Predigt von Bischof Peter Kohlgraf beim Pontifikalamt am Hochfest Auferstehung des Herrn Dom zu Mainz, Ostersonntag, 17. April 2022, 10.00 Uhr

Betende Frau im Sonnenaufgang (c) Tinnakorn | stock.adobe.com
Betende Frau im Sonnenaufgang
Datum:
So. 17. Apr. 2022
Von:
Bischof Peter Kohlgraf

Österlich werden die Klagegebete und die Bitten, das Eingestehen von Angst und Hilfslosigkeit auch dadurch, dass wir sicher sein dürfen, einen liebenden Gesprächspartner zu haben, der uns und die Welt durch diese Gebete verändern will und kann. 

Ängste überwinden, Zweifel nicht verschweigen, Hoffen gegen jede Hoffnung – das ist Ostern.

Das kirchliche Christentum in unserer Gesellschaft geht zurück – nimmt damit auch die Möglichkeit ab, Trost zu erfahren? Dieser Frage ging vor wenigen Tagen eine Buchbesprechung in einer Tageszeitung nach. Das wäre in der Tat eine besorgniserregende Entwicklung. Haben wir noch Worte des Trostes, Erfahrungen der Tröstung in diesen Zeiten, in der es so viele Verwundungen und Verwundete gibt? An Ostern will ich auch danach fragen: Welchen Trost und welche Hoffnungsperspektive kann uns dieses Fest und der Glaube an Auferweckung im Tod schenken? Wenn es die Osterbotschaft nicht schafft, uns Licht und Hoffnung zu geben, dann ist unser Glaube tatsächlich sinnlos. Denn der Glaube an einen Gott, der den Tod überwindet, der gegen jede Trostlosigkeit Leben schaffen kann, ist der Kern unseres christlichen Glaubens.

Ich freue mich in diesem Jahr besonders über dieses Fest und seine Texte. Der Theologe und Neutestamentler Thomes Söding schreibt: „Weil sie die Ängste nicht verdrängen, machen die Osterevangelien Mut. Weil sie die Zweifel nicht verschweigen, stärken sie den Glauben. Sie machen dort Hoffnung, wo alles dafür spricht, sie fahren zu lassen. Sie verkünden den Sieg über den Tod dann, wenn er definitiv der Sieger geworden zu sein scheint.“ (Thomas Söding, Anzeiger für die Seelsorge 4/2022, 5). Niemand kann übersehen: Menschen haben in diesen Zeiten Angst. Es gibt die berechtigte Angst vor Krankheit, Leiden und Tod, die durch die Pandemie sehr nahegekommen sind. Viele haben Angst, welche Folgen der brutale Krieg in der Ukraine haben wird, welche persönlichen Folgen, welche wirtschaftliche Konsequenzen. Die Bilder der zerstörten Städte und der ermordeten Menschen verfolgen nicht wenige bis in die Nacht hinein. Und vielleicht haben Menschen auch eine Ur-Angst vor dem Verschwinden und der Sinnlosigkeit.

Vor diesem Hintergrund höre ich die biblischen Texte der Kar- und Ostertage. Die Jüngerinnen und Jünger Jesu sind tatsächlich keine strahlenden Helden. Sie laufen weg, sie schließen sich ein, sie wissen nicht weiter nach dem brutalen Tod ihres Freundes und Meisters. Und sie fürchten natürlich auch um ihr eigenes Leben. Es macht die Evangelien umso glaubwürdiger, als sie kein Heldenepos erzählen, sondern die nackte Angst der Menschen damals benennen. Auch der österliche Mensch darf, ja muss sich seinen Ängsten stellen. Gott verlangt nicht, dass wir zu Helden werden. Wir erleben in den Texten aber auch, wie diese ängstlichen Menschen von außen angesprochen werden. Der Auferstandene zeigt sich ihnen, er spricht mit ihnen, er öffnet Türen und Mauern. 
Immer wieder berichten die Texte davon, dass diese Jüngerinnen und Jünger in den ersten Gemeinden sich zum Gebet versammeln. Zu diesen Gebeten gehörten ganz sicher die biblischen Psalmen. In ihnen wird das ganze Leben ausgesprochen. Dazu gehören Lob und Dank für das Leben und die Erfahrungen von Rettung. Zu ihnen gehören aber auch die Klage und der Schrei, die Frage, wie es weitergehen könne. Dazu gehören die Fragen, warum in der Welt die Gewalttätigen so mächtig sind, während Gott weit weg zu sein scheint. Zu ihnen gehört aber auch die Erfahrung des Vertrauens, das nicht enttäuscht wird, weil Gott treu ist. Und in unübertroffener Weise ist die Auferweckung Jesu durch seinen Vater der beste Beweis für seine Treue und seine alle Angst überwindende Macht. 
Wenn wir Ostern feiern und beten, dann können wir alle diese Themen mitnehmen.

Österlich werden die Klagegebete und die Bitten, das Eingestehen von Angst und Hilfslosigkeit auch dadurch, dass wir sicher sein dürfen, einen liebenden Gesprächspartner zu haben, der uns und die Welt durch diese Gebete verändern will und kann. Wenn sie allein bewirken, dass wir uns nicht mutlos vergraben, sondern Sicherheit gewinnen, mit Gottes Hilfe etwas zum Guten verändern zu können, dann haben sich auch für uns die Türen zu neuem Leben aufgetan. Das ist für mich eine unverzichtbare Zukunftsperspektive und ein echter Trost gerade in diesen Zeiten.

Die Ostertexte verschweigen den Zweifel nicht. Am kommenden Sonntag hören wir vom Zweifler Thomas, und auch andere brauchen Zeit, anfanghaft zu erfassen, was da an diesem ersten Tag der Woche geschehen ist. Nicht erst die Bilder dieser Tage, sondern die vielen Todeserfahrungen auch in meinem Leben, lassen meinen Glauben nicht unberührt. Ich kann dem Zweifel nachgeben und endgültig beschließen: Es gibt keinen Gott. Aber was wäre, wenn es doch stimmt? Thomas erinnert manchen Atheisten daran, dass es gut sein kann, die Tür der Hoffnung offen zu lassen. Setze nicht zu schnell dein Urteil als Maßstab. Der Autor Tomas Halik hat einmal geschrieben, wie nahe er sich als Priester oft den Atheisten fühlt: Gott ist oft so fern, Gott schweigt, der Tod scheint zu siegen. Und diese Erfahrung bedrängt auch den glaubenden Christen. Was den Priester Halik von Atheisten unterscheidet, so sagt er selbst, ist die Geduld und die Hoffnung. Er ist nicht fertig mit dem Geheimnis Gottes, er trägt das Geheimnis Gottes mit sich. Wenn Gott beweisbar wäre, wäre er nicht Gott, dann wäre er menschliches Konstrukt. Der bewusste Atheist aber hat sich endgültig entschieden. Habe Geduld, die Frage offen zu halten. Wenn es Gott gibt, wenn Christus auferstanden ist, dann ist es doch auch für dich eine wunderbare Perspektive. Und was verlierst du, wenn du das Geheimnis offenlässt und nicht vorschnell beantwortest?

Thomas ist auch für die glaubenden Menschen wichtig. Es gibt eine Form von Katholizismus, der mir eher Angst als Freude bereitet. Ich begegne manchmal Menschen, denen ist alles klar. Die wissen genau, was Gott will. Die wissen genau, wie es im Himmel aussieht. Sie haben ganz klare Urteile in den entscheidenden Fragen des Lebens. Sie wissen genau, wer ein schwerer Sünder ist. Manchmal wünschte ich ihnen die Erfahrung des Thomas. Dass der Zweifel auch bedeuten kann, seine eigenen Sicherheiten einmal in Frage zu stellen. Der Zweifel, so schmerzlich er ist, er ist möglicherweise ein wichtiger Schritt zu einem österlichen Glauben. Denn wer so sicher ist, verliert oft jedes Mitgefühl für die Suche des anderen. Das kann nicht der Glaube sein, den Jesus mitgibt als Hoffnung, als Leben in Fülle.

Die Ostertexte stehen für eine Hoffnung gegen alle Hoffnung. Der Tod ist endgültig. Das Evangelium ist hier ebenfalls ganz eindeutig: ein großer, schwerer Stein Stein verschließt das Grab, Jesus soll einbalsamiert werden. Die frühesten Glaubensbekenntnisse betonen eigens: Jesus ist gestorben, begraben. Gerade der Evangelist Matthäus verstärkt dies noch. Da stehen Wächter vor dem Grab: der Tote soll im Grab bleiben, das Grab endgültig. Man hat diesen Jesus getötet, und damit hat es sich. Endgültiger, hoffnungsloser geht es nicht mehr.

Die Frauen finden das Grab aber leer. Alle Versuche, Jesus und seine frohe Botschaft einzuschließen und zu beenden, funktionieren nicht. Zunächst löst dies bei den Frauen Staunen, Fragen, Zweifel und Tränen aus: Das leere Grab allein beweist noch nichts. Und dennoch taucht eine erste Ahnung auf. Das Grab ist nicht mehr der Ort, an dem jede Hoffnung stirbt.

Es gibt Situationen im Leben, wo in denen sich zunächst keine Zukunft auftat. Trauer, Ratlosigkeit, Fragen, gehören auch zum Leben als glaubender Mensch. Und dann schickt uns das Evangelium auf einen Weg: Bleibt nicht am Grab stehen. Die Jüngerinnen und Jünger Jesu werden losgeschickt. Das Grab wird zum Ort der Hoffnung und zum Ort der Sendung.

Ängste überwinden, Zweifel nicht verschweigen, Hoffen gegen jede Hoffnung – das ist Ostern. Ich kann nicht beurteilen, ob unsere Gesellschaft immer mutloser wird. Christinnen und Christen sollten jedoch die Menschen sein, die so leben, dass andere sie nach ihrer Hoffnung fragen.