Wir dürfen nicht anders glauben, als dass wir Menschen des Friedens werden und so unseren Beitrag leisten

Bischof Kohlgraf (c) Bistum Mainz
Bischof Kohlgraf
Datum:
Sa. 3. Juli 2021
Von:
Bischof Peter Kohlgraf

Krieg ist kein Gespenst der Vergangenheit“ (FT 256) Papst Franziskus spricht dies in seiner Enzyklika „Fratelli tutti“ über die soziale Freundschaft deutlich aus. Besonders im Hinblick auf den Einsatz von Atomwaffen wird der Schaden in jedem Fall irgendeinen vermeintlichen Nutzen übersteigen. 

Damit sagt der Papst ausdrücklich, dass es keine ethisch vertretbare Rechtfertigung eines atomaren Verteidigungsschlages geben kann. Er verabschiedet sich damit von der sogenannten Lehre vom „gerechten Krieg“, gemäß der unter bestimmten Bedingungen die Anwendung von Waffengewalt gerechtfertigt sein kann. Selbst Augustinus, auf den diese Lehre teilweise zurückgeht, ermutigt zu Verhandlungen und Gesprächen, die Kriegshandlungen verhindern sollen. 1 Die Zerstörungskraft von Atomwaffen ist so stark, dass jeder Schlag unverhältnismäßig und ungerecht sein wird. „Nie wieder Krieg!“(FT 258). Auch haben die Waffensysteme nur eine scheinbare Sicherheit geschaffen. Man hat vergessen, wie das Schicksal aller Menschen zusammenhängt; dass man nicht gegen eine Nation zurückschlagen kann, ohne die Welt insgesamt schlechter zu machen. „Krieg ist ein Versagen der Politik und der Menschheit, eine beschämende Kapitulation, eine Niederlage gegenüber den Mächten des Bösen.“ (FT 261). Wir erinnern an die einzelnen Menschen, die oft nur noch Zahlen in den Statistiken sind. In jedem und jeder Verletzten, in jedem Gesicht eines Toten schaut uns ein Bruder oder eine Schwester an. Leidtragende sind Zivilisten, Kinder, Alte, Frauen und Männer, denen die Existenz genommen wird. Wir gedenken jährlich der Opfer etwa von Hiroshima und Nagasaki, deren Zukunft zerstört wurde. Die Waffen hier in Büchel werden, sollten sie Einsatz finden, Menschen zerstören. Sie werden mehr Schaden anrichten, als dass sie auch nur irgendeinen Nutzen bringen würden. Sie werden Kindern und Jugendlichen die Zukunft zerstören, die selbst keinen Anteil am Konflikt haben; sie werden die Natur zerstören und vielen Menschen dauerhaft die Lebensgrundlage oder auch die Gesundheit nehmen. Natürlich hoffen wir, dass sie nie zum Einsatz kommen, aber ihre Präsenz hat nur dann einen Sinn, wenn ein Einsatz grundsätzlich nicht ausgeschlossen wird. Seit einiger Zeit haben wir festgestellt, dass dies keine theoretischen Gedankenspiele sind. Ich erinnere schmerzlich an die Situation zwischen den USA und Nordkorea, als die Präsidenten beider Länder damit prahlten, am nächsten am Einsatzhebel zu sitzen und die stärksten Waffen zu haben. Bereits Jesus in der Bergpredigt weiß, wie nahe der Einsatz von Gewalt an den Worten und den Gedanken der Menschen ist. 
Ich habe im Freundeskreis kontroverse Diskussionen geführt. Die Waffen auch hier hätten uns viele Jahrzehnte Frieden garantiert. Ja, in Westeuropa haben wir nicht aufeinander geschossen. Aber wir können die Augen nicht davor verschließen, dass ein „kalter Krieg“ kein Frieden ist, dass Säbelrasseln keinen Frieden im Sinne des Evangeliums darstellt, und dass die Bedrohung eines möglichen Feindes keine echte Grundlage für Frieden darstellt. Daher ist allein der Besitz von Atomwaffen schon unmoralisch, so Papst Franziskus; wo mit Krieg gedroht wird, kann kein echter Friede wachsen. Und die Behauptung des Papstes, dass Kriege immer wieder auch geführt wurden unter „angeblich humanitären, defensiven oder präventiven Vorwänden, einschließlich der Manipulation von Informationen“ (FT 258), lässt sich anhand vieler Beispiele aus den letzten Jahrzehnten belegen. Gerade in den letzten Monaten in der Pandemiezeit wird uns der Widersinn vor Augen geführt: Die Situation in den armen Ländern ist verheerend, das Virus ist grenzüberschreitend vernichtend, die Klimaveränderungen sind für viele Menschen existenzzerstörend, Menschen fliehen, um sich und ihre Familien zu retten, der Hunger nimmt zu – aber die Menschheit rüstet ihre Waffensysteme auf. 
Ich ahne die Kommentare, die uns und mich hernach erreichen werden: Naivität, Dummheit lauten die Vorwürfe von der einen Seite; die Forderung, Kirche solle sich aus der Politik heraushalten, die von der anderen. 
War Jesus nicht auch naiv? Pilatus macht sich über ihn lustig, seine Folterknechte ziehen ihm einen Purpurmantel an, sie verhöhnen ihn. Noch am Kreuz hängend muss sich Jesus den Spott anhören, er habe sich doch zum Erlöser gemacht und jetzt könne er sich noch nicht einmal selbst helfen. Die Christen haben sich im Laufe der Jahrhunderte nicht umsonst den Gekreuzigten als Symbol gegeben, nicht den triumphierenden Auferstandenen. Es gehört offenbar zum ganz frühen christlichen Bekenntnis und Gebetsleben, das Kreuz ins Zentrum zu stellen, in dem sich Gott in Jesus Christus wirklich in die Geschichte der Menschen und wehrlos und gewaltfrei in die Zerstrittenheit, die Armut und Todesverfallenheit hineinbegeben hat (Phil 2,3-8): 
In Demut schätze einer den andern höher ein als sich selbst. Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen. Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht: Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. 
Vollkommenes christliches Leben zeigt sich auch hier nicht in herausragenden intellektuellen Erkenntnissen oder geistlichen Erfahrungen, sondern in der Art und Weise des christlichen Zusammenlebens, also in der konkret gelebten Liebe zueinander und zu allen Menschen, bis hin zur Feindesliebe. Es darf keine Randnotiz bleiben, dass die Christen einen Gekreuzigten, wehrlos Hingerichteten in das Zentrum ihrer Verehrung rücken. Ich stelle mir die Situation bereits in der Bergpredigt vor. Jesus spricht von der Gewaltfreiheit und der Feindesliebe. Da werden manche zugehört haben, die nur noch den Kopf schüttelten. Die Situation im Land war aufgeheizt, die Römer verhasst, Frieden nicht in Sicht. Und dann redet da einer über das Hinhalten der anderen Wange. Jesus musste damit rechnen, belächelt zu werden. Ich und wir alle werden damit heute auch rechnen müssen und leben müssen. Wir sind jedoch in guter Gesellschaft. 
Die Kirche solle sich aus der Politik heraushalten, so wird kommentiert werden. Nein: Kirche steht nicht nur für die Botschaft vom jenseitigen ewigen Leben. Das Reich Gottes beginnt hier und jetzt. Dieses Reich Gottes muss gestaltet werden, und es wächst immer im Zusammenspiel mit Menschen, die sich darauf einlassen. Dabei geht es um Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche. Jeder Mensch hat eine Berufung, Frieden zu stiften, aktiv für den Frieden zu arbeiten. Es gibt Bilder vom Reich Gottes, die von einem endgültigen Frieden sprechen. Menschen aller Völker und Sprachen sind berufen, sich zu einem großen Festmahl zu treffen. Ich halte es geradezu für zynisch, zu sagen: „Nun ja, das ist halt eine Utopie, und vielleicht wird es im Himmel so sein.“ Bis es aber so weit kommt, dürfen wir uns bedrohen, beschimpfen, aufeinander schießen, und sogar mit dem Tode bedrohen. Als Christ, erst recht als Bischof, will ich in diese Logik nicht einstimmen. Ich werde auch nicht an der Logik vorbeikommen, dass es bei Gott keine Statistiken gibt, sondern dass er sich mit jedem Opfer von Krieg und Gewalt persönlich identifiziert. Ich darf auch eine andere ernste Botschaft nicht verschweigen: Kriegstreiber finden keine Sympathie in den Augen Gottes, wohl aber diejenigen, die Frieden stiften und sich für die Gerechtigkeit einsetzen. 
Wenn ich jeden Tag im Stundengebet die Psalmen lese, werde ich mit viel Gewalt, mit Feinden und Bedrohungen konfrontiert. Ich habe beim Alttestamentler Erich Zenger gelernt, dass es gerade ein Kennzeichen der Psalmenbeterinnen und –beter ist, die Gewalt nicht selbst in die Hand zu nehmen, auch nicht gegen die Bedränger und Feinde. Diese Gebete, die zu unserem täglichen kirchlichen Gebetsschatz gehören, benennen das Leid der Opfer von Krieg und Gewalt, sie vertrauen deren Schicksal Gott an. Und sie sind sehr realistisch dabei, den eigenen Anteil im „Netz der Gewalt“ zu thematisieren. Wir reden nicht über andere, wenn wir heute mahnen, wir sehen unsere je eigene Verantwortung. Die Psalmen schreien nach Veränderung und Hilfe.2 Auch die Menschen, die Psalmen beten, wissen um den Spott, der sie trifft. Der Starke wird scheinbar immer triumphieren. Aber Gewalt und Gegengewalt ist nicht die Logik des Reiches Gottes. Wenn Gebet, Haltungen und Tun zusammengehören, werden wir auch derartige Texte nicht täglich folgenlos beten können. Bedrohung, Rache, Säbelrasseln und Vergeltung sind keine Optionen im Reich Gottes. Wer einen Gekreuzigten verehrt und wer die Bibel ernst nimmt, muss nicht mit Applaus rechnen. Ich sage sehr bewusst, dass ich heute gerne mich zu diesem Gott bekenne, der Gott und Vater aller Menschen ist. An seiner Welt des Friedens arbeite ich gerne mit. 
Ich will hier nicht verhehlen, dass wir als Kirche auch große Baustellen bei uns selbst haben. Wir sind nicht in der Rolle der nur Mahnenden. Um ein aktuelles Beispiel stellvertretend für manch anderes zu nennen: Sehr erschüttert haben mich jüngst die Meldungen aus Kanada, wo im Namen der Mission besonders Kinder und Jugendliche aus der indigenen Bevölkerung viel Gewalt bis hin zum Tod erlitten haben. Wie oft haben wir auch das Kreuz nicht ernst genommen, wie oft haben auch wir Glauben mit Gewalt, Macht und Drohung verwechselt. Kritik, die uns hier trifft, müssen wir ernsthaft annehmen. Auch wir müssen abrüsten, in der Sprache und im Urteil über andere Menschen. 
Heute stehen wir hier, und ich lade ein, unsere Gebete, unsere Heilige Schrift und das Symbol des Kreuzes ernst zu nehmen. Wir dürfen nicht anders glauben, als dass wir Menschen des Friedens werden und so unseren Beitrag leisten. So wenig der Krieg ein Gespenst der Vergangenheit ist, so wenig dürfen wir den Frieden auf ein Jenseits verschieben. 

 1Papst Franziskus zitiert in FT 258 die Epistula 229,2: PL 33, 1020. 

 2Vgl. Erich Zenger, Ein Gott der Rache? Feindpsalmen verstehen, Freiburg i. Br. 1994, bes. 153-164.