„Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20b)

Predigt von Bischof Peter Kohlgraf bei der Sendungsfeier der Pastoralreferentinnen Anna-Katharina Poppe, Dr. Stefanie Priester (geb. Völkl) und des Pastoralreferenten Andreas Baaden Hoher Dom zu Mainz, 7.9.2019, 10.00 Uhr

Predigt Kohlgraf Sendungsfeier Pastoralreferent inn en 2019 (c) Bistum Mainz
Predigt Kohlgraf Sendungsfeier Pastoralreferent inn en 2019
Fr 6. Sep 2019
Bischof Peter Kohlgraf

Predigt von Bischof Peter Kohlgraf bei der Sendungsfeier der Pastoralreferentinnen Anna-Katharina Poppe, Dr. Stefanie Priester (geb. Völkl) und des Pastoralreferenten Andreas Baaden Hoher Dom zu Mainz, 7.9.2019, 10.00 Uhr

 

Liebe Frau Poppe, liebe Frau Dr. Priester, lieber Herr Baaden,

für einen Sendungsgottesdienst in den Dienst der Pastoralreferentin und des Pastoralreferenten gibt es wohl kaum einen schöneren und ermutigenderen Text als das Ende des Matthäusevangeliums (Mt 28,16-20). Jesus lebt, er ist auferstanden. Diese Erfahrung durfte das kleine Häuflein der Jüngerinnen und Jünger Jesu machen. Jesus und seine Botschaft vom Reich Gottes in dieser Welt ist nicht totzukriegen.

 

„Macht alle Völker zu meinen Jüngern“

Sie dürfen erfahren, dass sie ihr Leben auf den Richtigen gesetzt haben, auf den Herrn über Leben und Tod, den Sohn Gottes. Wenn diese Botschaft stimmt, dann sind die Kirche und ihre Menschen bis heute mit einer untrüglichen Hoffnung und Zukunft unterwegs. „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“, wir sollten in den vielen Herausforderungen der Kirche und des persönlichen Glaubens dieses Versprechen nie vergessen. Es ist das Versprechen des „treuen Zeugen“, der nicht täuschen kann. Ich will dieses Versprechen des Auferstandenen auch für unsere Kirche im Jahr 2019 ernst nehmen. Er geht weiter mit, er hat uns nicht verlassen. Sicher sind die Zeiten für uns schwierig, viele Themen und Probleme überlagern die Hoffnung. Wenn wir aber seine Kirche sind, dann werden sich Wege finden, das Evangelium zum Strahlen zu bringen, eben darum, weil nicht wir das Licht sind, sondern er selbst, den wir bezeugen sollen.

In der Kirche in Deutschland haben sich die Bischöfe und andere Gläubige entschieden, einen sogenannten „synodalen Weg“ zu gehen. Sie haben diese Entscheidung nicht aus Lust getroffen, sondern vor dem Hintergrund schlimmer Verbrechen in ihren Reihen. Papst Franziskus hat in einem Brief an die Katholiken in Deutschland vom 29.06.2019 an den Vorrang der Evangelisierung erinnert, die nur in Einheit mit der Weltkirche geschehen kann. Damit stellt der Papst den kirchlichen Kernauftrag, den auch das heutige Evangelium thematisiert, in den Mittelpunkt: „Macht alle Völker zu meinen Jüngern“, sagt Jesus, der Auferstandene. Es ist gut, dass wir an diesen letzten Auftrag des Herrn erinnert werden. Allerdings ist in den Debatten der letzten Zeit nicht zu überhören, dass unterschiedliche Auffassungen im Raum stehen zu der Frage, was denn Evangelisierung bedeute. Erlauben Sie mir eine mögliche Überzeichnung.

„Jünger machen“ – diesen Missionsauftrag setzen manche gleich mit wirksamer Belehrung. Dahinter steckt ein bestimmtes Kirchenbild. Die Kirche und eine bestimmte Gruppe von Gläubigen seien im Besitz einer Wahrheit, die an andere weitergegeben werden müsse. Die Menschen müssten sich dann entscheiden, ob sie diese Wahrheit annähmen oder nicht. Es ist eine Kommunikation von oben nach unten, ein Kennenlernen bzw. Vermitteln richtiger Inhalte. Niemand bestreitet, dass der Glaube klare Bekenntnisinhalte benötigt, die die Kirche kommunizieren muss. Von einer kirchlichen Selbstkritik ist aber insgesamt nicht vernehmbar die Rede. Man meint auch ein Bild einer Kirche wahrzunehmen, die erst durch Pluralität und Dialog in eine Problemzone gekommen sei. Es gibt Stimmen, die in den kommenden geplanten Gesprächen das Potential der Spaltung erkennen. Tatsächlich sind viele Fronten verhärtet. Dennoch sind, so meine ich, nicht die Gespräche an sich spalterisch, sondern die Meinung, man könne Gespräche unterbinden. Das wird nicht mehr funktionieren. Spaltung haben in die Kirche nicht Gespräche gebracht, sondern die Verbrechen, die Vertuschung, unmögliches Machtgebaren und der mangelnde Wille, sich der eigenen Realität zu stellen, und die Meinung, man wisse schon immer, was für andere gut und richtig sei. Daher kann man in päpstlichen Verlautbarungen von Papst Paul VI. bis zu Papst Franziskus eine weitere, viel größere und überzeugendere Idee von Evangelisierung finden. Bevor die Kirche zu den Menschen gesandt wird, muss sie sich selbst evangelisieren. Sie muss nach glaubwürdigen Lebensvollzügen, nach glaubwürdigem Miteinander suchen. Die Kirche ist selbst der Reinigung bedürftig, bevor sie meint, andere belehren zu sollen. In dieser Idee von Evangelisierung setzt sich die Kirche einem Gespräch mit der Welt und ihren Themen aus, ohne alles für gut zu befinden, aber sie bringt die Offenheit dafür mit, dass Christus schon bei den Menschen sein kann, bevor sie als Missionarin kommt. Evangelisierung geht nicht ohne das Hören auf Gottes Wort und ohne den Blick in die Lebenswelt der Menschen. „Jünger machen“ – heißt dann, den Glauben an Christus anzubieten und mit den Menschen in die Lebensschule Jesu zu gehen, in der alle Lernende bleiben. Dann ist Evangelisierung eben auch nicht allein das Kennenlernen christlicher Glaubensinhalte, sondern das Tun des Evangeliums – Orthodoxie und Orthopraxie als Einheit. In diesem Konzept von Evangelisierung sind alle Akteure, niemand bleibt passiv. Es gibt nicht klar definierte Sender und Empfänger, sondern Menschen auf gemeinsamen Wegen. Daher können die Wege in die Zukunft nur synodal sein, in glaubender Gemeinschaft und gemeinsamer Suche, im Beten und im Hören aufeinander gegangen werden. Sie, liebe Kandidatinnen, lieber Kandidat für die Sendung in den kirchlichen Dienst, dürfen an diesem anspruchsvollen Evangelisierungsprojekt mitmachen. Das natürlich mit Petrus und unter Petrus, denn das Gespräch muss auch mit der Weltkirche geführt werden, und natürlich auch mit den Menschen, die vor uns geglaubt haben. Das macht die Suchbewegungen durchaus spannungsreich. Wir erfinden keine Nationalkirche und keine neue Kirche des 21. Jahrhunderts, aber wir sind eben auch kein Museum, in dem wir schöne Erinnerungsstücke der Vergangenheit aufbewahren wollen und nur ab und zu abstauben. Ja, Jesus sendet zur Evangelisierung, indem er ermutigt, in seinem Geist das Evangelium, seine Gegenwart immer glaubwürdiger zu leben und zu bezeugen. Da wir das Evangelium und den Glauben der Kirche in Händen halten, tappen wir nicht im Nebel. Aber wir werden auch nicht auftreten als diejenigen, die Christus besitzen und über ihn verfügen. Ich bin froh, Sie als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an meiner Seite zu wissen.

Ich spüre viel Ängstlichkeit, auch bei mir. Der pastorale Weg des Bistums ist ja ebenfalls nicht nebenbei zu gestalten. Auch hier sehe ich den Primat der Evangelisierung. Erste Rückmeldungen zeigen unterschiedliches: Es gibt viele Strukturdebatten, aber ich nehme auch wahr, dass Menschen sich den geistlichen Fragen zuwenden. Menschen gehen der Frage nach, was uns motiviert, für welche Botschaft und für welchen Herrn wir unterwegs sind. Sie fragen nach den Menschen, denen wir uns als Gesprächspartner anbieten. Es wird gebetet und nach den Fundamenten gesucht. In dieser Suche will ich alle unterstützen. Werden Sie kreativ, geistliche Schritte zu gehen. In diesen Bemühungen werden wir, da bin ich sicher, dem Auferstandenen auf die Spur kommen. Es ist jedoch eine alte Irrlehre, wenn das geistliche Bemühen meint, ohne konkrete Konsequenzen in den Lebensformen bleiben zu können. Daher suchen wir geistlich nach den passenden Strukturen und Lebensformen, und wir versuchen die Strukturen so zu gestalten, dass der Geist wehen kann. Christi Sendungsauftrag bleibt. Und in der Ängstlichkeit und mancher Verzagtheit höre ich, dürfen Sie hören, sein Versprechen: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ Nehmen Sie, liebe Kandidatinnen, lieber Kandidat, dieses Versprechen mit. Ermutigen Sie die Gläubigen und alle Menschen, denen Sie begegnen. Wir bleiben seine Kirche, mit allen Spannungen und tastenden Versuchen, mit allen Menschlichkeiten und Schwächen. Es bleibt seine Kirche, daher gebe ich die Hoffnung nicht auf. Ich wünsche Ihnen allen und allen Menschen in der Diözese, dass wir diese Stimme immer wieder hören, ihr glauben und auf sie vertrauen. Den drei zu Sendenden Gottes Segen.