„Allen wohl und niemandem weh"

Ärgerliches und Zorniges zur Aufnahme der PISA-Studie

Datum:
Sonntag, 21. Juli 2002

Ärgerliches und Zorniges zur Aufnahme der PISA-Studie

Es brauchte eigentlich nicht die PISA-Studie, um Einsicht in die Misere vieler Situationen um Erziehung und Bildung in unserem Land zu bekommen. Es gab schon viele Statistiken bis in das Internet hinein, erst recht viele alltägliche Erfahrungen.

Aber nachdem uns nun der Spiegel im internationalen und innernationalen Vergleich vorgehalten wird, darf man auch an der Erkenntnis der Situation nicht vorbeigehen. Wir können es schon längst wissen, dass es in vielen Fällen ärgerliche Unterschiede gibt, die Kinder und Jugendliche in ihren Chancen bis in das hohe Alter hinein benachteiligen. Auch wenn jeder in seinem Bundesland noch etliches verbessern kann, so gibt es doch aufregende Ungleichheiten, die niemand mehr gleichgültig lassen können.

Dabei geht es gewiss auch um Bildungsziele und Schulformen, einzelne Fächer und die Zahl der eingestellten Lehrpersonen. Aber die Spatzen pfeifen es auch von den Dächern oder schon im Fernsehen, dass es noch viel einfachere Dinge gibt, die man endlich angehen muss: notorische Unpünktlichkeit von Schülern über Stunden, Schulschwänzen ohne Folgen über Tage, mangelnde Disziplin als Grundhindernis für jedes Lernen, Entmotivierung aller Lehrenden, Desinteresse von Eltern, Willkür in der Auswahl der Lehrinhalte usw. Man soll endlich die Dinge beim Namen nennen. Sie sind seit vielen Jahren bekannt. Es gibt in einzelnen Fächern, auch in der Berufschule in zentralen Disziplinen, immer wieder totalen Unterrichtsausfall. An manchen Orten handelt man jahrelang gegen gesetzliche Bestimmungen und Vereinbarungen des Schulrechtes. Trotz einiger Proteste – die Dinge sind also bekannt – ändert sich nichts.

Man soll gerade dann bei der Wahrheit bleiben, wenn sie hart und schmerzlich ist. Es gibt Unterschiede in den Schülerleistungen der einzelnen Länder, die man nicht mit Sprüchen wegdiskutieren kann, es gäbe z.B. keine Sieger und keine Verlierer. Doch, die gibt es, und dies sind vor allem die betroffenen Kinder und Jugendlichen. Darum ist es von Übel, dass man die unbequeme Wahrheit der Vergleichsstudien nicht unverstellt zur Kenntnis nimmt und danach handelt, sondern die Ergebnisse in den ziemlich beliebig manipulierenden Dienst der Wahlkampfstrategien der Parteien einspannt. Man kann einen heiligen Zorn bekommen, dass nun nach all den lehren Worten seit Jahren über die Notwendigkeit einer Bildungsreform, wiederum eine Gelegenheit zum Eingreifen und zur Korrektur zerredet und so übergangen wird. Wo ist eigentlich der Aufschrei der tiefer blickenden Bildungspolitiker, der unabhängigen Experten auf diesem Gebiet, der betroffenen Eltern?

Es ist auch keine Lösung, wenn man seine Zuflucht zu zentralistischen Lösungen nehmen möchte. Einmal ist dies nach unserem Grundgesetz ohne große Änderungen, für die es jedoch z.Zt. schlechthin keine Mehrheit gibt, gar nicht möglich. Die Länder, die sich mit Erfolg redlich um eine solide Bildung bemüht haben, wären ja auch dumm, wenn sie sich plötzlich vor einen Karren spannen lassen, der im Grunde ja nur mit den unteren Durchschnittswerten, auf die man sich einigt, fahren könnte. Milliarden-Investitionen, die schnell wieder Ruhe schaffen sollten, bewirken am Ende gar nichts, wenn es nicht sorgfältig und mutig überlegt und getan wird. Dies gilt auch für die Ganztagsschule, die manche wie eine Zauberwaffe einsetzen möchten.

Die PISA-Studie bringt nicht so viel Neues, was wir noch gar nicht wussten. Aber es ist höchste Zeit zu erkennen, welche Stunde geschlagen hat. Es muss jetzt endlich zu einer gediegenen Reform kommen, und zwar auf allen Stufen. Dies fängt zu Hause in den Familien an und geht bis zur Kultusministerkonferenz. Es braucht Einschnitte und Umkehrmaßnahmen, ja auch klare Eingeständnisse von Fehlentscheidungen. Bildung ist nicht zum Nulltarif zu bekommen, und schon gar nicht mit einem ewigen Experimentieren, das dem Erwerb soliden Wissens und Wachsens im Lernen entgegensteht. „Allen wohl und niemandem weh", das mag im Wahlkampf und im politischen Geschäft immer wieder eine Versuchung werden, aber diese heimliche Devise vieler Äußerungen schadet am meisten dem kostbarsten Gut, das eine Gesellschaft hat: den Kindern und Jugendlichen der Zukunft, die sich europa- und weltweit einer wachsenden Konkurrenz stellen und darin behaupten müssen.

(c) Karl Kardinal Lehmann

von Karl Kardinal Lehmann, Bischof em. von Mainz

Copyright: Karl Kardinal Lehmann, Mainz