntnis „hängt der katholische Glaube“. Bischof Kohlgraf schreibt dazu: „Wenn Gott in Jesus Fleisch wird, ist der katholische Glaube sinnlich, lebensbejahend, leibfreundlich, menschenfreundlich. Katholisch zu sein heißt, mit allen Sinnen an Gott zu glauben und zu feiern. Unser Kirchenjahr ist bunt, es geht um das Leben in Fülle (Joh 10,10).“ Weiter heißt es: „Mit meiner katholischen Tradition verbinde ich Wallfahrten, eine Vielfalt von Gottesdienstformen, eine positive Sicht auf den Menschen und seine Fähigkeit zum Guten und eine grundsätzlich bejahende Einstellung zum Leben. Sogar die Fassenacht hat eine unübersehbare Nähe zur katholischen Lebensfreude.“

 

Katholisch sein bedeutet sich in den Sakramenten berühren zu lassen

Die Sakramente der Kirche „sind Berührungen eines liebenden Gottes und Ziechen seiner Nähe“, hebt der Mainzer Bischof hervor: „Katholisch sein bedeutet, sich berühren zu lassen in den Sakramenten. Das Leben wird groß und unendlich weit. Und wie Papst Franziskus sagt: Sakramente sind nicht Belohnung für die Vollkommenen, sondern Heilmittel für die Schwachen.“

Amt und Traditionen verbinden uns mit den Ursprüngen der Kirche

„Das Amt und die Tradition verbinden uns mit den Ursprüngen der Kirche. Katholisch sein heißt auch, Ehrfurcht vor denen zu haben, die vor uns geglaubt haben“, erläutert Kohlgraf. Wörtlich schreibt er: „Der Glaube ist kein toter Stein. Um Christus heute zu bezeugen, kann es sein, dass sich Formen verändern müssen, um die Relevanz und die Echtheit der Botschaft zu bewahren. Reine Unveränderlichkeit kann genau das Gegenteil bewirken, dass der Glaube in der Bedeutungslosigkeit verschwindet. Es kann nicht das Ziel kirchlicher Verkündigung sein, die Kirche zur kleinen Gruppe der selbsternannten Seligen zu verwandeln.

Was hier nur angedeutet werden kann, ist die schwierige Aufgabe für heute: Formen der Evangelisierung zu finden, die die Wahrheit Gottes hier und jetzt lebendig und überzeugend werden lassen. Die ewige Wahrheit Gottes aufleuchten zu lassen, kann Veränderung in den Verkündigungsformen, in den kirchlichen Strukturen und in der Sprache erfordern: weil Menschen und ihre Horizonte sich ändern. Was zum Wesen der Kirche gehört und was verändert werden muss, lässt sich nur in gemeinsamen Glaubenswegen und durch geistliche Unterscheidungsprozesse herausfinden. Solche wollen wir in Deutschland versuchen, und auch der Weltkirche bleiben sie nicht erspart.“

Die Weltkirche und die Einheit mit dem Papst sind ein großer Reichtum

Kohlgraf unterstreicht außerdem das Verständnis der Katholischen Kirche als Weltkirche: „Ohne die Verbindung zum Papst kann es keine katholische Identität geben. Auch die Kirche in Deutschland kann nur in der Einheit mit dem Papst katholisch bleiben. Und das in allen Fällen, nicht nur, wenn der Papst uns oder mich persönlich bestätigt. Weltkirche zu sein, ist ein großer Reichtum, um den uns andere auch beneiden.“ Weiter schreibt er: „Ich wünsche mir, dass wir mit Gottes Hilfe wirklich katholisch bleiben. Nicht abgrenzend, sondern einladend, menschenfreundlich, mit offenen Armen, einem großen Herzen und einem weiten Verstand. Offen für Neues und treu zur alten Botschaft, lebensbejahend und interessiert an allem, was die gute Welt Gottes uns bietet. Klar im Bekenntnis zu seiner Liebe in Jesus Christus, kritisch gegenüber allem, was dem Menschen schadet und Gottes Ehre in Frage stellt. Das bedeutet für mich, katholisch zu sein. Hören wir auf, einander das Katholischsein abzusprechen, weil manche in der Kirche Fragen stellen und nach neuen Wegen suchen. Hören wir auf, auf die herabzuschauen, die sich mit dem Neuen schwertun. Es geht nur im Vertrauen, in der Liebe und der gegenseitigen Ehrfurcht.“

 

Hinweis: Der Wortlaut des Fastenhirtenwortes von Bischof Kohlgraf sowie die Versionen in Einfacher Sprache, in Deutscher Gebärdensprache und in den Übersetzungen sind im Internet verfügbar unter bistummainz.de/fastenhirtenbrief-2020