Predigt von Bischof Peter Kohlgraf beim Ökumenischen Friedensgottesdienst am 7. Mai in Bühl

„Wir weigern uns, Feinde zu sein. 70 Jahre Bühler Friedenskreuz und seine Bedeutung für heute“

70 Jahre Bühler Friedenskreuz und seine Bedeutung für heute (c) pax christi – Diözesanverband Freiburg
70 Jahre Bühler Friedenskreuz und seine Bedeutung für heute
Datum:
Sa. 7. Mai 2022
Von:
Bischof Peter Kohlgraf

Wir dürfen auch oder gerade in diesen Tagen auf die Kraft der biblischen Visionen setzen. Die meisten dieser Texte entstanden ja nicht in Friedenszeiten, sondern in Zeiten existenzieller Bedrohung. Immer war dieses kleine Israel eingezwängt in die Auseinandersetzungen der Großmächte: Assur, Babel und Ägypten. Immer wieder brachten diese kriegstreibenden Mächte Zerstörung und Tod. 

Politisch hatte das Gottesvolk dem nur wenig entgegenzusetzen. Im schlimmsten Fall passten sich die Könige an, was auch gleichzeitig immer zu einem Verlust der religiösen Identität führte, dem Abfall von dem einen Gott zur Verehrung der Vielen, bis hin zu Menschenopfern und anderen Gräueltaten. Die prophetische Botschaft ist in diesen Zusammenhängen vielfältig und deutlich. Die Treue zu Gott wird mit drastischen Worten eingefordert, die Reichen werden an ihre Verantwortung für das Gemeinwohl erinnert, dem Volk werden die Konsequenzen ihrer Untreue und Lieblosigkeit vor Augen geführt. Daneben sehen es die Propheten immer auch als ihre Aufgabe an, die Hoffnung und den Friedenswillen wachzuhalten, indem sie Bilder einer heilvollen Zukunft malen. Am Ende werden alle Völker zusammenströmen, um auf dem Gottesberg ein großes Festmahl zu halten. Dahinter verbergen sich nicht rein jenseitige Vorstellungen einer himmlischen Welt. Vielmehr machen die Propheten den Frieden am Friedenswillen der Mächtigen fest. Gott selbst wird jemanden schicken, einen Friedensfürsten. Zu einem dauerhaften Frieden braucht es Weisheit und Erkenntnis (vgl. Jes 11). Weisheit ist die Gabe, die eigene Begrenzung zu sehen, die Wahrheit hören zu wollen, seine Verantwortung gegen Gott und den Menschen ernst zu nehmen. Solche Fähigkeiten sind Ausdruck der Stärke, nicht der Schwäche. 

Frieden ohne Gerechtigkeit gibt es nicht. Modern würden wir sagen: Ein Frieden ohne die Wahrung der Menschenrechte, ohne Anerkennung des Rechts anderer Völker und der einzelnen Person kann nicht gelingen. Wir wachen heute aus dem Traum auf, wir hätten durch gegenseitige Bedrohung und Säbelrasseln, aber unter sonstiger Missachtung der Menschenrechte mit manchem unserer Verhandlungspartner einen Frieden gelebt. Das Zweite Vatikanische Konzil sagt: Frieden ist nicht nur das Schweigen der Waffen, er ist ein Werk der Gerechtigkeit. Die Propheten wussten dies noch. Denn der Herrscher im Volk wird nur ein Friedenskönig sein, wenn er die Geringen in Gerechtigkeit regiert, und wenn er Partei für die Armen ergreift. Dann kann eine Vision wahr werden, in der Wolf und Lamm, Kalb und Löwe, Kuh und Bärin Freunde werden. 

Wer in diesen Tagen so etwas sagt, muss sich gegebenenfalls dem Spott der Menge aussetzen. Hilft das den Menschen in den Krisen- und Kriegsgebieten? Ich kann nur meine stammelnde Antwort versuchen. Die prophetische Vision richtet sich in eine Zeit, in der die Königsdynastie des Königs David längst am Boden liegt. Die Hoffnung richtet sich auf Gott, der in all diesen schlimmen Zeiten den Menschen treu bleibt, die auf ihn vertrauen. Der Prophet verkündet nicht eine Durchhalteparole, sondern spricht vom Vertrauen auf einen neuen Anfang unter dem Segen Gottes. Er gibt die Hoffnung nicht auf, dass sich Herrschende finden lassen, die auf Ordnung und Recht setzen, mit Gottes Hilfe. Zur Herstellung der Gerechtigkeit gehört auch die teils irreale Hoffnung: Gott und auch die Geschichte werden die Kriegstreiber als Verbrecher entlarven, und sie werden Rechenschaft geben müssen für alles Unheil, das sie angerichtet haben. 

Vielleicht ist neben allen politischen Stellungnahmen dieser Tage auch durch Vertreter der Kirchen und Glaubensgemeinschaften das Wachhalten einer Friedensvision und der Hoffnung auf einen neuen Anfang, die Ermutigung und das Erinnern an Weisheit und Gerechtigkeit eine der wichtigen Aufgaben im Namen des biblischen Gottesglaubens. Wir werden irgendwann als Völkergemeinschaft vor der Herausforderung eines Wiederaufbaus und Neuanfangs stehen. Und dann stellen sich Fragen wie: Wollen wir als Menschen weiter den Frieden nur darin sehen, dass die Waffen schweigen? Oder wollen wir nach den Erfahrungen einer total sinnlosen und mörderischen Gewalt nicht auf Weisheit, Gemeinschaft, Versöhnung setzen, die mehr sein muss, als ein Verschweigen? Wie werden die jetzt verfeindeten Parteien dann miteinander umgehen? Bleiben der Hass und die Verachtung eine wirkliche und zukunftsfähige Quelle des Miteinanders? Versöhnung kann man nicht erzwingen, und sie braucht Zeit. Aber sie braucht auch Einsicht und den Willen, weil man vielleicht merkt, dass der Hass am Ende mehr die Seele vergiftet als ein Neuanfang. 

Das Bühler Kreuz zeigt: Es ging so tatsächlich einmal. Auch dieses Kreuz stellt eine Vision dar. Und es werden manche sagen: Was der Bischof da sagt, haben wir Jahrzehnte vergeblich versucht, jetzt müssen wir uns ohne Illusionen der Realität stelle, die Zeit der Visionen ist vorbei. Vielleicht haben wir aber zu wenig auf Visionen gesetzt, sondern auf eine Demonstration von Stärke und das mit Frieden verwechselt. Die Hoffnung auf einen lohnenden, wenn auch vielleicht brüchigen Neuanfang will ich nicht aufgeben. Homo homini lupus, der Mensch bleibt dem Menschen ein Wolf: Diese Aussage des Philosophen Thomas Hobbes mag zwar der Erfahrung entsprechen, als endgültiges Bild vom Menschen will ich mich damit nicht abfinden. Denn es gibt die anderen Erfahrungen auch in diesen Tagen. Viele Menschen öffnen ihre Türen und ihre Herzen, auch dazu sind Menschen fähig. Wer Visionen im biblischen Sinne hat, verdrängt nicht die Wirklichkeit, aber er will die Fenster offen halten für die Hoffnung auf die anderen Möglichkeiten Gottes und der Menschen. Ich will mich nicht mit der Resignation vor den Mächten des Bösen zufriedengeben. Und ich stelle mir vor, wenn sich dieser Vision viele Menschen anschließen, dann wird dies auch immer wieder die Welt verändern können. Wir sollten uns von manchem die Friedenssehnsucht und die konkrete Friedensarbeit nicht lächerlich machen lassen. Biblisch sind wir in guter Gesellschaft, nicht zuletzt in der Nachfolge Jesu, der den Weg gegangen ist bis zum Kreuz. Am Ende wurde auch er als Schwächling verspottet. In einem Buch fand ich einmal im Hinblick auf den gekreuzigten Christus den Satz: Gott wollte die Welt erobern durch totale Abrüstung. Ist Gott naiv? Sicher nicht. Aber vielleicht hat er die Hoffnung auf den Menschen als sein Ebenbild und die in ihm ruhende Kraft zu Gerechtigkeit, Weisheit und Frieden auch noch nicht aufgegeben. Die prophetischen Visionen sagen auch: Mensch, vergiss und unterschätze deine Kraft zum Guten nicht. Visionen sind keine verzweifelten Versuche einer Flucht in eine Traumwelt. Vielmehr sind sie auch Selbstverpflichtungen. Wenn Gottes Welt so aussehen könnte, dann sind wir in der Verantwortung, diejenigen, die Macht haben, aber alle, die sich diesem Gott und seiner Macht verpflichtet wissen. 

Sicher, das Gesagte beantwortet so gut wie keine tagesaktuelle politisch brisante Frage konkret. Diesem Vorwurf setze ich mich aus. Aber ich sehe es als meine Aufgabe als Christ und Bischof, die Hoffnung nicht auf den Schlachtfeldern mit sterben zu lassen. Irgendwann stehen wir vor der Aufgabe zu beschreiben, wie denn unsere Welt aussehen soll. Und dann werde ich gerne an die Visionen der Propheten erinnern, die Menschen ermutigen, die Schwerter zu Pflugscharen machen, die sich mit den verschiedenen Nationen zum Festmahl treffen wollen und nicht zum Krieg. Es gab einmal in einem Schulbuch eine Karikatur, wo ein König auf einem Thron den Umstehenden einen Satz sagte: Jetzt habe ich es endlich geschafft, auch die letzte Sucht in meinem Volk zu unterbinden: die „Sehn-Sucht“. Diese Sehnsucht nach Frieden, das Bemühen um konkrete Friedensarbeit darf auch der größte Diktator nicht auslöschen. Dafür stehen für mich die großen Bilder des Glaubens. Möge Gott mit unserer Hilfe neue Anfänge schaffen, Mut und Hoffnung stärken.