Predigt von Bischof Peter Kohlgraf im Festgottesdienst „75 Jahre Institut für Kirchenmusik Mainz“ Hoher Dom zu Mainz, Samstag, 17. September 2022, 18.00 Uhr

RT8A0090-R-HG-03 (c) Bistum Mainz
RT8A0090-R-HG-03
Datum:
Sa. 17. Sep. 2022
Von:
Bischof Peter Kohlgraf

Es soll nicht pathetisch klingen, wenn ich sage: Ehrenamtliches Engagement in der Kirche kann eine solche persönliche Antwort auf diese Frage sein. „Herr, du weißt, dass ich dich liebe.“ Die Musik kann ein persönlicher Ausdruck dieser Liebe und Sympathie sein, ohne dass wir viele Worte machen müssen.

Musik führt nicht ins Museum, sondern weckt lebendigen Glauben und ist sein Ausdruck.

75 Jahre Institut für Kirchenmusik ist ein guter Grund zum Danken. Wie viele Menschen haben hier Freude und Begeisterung weitergegeben? Ich selbst freue mich immer wieder auf Begegnungen und Erfahrungen mit Musik in der Kirche. Kirchenmusik ist mehr als eine Untermalung unserer Liturgie oder ein bloßer Lückenfüller. Die Liturgiekonstitution des II. Vatikanischen Konzils nennt die Kirchenmusik einen notwendigen Bestandteil der Liturgie. Sie ist selbst Verkündigung, nicht Untermalung. Die Kirchenmusikerinnen und –musiker haben so einen pastoralen Auftrag, die katholische Kirchenmusik und auch Chöre tun einen wichtigen liturgischen Dienst. Kirchenmusik bringt unser Gebet inniger zum Ausdruck und fördert, so das Konzil, unsere Einmütigkeit. Sie dient der Ehre Gottes und der Heiligung der Gläubigen. Die katholische Kirchenmusik führt Menschen zusammen, sie engagieren sich. Kirchenmusik stiftet Gemeinschaft und bringt Glanz und Farbe in die Gottesdienste. Neben der Geselligkeit in der Gruppe und der Freude am Musizieren erinnere ich gerne an dieses zentrale Anliegen der Kirchenmusik.

Viele Menschen, die sich heute in der Kirche engagieren – auch in der Kirchenmusik –, tun es auch für Christus, für den Auferstandenen, als Dank für das Leben, aus Freude am Leben. Leben ist für uns mehr als das biologische Funktionieren. Zum Leben gehört für mich die Hoffnung auf Ewigkeit, das Wissen darum, dass Christus mich liebt. In den vielen Diskussionen unserer Tage und den zahlreichen Problemen und Fragen an die Kirche heute lassen wir uns in der Feier der Eucharistie an den Ursprung der Kirche erinnern. Die Jüngerinnen und Jünger haben die unglaubliche Erfahrung gemacht, dass Christus, der Gekreuzigte, lebt, dass das Leben den Tod besiegt. Am Anfang der Kirche, zu der wir gehören, steht die Begeisterung. Diese Erfahrung des Sieges über den Tod muss man weitergeben. Und die Frage: „Liebst Du mich?“, die der auferstandene Jesus an Petrus richtet, richtet sich an alle Glaubenden durch alle Zeiten hindurch. An einer persönlichen Antwort auf diese Frage Jesu dürfen wir uns nicht herumdrücken. Es soll nicht pathetisch klingen, wenn ich sage: Ehrenamtliches Engagement in der Kirche kann eine solche persönliche Antwort auf diese Frage sein. „Herr, du weißt, dass ich dich liebe.“ Die Musik kann ein persönlicher Ausdruck dieser Liebe und Sympathie sein, ohne dass wir viele Worte machen müssen. Warum sollte man sich heute in der Kirche engagieren? Mir scheint eine derartige religiöse Motivation von entscheidender Bedeutung zu sein. Wir feiern unsere Quellen des Glaubens, Christus selbst, der Weg, Wahrheit und Leben in Fülle ist. Paulus vergleicht die Gemeinde wiederholt mit einem Leib. Jeder und jede ist eingeladen, an der Vielfalt dieses Leibes mitzuarbeiten und das eigene Charisma und Talent einzubringen. Die einzelnen Glieder sollten sich vom Haupt bestimmen lassen, das Christus ist. Der Glaube an ihn sollte die stärkste Motivation sein, sich zu engagieren.

Kann ich wirklich Christus lieben, wenn ich nicht auch die Kirche liebe, die sein Leib ist? Wenn Christus für die Kirche aus Liebe sein Leben gegeben hat, weil sie nicht vollkommen ist, darf ich dann die Kirche verachten, weil sie aus Sündern besteht? In den vergangenen Tagen ist viel Erschütterung über die Situation bei der IV. Synodalversammlung in Frankfurt geäußert worden. Menschen fühlen sich tief verletzt, das war eine Erfahrung. Aber: Kann ich fruchtbar Christ sein, und gleichzeitig sagen, Mit dieser Kirche will ich nichts zu tun haben, weil sie so zerschunden ist und wirklich nur unvollkommen die Gegenwart Gottes wiederspiegelt? In der Kirche sind Menschen unterwegs, die mit ihrem ganzen Leben für die Wahrheit des Evangeliums einstehen und die bezeugen, dass der Geist Gottes auch heute in der Kirche lebt. Die Jünger sind im Auftrag und in der Kraft des Geistes unterwegs. Dieser Geist führt Menschen aller Nationen und Gruppen zu einer glaubenden Gemeinschaft zusammen. Das ist das Wirken des Geistes. In einer Welt, in der Religionen mehr Spaltung und Unfreiheit brachten, war es immer wieder auch die Kirche, die global alle Menschen zu einer großen Gemeinschaft zusammenführte. Der eine Glaube führte sie zusammen und war ein starkes, tiefes Fundament der Gemeinschaft. Viele Generationen vor uns haben diesen Glauben gelebt und bezeugt. Nur weil es diese Kirche gab und gibt, habe ich den liebenden Gott kennengelernt. Nur in der Kirche begegne ich dem Auferstandenen Christus in den Sakramenten. Nur in der Kirche habe ich eine weltweite Heimat, egal, wo ich hinkomme, finde ich Gemeinden, die mir Zuhause sein können. Wer Christ ist, ist eigentlich nirgends ein Fremder.

Natürlich ist dies nicht immer ideal verwirklicht, aber im Prinzip stimmt es und viele können davon berichten. Weil der Geist Gottes in der Kirche atmet, bleibe ich Glied der Kirche. Sicher engagieren sich Menschen nicht für eine abstrakte Kirche, es geht ihnen um die Gemeinde und ihre Kirche vor Ort. Sie ahnen, dass der Ort ärmer wird, wenn es keine lebendige Gemeinde mehr gibt, die den Glauben in Tat und Wort bezeugt. Auch für den künftigen pastoralen Weg im Bistum Mainz erhoffe ich mir, dass Kirche vor Ort lebendig bleibt. Hier leisten auch die Menschen, die sich für die Kirchenmusik engagieren, einen wichtigen Dienst für die Menschen, den Glauben und die Kultur vor Ort.

Die Liebe zur Gemeinde und zu anderen Orten von Kirche, die Teil einer großen Weltkirche ist, kann eine starke Motivation zum Engagement sein. Das Buch des Sozialphilosophen Hans Joas „Warum Kirche?“ (2022) ist sehr lesenswert. Wozu bedarf es der Kirche?, lautet der Titel: Die Ideale des Christentums können dauerhaft nicht von Einzelnen bewahrt werden, sondern hierzu bedarf es einer Organisation bzw. Institution. Insofern wertet er die Institutionen des Christentums als einen Versuch, die Ideale des Glaubens gegen und in einer Welt zu bewahren, die die Verwirklichung dieser Ideale schwierig macht (S. 36 u. 46). Anders gesagt: Es braucht die Kirche als eine institutionalisierte Form des Christentums, damit dessen Ideale auch in künftigen Epochen nicht in Vergessenheit geraten. Das heißt nicht, dass (im Unterschied zu einer Sekte) die Mitglieder der Kirche diese Ideale auch hundertprozentig zu leben beanspruchen, aber ihnen ist es wichtig, dass sie dauerhaft im Bewusstsein bleiben[1]. Kirchenmusik ist ein wichtiges Instrument, den Glauben dynamisch und lebendig zu erhalten. Musik führt nicht ins Museum, sondern weckt lebendigen Glauben und ist sein Ausdruck.

Wer sich heute, gerade auch musikalisch, engagiert, wird es auch für sich selbst tun: weil es Freude macht, weil jemand die Gemeinschaft sucht, weil Musik und gerade das gemeinsame Musizieren Zufriedenheit schenkt. Vielleicht kann die Musik für manchen auch zu seiner Form des Gebetes werden. Wenn es eine „Freude am Evangelium“ (Papst Franziskus) gibt, ist die Musik eine hervorragende Ausdrucksmöglichkeit dieser Freude.

Ich danke allen, die sich hier engagieren, gerade auch in der Musik. In den Psalmen der Bibel finden sich viele Aufforderungen, Gott zu singen und zu spielen. Mögen viele Menschen einen Zugang zur Freude des Glaubens finden, auch durch die Menschen, die sich in der Kirchenmusik einbringen.

 

[1] Den Hinweis verdanke ich Prof. Dr. Philipp Müller.