Wir haben alle noch Zeit, zu entscheiden, was wichtig für uns ist, und wir haben alle noch Zeit, derartige Originale des Lebens und des Glaubens zu werden.

Predigt von Bischof Peter Kohlgraf an Neujahr 2022

AdobeStock_216073874 (c) BillionPhotos.com | stock.adobe.com
AdobeStock_216073874
Datum:
Sa. 1. Jan. 2022
Von:
Bischof Peter Kohlgraf

Große Vorsätze stehen bei manchem Menschen am Anfang eines neuen Jahres: Abnehmen, Sport treiben, an sich arbeiten, und manches andere mehr. Dahinter steht wohl auch eine gewisse Unzufriedenheit mit dem im vergangenen Jahr Erreichten, und das neue Jahr erscheint als eine neue große Chance, etwas anders machen zu können.

Die Erfahrung zeigt, dass diese guten Vorsätze oft nach kurzer Zeit wieder auf das kommende Neujahr verlegt werden. Der Alltag holt uns ein, ob wir wollen oder nicht, wir werden die gleichen Menschen bleiben, mit den gleichen Stärken, den gleichen Schwächen, dem Liebenswürdigen, aber eben auch den Versuchbarkeiten. Am letzten Abend des Jahres dürfen wir all das immer wieder in die barmherzigen Hände Gottes legen. Er beurteilt unser Bemühen wohl oft barmherziger, als wir dazu selbst in der Lage sind. Und jetzt schauen wir auf das neue Jahr. Natürlich ist es nicht verboten, sich gute und machbare Ziele zu setzen. Vielleicht sollten es aus christlichem Geist nicht nur Ziele der Selbstverbesserung sein, sondern das Bemühen um geistliche Erneuerung, einen neuen Zugang zu Gott und seinem Wort, und in diesen Zeiten der Blick auf das, was andere Menschen brauchen. Gute Vorsätze helfen nicht, wenn sie nur das eigene Ego stärken wollen. Der Blick des Glaubens kann helfen, sich immer wieder in Beziehung zu anderen Menschen zu setzen, und sie auch zur Anfrage an das eigene Glauben, Denken und Handeln zu machen. Gottes Wort ist da immer wieder ebenso ein gutes Korrektiv. Die Australierin Bronnie Ware hat viele Jahre im Hospiz Menschen beim Sterben begleitet. In einigen Beiträgen hat sie gesammelt, was Sterbende im Rückblick auf ihr Leben bedauern. Was hätten sie in der Rückschau anders gemacht? Viele sagten, sie hätten zu sehr auf die Erwartungen anderer geschaut. Das scheint zunächst ein Widerspruch zu dem eben Gesagten zu sein. Ich glaube das nicht. So wenig es glücklich macht, nur um sich selbst zu kreisen, so wenig hilft es, Kopien anderer Menschen werden zu wollen. Es entspricht dem Evangelium, seinen Eigenstand in der Begegnung mit anderen zu finden. Niemand ist isoliert, aber niemand ist auch nur eine Kopie. Im Glauben geht es darum, zu meiner Form zu finden, Ebenbild Gottes zu sein. Papst Franziskus hat einmal dementsprechend gesagt: Alle Menschen werden als Original geboren, die meisten sterben als Kopie. Genau darum geht es für mich im neuen Jahr. Es ist eine Chance, das Original in mir zum Leuchten zu bringen, um andere ebenfalls dazu zu ermutigen. Sterbende haben dann gesagt, sie bereuen, sich nur über die Arbeit definiert zu haben. Tatsächlich ist dies eine große Versuchung. Ich bin ein Mensch mit Würde, aufgrund meines Seins, und nicht aufgrund meiner Leistung. Und dennoch ist es gut, meine Würde zu leben und meine Gaben fruchtbar zu machen. Die Arbeit an Beziehungen spielte für die Menschen am Ende des Lebens eine große Rolle. Ein neues Jahr kann eine Einladung sein, Beziehungen zu klären, Freundschaften zu vertiefen, Versöhnung anzugehen. Irgendwann mag ein Zeitpunkt erreicht sein, an dem das nicht mehr möglich ist. Das gilt im Übrigen auch für die Gottesbeziehung, auch sie unterliegt der Anstrengung und dem eignen Einsatz. Schließlich haben viele Sterbende bedauert, so wenig in wirkliches Glück investiert zu haben. Am Ende des Lebens bemerkten Menschen, dass Glück auch eine Lebenseinstellung ist: vermag ich das Gute zu sehen und dafür dankbar zu sein oder lasse ich mich vom Negativen beherrschen? In Zeiten großer Unzufriedenheit, ja des Hasses und der Hetze sind das sicher wichtige Gedanken am Beginn eines Jahres. Wir alle haben noch geschenkte Zeit, daran zu arbeiten, dass unser Leben ein gutes Leben für uns und andere wird. Und ein Leben im Lichte Gottes. Lebenszeit ist wirklich geschenkte Zeit, die man nicht vertun soll. Auch ich kenne das, dass ich nach den Vorstellungen anderer lebe, und nicht nach dem, was eigentlich richtig wäre. Ich habe meinen Beruf sehr gern, ich bin gerne Priester und Bischof. Aber ich kenne auch das Gefühl, nicht genug für Freundschaften und Beziehungen getan zu haben, weil der Alltag oft so bestimmend ist. Oft lebe auch ich nach dem Maßstab: „halte dich raus, sag nichts, und nach außen hin herrscht Friede“. Und glücklich sein, gönne ich mir das? 

Auf meinem Glaubensweg im Laufe des Jahres und Kirchenjahres begegnen mir viele Menschen, große und kleine Heilige, Lebende und bereits Verstorbene. Ich begegne Menschen, denen es nicht um ein oberflächliches Glück ging, sondern die begriffen hatten, dass ihr Leben gut wird, wenn sie es von Gott als Geschenk annehmen und in seiner Beziehung bleiben. Wenn ich Gott anerkenne, bekomme ich ein Gespür dafür, was wirklich wichtig ist. Alle Götzen und vordergründigen Glücksangebote, die sich in den Vordergrund drängen, werden entlarvt. Weder Arbeit noch Geld können mir letztes Glück schenken. Ich weiß, wem ich glaube, dass ich geliebt und dass mein Leben gewollt ist. Was für eine große Gelassenheit kann das in mein Leben bringen. Die Zeuginnen und Zeugen des Glaubens, meine Begleiter durchs Jahr, waren oft Menschen, die heiter und fröhlich sein konnten, weil sie sich getragen und geliebt wussten. 

Wir haben alle noch Zeit, zu entscheiden, was wichtig für uns ist, und wir haben alle noch Zeit, derartige Originale des Lebens und des Glaubens zu werden. Was bedauere ich im Hinblick auf mein Leben, und was möchte ich ändern? Der Jahresbeginn kann eine Chance sein, die richtigen Vorsätze zu treffen, und dabei nicht an der Oberfläche zu bleiben. Papst Franziskus ermutigt uns, die Vorsätze im Alltag leben zu wollen, und nicht den Alltag zu verachten, um glücklich zu werden. Das ist ebenfalls eine geistliche Aufgabe. Ich darf ihn zitieren: „In die Herrlichkeit Gottes eintreten bedeutet, dem Willen des Herrn im Alltag treu zu sein, auch wenn dies Opfer verlangt.“ (17.4.2013). Dem Willen Gottes im Alltag treu sein: Ich kann mir vorstellen, dass dies ein guter Weg zum Glück ist, weil er nicht in ein Wolkenkuckucksheim führt, sondern mich ernst nimmt als Original auf meinem persönlichen Weg durch diese Zeit. Gott segne uns alle, unsere Wege und die kommende Zeit.