Lassen wir uns von diesen guten Mächten an die Hand nehmen

Predigt von Bischof Peter Kohlgraf bei der Ökumenischen Michaelisvesper veranstaltet vom Evangelischen Dekanat Mainz, dem Katholischen Dekanat Mainz-Stadt in Zusammenarbeit mit dem Bischöflichen Priesterseminar Mainz in der Augustinerkirche (Seminarkirche) Mainz, Samstag, 25. September 2021, 18.15 Uhr

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Symbol der Waage
Datum:
Sa. 25. Sep. 2021
Von:
Bischof Peter Kohlgraf

Der Einfluss der Kirchen schwindet. „Religion“ jeglicher Art hingegen ist durchaus ein Megatrend. Religion und religiöse Bedürfnisse nehmen spürbar zu, sagen uns manche Trendforscher. Diese Religiosität ist vielfältig, kaum auf einen Nenner zu bringen. 

Manches religiöse Angebot muss einem modernen Lebensgefühl entsprechen. Religion dient für manchen Suchenden der seelischen „Wellness“. Religion darf dann nicht wehtun. Sie darf keine Verbindlichkeit einfordern, man muss sie wechseln können; sie ist offen für Elemente ganz unterschiedlicher Kulturen und Traditionen; sie ist solange wahr, wie sie guttut, manchmal ist sie ist ein Mix aus unterschiedlichen Weltreligionen: ein bisschen fernöstliche Meditation, ein bisschen Christentum, weil man die Nächstenliebe schätzt, vielleicht ein bisschen Judentum. Hauptsache, es geht einem gut damit. Die Religion hilft, den Alltag ein wenig vergessen zu können, ein wenig Geborgenheit und Geheimnis in einer immer technischer werdenden Welt zu erfahren. Manche sprechen vom Supermarkt verschiedenster Sinnangebote. Menschen nehmen sich das, von dem sie glauben, dass sie es brauchen. 

Mir ist klar, dass diese Beschreibung angreifbar ist und ein wenig herablassend klingen kann. Sie will den Menschen, der religiös suchend und manchmal etwas orientierungslos ist, selbstverständlich nicht überheblich bewerten. Aber nicht jede Religion, so ist es meine Überzeugung, hilft dem Menschen auf seiner Suche wirklich. Manchmal trifft der Vorwurf, sie sei „Opium des Volkes“. Und manchmal ist sie auch ein gutes Geschäft, das sich mit der Leichtgläubigkeit von Menschen machen lässt. Religion ist auch ein Markt. 

In diesem fast unüberschaubaren Supermarkt religiöser Angebote gibt es eine große Engelabteilung. Gehen Sie in einen Buchladen und schauen Sie unter Lebenshilfe: Engel bieten sich als Gehilfen zu einem guten und glücklichen Leben an. Autoren unterschiedlicher Couleur präsentieren sich als Engelexperten und bieten mit ihrer Hilfe eine schöne, sanfte, problemlose Religion an. Engel sind Schutzgeister, gute Mächte, sie sorgen sich um mich, sie ermöglichen mir ein Leben ohne Angst und Schmerzen. Sie schenken Geborgenheit und Wärme. Vordergründig klingt das christlich. Spricht nicht auch die Bibel von Engeln, von Begleitern des Menschen, von ganzen Scharen, die dem Menschen zur Seite gestellt sind? Ja, das stimmt; und doch gibt es einen gravierenden Unterschied. Die biblischen Engel führen den Menschen zu Gott hin. Sie zeigen sich nicht, um selbst verehrt zu werden, vielmehr sind sie Boten Gottes, die dem Menschen die Augen öffnen für Gott selbst. Der Supermarkt-Engel tut das nicht. 

Die christliche Tradition kennt drei besondere Engel und nennt sie sogar namentlich. Michael, Gabriel und Rafael. Ihr Tag ist der 29. September, die Tradition nennt sie „Erzengel“. Die drei Boten Gottes heißen so wegen der Größe ihrer Botschaft, sie enthüllen uns wesentliche Einsichten in das Wesen Gottes, sie enthüllen seine Macht und Größe. 

Da ist Michael: Er ist der, der gegen das Böse, gegen den Bösen kämpft. Er besiegt in der Kraft Gottes den bösen Feind, der den Menschen von Gott wegziehen soll. Die Kunst kennt ihn als den Engel, der die Seelenwaage hält, als Engel des Gerichts. Bis zum letzten Gericht Gottes ist die Welt tatsächlich keine Wellnessveranstaltung, sondern Ort der alltäglichen Bewährung in der Entscheidung des Menschen zwischen Gut und Böse. Die christliche Botschaft weihräuchert das Böse nicht hinweg, sondern nimmt die Realität des Bösen sehr ernst. Gott hat das Böse besiegt, ja! Aber die Endzeit, so beschreibt es etwa das Buch der Offenbarung des Johannes, ist auch eine Zeit der Auseinandersetzung. Es ist geradezu sträflich, eine Religion zu entwickeln, die das Ringen um das Gute nicht ernstnimmt. Das Bild von Michael, dem Kämpfenden erinnert an den Sieg Gottes und die Realität des Bösen gleichermaßen. Wenn wir dann auf den Engel mit der Waage schauen, werden wir daran erinnert, dass wir diesem Kampf nicht als Zuschauer beiwohnen, sondern dass wir selbst, unser Leben, unser Inneres, der Ort dieser Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse ist. Glauben ist Verantwortung, Glaube ist entschiedenes Eintreten für das Gute gegen das Böse. Glaube ist keine Flucht in eine künstliche Welt, die das Böse verdrängt, sondern dieser tägliche Kampf für das Gute. Michael sagt uns, dass wir nicht allein sind, sondern Gott selbst uns beisteht. Wenn wir uns für Gott entscheiden, kann uns nichts und niemand dieser Liebe entreißen. Michael verweist uns auf den Gott, der Sieger ist, der uns Menschen aber auch in die Pflicht nimmt. 

Gabriel bringt wichtige Nachricht: Er ist der, der die Menschwerdung Christi verkündet. Das ist wohl die wichtigste Botschaft, die je ein Engel gebracht hat. Während der „Supermarkt-Engel“ angenehm unverbindlich bleibt, verkündet uns Gabriel das anstößig reale Geheimnis der Menschwerdung des ewigen Sohnes Gottes. Gott tritt in unsere Geschichte, in unser Fleisch, er kommt in unseren Alltag, er wird arm, indem er, mit dem Propheten zu sprechen, unsere Krankheiten trägt und unsere Schmerzen auf sich nimmt (Jes 53,4). Er wird selbst zur Sünde gemacht, damit wir gerettet werden
(2 Kor 5,21). Bereits in der Antike gab es Religionsformen, die gerade Menschwerdung Gottes und Kreuz ablehnten. Auch heute gibt es solche Vorbehalte: Sie können Menschwerdung Gottes und Kreuz nicht akzeptieren, sie wollen direkt in die göttliche Welt springen. Gabriel mit seiner Botschaft von der Menschwerdung nennt uns den Alltag und diese Welt als Ort der Gottesnähe. Er hilft uns nicht, das Kreuz und das Menschliche zu verdrängen, sondern sie als Aufgabe zu tragen. Christus wird arm, um uns reich zu machen, indem er unser Leben gottähnlich macht, in seiner ganzen Alltäglichkeit und Armut. Christentum überspringt nicht den Alltag und färbt die Realität nicht schön, sondern sie erkennt Gottes Anwesenheit gerade in der Armut. Dafür steht Gabriel. 

Rafael ist der Wegbegleiter des Kranken, des Pilgers, des Reisenden (Tob 5). Der bedürftige und schwache Mensch muss seinen Weg schon selbst gehen, aber er ist nicht allein. Gott erweist sich in seinem Engel als der Begleiter, als Schutz und Arzt. Körperliche Heilung verweist aber auf das größere Heil. Der irdische Pilgerweg hat ein großes Ziel: Das ist Gott selbst. Nicht der Weg an der Seite des Engels ist das Ziel, sondern die ewige Gottesgemeinschaft. Das bedeutet letztlich die Gesundheit, von der die Bibel spricht. Rafael ist so auch der Engel der Verheißung der Ewigkeit und eines ewigen Glückes, das in Gott liegt. 

Sie verweisen uns auf den großen Gott, der uns in den Kampf gegen das Böse einspannt, der uns in Christus konkret nahekommt, und der selbst unser ewiges Glück und Heil ist. Das ist mehr, als jeder Engel aus dem Markt der Sinnangebote leisten kann und leisten will. 

So groß die Engel auch sind, viel größer ist unsere Berufung. So mächtig die Engel sind, zu keinem hat Gott je gesprochen: Du bist mein Sohn, du bist meine Tochter (vgl. Hebr 1,5). Das aber ist unsere Berufung als getaufte Kinder Gottes. Christus nennt uns seine Freunde, das sagt er nicht von Engeln, sondern von uns Sündern. Gotteskinder, Gottesfreunde, gottähnlich sind wir. Die Engel künden in der Heiligen Schrift von dieser Liebe zum Menschen.

Wenn wir heute in ökumenischer Verbundenheit beten, danken wir für unseren Glauben an den einen Gott. Gott ist nicht irgendein Sinnangebot, auch Christus nicht. Er ist der Weg, die Wahrheit, und das Leben in Fülle (Joh 14,6). Die Engel der Heiligen Schrift führen uns in dieses Zentrum des Glaubens. Da wir Christus glauben, können sich die Engel auch wieder zurückziehen. Wenn wir Gott in Christus gefunden haben und sein Heil glauben, haben sie ihren Dienst gut geleistet. Lassen wir uns von diesen guten Mächten an die Hand nehmen. Gott selbst geht mit uns.