Predigt im Pontifikalamt zum Kreuzfest, Bistum Limburg Hoher Dom zu Limburg, Sonntag, 18. September 2022, 10.00 Uhr

limburg_dom (c) Beate Hirt/ Bistum Mainz
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Datum:
So. 18. Sep. 2022
Von:
Bischof Peter Kohlgraf

Ich kann heute hier nicht stehen, ohne die Erfahrungen des Synodalen Wegs in der vergangenen Woche zu thematisieren. Deutlich tritt ein Spalt zwischen dem Volk Gottes und seinen Hirten zutage, der uns nicht gleichgültig sein darf. Wir müssen uns daran erinnern: Die Ursachen dieses synodalen Prozesses liegen exakt in der Erfahrung einer kirchlichen Praxis, die sich für viele Menschen deutlich vom Vorbild des gekreuzigten Christus entfernt hat. 

Fast 2000 Jahre ist das Christentum mit und unter dem Zeichen des Kreuzes auf seinem Weg durch die Zeit. Das Kreuz – Zeichen der Erlösung und der Hingabe des Sohnes Gottes an die Menschen. Der Gekreuzigte war gehorsam gegenüber dem Willen Gottes, aber er hörte auch gut auf die Freuden und Sorgen der Menschen. Auch das ist ein Gehorsam. Gott hört den Menschen zu. Der Gekreuzigte ist ausgestreckt zwischen Himmel und Erde, er verbindet Gott und die Menschen. Das Kreuz ist ein Zeichen für eine Liebe, die alle an sich ziehen und umarmen will, niemand ist ausgeschlossen. Immer wieder war das Kreuz Symbol des Friedens zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft: Es überwindet Feindschaft zwischen Juden und den Völkern, wie der Epheserbrief sagt. Und es ist mehr als ein Kultursymbol oder ein Körperschmuck, denn wer sich zum Kreuz, besser: zum Gekreuzigten bekennt, wird in die Pflicht genommen. Arme ausstrecken, Menschen verbinden, Hinhören auf die Anderen, sich nach Gott ausstrecken, das sind Haltungen der Nachfolge Christi.

Es darf aber auch nicht verschwiegen werden, dass im Zeichen des Kreuzes auch Spaltungen betrieben, Menschen unterjocht, Konflikte und Kriege geführt wurden. Aus dem Zeichen der Hingabe, Liebe und Gewaltlosigkeit wurde auch ein Ansporn zur Spaltung und zur Gewalt, zu Ausgrenzung und Rechthaberei. Immer wieder war das Christentum nur dann gewaltlos und tolerant, sofern es nicht teilhatte an politischer Macht und den Interessen, die sich mit ihr verbanden. Das Kreuz ist so auch immer eine Anfrage an die Machtgelüste und Eigeninteressen von Menschen gegenüber anderen, auch in der Kirche.

Wir müssen uns eingestehen: Wenn Menschen hierzulande auf unsere Kirche schauen, verbinden viele mit ihr und dem Zeichen des Kreuzes wohl weniger die Erfahrung des Dienens, der Hingabe, des Umarmens aller Menschen, des Ernstnehmens und Hinhörens. Paulus konnte noch sagen, dass das Kreuz den einen ein Ärgernis, den anderen eine Torheit sei. Menschen rieben sich am Kern des Glaubens und der Verkündigung, sie wurden durch Christus provoziert. Heute müssen wir feststellen: Menschen reiben sich immer weniger am Kern des Evangeliums als am „Bodenpersonal“ Gottes. Eben deshalb, weil es nicht als menschenfreundlich, hinhörend, einladend und überzeugend erfahren wurde und erfahren wird.

Wir leben nicht nur gesellschaftlich in bewegten Zeiten, auch kirchlich gibt es Grund zu neuer Orientierung. Ich kann heute hier nicht stehen, ohne die Erfahrungen des Synodalen Wegs in der vergangenen Woche zu thematisieren. Deutlich tritt ein Spalt zwischen dem Volk Gottes und seinen Hirten zutage, der uns nicht gleichgültig sein darf. Wir müssen uns daran erinnern: Die Ursachen dieses synodalen Prozesses liegen exakt in der Erfahrung einer kirchlichen Praxis, die sich für viele Menschen deutlich vom Vorbild des gekreuzigten Christus entfernt hat. Menschen fühlen sich ausgestoßen, Themen und Lebensschicksale werden tabuisiert, einige erheben sich über die anderen, es gibt Verurteilungen und Verletzungen. Das lässt mich als Bischof so wenig kalt wie viele andere Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche. Es ist nicht leicht sich einzugestehen: Wir müssen und werden in eine veränderte Form der Kirche gehen, durch äußere Einflüsse, durch eine sich verändernde Gesellschaft, aber auch durch synodale Prozesse bei uns und weltweit. Die Rede von einem deutschen Sonderweg ist einfach falsch. Erst recht müssen wir diese Wege gehen, wenn wir das Kreuz, seine Botschaft und das Evangelium ernst nehmen.

Im Hymnus der Laudes am Fest Kreuzerhöhung wird das Kreuz besungen als „Baum der Treue“. Das Bild des Baumes im Hinblick auf die Kirche spielte auch bei der Synodalversammlung eine Rolle im Beitrag eines Bischofs. Dort ging es um die Blätter und Früchte des Baumes, die wir heute bringen müssen. Jesus sagt einmal, dass ein guter Baum gute Früchte hervorbringen wird. Das ist unsere Hoffnung für unsere Kirche, dass wir mit Gottes Hilfe Blätter und Früchte hervorbringen können. Wir leben aus der Treue Gottes, die sich im Kreuz Christi zeigt, wir sind und bleiben seine Kirche. Wir setzen auf das Kreuz und auf den Gekreuzigten, das heißt auch: Wir als Kirche leben von seiner Barmherzigkeit und seiner Hingabe, und nicht aus eigener Vollkommenheit. Und dennoch ist es keine billige Gnade, sie ist teuer erkauft durch die Hingabe seines Lebens. Wir müssen sorgfältig darauf achten, dass wir in unserem Verhalten ihn nicht immer wieder ans Kreuz zu schlagen versuchen, indem wir sein Evangelium verraten und uns an seine Stelle setzen.

Ein Baum besteht aus Wurzeln, Stamm und Krone. Und wir haben als Kirche starke Wurzeln, daher ist mir bei aller Veränderung und mancher Ungewissheit auch nicht bang um die Gemeinschaft der Glaubenden. Zur Wurzel gehört der gemeinsame Glaube, der uns verbindet. Gemeinsamer Glaube heißt nicht uniformer Glaube. Glaube wird in den verschiedenen Völkern und Kulturen unterschiedlich und vielfältig gelebt. Daher ist die Weltkirche nicht eine Bremserin von Reformen, sondern zunächst ein großer Reichtum und eine Ermutigung, unsere Form des Kircheseins zu entwickeln in unserer Zeit, an unserem Ort und in unserer Kultur, so wie es auch andere Ortskirchen tun. Dieses Hineingehen in die Zeit und den Ort ist keine neue Erfindung: Allein das Neue Testament umfasst vier unterschiedliche Evangelien, viele Briefe, die auf je unterschiedliche Situationen reagieren. Das ist unsere Aufgabe heute auch, und wir stellen uns ihr. Zur Wurzel gehören die Sakramente, Orte der Nähe Gottes, Berührungen durch ihn, die uns heilen, versöhnen, stärken, nähren und verbinden. Das Wort Gottes ist eine unzerstörbare Wurzel, die uns trägt und Leben weitergibt. Zur Wurzel gehört aber auch die Gemeinschaft der Glaubenden, ohne deren Gemeinschaft ich nicht Bischof sein kann. Und dieses Volk Gottes ist vielfältig. Zur größten Herausforderung eines Bischofs heute gehört der Dienst der Einheit. Die verschiedenen Gruppen zu hören, ernst zu nehmen, auch einmal kritisch zu hinterfragen und zusammenzuhalten bei allen Unterschieden, ist bischöflicher Dienst im Zeichen des Kreuzes. Das ist für mich eine Wurzel, hinzuhören, anzunehmen, zu sehen, das Gestalten einer einladenden Kirche.

Der Stamm steht für die lange Geschichte unserer Kirche, in den Jahresringen bilden sich gute und schwierige Jahre ab. Fast 2000 Jahre alt ist der Stamm. An den Ringen kann man die lebendige Geschichte ablesen. Es ist eben eine lebendige Geschichte, Glaube nicht in Stein gemeißelt, sondern lebendig wachsend. Es wäre tödlich, sich von der langen Geschichte lossagen zu wollen. Sie trägt uns, mit allen Höhen und Tiefen. Aber wir werden neue Jahresringe gestalten müssen. Tradition ist auch deshalb lebendig, weil sie von lebendigen Menschen geprägt und gelebt wird. Diese Menschen bringen ihr Leben ein, ihren Glauben, ihre Fragen, ihre Erfahrungen. Das macht den Glauben so reich und wertvoll. Als Jesus die Menschheit annahm, hat er jeden Menschen mit sich vereint. Deswegen geben wir keine Steintafeln weiter, sondern bezeugen Leben in Fülle durch lebendige Menschen. Die Geschichte der Kirche ist eine Geschichte dieser Freundschaft und Beziehung, wie auch eine Geschichte, in der Menschen diese Freundschaft verraten, durch Lieblosigkeit, durch Ausgrenzung, durch das Säen von Verachtung und Hass, durch Friedlosigkeit und viele andere Haltungen und Taten. Wir sind gerufen, heute gute Jahresringe wachsen zu lassen. Ich bin davon überzeugt: Der Baum wächst weiter, dafür bin ich gerne Teil dieser Kirche und Bischof in Verantwortung mit anderen.

Und es bleibt die Krone, mit Blättern und Früchten. Bei allen Schwierigkeiten müssen wir doch wahrnehmen: Es gibt gute Früchte, Menschen gestalten und erfahren Leben und Glauben. Jeder und jede einzelne ist wichtig, daher werden wir nur als synodale Kirche, gemeinsam auf dem Weg, Frucht bringen können. Das hilft mir als Bischof: die vielen Menschen, die mitmachen, mitbeten, mitberaten, mitgestalten. Frucht bringen heute werden wir nicht ohne die Wurzeln, nicht ohne den Stamm der Geschichte lebendigen Glaubens. Die Wurzeln allein oder zusammen mit dem Stamm genügen allerdings auch nicht. Es gilt, heute Frucht zu bringen und Geschichte zu gestalten, gläubig, hoffnungsvoll, im Vertrauen auf Christus am „Baum der Treue“.

Allen wünsche ich den Blick auf diesen Christus und sein Kreuz, sein Umarmen der Menschen, seine Einladung, zu kommen, sein Überwinden aller Feindschaft in Kirche und Gesellschaft. Gerade unsere zerrissene Welt braucht Christinnen und Christen, Zeuginnen und Zeugen, die den konstruktiven Konflikt nicht scheuen, aber im Glauben und im Respekt und in der Liebe zusammenbleiben.