Predigt von Bischof Peter Kohlgraf beim Pontifikalamt anlässlich der Priesterweihe 2022 Hoher Dom zu Mainz, Samstag, 16.07.2022, 9.30 Uhr

RT8A0013-R (c) Bistum Mainz
RT8A0013-R
Datum:
Sa. 16. Juli 2022
Von:
Bischof Peter Kohlgraf

Lieber Weihekandidat Moritz Gerlach, liebe Festgemeinde, als Bischof bin ich sehr dankbar für diesen Blick auf das Wesentliche des christlichen Glaubens, ja für den Blick auf „den“ Wesentlichen, ohne den wir nicht Kirche sein können, ohne den unser christliches Leben auf Äußerlichkeiten reduziert wird.

Es soll daher in dieser Feier nicht darum gehen, den Weihekandidaten groß zu machen, sondern mit ihm gemeinsam den Blick auf Christus zu richten, ohne den keine Berufung und kein Stand in der Kirche sinnvoll gelebt werden kann. Ganz im Gegenteil machen wir uns nicht künstlich groß, sondern wir liegen vor ihm wie der Kandidat vor der Weihe, weil wir alles von Christus erhoffen und erwarten. Er sendet ihn, er sendet jeden und jede einzelne in seiner Nachfolge. Der priesterliche Dienst möge das Bewusstsein des lebendigen Christus wachhalten für die anderen und mit ihnen. Denn es gibt eine Gefahr in den kirchlichen Vollzügen: Wir können so über Jesus reden, dass die Luft „jesusfrei“ bleibt[1]. Man kann so über ihn reden, wie wir über eine Person der Zeitgeschichte diskutieren, wie manche über Papst und Bischof diskutieren, die ihnen insgesamt aber reichlich fremd und fern bleiben.

Die Gefahr des „verfälschten Jesus“. Vor 25 Jahren erschien ein Buch mit genau diesem Titel. Der Untertitel ist: Eine Kritik moderner Jesusbilder. Die Beispiele, die der Autor damals nannte, müssten im Blick auf die letzten Jahrzehnte erheblich erweitert werden. Er spricht bestimmten Aktualisierungen des Zugangs zur Botschaft Jesu keineswegs die Berechtigung ab, warnt jedoch davor, die Botschaft Jesu engzuführen und im Letzten nur die Bestätigung der eigenen Position bei ihm zu suchen. Das waren damals einseitig feministische Ansätze, genauso wie die Gleichsetzung der Wirklichkeit Jesu mit dogmatischen Formeln, das konnte ein bestimmtes Männerbild wie auch eine tagesaktuelle (partei-)politische Position sein, für die man Jesu Botschaft gut benutzen konnte. Heutige Strukturen der Kirche mit Satzteilen aus dem Neuen Testament zu verewigen oder die Reduzierung auf Liebe und Gemeinschaft wird seiner Botschaft ebenso wenig gerecht wie die Einordnung Jesu in die Reihe anderer großer Religionsstifter. Jeder, der sich mit Jesus beschäftigt, muss sich der Versuchung gewahr sein, sich nicht dem großen Anspruch Jesu zu unterstellen, sondern Jesus seinem eigenen Denken und Meinen gefügig zu machen. Ich werde immer stutzig, wenn mir jemand in einer Diskussion genau sagen kann, was denn Jesus an meiner Stelle gemacht hätte. In genau dieser Situation sind die Menschen, mit denen Jesus sich im Evangelium auseinandersetzen muss. Sie suchen einen Wundertäter, der ihnen Brot gibt, dass sie sich nicht mehr anzustrengen brauchen. Er soll ihnen Brot geben, aber damit soll es auch genug sein. Einen Anspruch wollen sie nicht hören, er soll für sie da sein, für ihr Interesse, nicht sie für seinen Anspruch. So hat man Jesus immer wieder kräftig verfälscht, und wir tendieren dazu bis heute. Glaube erschöpft sich nicht darin, etwas von diesem Jesus zu erwarten, und ihn in meinen Erwartungshorizont hineinzupassen.

Ich bleibe beim Äußeren stehen, wenn ich nicht nach ihm persönlich frage, sondern nach „Etwas“. Das gesamte Neue Testament ist eigentlich nichts anderes als ein Ringen glaubender Menschen um die Frage, wer denn dieser Jesus für das eigene Leben und das Leben der Kirche sein könne. Es macht den Glauben an ihn so lebendig und spannend, dass es keine einfache und präzise formelhafte Antwort gibt. Ja, er ist der Sohn Gottes, er hat gelitten, ist gestorben und von den Toten auferstanden. Wie diese Nähe erlebt wird, wie jemand darauf antworten kann, zeigt sich in vier Evangelien und den zahlreichen Geschichten, in der Apostelgeschichte, in den zahlreichen Briefen und auch kirchlichen Konflikten und Erfahrungen, die sich in den Schriften abbilden. Diese Texte beginnen dann ihre Wirkung zu entfalten, wenn sie Menschen befähigen, ihre eigene Glaubensantwort und die je eigene konkrete Form der Nachfolge zu entfalten. Die biblischen Texte wollen weniger Wissen vermitteln als Antworten provozieren. Wenn wir heute Jesu Verheißung hören, Brot des Lebens zu sein, werden wir uns positionieren müssen: wer ist unsere Nahrung, wer ist unser Leben, von wem erwarten wir Leben in Ewigkeit? Und so wie wir im Alltag gezeichnet sind von dem, was wir essen, bleibt auch er als unsere Nahrung nicht folgenlos. Der Evangelist Johannes beschreibt dieses „Sein“ in ihm als Freundschaft, als Leben in Fülle, als Auferstehung. Auch Paulus lebt ganz in ihm, Christus prägt sein Denken und Handeln. Ich gestehe, dass mir dieser Kern des Glaubens in den Debatten in der Kirche und um die Kirche zu kurz kommt, und zwar existenzbedrohend kurz. Wir können über alles diskutieren und streiten, wir können agieren, machen und schaffen und bleiben doch in einem Raum, in dem die Luft jesusfrei wird. Wenn mich jemand fragt, woran ich in der Kirche leide, dann bin zunächst einmal ich selbst daran beteiligt, dass ich zu oft mich auf das Glatteis der Äußerlichkeiten führen lasse und dann dort gerne verweile. Und ich nehme wahr, dass wir es nicht schaffen, Christus in die Mitte zu holen und ihn zu Wort kommen zu lassen. Vielleicht schaffen wir es irgendwann einmal wieder, dass sich die Menschen an der Botschaft reiben und nicht am Boten. Das wäre mein großer Wunsch für die Zukunft. Denn die Botschaft ruft zur Positionierung, zur Nachfolge, ja, auch zur Ablehnung und zur Suche, sie besser zu verstehen und ins Leben zu übersetzen. Ich will neu verstehen lernen, was das Johannesevangelium unter Glaube versteht, sich von Gott bewegen und ziehen zu lassen (Ludger Schenke).

Jesus war und bleibt hoffentlich immer auch der schwierige Jesus, mit dessen Anspruch und Botschaft wir nicht fertig werden. Seine Lebenshingabe, die wir in der Brotsgestalt feiern und annehmen, lädt nicht zur kirchlichen und persönlichen Gemütlichkeit ein. Zum schwierigen Jesus gehört auch, dass wir uns von ihm das Leben schwermachen lassen sollen[2]. Diese Tage las ich in einer Zeitung einen Kommentar über die zunehmend schwierige Situation armer Menschen in unserem Land. Neben den steigenden Lebenshaltungskosten wird der gesellschaftliche Ausschluss immer dramatischer. Besonders Kinder und Jugendliche sind davon dauerhaft betroffen. Gesellschaftlich relevante Gruppen sind mindestens in der bürgerlichen Mittelschicht verankert. Das gilt übrigens auch für die Milieus, die wir als Kirche erreichen. Natürlich ist ihr Engagement wertzuschätzen. Ohne sie könnten wir nicht Kirche sein. Aber wie würde manche und mancher reagieren, wenn wir unseren Schwerpunkt mehr auf die Menschen am Rande richten würden, wie wir es gerne theoretisch für uns beanspruchen. Könnten wir das sich verändernde Kirchenbild bejahen, Abschied nehmen von bestimmten Ansprüchen an die „da oben“ in der Kirche? Ich gebe zu, von den derzeit geltenden Schwerpunktsetzungen auch in unserem Bistum bin ich noch nicht restlos überzeugt. Es ist ein Ringen und es muss ein Ringen geben, was es heißt, die Geschichte der Kirche auch immer als eine Geschichte der Schwierigkeiten zu sehen, die Jesus Menschen machen kann, die ihn ernst nehmen. Vielleicht heißt der Pastorale Weg auch, sich von Jesus Schwierigkeiten machen zu lassen und bewährte und neue Räume zu gestalten, die nicht jesusfrei sind.

Lieber Weihekandidat, liebe Festgemeinde, wohin sollen wir gehen? Ich kann Ihnen heute keine andere Alternative als Jesus Christus anbieten, und zwar nicht irgendetwas von ihm, sondern ihn selbst. Ich ermutige Sie zur Kritik, wo wir Jesus für die eigenen Zwecken verfälschen. Ich ermutige uns alle, sich den Schwierigkeiten nicht zu entziehen, die Jesus machen kann, den Fragen nicht auszuweichen, die er stellen wird. Und ich danke Ihnen, dass Sie Ihre persönliche Glaubensantwort geben, sich von ihm bewegen und ziehen zu lassen.

 

[1] Gottfried Bachl, Der schwierige Jesus, Innsbruck-Wien ² 1996, S.9.

[2] Ebd. 9-16.