Predigt von Bischof Peter Kohlgraf bei der Weihe zum Ständigen Diakon und der Feier des Jubiläums „50 Jahre Ständiger Diakonat im Bistum Mainz“ Hoher Dom zu Mainz, Samstag, 4.6.2022, 9.30 Uhr

Sende aus deinen Geist, und das Angesicht der Erde und der Kirche wird neu

Bischof Peter Kohlgraf beim Predigen (c) Stefan Sämmer
Bischof Peter Kohlgraf beim Predigen
Datum:
Fr. 3. Juni 2022
Von:
Bischof Peter Kohlgraf

Dem dienenden Christus ähnlich werden: Das ist die Einladung für alle Glieder der Kirche. Wir stehen am Beginn der zweiten Phase des Pastoralen Weges im Bistum Mainz. Ich werde nicht müde, den geistlichen Charakter zu betonen. „Geistlich“ zeigt sich in Grundhaltungen, die dann konkret werden, wenn es ums Praktische geht. Ich habe den Eindruck, dass der diakonische Dienst der Kirche durch die Caritas, aber auch in den vielen kleinen Diensten nicht immer als unverzichtbarer Wesenskern der Kirche gesehen wird. 

Eine Strukturveränderung muss Ausdruck einer Glaubenshaltung und-entscheidung sein

Lieber Herr Ferdinand, liebe Frau Ferdinand, liebe Festgemeinde!

Was ist das Besondere des Diakonats? Eine Buchveröffentlichung nennt sie „Boten einer neuen Zeit“[1]. Wir feiern heute die Weihe von Thomas Ferdinand, und wir schauen zugleich dankbar auf 50 Jahre Ständiger Diakonat im Bistum Mainz zurück. Es waren damals mutige Schritte, diesen Diakonat wiedereinzuführen und damit aus seinem Schattendasein als reine Durchgangsstufe zum Priestertum herauszuführen. Am 28. April 1968 hat in Köln Josef Kardinal Frings die ersten ständigen Diakone in Köln geweiht. Und er hat genau diese Frage gestellt. Was macht das Besondere des Diakonats aus in der Vielfalt der Dienste und Ämter der Kirche? Und er fasste es so zusammen: „Ihr seid Christus, dem Herrn, ähnlich gestaltet worden, und zwar vor allem dem dienenden Christus“.

Im Rahmen des Katholikentags vor etwa einer Woche durfte ich ein Podium mitgestalten, das der Aktualität des heiligen Martinus von Tours gewidmet war, in diesem Falle besonders seiner Aktualität als Friedensheiliger. Er ist auch unser Bistumspatron, daher lohnt sich auch heute der Blick auf ihn und sein Lebenszeugnis. Wir wissen über sein Leben durch die Biographie des Sulpicius Severus. Er hatte Martinus kennengelernt und war offenbar von ihm fasziniert. Nun schreibt er sein Leben auf, aber nicht im Sinne einer modernen Biographie: Vielmehr arbeitet er Wesenszüge des Heiligen heraus, die seine Christusähnlichkeit zeigen. So wurde übrigens immer wieder mit der Darstellung von Heiligenbiographien verfahren, denken wir an Franziskus von Assisi, einem der großen heiligen Diakone der Kirche. Es ging den Biographen nicht um die Zusammenstellung objektiver Fakten: sein Anliegen ist vielmehr die Deutung des Heiligen, seines Lebenszeugnisses in seiner Zeit, mit seinen Gaben und seiner Art der Nachfolge. Immer wieder werden Heilige dargestellt als ein „zweiter Christus“, ohne einfach zu einer Kopie zu werden. Jeder und jede lebt auf je eigene Art seine und ihre Christusähnlichkeit. Beim heiligen Martinus ist es seine Menschenfreundlichkeit. Nicht erst am Stadttor von Amiens, als er den Mantel mit dem Bettler teilt, beweist er seine große Liebe und Nähe zu den Menschen, besonders zu den Armen. Schon als junger Soldat scheut er sich nicht, für einfache Dienste bereit zu stehen. Er verrichtet die alltägliche Arbeit mit großer Bescheidenheit, er zeichnet sich aus durch Freundlichkeit und die Gabe, Freundschaften zu leben. Am Stadttor teilt er seinen Mantel, und scheut sich nicht, zum Gespött seiner Kameraden zu werden. Anders als die späteren Bilder der Kunst zeigen ihn die frühen Darstellungen nicht auf dem Pferd sitzend, sondern auf Augenhöhe mit dem Armen. Liebe ist für ihn keine Herablassung: Er schaut dem Armen in die Augen. Er lehnt es ab, seinen Dienst in der römischen Armee zu leisten, die alles andere als eine Friedensarmee war. Die Legende erzählt, dass er den Mut hatte, seine Verweigerung dem Kaiser ins Gesicht zu sagen. Dieser wirft ihm Feigheit vor, Martinus hat den Mut, seinem Gewissen zu folgen, ohne negative Konsequenzen zu scheuen. Als späterer Bischof bleibt er einfach in seinem Lebensstil, die Liebe zu den Menschen, besonders den einfachen, hat er nie abgelegt. Bis in seine Sterbestunde hinein kämpft er im Vertrauen auf Christus gegen den Bösen, und legt sein Leben in Gottes Hände. Der Biograph beschreibt seine Christusähnlichkeit: Freundlichkeit, Freundschaft, Aufmerksamkeit, Gutsein ohne Anerkennung zu wollen; die Gabe, den anderen Menschen groß zu machen, die Nähe zum Kleinen, das unendliche Vertrauen auf die Güte des Vaters im Himmel, Einfachheit im Leben und in der Begegnung mit anderen.

Im heutigen Evangelium ist zweimal die Aufforderung zur Nachfolge ausgesprochen, dieses Evangelium passt hervorragend zum heutigen Weihegottesdienst. Nachfolge ist nicht das Hinterherlaufen, wie ein Hund seinem Besitzer folgt. Es geht um die Übernahme der Eigenschaften Jesu in das eigene Leben, mit den eigenen Fähigkeiten, den eigenen Gaben, und ebenso mit den eigenen Begrenzungen. Niemand wird ein zweiter Christus als 3D-Kopie, sondern in der Vielfalt der eigenen Möglichkeiten. Jeder und jede, der Christus nachfolgt, steht vor der Aufgabe, aufmerksam zu sein für die Herausforderungen und Begegnungen, in die er oder sie heute gestellt ist. Viele Diakone haben in den 50 Jahren Christus als dienenden Herrn dargestellt, in Verkündigung, Liturgie und Caritas, aber nicht zuletzt durch ihr Lebenszeugnis. Sie haben damit einen Gesichtspunkt lebendig werden lassen, der zum Wesen der Kirche gehört.

Sie, lieber Herr Ferdinand, werden dem dienenden Christus auf Ihre Art und Weise ein Gesicht, Hand und Fuß geben. Ich lege Ihnen heute den heiligen Martinus von Tours ans Herz, sein Lebensbeispiel. Lassen Sie sich motivieren von seiner Freundlichkeit, seiner Fähigkeit zur Beziehung, seiner Bescheidenheit und Friedensliebe in Tat und Wort. Begegnen Sie den Menschen nicht in Herablassung! Schauen Sie Ihnen in die Augen! Das Evangelium nennt dies „Nachfolge“, die Lesung „Liebe“. Der Diakon ist nicht eine Sonderexistenz in der Kirche, sondern stellt dar, was alle in der Kirche leben sollen. Denn diese Nachfolge und diese Liebe ist kein Auftrag für Spezialisten: Es ist ein Auftrag für alle.

In den 50 Jahren hatten und haben wir Diakone, die bewusst ehelos leben, aber in den meisten Fällen sehen wir auf das gemeinsame Lebenszeugnis der Paare und auch der Familien. Die Ehefrauen haben sich gemeinsam mit dem Diakon in die Nachfolge begeben, mit allen Freuden, aber auch den Herausforderungen. Dafür will ich ihnen ein herzliches danke sagen, auch den Kindern und den Familien insgesamt. Auch Ihnen, Frau Ferdinand ist heute Danke zu sagen und Gottes Segen zu wünschen. Die Aufgabe, Christus ähnlich zu werden, ist eine Aufgabe beider Partner, und die Glaubwürdigkeit des Zeugnisses wird von beiden getragen. Nicht selten trägt die Frau den diakonischen Dienst praktisch wesentlich mit, und der Ruf, diese Weihestufe für Frauen in der Kirche zu öffnen, scheint mir eine Perspektive zu sein, die nicht aus der Not entsteht. Denn wir machen die Erfahrung: Frauen gestalten ohnehin diesen Dienst der Christusähnlichkeit Tag für Tag mit, ob als Ehefrauen der Diakone oder auch in vielen anderen Aufgaben in Kirche und Welt. Dienend Christus ähnlich zu werden in Verkündigung, Liturgie und Caritas, in Nachfolge und Nächstenliebe, ist zwar nicht an das Amt gebunden, aber wird sakramental durch das Amt in der Kirche verlässlich verwirklicht. Und andere werden dadurch zur eigenen Nachfolge befähigt. Vielleicht ist ein 50jähriges Jubiläum Anlass genug, hier neu zu denken. Nach dem II. Vatikanum haben viele den Ständigen Diakonat auch für unmöglich gehalten. Es gab und gibt Veränderung, wenn auch nicht so schnell und weitreichend, wie manche wünschen. Gerne werde ich diese Realität – dass Frauen diesen Dienst der Christusähnlichkeit mitgestalten – als Ermutigung für weitere Überlegungen in die Weltkirche geben. Das Thema hat Papst Franziskus selbst auf die Agenda zur Prüfung gesetzt. Es mag so sein, dass wir heute in diesem Sinne Botinnen und Boten einer neuen Zeit in der dienenden Christusähnlichkeit brauchen.

Dem dienenden Christus ähnlich werden: Das ist die Einladung für alle Glieder der Kirche. Wir stehen am Beginn der zweiten Phase des Pastoralen Weges im Bistum Mainz. Ich werde nicht müde, den geistlichen Charakter zu betonen. „Geistlich“ zeigt sich in Grundhaltungen, die dann konkret werden, wenn es ums Praktische geht. Ich habe den Eindruck, dass der diakonische Dienst der Kirche durch die Caritas, aber auch in den vielen kleinen Diensten nicht immer als unverzichtbarer Wesenskern der Kirche gesehen wird. Auch in der Corona-Zeit haben wir die Erfahrung gemacht, dass es einen liturgischen Schwerpunkt gab, aber weniger Kreativität in der konkreten Sorge um die vielen Menschen in Einsamkeit, Alter, Krankheit, auch in unseren Gemeinden. Wir sind oft zu sehr auf unsere sogenannten Kerngemeinden fokussiert, die eher bürgerlichen Charakter haben. Um zu einer Kirche Jesu Christi zu werden, müssen da noch viele Schritte gegangen werden. Es wäre mein Wunsch, dass von einem heutigen Fest auch ein solcher Impuls ins Bistum geht. Eine Kirche ohne konkrete Nächstenliebe, die sich nicht nur in Lippenbekenntnissen erschöpft, ist noch nicht in der Nachfolge und nicht in der Christusähnlichkeit angekommen.

Lieber Weihekandidat, lieber Herr Ferdinand, liebe Frau Ferdinand, liebe Festgemeinde. Ich freue mich, mit Ihnen dieses Fest zu feiern. Es ist jedoch kein Fest ohne Folgen. Jeder und jede einzelne wird sich entscheiden müssen, dem Ruf zur Nachfolge in Liebe nachzukommen. Dazu wünsche ich Ihnen, der Diözese Mainz und der ganzen Kirche Mut und Gottes Segen.

 

[1] Hrsg. Von Günter Riße, Ulrich Helbach, Hermann Josef Klein, Paderborn 2018.