Der vergessene Ursprung

Zur Berliner Europa-Erklärung

Datum:
Samstag, 28. April 2007

Zur Berliner Europa-Erklärung

Gastkommentar für die Mainzer Kirchenzeitung "Glaube und Leben" im April 2007

Die beiden festlichen Tage der Erinnerung an den Abschluss der Römischen Verträge vor 50 Jahren am vergangenen Wochenende in Berlin waren in Anwesenheit der Staats- und Ministerpräsidenten der 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union ein voller Erfolg, nicht zuletzt auch für die Bundesrepublik Deutschland, die Bundeshauptstadt Berlin und vor allem für die derzeitige Präsidentin des Europäischen Rates und Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel.

In gewisser Hinsicht kann man dies auch von der „Berliner Erklärung“ sagen. Es ist vor allem der Ratspräsidentin gelungen, gemeinsam mit allen Unterzeichnern zu versprechen, dass bis zu den Europa-Wahlen des Jahres 2009 eine „erneuerte gemeinsame Grundlage“ für die Europäische Union geschaffen werden soll. Dies ist ein ehrgeiziges Ziel, an dessen Aufstellung vorher gewiss nur wenige geglaubt haben.

Auch sonst sind viele wichtige Themen der gegenwärtigen und künftigen gemeinsamen Politik in dieser Erklärung genannt. Viele große Worte werden sehr oft beschworen: Frieden, Hoffnung, Freiheit, Glück, Wohl und Wohlstand, Respekt, Verantwortung, Sicherheit, Gerechtigkeit, Solidarität, Gleichberechtigung, Toleranz, Stabilität. Immer wieder werden auch die gemeinsamen Ideale und Werte hochgehalten.

Bei einigen Bekenntnissen zweifelt man freilich, ob wirklich alle dahinterstehen, wenn es z.B. um die „unantastbare Würde“ des Menschen und die „unveräußerlichen Menschenrechte“ geht. Spätestens hier fragt man sich, wo denn der letzte Grund verankert ist, um diese Forderungen und Bekenntnisse einzuhalten, z.B. am Anfang und am Ende des Lebens.

Spätestens hier ist man enttäuscht, dass es in der ganzen Erklärung nicht nur keinen Bezug zu Gott oder einen Hinweis auf die Bedeutung des christlich-jüdischen Glaubens für Europa gibt, sondern dass auch nicht einmal eine noch so kleine Anspielung erfolgt auf so etwas wie ethische Grundüberzeugungen der Menschen oder gar Religion(en). Die Kirchen haben dies im Vorfeld immer wieder als dringenden Wunsch angemeldet. Wir haben uns am Fest selbst, ohne über diesen Ausfall einfach zu schweigen, artig benommen. Aber im Blick auf die Rolle, die die Bibel mit dem Judentum und dem Christentum zusammen bei der Bildung und in der Geschichte Europas gespielt hat und noch spielt, ist das Schweigen schon erstaunlich. Da ist noch in letzter Minute z.B. ein Passus zur Abwehr illegaler Einwanderer eingefügt worden. Von allen möglichen Dingen ist die Rede. Aber Europa hat selbst an einem solchen Tag nicht die Kraft, sich zu den eigenen Wurzeln und zu seiner Herkunft zu bekennen, aber eben auch nicht zu den ethischen und spirituellen Ressourcen, die heute den bitternötigen neuen Aufschwung für die Europaidee mitfördern. Es ist schon bestürzend, dass es nicht genügend Stimmen dafür aus den 27 Ländern gab, die heute die Europäische Union bilden.

Die Bundeskanzlerin, die seit längerer Zeit immer wieder auch an den Gottesbezug in einigen Verfassungen und eben im Blick auf den Europäischen Verfassungsentwurf erinnerte, hat sich in dieser Hinsicht redlich bemüht, konnte sich aber mangels Unterstützung nicht durchsetzen. Als der federführenden Präsidentin, die ja auch die verschiedenen Richtungen und Köpfe zusammenhalten muss, waren ihr Grenzen gesetzt. Sie hat aber dieses Ungenügen deutlich gespürt und in der offiziellen Rede bei der Unterzeichnung der Berliner Erklärung in ihrer Festrede festgestellt: „Für mich persönlich ergibt sich dieses Verständnis vom Menschen auch aus den jüdisch-christlichen Wurzeln Europas.“ Herzlichen Dank, verehrte Frau Ratspräsidentin und Bundeskanzlerin, für diese eindeutige persönliche Aussage, wenn schon nicht mehr gemeinsam gelingen konnte.

(c) Karl Kardinal Lehmann

von Karl Kardinal Lehmann, Bischof em. von Mainz

Copyright: Karl Kardinal Lehmann, Mainz