„Macht das richtig und überzeugend, wozu ich euch gesandt habe“

Predigt von Bischof Peter Kohlgraf beim Abendmahlsamt im Dom zu Mainz, Gründonnerstag, 18. April 2019,

Fußwaschung an Gründonnerstag (c) Christine Limmer In: Pfarrbriefservice.de
Datum:
Do. 18. Apr. 2019
Von:
Bischof Peter Kohlgraf

„Macht das richtig und überzeugend, wozu ich euch gesandt habe“, scheint Jesus uns in dieser Zeit lauter zuzurufen als in vielen Jahren zuvor. Vor einigen Jahren begann man in verschiedenen Bistümern, Beratungsunternehmen zu beauftragen, die Diözesen auf Wirtschaftlichkeit hin zu untersuchen. Am Ende stand die Forderung, die Kirche solle ihre Kernkompetenzen neu entdecken. Was aber diese Kernkompetenzen sein sollen, ist nicht immer ganz klar. Nach solchen Beratungsprozessen stand der caritative Dienst oft schlecht da. Kirche solle verkündigen, Werte vertreten und die Sakramente spenden. Soziale Dienste könnten auch andere verrichten. Hätte man vielleicht einen Blick in die Texte des Gründonnerstags geworfen, hätte man sich einige Mühe sparen können. Kernkompetenzen neu entdecken, darum geht es heute Abend. Was macht also die Kirche unverwechselbar und damit auch unverzichtbar?

Beginnen wir mit der Fußwaschung. Er erniedrigt sich und macht sich zum Sklaven. Die Fußwaschung macht die Menschen fähig, ihm zu begegnen. Nicht die eigenen Leistungen, sondern seine vergebende Zuwendung machen uns würdig, mit ihm am Tisch zu sitzen. Auch den engsten Freunden Jesu wird nicht die Erfahrung erspart, dass sie sich reinigen lassen müssen. So etwas anzunehmen, konnte schon Petrus nicht akzeptieren. Ohne Reinigung, das Eingeständnis der eigenen Schuld, kann es keine tiefe Verbindung mit Christus geben. Am Beginn jeder Eucharistie steht das Schuldbekenntnis. Das ist mehr als eine nichtssagende Floskel. Wir halten Christus unseren Schmutz hin, und jeder braucht diese Vergebung. Im Laufe der Eucharistiefeier wird deutlich, dass dies keine billige Gnade ist, sondern dass seine Hingabe am Kreuz der Preis ist, den Christus bezahlt hat. Auch wer an die göttliche Gnade glaubt, sollte nicht leichtfertig mit ihr umgehen, sondern bedenken, was Christus zu geben bereit war. Lernt also als Freunde Jesu, dass ihr Vergebung braucht. Lernt die Liebe anzunehmen, die Jesus euch schenken will. Eine seltsame Kernkompetenz der Kirche und eines jeden Glaubenden: Vergebung annehmen und zu den eignen Sünden zu stehen.

Begreift ihr, was ich euch getan habe, fragt Jesus? Wenn ich euch den Sklavendienst getan habe, dann müsst auch ihr entsprechend handeln. Theoretisch weiß das die Kirche seit ihren Anfängen. Sie soll sich zur Dienerin der Menschen machen, wie Christus sich zum Diener aller gemacht hat. Und in vielen Beispielen gelingt ihr das auch vorbildlich. Die Geschichte der letzten 2000 Jahre möchte ich mir ohne die Kirche nicht vorstellen. Ich möchte mir unsere Welt nicht vorstellen, ohne Christinnen und Christen, die ihren Glauben leben und gelebt haben. Bis heute treten Menschen ein in die Hingabe Jesu und leben diese auf ihre Art und Weise im Alltag. Wenn aber heute oft an der Kirche Kritik geübt wird, dann wegen der Wahrnehmung, sie lebe selbst nicht mehr das, was Christus von ihr gefordert habe. Pauschal formuliert ist diese Behauptung ungerecht, genauso oft trifft sie jedoch ins Schwarze. In einer Zeit großer persönlicher und kirchlicher Krise hat der Jesuitenpater Alfred Delp einige Wochen vor seiner Hinrichtung 1945 folgenden Gedanken geäußert. Ob die Kirche noch einmal den Weg zu den Menschen finden kann, hängt für ihn wesentlich von der Rückkehr der Kirchen in die „Diakonie“, in den Dienst der Menschheit ab: „Es wird kein Mensch an die Botschaft vom Heil und vom Heiland glauben, solange wir uns nicht blutig geschunden haben im Dienste des physisch, psychisch, sozial, wirtschaftlich, sittlich oder sonstwie kranken Menschen“ (Gesammelte Schriften IV, 1984, S. 319). Dieser Satz hat nichts an Aktualität verloren. Wenn Jesus uns zur Fußwaschung auffordert, sagt er nichts anderes. Und vielleicht sieht er voraus die schlimme Versuchung seiner Jünger: sich mehr bedienen lassen zu wollen als zu dienen. Die Menschen mehr für ihre Zwecke zu nutzen, als ihnen helfen zu wollen. Die Menschen mehr ihren Bedürfnissen anzupassen, als allen alles zu werden, wie der Apostel Paulus einmal seinen Dienst umschreibt. Macht endlich wieder das, was euch aufgetragen ist, höre ich den Herrn heute sagen.

Kernkompetenzen neu leben lernen: Die Menschen in die Gemeinschaft mit ihrem Erlöser Jesus Christus bringen. Wir haben ein wunderbares Angebot: das Wort Gottes und die Speise ewigen Lebens. Der Mensch heute hungert doch auch nicht nur nach Geld und vordergründiger Nahrung. Sicher, es gibt viele Gründe, warum der Mensch Gottes Angebot nicht annimmt. Die äußere Gestalt der Kirche ist sicher einer der Gründe. Vielleicht liegt es auch daran, dass uns oft so wenig anzumerken ist, dass wir diese Speise brauchen, dass sie uns heilig ist, dass wir ohne sie nicht leben können? Dass sie uns vor allem zu froheren Menschen und zu einer guten Gemeinschaft führt? Der heilige Pfarrer von Ars beklagte seinerzeit, dass so wenige Menschen aus falscher Scheu zur Eucharistie kommen. Das hat sich gewandelt. Heute kommen praktisch 100% der Messbesucher. Ob er sich da nicht auch gewundert hätte? Wenn wir nach unseren Kernkompetenzen fragen, dann muss dazu gehören: die Speise, die Christus ist, so zu reichen, dass spürbar wird, wer uns da begegnet. Wir haben in den vergangenen Monaten kontrovers über den Kommunionempfang evangelischer Christen in konfessionsverbindenden Ehen diskutiert. Nicht wenige Reaktionen waren polemisch gegen eine derartige Möglichkeit. Die eigene Würdigkeit hat in den Zuschriften kein einzelner in Frage gestellt. Tatsächlich ist die Eucharistie keine Belohnung für die besonders Frommen, sondern das Heilmittel für die Sünder, wie es Papst Franziskus einmal formuliert hat. Und dennoch sollten wir bewusster, andächtiger, froher hinzutreten. Der Kommunionempfang ist jedes Mal das Angebot einer tiefen Freundschaft, die ich mir nicht verdient habe.

Lernt neu, das zu tun, wozu ich euch gesandt habe: Lebt aus der Freundschaft mit Christus, lernt zu leben und zu dienen wie er, bietet den Menschen nicht euch selbst an, sondern das Wort Gottes und das Brot des ewigen Lebens, das er schenkt. Wenn Gott zu uns spricht durch die Zeichen der Zeit, ruft er uns – meine ich – überlaut die Kernthemen ins Ohr: Barmherzigkeit und Vergebung, Eingestehen der eigenen Schuld, Zuwendung zu den Schwachen und die bewusste Feier seiner Nähe im Wort und Sakrament.