Die Botschaft von Ostern als „Evangelium des Friedens"

Datum:
Sonntag, 31. März 2002

Wir kennen den Gruß vor allem des Bischofs zu Beginn des Gottesdienstes: „Der Friede sei mit euch". Er ist uns sogar schon zu selbstverständlich geworden. In Wirklichkeit gehört dieser Gruß ganz eng in die Botschaft von Ostern hinein. Es ist nicht nur so, dass wir ohnehin viel vom Frieden, besonders auch in diesen Tagen, sprechen und gerne auch die Frohbotschaft dieses Festes mit Frieden in Verbindung bringen.

Vielleicht muss man sich auch den Sinn des Grußes überhaupt neu vergegenwärtigen. Er spielt in allen Religionen und Kulturen eine große Rolle. Wenn ein Gruß ausgesprochen wird, wird Fremdheit überwunden. Solange man wortlos und ohne Beachtung aneinander vorbeigeht, bleiben – bewusst oder unbewusst – eine gewisse Fremdheit und Gleichgültigkeit. In schwierigen Situationen kann das Verweigern des Grußes auch eine Gefährdung zum Ausdruck bringen. Dahinter kann sich sogar Feindschaft und Hinterlist verbergen. Oft ist es aber so, dass kein Interesse an einer Gemeinschaft besteht oder eine auch Gemeinschaft bereits zerbrochen ist. Die Kultur des Grüßens sagt viel aus über die Art und Weise, wie Menschen Gemeinschaft leben.

Unser gewohnter Friedensgruß ist eigentlich eine alltägliche Grußformel in der hebräischen Sprache und den übrigen semitischen Sprachen. Meist heißt es nur kurz „Friede euch". Wir kennen diesen Gruß auch von hebräischen Liedern, die wir singen: „schalom alechäm" (eigentlich: Friede über euch) Ein solcher Gruß ist uns auch im Alten Testament an einigen Stellen in besonders feierlicher Form überliefert. So redet der ägyptische Josef, der seinen Brüdern begegnet, mit den Worten an: „Friede euch! Fürchtet euch nicht! Euer Gott und eures Vaters Gott...." (Gen 43,23) Damit stellt Josef auch wieder die Gemeinschaft her und verzeiht seinen Brüdern, die ihn töten wollten, schließlich aber verkauften. Wenn dieser Gruß besonders feierlich ist, dann weist er meist auch schon zurück auf eine ergangene Wohltat oder geschehenes Heil („schalom"), das den Menschen zugekommen ist (vgl. z.B. Ri 6,23; Dan 10,19). So steht im Hintergrund oft ein Bezug zum rettenden Handeln Gottes.

Vor diesem Hintergrund kann man besser verstehen, was es heißt, wenn Jesus nach der Auferstehung seinen Jüngern mit einem Friedensgruß begegnet. Schon sein Kommen eröffnet wieder eine Beziehung. So kann es, durchaus auch im Sinne eines Grußes heißen: „Plötzlich kam ihnen Jesus entgegen und sagte: ‚Seid gegrüßt...‘" Wenn man wörtlich übersetzt, dann heißt es einfach „Freut euch" (Mt 28,9) Man muss hier genau die Bedeutung des Grußes erkennen: Die Jünger sind noch ziemlich verstört. Aus den Osterbotschaften spüren wir, wie sehr der Schock über Jesu Tod noch in ihnen nachwirkt. In ihnen lebt immer noch der Zweifel, ob sie nicht doch einem falschen Propheten aufgesessen sind. Schließlich haben sie auch so etwas wie ein schlechtes Gewissen, denn – ganz abgesehen vom Verrat des Judas – sind die meisten geflohen, haben Jesus wie Petrus verleugnet und haben sich nicht selten aus dem Staub gemacht. Dadurch war die Gemeinschaft zwischen Jesus und den Jüngern trotz aller Jüngerschulung in der vorösterlichen Zeit ziemlich gestört, ja sogar zerbrochen. So sind sie nach wie vor ängstlich und denken auch sofort an einen Geist, der sie erschrickt. So heißt es bei Lukas nach dem Friedensgruß: „Sie erschraken und hatten große Angst, denn sie meinten, einen Geist zu sehen. Da sagte er zu ihnen: Was seid ihr so bestürzt? Warum lasst ihr in eurem Herzen solche Zweifel aufkommen?" (Lk 24,37f.)

Dies ist eine erste Einsicht hinsichtlich des Friedensgrußes Jesu an Ostern: Jesus kommt von selbst auf uns zu. Er überwindet damit Fremdheit und Entfremdung, ja Schrecken und Angst. Darin liegt wohl auch so etwas wie eine Vergebung für die Feigheit und die Flucht in den schwierigen Tagen der Passion. Und dies dürfen wir ganz gewiss auch auf uns selbst anwenden: Der Auferstandene, der nun über Raum und Zeit erhaben ist, findet uns zu jeder Zeit und in allen Winkeln der Welt. Gerade in Zeiten der Bedrängnis findet er uns und ruft uns zu: „Der Friede sei mit euch!"

Wenn Jesus die Jünger so mit dem Friedensgruß anspricht (vgl. besonders Mt 28,9; Lk 24,36; Joh 20.19.21.26), geschieht aber auch noch etwas anderes. Es ist dies seine erste Aktivität und Äußerung nach der Auferstehung. Niemand hat ja selbst die Auferweckung durch den Vater gesehen. Dafür gibt es Boten und Zeichen, aber keine unmittelbaren Zeugen. Es ist ein Geheimnis, das so tief ist wie das Geheimnis Gottes selbst. Wir spüren vor allem die Wirkungen des Auferweckungsgeschehens. Dazu gehört in erster Linie dieser Gruß. Er wird eigentlich nur zu den Jüngern, den Aposteln gesagt. Sie sind trotz allem, was geschehen ist, wieder eine eigene Gemeinschaft. Dies ist ein Hinweis, dass das Erscheinen des Auferstandenen einen neuen Raum für die Gemeinschaft der Glaubenden schafft und erschließt, und dies ist die Kirche. Indem Jesus die Jünger begrüßt, stiftet er eine neue Gemeinschaft, die sich in der Kirche entfaltet. Die Kirche verdankt sich Ostern nicht erst durch die Gründung der Kirche an Pfingsten, sondern schon bei der ersten Erscheinung des Herrn.

Die ersten Christen haben verstanden, dass nun in Erfüllung gegangen ist, was der Herr angekündigt hatte. Am deutlichsten ist dies formuliert in den Abschiedsreden Jesu bei Johannes, wo es heißt: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch. Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht." (Joh 14,27) Es ist nicht zufällig und trifft die christliche Botschaft gut, wenn wir in jeder Eucharistiefeier vor dem sogenannten Friedensgruß diese Worte Jesu wiederholen. Es ist die beste Vorbereitung für die Form einer besonders engen Gemeinschaft, wenn nämlich der Friedensgruß zum Friedenskuss zwischen den Christen wird. Der Austausch des Friedenskusses zwischen den Nächststehenden zeigt die enge Verbindung auf, die in der Feier der Eucharistie durch Jesus selbst gestiftet wird.

Die Christen haben diese Impulse, die bereits in der Auferstehung selbst liegen, rasch genützt. Besonders der hl. Paulus sieht mit der Freude zusammen den Frieden als wichtigste Gaben des auferstandenen Herrn. Der Epheser-Brief hat daraus in ganz besonderer Weise eine tiefe Theologie des Friedens entwickelt. Er sieht das Wesen des Unfriedens in der feindlichen oder feindseligen Trennung zwischen Menschen. Hier geht die Sendung der Kirche über ihren eigenen Bereich hinaus: „Denn er (Jesus Christus) ist unser Friede. Er vereinigte die beiden Teile (Juden und Heiden) und riss durch sein Sterben die trennende Wand der Feindschaft nieder." (2,14) Er hat die verfeindeten Gruppen „in seiner Person zu dem einen neuen Menschen" gemacht. „Er stiftete Frieden und versöhnte die beiden durch das Kreuz mit Gott in einem einzigen Leib. Er hat in seiner Person die Feindschaft getötet. Er kam und verkündete den Frieden: euch, den Fernen, und uns, den Nahen." (2,15f.) Mit Recht wurden die frühen Christen auch die „Friedensstifter" genannt, die in den Seligpreisungen der Bergpredigt einen besonderen Platz haben (vgl. Mt 5,9; Kol 1,20).

Wir spüren in diesen Tagen, wie notwendig unsere Welt diesen österlichen Frieden, das „Evangelium des Friedens" (Eph 6,15) braucht. Dies gilt für die wachsenden Zusammenbrüche menschlicher Gemeinschaften, besonders in Ehe und Familie, die Feindschaften und Unversöhnlichkeiten in der Gesellschaft und – wie haben es jüngst erlebt – immer wieder auch in der Politik, besonders aber zwischen Völkern, Nationen, Klassen und Rassen. Wer könnte dabei heute nicht an alle Spannungsfelder in der Welt denken, besonders Afghanistan und Israel, die irdische Heimat Jesu von Nazareth.

Die Sorge um den Frieden muss schon früh beginnen. Im Herzen des Menschen entstehen nämlich zuerst – beinahe unsichtbar – Fremdheit, langsam Abneigung und schließlich auch Hass. Wenn wir seine Jünger sind, dann müssen wir auch in allen unseren Lebensbereichen entschlossene Zeugen des Friedens werden. Dabei wollen wir an diesem Osterfest an alle, nicht zuletzt die Soldatinnen und Soldaten denken, die auch in diesen Tagen fern der Heimat in oft gefährlichen Situationen den Frieden sichern helfen. Manchmal mag es so aussehen, als ob die Kirche (vgl. das Gebet um Frieden vor dem Friedenskuss) nur um Versöhnung in ihrem eigenen Bereich besorgt wäre. Dies wäre ein Irrtum. Aber wir können nur weltweite Boten des Friedens werden, wenn wir zuerst im Raum der Kirche immer wieder zwischen uns, aber auch allen Christen Versöhnung schaffen.

von Karl Kardinal Lehmann, Bischof em. von Mainz

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