„Nehmt Gottes Melodie in euch auf“

Predigt von Bischof Peter Kohlgraf bei der Segnung des ersten Teilwerks der Mainzer Domorgel im Hohen Dom zu Mainz, Sonntag, 19. September 2021

Bischof Peter Kohlgraf segnet den ersten Teilabschnitt der neuen Mainzer Domorgel (c) Bistum Mainz/ Hoffmann
Bischof Peter Kohlgraf segnet den ersten Teilabschnitt der neuen Mainzer Domorgel
Datum:
So. 19. Sep. 2021
Von:
Bischof Peter Kohlgraf

„Singt Gott Psalmen, Hymnen und geistliche Lieder in Dankbarkeit in eurem Herzen!“ (Kol 3, 16) – das ist die Zusammenfassung christlicher Glaubensfreude. Paulus beschränkt dieses Singen des Herzens nicht auf ein paar glückliche Momente, vielmehr ist das christliche Leben ein Gesang. In einer Oration im kirchlichen Stundengebet heißt es in diesem Sinne: „Gott, mach mein ganzes Leben zu einem Loblied deiner Herrlichkeit“. Natürlich ist niemandem immer nur zum Danken zumute. In diesem Herzensgebet spielen Trauer, Klage, Frage, auch Zorn und viele andere Gefühle eine Rolle. Immer wieder bricht gerade in den Gottesdiensten (außerhalb der Corona-Pandemie!) der innere Lobpreis und Dank heraus und wird zum Gesang. In den frühchristlichen Gottesdiensten blieb es beim Gesang der menschlichen Stimme, Instrumente kannte man aus dem Theater und dem „heidnischen“ Gottesdienst. In den folgenden Jahrhunderten lernt man auch in der Liturgie in den Kirchen den Wert instrumentaler Musik schätzen. Es ist hier nicht der Ort, die Konflikte zu schildern, die ausgefochten worden sind. Es war ein langer Weg zur Orgel als der „Königin der Instrumente“, die Menschen beten hilft, die die Herzen zu Gott erhebt, die ein eigener Ausdruck des Betens wird. Der erste Abschnitt der Mainzer Domorgel ist solch ein Helfer im Gebet – und das in verschiedener Hinsicht. 

Jedes Register hat Charakter, es geht nicht um Lautstärke und Kraft
Natürlich entfaltet das Tutti der Orgel einen berauschenden Klang. Gerade aber der Standort und die kleinen Details in den farbenfrohen Klängen auch einzelner Register machen den Reiz dieser Orgel aus. Es ist ein urchristlicher Vergleich des Orchesters mit den verschiedenen Gaben der Menschen in der Gemeinde. Es geht nicht nur um die lauten Stimmen, sondern um den Zusammenklang aller in der je eigenen Schönheit. Die geradezu unendlichen Variationsmöglichkeiten der Register weisen immer auf die unendlichen Möglichkeiten der Menschen in der Kirche hin, die den Raum füllen können. Dabei sind oft die leisen Stimmen die interessanten, wir sollten sie nicht überhören oder geringschätzen. Die Orgel verwirklicht die Einheit in der Vielfalt, sie ist Vielfalt in der Einheit. 

„Nehmt Gottes Melodie in euch auf“ – fordert der Kirchenvater Ignatius von Antiochien (+107) seine Gläubigen auf. 
Durch den Klang der Gemeinde, die in aller Unterschiedlichkeit zusammenklingt, „ertönt durch euch das Lied Christi“. Ignatius ist davon überzeugt, dass Gott für jeden und jede eine eigene Lebensmelodie im Sinn hat. Wenn die verschiedenen Lebensmelodien als Reichtum verstanden und gehört werden, entsteht eine Symphonie – ein „Zusammenklang“. Die verschiedenen Orgelwerke großer Künstlerinnen und Künstler aus den Jahrhunderten der Orgelmusik sind derartige „Symphonien“, in denen sich Leben wiederfinden lässt. Wenn die Orgel auf hohem Niveau gespielt wird, ist sie mehr als ein begleitendes Instrument. Sie hilft, Lebensmelodien zu hören und zusammenzubringen. Und auch hier ist sie Ermutigung, unsere menschlichen Lebensmelodien, die Gott für uns gedacht hat, auf unnachahmliche Weise zum Ausdruck zu bringen. 

Die Orgel führt die Gemeinde zur Einheit zusammen
Gerade dieser erste Abschnitt des Mainzer Orgelprojekts dient auch der Unterstützung des Gemeindegesangs, und das auf eine Art, wie sie die Orgel im Westwerk nicht leisten kann. Damit ist sie unverzichtbarer Bestandteil der Liturgie. Gesang ist nicht Beiwerk, das Orgelspiel ist nicht fromme Untermalung. Gesang ist Gebet, Orgelspiel ist Gebet und hilft beten. Musik führt die Gemeinde zu einer betenden Gemeinschaft zusammen. Daher ist sie kein Luxus. 

Ich bin mir möglicher kritischer Stimmen bewusst und ich wiederhole mit Überzeugung, was ich anderenorts einmal gesagt habe. Gotteslob ist kein Beiwerk, so dass auch das Orgelprojekt hier kein überflüssiges Beiwerk ist. Kirche muss diakonisch sein, eine festliche Liturgie und ein niveauvolles musikalisches Gebet sind kein Gegensatz. Liturgie, Verkündigung und Diakonie sind Wesensvollzüge der Kirche, und das Haus der Kirche wird schief, wenn irgendwo ein Ungleichgewicht kommt. Wir werden immer mit dem Dienst der Liebe in der Gesellschaft präsent bleiben, wir werden verkündigen (übrigens auch durch die Kirchenmusik!), und wir werde nie auf die Liturgie verzichten dürfen. Gottes- und Nächstenliebe sowie Glaubensweitergabe bilden eine Einheit. Es ist hier der Ort, nach dem ersten Abschnitt danke zu sagen, die große Orgelweihe wird noch erfolgen. Viele haben sich beteiligt, durch Spenden, durch Mitsorgen, durch die praktische Arbeit, durch Planungen und Werbung, und vieles andere mehr. Jeder und jede darf sich bedankt fühlen. Es ist Hilfe zum Gebet für sehr lange Zeit, über Lebenszeiten hinweg. Diese Orgel wird ungezählten Menschen helfen, die biblische Einladung auf so vielfältige Weise zu verwirklichen und zu unterstützen: „Singt Gott Psalmen, Hymnen und geistliche Lieder in Dankbarkeit in eurem Herzen!“