Predigt von Bischof Peter Kohlgraf beim Pontifikalamt am Hochfest Allerheiligen Hoher Dom zu Mainz, Dienstag, 1. November 2022, 10 Uhr

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Datum:
Di. 1. Nov. 2022
Von:
Bischof Peter Kohlgraf

„Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen um Holz zu beschaffen und Arbeiten einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“ Dieses Zitat wird dem Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry (1900 - 1944) zugeschrieben. In diesem Gedanken steckt etwas grundlegend Richtiges, für mein persönliches Leben, aber auch im Hinblick auf das Leben der Kirche. Das Fest Allerheiligen ist wohl ein Fest dieser großen Sehnsucht, sozusagen der Schlüssel, der die innerste Motivation christlichen Lebens erklärt. 

Derzeit treten wir in die zweite Phase des pastoralen Weges ein, und in den neuen Pastoralräumen konstituieren sich die Pastoralraumkonferenzen. Dabei werden Menschen jeder Altersstufe gesucht, die sich engagieren. Und ich bin dankbar für die große Bereitschaft vor Ort, mitzudenken und mitzugestalten. Oft geht es im Sinne des Zitats darum, Männer und Frauen zu finden, die „Holz beschaffen und Arbeit übernehmen.“ Die zentrale Frage stellen wir uns allerdings in diesen Konferenzen auch, und hoffentlich auch in Zukunft immer wieder, die Frage nach dem „Warum“: Warum tun wir das alles, warum engagieren wir uns, was motiviert uns? Das kann die Sorge um die Kirche und die Gemeinde sein, das kann die Liebe zu den Menschen sein, das kann die eigene Begeisterung für den Glauben und das Evangelium sein. Wenn Sie mich fragen, ist von allem etwas dabei. Ich bin dankbar für die Kirche, bei allen „Flecken und Falten und anderen Fehlern“ (Eph 5,27), die ich natürlich wahrnehme und erleide, zum Teil trage ich Mitschuld an ihnen. Aber ohne die Glaubensgemeinschaft hätte ich den Glauben nie kennengelernt. Dazu gehören Personen, die mich überzeugt haben, Gemeinschaftserfahrungen und das Erleben der Feier des Glaubens. Ich bin, auch wenn es immer auch Phasen des Fragens und des Zweifelns gibt, überzeugt von der Kraft des Evangeliums von der Liebe Gottes, der sich in Jesus Christus offenbart hat. Ich lebe aus den Sakramenten, in denen mich Christus berührt, nährt und stärkt. Und ich versuche, die Liebe zu den Menschen aufzubringen, auch zu denen, die mich herausfordern. Aber wenn ich diese Motivationen nennen, bin ich für mich noch nicht zum eigentlichen Kern vorgedrungen. Es ist tatsächlich die Sehnsucht nach dem „weiten Meer“, nach einem ewigen Leben, das jetzt schon beginnt. 

Im Rahmen unseres Bistums-Podcasts „Lebensfragen“ habe ich kürzlich ein Gespräch geführt mit Frau Elke Büdenbender, der Ehefrau unseres Bundespräsidenten, und mit Professor Eckhard Nagel, einem Transplantationsmediziner, der sich als Arzt und im eigenen Leben intensiv mit dem Tod und der den Tod überwindenden Hoffnung auseinandergesetzt hat. Die beiden haben gemeinsam ein Buch über Tod und Sterben veröffentlicht. In unserem Gespräch tauschten wir sehr persönliche Erfahrungen mit Sterben, Tod und der Hoffnung auf ewiges Leben aus. Hier ist nicht der Ort, ins Detail zu gehen. Für mich kann ich sagen: Ich dringe erst zum Kern meines „Warum engagiere ich mich für diese Kirche?“ vor, wenn ich über meine Hoffnung auf einen Gott zu sprechen beginne, der kein Gott der Toten, sondern ein Gott der Lebenden ist. Ich bin Teil der Kirche und arbeite für sie, weil ich glaube: Sie ist nicht nur eine soziologisch fassbare Organisation, sondern eine Gemeinschaft der Kirche auf Erden und der erlösten Kirche des Himmels. Das ist für mich aufgrund meiner Lebenserfahrung mehr als ein frommes Bild. In jedem Gebet, besonders in der Feier der Eucharistie, sind wir, bin ich persönlich, verbunden mit den Menschen, die Teil meines Lebens und Teil meiner Glaubensgeschichte gewesen sind und bleiben. Wenn ich mich von dieser Kirche trennte, würde ich auch zu ihnen meine lebendige Beziehung kündigen, das ist mein Gefühl. Ich lebe von dieser Sehnsucht nach dem weiten Meer, dem Glauben an den Himmel, um es im Bild zu sagen, wohl wissend, dass ich mit menschlichen Worten nie erfassen werde, wie die Wirklichkeit dieses Himmels wirklich aussieht und für mich aussehen wird. Ich befinde mich damit in der guten Gemeinschaft des Apostels Paulus, der einmal drastisch sein „Warum“ so formuliert hat: „Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, ist auch Christus nicht auferweckt worden. Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer, leer auch euer Glaube.“ (1 Kor 15,13f.) 

Ich muss als Bischof darauf achten, dass ich bei allem Tagesgeschäft, Menschen zum „Holzbeschaffen“ und zum „Einteilen der Arbeit“ zu finden, nicht die Sehnsucht verliere nach diesem großen weiten Meer; ich muss darauf achten, dass ich nicht das „Warum“ vergesse, das im Letzten mein Motor ist, das Herzstück meines Glaubens und Arbeitens. Warum engagieren sich Menschen? Ich werbe heute für das Erwecken der Sehnsucht nach dem weiten Meer, das heutige Fest legt es uns nahe. Allein ein Gespür dafür zu entwickeln, dass es auch im kirchlichen Miteinander nicht nur um Arbeitsorganisation geht, ist lebensnotwendig, so dringlich sie ist. Denn natürlich ist die Kirche eine zusammengesetzte Größe aus Menschlichem und Himmlischen. Verdrängen wir die Frage nach dem „Warum“ nicht, warum für uns die Kirche wichtig bleibt. Und dringen wir für uns zu einem wirklichen Kern vor, zum Herz des Glaubens, der Sehnsucht nach dem weiten Meer, die im Grunde genommen die Sehnsucht nach dem lebendigen Gott ist. Dabei ist die irdische Gestalt der Kirche nicht zu ignorieren. Das betone ich ausdrücklich, weil immer wieder, auch in der Debatte um den Synodalen Weg und den Pastoralen Weg hier künstliche Gegensätze aufgemacht werden. Wir stehen heute vor der dringlichen Frage, wie die Kirche gestaltet werden muss, damit sie als Gemeinschaft der Heiligen, als Gemeinschaft der Hoffnung und Sehnsucht erfahren werden kann. 

Wir sind nicht allein im Bistum Mainz und in Deutschland auf der Suche. Papst Franziskus hat uns auf einen weltweiten Synodalen Weg gerufen. In den letzten Tagen ist das Arbeitspapier zum Weitergehen erschienen. Dabei zeigt sich, dass die Themen in Deutschland in unterschiedlicher Gewichtung Themen der gesamten Weltkirche sind. Wo Menschen ausgegrenzt werden, verurteilt, ohne ihre Lebenssituation zu kennen, wo Standesdünkel in der Kirche herrscht, wo sich die Kirche in eine gesellschaftliche und religiöse Sonderwelt zurückzieht, wo die Kirche ihren Auftrag für und mit den Armen vergisst, wird sie nicht als Hoffnungsgemeinschaft und Botin der Sehnsucht nach dem weiten Meer erlebt. Allein durch das Lernen des Katechismus entsteht noch keine Sehnsucht, erst durch glaubwürdige Menschen und eine glaubwürdige Kirche. 

Wenn wir gemeinsam in die Zukunft gehen, im Bistum, in Deutschland und in der Weltkirche, sollte es uns um zweierlei gehen: Dem und der anderen nicht die Sehnsucht nach Gott abzusprechen, und alles zu tun, immer wieder die Frage des „Warum“, der großen Sehnsucht nach dem Gott der Lebenden wachzuhalten. Heute sind wir eingeladen, uns in die große Gemeinschaft der Hoffnung und Sehnsucht nach dem weiten Meer einzureihen. Die Heiligen im Himmel begleiten uns, sie beten für uns, sie mögen uns motivieren und stärken.