Weihnachtsbrief des Bischofs

Ein Stern am Weg (c) Anette Schermuly
Ein Stern am Weg
Datum:
Do. 24. Nov. 2022
Von:
Bischof Peter Kohlgraf

Bei allen Fragen und Schwierigkeiten werden wir erneut ins Zentrum unseres christlichen Glaubens geführt. Gott sind die Probleme der Menschen nicht gleichgültig. Er bietet uns nicht einfache Lösungen an, er bietet sich selbst an. Diesen Gedanken will ich stark machen.

Liebe Schwestern und Brüder, sehr herzlich grüße ich Sie zur Advents- und Weihnachtszeit

Gerade in diesen Zeiten brauchen wir ermutigende Botschaften. Gott selbst schenkt durch seine Botinnen und Boten Hoffnung in dunklen Zeiten. In der Christmette werden wir wieder die Botschaft des Propheten Jesaja hören: „Das Volk, das in der Finsternis ging, sah ein helles Licht; über denen die im Land des Todesschattens wohnten, strahlte ein Licht auf.“ (Jes 9,1). Er verheißt einen großen Frieden, der sich mit der Geburt eines Kindes verbindet. Jesaja schreibt diesen Text nicht in guten Zeiten, das wird deutlich. Da gibt es blutbefleckte Mäntel, dröhnende Stiefel und ein drückendes Joch. Für viele Menschen war und ist dies Realität, die die biblische Offenbarung nicht ausklammert, aber verwandeln will, indem sie Licht hineinstrahlt. Das neugeborene Kind ist Friedensfürst und unwiderrufliche Zusage Gottes an eine von ihm geliebte Welt, trotz der menschengemachten Dunkelheiten und Sorgen im Großen wie im Kleinen. Heute und an allen Tagen werden wir dieses Licht geschenkt bekommen.

Diese Sicherheit trägt mich und viele andere Menschen.

Diese biblischen Hoffnungsbotschaften lese ich in diesem Jahr mit besonderer Aufmerksamkeit. Neben persönlichen „Freuden und Hoffnungen, Trauer und Ängsten“ (Gaudium et spes 1) schaue ich als Bischof auch auf diese Themen der Kirche im Bistum Mainz, in Deutschland und weltweit. Beginnen will ich mit freudvollen Erfahrungen. Wie viele Menschen engagieren sich in der Kirche in den unterschiedlichen Feldern für andere und für unsere Gesellschaft! Für mich als Bischof gab es in diesem Jahr zahlreiche gute Begegnungen mit Menschen unterschiedlicher Altersstufen, die sich bewusst für den Glauben an Christus entscheiden. Von diesen Begegnungen lebe ich auch, wie viele Haupt- und Ehrenamtliche. Ich erfahre gelingende Gemeinschaft auf vielen Ebenen. Dafür sage ich einen herzlichen Dank.

 

Die „Großwetterlage“ der Kirche ist allerorten zu spüren.

Allerdings: Mich lassen auch in diesen Tagen um Weihnachten die vielen Herausforderungen nicht los, vor denen die Kirche steht. Seit 2018 bewegen uns in der Kirche in Deutschland die Ergebnisse und Folgen der MHG-Studie zum sexuellen Missbrauch durch Kleriker. Im Frühjahr 2023 erwarten wir die Ergebnisse der Studie für das Bistum Mainz von Rechtsanwalt Ulrich Weber und seinem Team. Die Ergebnisse werden uns sicherlich intensiv beschäftigen. Die Corona-Pandemie hält uns seit über zwei Jahren in Atem, die Folgen sind auch in den Gemeinden deutlich wahrnehmbar: Gruppen sind an ein Ende gekommen, der Gottesdienstbesuch ist zurückgegangen. Die Kirchenaustrittszahlen und die Folgen davon stellen uns vor große Probleme. Auswirkungen des Kriegs Russlands gegen die Ukraine spüren wir u.a. in steigenden Energiepreisen und in der Notwendigkeit, jetzt im Winter auf geheizte Kirchen zu verzichten. Menschen aus der Ukraine sind zu uns gekommen und werden lange zu unserer Gesellschaft gehören.

Zugleich sollten wir Menschen auf der Flucht aus anderen Regionen der Erde nicht vergessen. Innerkirchlich hat der Synodale Weg der katholischen Kirche in Deutschland Erschütterungen ausgelöst. Auf dem Pastoralen Weg im Bistum Mainz sind wir in die Phase II eingetreten, die anstehenden Veränderungen werden jetzt konkret. Immer wieder sprechen Haupt- und Ehrenamtliche davon, dass sie mit der Arbeitslast kämpfen. Ich kann das gut nachvollziehen, auch wenn sich sicherlich keine einfachen Lösungen finden lassen. Die „Großwetterlage“ der Kirche ist allerorten zu spüren. Und auch in der Kirche wird der Umgangston nicht selten rauer und unbarmherziger. Kurzum: Es gibt schwierige Themen, innerkirchlich und von außen an uns herangetragen, denen wir uns stellen müssen.

An Weihnachten feiern wir wie jedes Jahr die Menschwerdung des Sohnes Gottes. Bei allen Fragen und Schwierigkeiten werden wir erneut ins Zentrum unseres christlichen Glaubens geführt. Gott sind die Probleme der Menschen nicht gleichgültig. Er bietet uns nicht einfache Lösungen an, er bietet sich selbst an. Diesen Gedanken will ich stark machen. Viele Themen, die uns bedrängen, müssen wir bearbeiten. Bei all dem wird es jedoch unverzichtbar sein, sich der Grundlagen zu erinnern, die uns als Christinnen und Christen zusammenhalten. Diese können keine anderen sein als der Glaube an den einen Gott, der uns geschaffen und gerufen hat, an Jesus Christus, der Mensch geworden ist, um uns in seinem Gottesvolk zusammenzuführen und an den heiligen Geist, der die Getauften befähigt, in seinem Dienst Kirche und Welt zu gestalten.

Für mich bleibt die Gemeinschaft der Kirche ohne Alternative, denn zum Glauben an die Menschwerdung Gottes gehört auch die Überzeugung, dass Christus sich nicht nur mit den Perfekten identifiziert hat. Glauben und Nachfolge sind nie nur Privatangelegenheit des Einzelnen. Die Kirche bleibt die Gemeinschaft aus Heiligen und Sündern. Dazu zähle ich mich, und ich danke allen, die uns verbunden bleiben. Ich danke allen, die sich in der Kirche, aber auch aus christlichem Geist in der Gesellschaft für ein gutes Miteinander engagieren. Ich danke allen, die auch in diesen Zeiten mitgehen und konstruktiv ihren Beitrag leisten, damit die Botschaft der Liebe Gottes in Tat und Wort möglichst viele Menschen erreichen kann.

Ihnen allen wünsche ich ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein gottgesegnetes Jahr 2023. Ich freue mich auf viele Begegnungen und gegenseitige Ermutigung.

Ihr

Peter Kohlgraf