„Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ (Gal 5,1)

Predigt von Bischof Peter Kohlgraf bei der Sendungsfeier der Gemeindereferentinnen und -referenten 2019 Augustinerkirche Mainz, Samstag, 15. Juni 2019

Sa 15. Jun 2019
Bischof Peter Kohlgraf

Liebe Frau Wüst-Rocktäschel, liebe Schwestern und Brüder!

Der Sendungsspruch ist aus dem Galaterbrief des Apostels Paulus entnommen: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ (Gal 5,1). Mir sagte neulich ein Religionslehrer, dass er erschüttert darüber sei, wie wenig die zentralen biblischen Begriffe noch aussagekräftig seien, auch für junge Menschen: Freiheit, Gnade, Rechtfertigung, Erlösung. Wir müssen sie sozusagen wie Dolmetscher verstehbar machen. Dazu gehört auch die Freiheit, die sich wohl alle Menschen wünschen.

Was ist denn Freiheit? Die totale Freiheit, zwischen zahlreichen Wegen und Möglichkeiten wählen zu können? Der Philosoph Jean Paul Sartre beschreibt eine solche Freiheit als Last. Warum? Wenn der Mensch keine innere Orientierung hat, die ihm hilft, seine Freiheit zu gestalten, erfährt er die Freiheit, alles tun zu können, als schrecklich. Stellen Sie sich vor, Sie können alles tun, alles ist egal, dann können sie auch alles lassen. Alles ist gleich-gültig, es gibt keinen überzeugenden Grund, sich für irgendetwas entscheiden zu müssen, im letzten ist alles absurd, vergeblich. Freiheit braucht also eine innere Ausrichtung, damit sie menschenwürdig wird. Für Paulus bildet eine bestimmte Glaubenserfahrung den Grund und die Ausrichtung für seine Freiheit.

Paulus war nie ein volkstümlicher Heiliger. Dafür sind seine Gedanken oft zu schwierig. Aber auch seine Persönlichkeit lässt uns in manchen Punkten auf Distanz gehen. Aber seine Theologie entsteht nicht am Schreibtisch. Sie lebt aus Erfahrung und sie entsteht im Gespräch, manchmal auch im Streit mit seinen Gemeinden. Schauen wir uns seine Erfahrungen näher an.

Ungefähr zeitgleich mit Jesus wird er in der kleinasiatischen Stadt Tarsus geboren, er entwickelt sich zu einem frommen, geradezu fanatischen Pharisäer, der es mit dem jüdischen Gesetz „hundertprozentig“ hält. Bei der Steinigung des Stephanus ist er dabei, und heißt diesen Mord gut. Er schreibt in einem seiner Briefe über sich selbst:

„Ihr habt doch von meinem früheren Lebenswandel im Judentum gehört und wisst, wie maßlos ich die Kirche Gottes verfolgte und zu vernichten suchte. Im Judentum machte ich größere Fortschritte als die meisten Altersgenossen in meinem Volk und mit dem größten Eifer setzte ich mich für die Überlieferungen meiner Väter ein. (Gal 1,13-14)

Vom Saulus zum Paulus, ist ein Sprichwort, mit dem wir eine grundlegende Änderung eines Menschen zum Guten hin beschreiben. Tatsächlich erlebt er etwas, was sein Leben völlig auf den Kopf stellt. Auf einer seiner Verfolgungsreisen begegnet er dem, den er verfolgt, Christus selbst. Wir kennen den Bericht aus der Apostelgeschichte, wie er vor Damaskus ein Licht sieht und die Stimme hört, die ihn ruft. Da hat nicht jemand nach langem Nachdenken seinen Irrtum eingesehen und sich dann bekehrt, nein, Christus hat ihn ergriffen. Offenbar hat er in diesem einen Augenblick das ganze Evangelium verstanden. Er selbst beschreibt es ebenso nüchtern wie tief: „Das Evangelium, das ich verkündigt habe, stammt nicht von Menschen; ich habe es ja nicht von einem Menschen übernommen oder gelernt, sondern durch die Offenbarung Jesu Christi empfangen“. (Gal 1,11-12)

So etwas scheint es zu geben. Selbst mit den besten Erklärungen für eine solche Wandlung treffen wir nicht den Kern der Sache. Gott kann einen Menschen ergreifen, berufen, neu machen, von einem Augenblick auf den anderen.

Seitdem steht Paulus mit demselben Eifer, aber mit einer gewaltlosen Liebe zu diesem Christus und seinem Evangelium.

Er missioniert bis zur Grenze seiner Kraft, er gründet und unterstützt Gemeinden im ganzen Mittelmeerraum, noch heute bringt sein Werk zum Staunen. Er unternimmt mindestens drei große Missionsreisen und hinterlässt zahlreiche Briefe, in denen er seine Theologie, seine Erkenntnisse über diesen Jesus hinterlässt. Der Überlieferung nach wird er in Rom mit dem Schwert hingerichtet unter Kaiser Nero. In der großen Basilika Sankt Paul vor den Mauern wird sein Grab verehrt. Vor einigen Jahren noch hat es Untersuchungen gegeben, die diesen Ort sehr wahrscheinlich machen.

Was ihn bei aller Sperrigkeit doch so faszinierend macht, ist eines:

Er schreibt keine frommen Bücher am Schreibtisch, sondern seine Lehre ist wirklich mit Herzblut geschrieben, sie lebt aus der Erfahrung. Er sagt einmal von sich: „Nicht mehr ich lebe, Christus lebt in mir“ (Gal 2,20). Paulus ist einer der großen Beter und Mystiker. Christus ist seine Kraftquelle, seine große Liebe geworden.

Er denkt nicht über Christus nach, sondern er erfährt seine Gegenwart, Tag für Tag.

Über die Christusliebe des Paulus könnte man ganze Abende füllen, mir seien drei kurze Hinweise erlaubt. Wie sieht sein Christus, seine große Liebe aus?

Christus hat uns aus Gnade gerettet. Gnade ist das große Stichwort des Paulus. Nicht Leistung rettet uns, sondern seine Liebe und Hingabe. Paulus hat es ja selbst erlebt. Er gibt nicht viel von sich preis, als er von seiner Berufung vor Damaskus berichtet. Nur dieses: dieser Christus hat ihn aus Gnade erwählt und berufen. Paulus weiß, dass er eigentlich der Letzte wäre, dem man dies zugetraut hätte. Aus dem religiösen Fanatiker, der vor Mord nicht zurückschreckt, wird ein glühender Mensch der Liebe. Das sollen alle anderen auch erfahren. Paulus hätte sich gewundert, wenn wir anderen unseren Glauben vorenthalten, nicht nur aus Angst, sondern aus der Meinung, Glaube mache irgendwie doch unfrei. Nein, der Glaube hat ihn doch erst frei und glücklich gemacht. Kann man wirklich jemandem die Botschaft vorenthalten, dass Gott ihn in Christus bedingungslos liebt? Auf diese Liebe zu antworten, darin besteht der Akt der Freiheit.

Der Christus, den Paulus verkündet, ist der Gekreuzigte. Den einen eine Torheit, den anderen ein Ärgernis (vgl. 1 Kor 1, 23). Daran hat sich bis heute nichts geändert. Die Wandlung vom Saulus zum Paulus bedeutet für ihn, dass er ab dem Augenblick für die ohnmächtige Liebe einsteht. Sein Mittel ist nur noch das Wort, das allerdings durchaus kraftvoll. Der Glaube des Paulus ist grenzenlos, er bezieht alle Menschen ein, er überwindet alle religiösen und kulturellen Grenzen. Das ist die neue Freiheit, die Christus geschenkt hat. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“

Liebe Frau Wüst-Rocktäschel!

Stehen Sie für diese Freiheit ein, die Ihnen geschenkt ist. Stehen Sie für einen Glauben, der aus eigener Erfahrung lebt, der nicht nur wahre Sätze weitergibt. Lassen Sie andere Menschen an Ihrem Glauben teilhaben, ermöglichen Sie ihnen die Erfahrung eines liebenden und den Menschen zugewandten Gottes. Lassen Sie Christus in sich leben und strahlen Sie ihn aus! Leben Sie den Glauben, der keine Grenzen kennt. Dann beginnen die alten Worte zu sprechen. Werden Sie zu einer Dolmetscherin der Frohen Botschaft, in Tat und Wort, mit Ihrem ganzen Leben. Dazu wünschen wir Ihnen alle Gottes Segen!