„Mit Dankbarkeit auf sein Leben schauen“

Predigt von Bischof Peter Kohlgraf beim Requiem für Papst em. Benedikt XVI. im Dom zu Mainz

Mainz, 7. Januar 2023: Requiem für Papst em. Benedikt XVI. im Mainzer Dom. (c) Bistum Mainz / Blum
Mainz, 7. Januar 2023: Requiem für Papst em. Benedikt XVI. im Mainzer Dom.
Datum:
Sa. 7. Jan. 2023
Von:
Bischof Peter Kohlgraf

In diesen Tagen verabschiedet sich nicht nur die katholische Kirche, sondern auch die interessierte Welt von einer Jahrhundertpersönlichkeit. Selbst Menschen, die Joseph Ratzinger/ Papst Benedikt XVI. und sein Leben und seine Botschaft kritisch sehen, werden ihm nicht seine Bedeutung, seinen theologischen Verstand und seine historische Bedeutung absprechen.

In diesem Gottesdienst will ich mit Dankbarkeit auf sein Leben schauen, denn die Aufgaben, die er als Präfekt und dann als Papst ausüben sollte, waren in diesen Zeiten sicher nicht vergnüglich. Darauf hat auch Papst Franziskus beim Requiem am vergangenen Donnerstag hingewiesen. Joseph Ratzinger hat seine Aufgaben mit großem Engagement und innerer Hingabe ausgeübt. In den letzten Tagen kamen viele Bewertungen seiner Lebensleistung: er war ein prägender Theologe von außerordentlicher Begabung, manche
sprachen schon von ihm als Kirchenlehrer. Angesichts mancher Themen, die noch vor seiner Bestattung im Raum standen, auch seine mögliche Heiligsprechung, würde ich zur Ruhe ermutigen. Es gehörte immer zum kirchlichen guten Stil, sich mit abschließenden Bewertungen eines Lebens Zeit zu lassen. Aber natürlich haben uns die Schriften und die Verkündigung von Joseph Ratzinger/Papst Benedikt Vieles und Entscheidendes zu sagen. Er gehörte zu den prägenden Theologen des II. Vatikanischen Konzils an der Seite des Kölner Kardinals Joseph Frings und der Nachkonzilszeit, seine ehemaligen Schülerinnen und Schüler schwärmen noch heute von der Begeisterungsfähigkeit ihres
Professors. Nach seiner recht kurzen Zeit als Erzbischof von München und Freising folgte seine Tätigkeit als Präfekt der Glaubenskongregation. Den einen galt er als „Panzerkardinal“, andere waren für seine deutlichen Positionen dankbar. Sicher wurden viele Bilder, die sich die Öffentlichkeit von ihm machte, seiner komplexen Persönlichkeit nicht gerecht, aber er hat natürlich durch bestimmte Positionen provoziert, man erinnere sich an seine Einschätzung der Theologie der Befreiung und seine Einschätzung der evangelischen Geschwister als Kirchen. Es überfordert eine Predigt, seine Persönlichkeit und seine theologischen Themen umfassend zu würdigen. Ich erinnere an seine
Bücher über Jesus Christus, die er als Papst geschrieben hat, seine Liebe zur Liturgie, den Klassiker der „Einführung in das Christentum“, gerade in diesen Tagen auch seine Beschäftigung mit den sogenannten „letzten Dingen“, also der Hoffnung der Menschen über den leiblichen Tod hinaus.
Persönlich eindrucksvoll waren die Begegnungen beim Weltjugendtag in Köln und wiederholt auch in Rom. Als Mensch galt er als freundlich und bescheiden, im besten Sinne als fromm. Das sind alles Themen, die in den letzten Tagen von vielen Kommentatoren herausgestellt wurden, und ich merke, wie dürr diese Worte im letzten sind und wie wenig sie einer derartigen Persönlichkeit gerecht werden. Und es gehört auch zur Wahrheit, dass sich viele Menschen auch durch ihn verstört fühlten. Manche betonen seine Fehler, nicht nur im Umgang mit Missbrauchstätern im Erzbistum München-Freising und dann als Papst. Auch hier wird es seriöse Untersuchungen brauchen, ohne Zorn und Eifer, mit Sachverstand. Verschweigen darf man das nicht, auch wenn es nicht die ganze Lebensleistung schmälert. Es gibt auch Mensch aus seinem Umfeld, die ihm eine mangelnde Menschenkenntnis unterstellen. Ja, auch ein großer Theologe, Bischof und Papst hat Fehler, und sie sind in das Ganze einzuordnen, auch dafür braucht es Zeit und Abstand, und es braucht Menschen, die sich dieser Bewertung annehmen ohne ein theologisches oder kirchenpolitisches Eigeninteresse.
Vielleicht ist es sinnvoll, ihn selbst zu Wort kommen zu lassen in aller Begrenztheit in diesem Rahmen. Im Jahr 2006 hat er ein geistliches Testament verfasst. Dort steht an prominenter Stelle der Satz: „Steht fest im Glauben.“. – State in fide. Es ist wohl ein interessantes Zusammentreffen – zumindest nehme ich das als Bischof von Mainz wahr – dass dies auch der bischöfliche Wahlspruch von Karl Lehmann war. Ratzinger und Lehmann sorgen sich dann in ihren geistlichen Testamenten um die Zukunft des Christusglaubens in unserem Land. Bischöfe und Theologen dieser Generation haben viel
bewegt, aber sie haben auch sensibel wahrgenommen, dass der Glauben seine Selbstverständlichkeit und Plausibilität verliert. In manchen Fragen haben sie unterschiedliche Lösungen bedacht, aber die Diagnose war gleich. Heute schauen wir auf den Theologen Joseph Ratzinger. Für ihn war Glauben keine Ideologie, sondern das Festhalten an der Person Jesu Christi. In seinem Testament beschreibt er Christus als die Wahrheit, die gegen alle menschengemachten Ideologien immunisieren kann. Er schaut auf die Ideologien von Kommunismus und Liberalismus, und sieht, dass allein Christus die
Würde des Menschen garantiert. Ich halte das für einen bleibenden Stachel in allen Diskussionen heute und in Zukunft. Gleich, um welche Frage es geht, welche Antwort garantiert dem betreffenden Menschen seine Würde? Was stellt ihn als Person in den Mittelpunkt, welche Perspektive schenkt ihm wirklich Leben in Fülle? Sicher kommen heute Theologinnen und Theologen oft zu anderen Antworten im Detail, aber der Blick auf Christus muss uns leiten. Steht fest im Glauben – das heißt: habt als Christinnen und Christen einen kritischen Blick, welche Ideologien heute im Raum sind und einfache Antworten auf komplexe Fragen anbieten. Christus bleibt der Maßstab für unser kirchliches Handeln. Für Joseph Ratzinger war klar, dass dies mehr ist als ein Bauchgefühl. Glauben hat einen Inhalt, Christus und seine Nachfolge sind nicht beliebig. Allerdings getraue ich mich auch zu sagen, dass derjenige, der zu anderen konkreten Antworten kommt, nicht Jesus verrät und nicht in die Beliebigkeit abgleitet. Das vom Tisch wischen der guten Argumente und tiefen Einblicke eines Joseph Ratzinger ist aber auch eine einfache und billige Lösung.
Die Liturgie war für ihn und ist für uns eine tiefe Begegnung mit dem lebendigen Christus. Er ist der Herr. Er ist der Gastgeber am Altar der Eucharistie. Ich lasse mir gerne von Joseph Ratzinger sagen, dass wir nicht Liturgie machen, sondern zu etwas Größerem hinzutreten. Liturgie ist ein Geheimnis, in das wir eintauchen, aber sie soll nicht rätselhaft und skurril sein. Dass es jemand Größeren gibt, der sich der Machbarkeit entzieht, war sicher eine der Kernthemen dieses großen Menschen und Theologen. In der Liturgie berühren sich Himmel und Erde, und er hat immer wieder kritisiert, dass das nicht immer erfahrbar ist in der konkreten Feiergestalt der Gottesdienste. Das war auch für ihn keine Frage von sogenannter vorkonziliarer und nachkonziliarer Liturgie. Ich kann die jetzt geltende
liturgische Feier würdig vollziehen, so wie ich die sogenannte tridentinische Messe lieblos feiern kann. Wenn Papst Franziskus jüngst auf die geltende liturgische Ordnung nach dem II. Vatikanischen Konzil Wert legte, hat er auf den inneren Mitvollzug der Hingabe gesetzt, in die sich die Gläubigen eingeben.
Er hat sein Leben in Gottes Hände gegeben. Was er auf dem Sterbebett empfunden oder gesagt hat, weiß der „liebe Gott“ allein. Er hat sich aber immer wieder zum Thema des Todes und der Auferstehung geäußert, und das ist mehr als fromme Theorie. Ich darf aus einer Predigt in der Osternacht 2006 zitieren: „Die große Explosion der Auferstehung hat in der Taufe nach uns gegriffen. So gehören wir einer neuen Dimension des Lebens zu, in die wir mitten in den Bedrängnissen dieser Zeit schon hineingehalten sind. (…) An ihr, das heißt, am auferstandenen Herrn halten wir uns fest, und wir wissen: Er hält uns fest, wenn unsere Hände zu schwach werden.“ Und der damalige Papst Benedikt nimmt dann die Kirche in den Blick: „So halten wir auch einander fest, werden einer, nicht nur eins.“ Kirche war für ihn wirklich dieses Einswerden mit dem Herrn und miteinander. Er wird
unter manchen Vorgängen in der Kirche sehr gelitten haben, auch wenn wir natürlich spüren, dass Einssein nie Uniformität bedeutet haben kann. Das „Einer-Werden“ in der Kirche sollten wir auch in den Konflikten unserer Tage nicht geringschätzen.
Am Herrn halten wir uns fest. In Papst Benedikts Sterben ist dies aus dem reinen Wort der Predigt in die Wirklichkeit getreten. Ich glaube, dass er sich wirklich am Herrn festgehalten hat, und dass der Auferstandene ihn hält. Er kennt das Ganze des Lebens, Licht und Schatten. Wir beten nun, und es ist nicht unsere Hauptaufgabe zu bewerten. Steht fest im Glauben – haltet euch am Herrn fest. Aus diesen Tagen nehme ich diese Botschaft gerne mit.