Die Reformation in ihrem Ursprung und ihrer kritischen Verwurzelung in der katholischen Tradition

Predigt beim Reformationsgottesdienst am 31.10.2008 in der Kreuzkirche in Bonn

Datum:
Freitag, 31. Oktober 2008

Predigt beim Reformationsgottesdienst am 31.10.2008 in der Kreuzkirche in Bonn

Leitwort/Predigttext:

„Denn es müssen ja Spaltungen unter euch sein, damit die Rechtschaffenen unter euch offenbar werden." (1 Kor 11,19, Lutherübersetzung)

„Denn es muss Parteiungen geben unter euch, nur so wird sichtbar, wer unter euch treu und zuverlässig ist." (1 Kor 11,19, Einheitsübersetzung)

„Es muss ja auch Parteiungen geben unter euch, damit die Tüchtigen unter euch erkennbar werden." (1 Kor 11,19, Zürcher Bibel 2007)

Zunächst möchte ich mich herzlich bedanken, dass Sie mich zu dieser Predigt am Reformationstag eingeladen haben. Es ist nicht das erste mal, dass mir diese Aufgabe zufällt. Ich mache sie jeweils gerne, aber auch immer wieder anders. Wir wachsen aneinander, wenn wir gerade auf unsere Verschiedenheiten schauen und uns fragen, wie weit sie recht gedeutet worden sind und auch heute gut verstanden werden.

Schon lange hat mich immer wieder ein Satz umgetrieben, der beim hl. Paulus im 11. Kapitel des ersten Korintherbriefes steht (V. 19). Es geht dabei um die rechte Feier des Herrenmahles und über das Verhalten bei ihm. Paulus tadelt die Korinther: „Ich kann nicht loben, dass ihr nicht zu eurem Nutzen, sondern zu eurem Schaden zusammenkommt. Zum Ersten höre ich: Wenn ihr in der Gemeinde zusammenkommt, sind Spaltungen unter euch und zum Teil glaube ich´s." (11,17 f.) Ausgerechnet beim Herrenmahl, wo es um die Einheit des Leibes Christi geht, werden Spaltungen besonders laut. Wenn Paulus hier von Spaltungen spricht, dann benutzt er starke Worte, die bei uns eben gerade durch die Spalterscheinungen in den Kirchen eine noch kräftigere Bedeutung bekommen haben. Es ist die Rede von Schismen (schismata) und sogar von Häresien (haireseis).

Auch wenn diese Worte noch nicht mit der ganzen Last der späteren Geschichte beladen sind, so geben sie doch zu denken. Das Wort Schisma kann ganz alltäglich einen abgeschnittenen Flicklappen bedeuten. Es kann auch einen schlimmen Riss bezeichnen. Wenn der Himmel sich spaltet (vgl. Mk 1,10), dann wird damit eine göttliche Offenbarung für die Welt vorbereitet. Im übertragenen Sinne bedeutet Schisma auch Zwistigkeiten, Gruppierungen, Polarisierungen. Dies löst z.B. die Person Jesu bei den Juden aus (Joh 7,43; 9,16; 10,19). Auch Paulus ist besonders unter den Juden umstritten, sodass es harte Konflikte gibt (vgl. Apg 14,4; 23,7). In der Gemeinde in Korinth berufen sich die Gruppierungen auf verschiedene Autoritäten (vgl. 1 Kor 1,10 ff.). Da gibt es regelrechte parteiliche Gruppen: „Ich halte zu Paulus - ich zu Apollos - ich zu Kephas - ich zu Christus." (1 Kor 1,12) Paulus pocht nicht auf die Gruppe, die nach ihm benannt ist. Er beklagt die verlorene Einheit. Erst recht, wenn es um die Gemeinschaft beim Herrenmahl geht (11,18). Die Spaltungen beim Herrenmahl betreffen zunächst vor allem die soziale Schichtung in Reiche und Arme, haben aber natürlich auch einen Hintergrund im Verständnis von Kirche.[1]

An unserer Stelle (11,19) wird nun auch von „Häresien" geredet. Dies sind offensichtlich noch gesteigerte Spannungen und Spaltungen. Dabei muss man sehen, dass die Begriffe Schisma und Häresie außerhalb des christlichen Glaubens oft einfach im Sinne von Schulrichtungen, also etwa in der Philosophie, gebraucht werden. Dies gilt für das Griechentum und das Judentum. Freilich das Wort Häresie meint besonders im späteren Judentum dann auch den Andersgläubigen. Im Christentum ist er aber bald Bezeichnung einer außerchristlichen und außerkirchlichen Gemeinschaft. Es sind nicht nur verschiedene Gruppen in der Gemeinde, sondern es entsteht eine neue Situation durch das Auftreten der christlichen Kirche. Kirche und Häresie sind und bleiben Gegensätze (vgl. schon Gal 5,20). An unserer Stelle wird deutlich, dass in der kirchlichen Gemeinde Häresien unmöglich sind. Dabei ist wohl schon beim hl. Paulus Häresie eine Steigerung von Schisma. Sie besteht darin, dass die Häresien das Fundament der Kirche berühren, und zwar auf eine sehr grundsätzliche Weise, sodass auch eine neue Gemeinschaftsbildung neben der Kirche entsteht. Die Kirche kann deswegen keine Häresien, jetzt im Sinne von grundlegend anders gerichteten Optionen dulden, weil sie sonst ihren umfassenden Anspruch, gerade auch als öffentlich-rechtliche Versammlung des ganzen Volkes Gottes, gefährden und vielleicht sogar zerstören würde. Der Begriff der Parteiung würde den Begriff der Kirche geradezu zerstören.

Die Exegeten geben zu bedenken, ob hier bei Paulus ein unbekanntes Jesuswort, das außerhalb der Bibel überliefert wird, und zwar in früher Zeit und in einer gewissen Breite, vorausgesetzt oder gar zitiert wird. Dieses so genannte apokryphe Jesuswort lautet: „Viele werden in meinem Namen kommen (Mt 24,5), auswendig mit Schafsfellen begleitet, inwendig aber sind sie reißende Wölfe (Mt 7,15), ferner: es wird Spaltungen geben und Parteihader."[2] Manchmal hat man darauf hingewiesen, dass hinter diesem Wort einfach eine  geradezu sprichwörtliche Erfahrung steckt, dass es eben in der Menschenwelt immer wieder Spaltungen und Parteiungen gibt. Aber dies wäre ja wohl zu harmlos (vgl. auch Mt 10,35 f.). Es ist, gerade beim Wortgebrauch des hl. Paulus schon so zu verstehen, dass bei Spaltungen auf jeden Fall an eine Loslösung von der Gemeinschaft der Jünger gedacht ist. Häresien beziehen sich sogar noch mehr auf grundlegende Konflikte in ihrer Mitte. Für den Orient und besonders auch für die jüdische Apokalyptik gilt seit alter Zeit das Auflösen von Bindungen und Ordnungen und die zunehmende Vorherrschaft von Spaltungen sowie Parteiungen als ein Vorzeichen des Endes. Pseudopropheten haben daran schon jetzt einen Anteil (vgl. Mk 13,5 f., 22 f.). In diesem Sinne ist es gerade im christlichen Glauben etwas Furchtbares, wenn solche falschen Propheten in der Kirche Glauben finden. Dabei hat eine solche endzeitliche Verkehrung von der Gewaltanwendung bis zur geistlichen Verführung viele Formen. Die falschen Propheten, die wie Wölfe in Schafskleidern daherkommen, ähnlich wie Satan im Gewande des Heilands, sind besonders gefährlich. Der Glanz der lügnerischen Stimmen berauscht. Die Jünger werden sich entzweien. Manche werden abfallen. Jesus warnt davor, wenn er sagt: „Denn es wird mancher falscher Messias und mancher falscher Prophet auftreten, und sie werden Zeichen und Wunder tun, um, wenn möglich, die Auserwählten irrezuführen. Ihr aber, seht euch vor! Ich habe euch alles vorausgesagt." (Mk 13,22 f.)

Die Kirche hat also eine enge Bindung an den Herrn und damit der Jünger untereinander. Es gibt sicher viele eigene Begabungen in ihr, so wie es auch sehr verschiedene Personen und Persönlichkeiten (auch unter den Jüngern und Aposteln!), ja mitunter auch legitimen Streit gibt, aber eine zerstörerische Spaltung und Häresie darf es nicht geben. Nun sagt aber unser Text, dass es diese auch geben müsse, damit die „Bewährten", manche übersetzen auch die „Rechtschaffen", offenbar werden. Gemeint sind wohl diejenigen, die sich nicht in die Spaltungen hineinziehen lassen und sich so bewähren. Nicht aber erst das Endgericht, sondern die Kirche ist jetzt schon der Ort, an dem die Bewährung offenbar wird.

Man muss also diesem Wort seine ganze Wucht und Kraft lassen. Man darf ihm nicht harmlos die Mahnung auch an uns heute, Spaltungen und Parteiungen zu vermeiden, nehmen. Dies ist in der Auslegung dieses Wortes immer wieder geschehen, wenn man z.B. meinte: „Erst im Streit zeigt sich die Klarheit und Zuverlässigkeit des Charakters." (J. Weiß) Dann liest man in das Wort auch noch hinein, Paulus erwarte gute Wirkungen von den „Häresien". Was sagt der Text wirklich. In der Trübsal dieser Spannungen werden die „Bewährten" offenbar. Auflehnungen gegen die Einheit der Kirche und private Gruppenbildungen nach Art von Schulen und Parteien gehören bei aller inneren Vielheit und Vielgestaltigkeit nicht zur Kirche. Gerade am Reformationsfest wollen wir uns dies von der hl. Schrift, von Jesus und Paulus, mit aller Deutlichkeit sagen lassen. In jeder Kirchenspaltung versagen wir.[3] Sie ist und bleibt ein Skandal, ein Ärgernis. Außerdem zeigt die Auslegungsgeschichte vom Anfang bis in die jüngste Zeit, dass wir immer wieder vom rechten Hören auf das Wort Gottes gründlich lernen können. Am Schluss bleibt immer wieder die Frage, was heißt: „Oportet..."? Bedeutet dies wirklich ein unaufhaltsames „Muss"? Gibt es dabei so etwas wie eine göttliche Zulassung?

Gerade auch am Reformationsfest stellen sich uns heute diese Fragen. Wir können nicht mehr naiv einfach am 31. Oktober 1517 anknüpfen, ganz gleich ob der Thesenanschlag an der Schlosskirche zu Wittenberg stattgefunden hat. Es bleibt ja auf jeden Fall eine Initialzündung der Reformation. In unseren Tagen können wir auch nicht übersehen, dass die Evangelische Kirche in Deutschland im Oktober die Dekade, also die zehnjährige Vorbereitung zur Erinnerung an die 95 Ablassthesen begonnen hat, deren 500. Jubiläum wir im Jahr 2017 feiern. Was begehen wir dann heute bzw. 2017 wirklich? Wie gestalten wir die zehn Jahre? Es ist eine lange Zeit.

So einfach ist es freilich mit diesen Reformationsjubiläen nie gewesen. Ein Blick zurück kann da einiges helfen.  Es kann einem ja die Schamröte ins Gesicht treiben, wie Luther 1817 ganz in das Prokrustes-Bett eines Nationalhelden gezwängt oder wie er 1917, mitten im ersten Weltkrieg, für manche Durchhalteparolen benützt worden ist. Da ist es zweifellos zunächst richtiger, wenn Luther gerade im Blick auf Deutschland immer wieder in seiner Kulturbedeutung hervorgehoben wird, nicht zuletzt im Blick auf seine Übersetzung der hl. Schrift, ein einzigartiges Denkmal für die deutsche Sprache. Es ist seit langer Zeit modern geworden, auch durch die Philosophie des Deutschen Idealismus im 19. Jahrhundert gefördert, in Luther den endlichen Gewinn menschlicher Freiheit gegenüber allen Autoritäten und Abhängigkeiten zu feiern. Gewiss muss man ihn im Zusammenhang der Rahmenbedingungen des frühneuzeitlichen Aufbruchs sehen. Ob man ihn jedoch in so hohem Maße als Aufgang der Freiheit überhaupt sehen darf, kann man wirklich bestreiten. Die Reformation ist gewiss nicht einfach nur die „frühbürgerliche Revolution" und Luther nicht nur ein „Fürstenknecht", wie die marxistische Interpretation lautet. Das Lutherjubiläumsjahr 1983 - 500 Jahre nach seiner Geburt - hat uns noch einmal gezeigt, wie schwierig das Erbe festzuhalten und zugleich weiterzuführen ist.[4]

Vor kurzem hat uns der evangelische Historiker Hartmut Lehmann[5] gemahnt, wir hätten heute für ein solches Jubiläum die hohe Chance, eine Fülle anderer Themen zu behandeln. „Das Fazit: Alle bisherigen Lutherjubiläen waren in hohem Maß politisiert. Luthers Leben und Werk wurden benutzt, um politische und kirchenpolitische Anliegen zu artikulieren ... Wie kann man da der Gefahr einer neuerlichen Instrumentalisierung Luthers im Jahr 2017 begegnen?" Er nennt dafür fünf Themenbereiche: Luthers Abgrenzung von den Täufern und anderen Richtungen innerhalb der reformatorischen Bewegung, seine Polemiken gegen den Papst und die römische Kirche, die Distanzierung gegenüber einem für Reformen offenen und zu Toleranz bereiten Humanismus, die scharfen Schriften gegen die Türken und die geradezu hasserfüllten späten Schriften Luthers gegen die Juden. Ich bin mir sicher, dass man von reformatorischer Seite her, weit über Deutschland hinaus (denn Luther gehört nicht nur uns Deutschen!), diese Aufgaben sieht und auch wahrnehmen möchte. Aber dieses Vermächtnis ist gerade im Blick auf die genannten Themen wohl mehr als ein Jahrhundertwerk - so viel auch dafür schon vorbereitet ist.

Als katholischer Theologe und Bischof liegt mir eine noch weithin ausstehende Perspektive am Herzen, die teilweise mit den eben genannten und auch anderen Aufgabenstellungen einhergehen mag. Wir haben viel gehört und hören es immer wieder, dass der reformatorische Aufbruch in die Nähe des Beginns der Neuzeit und der Moderne gehört, wenngleich man damit nicht den ganzen Luther trifft. Es wird jedoch höchste Zeit, dass wir im Interesse einer wahrheitsgetreuen Deutung den tiefen Zusammenhang Luthers mit der ganzen Geschichte der einen, heiligen, katholischen (christlichem oder allgemeinen) und apostolischen Kirche stärker sehen müssen. Wir sind nicht nur durch die Bibel (und über sie mit dem Judentum) und durch die großen Glaubensbekenntnisse sowie die Konzilien der Alten Kirche tief miteinander verbunden, sondern auch durch die oft beschämend gescholtene mittelalterliche Welt enger geeint, als uns manche Polemik zu denken übrig lässt. Ich nenne nur einige Themen: das Vermächtnis des hl. Augustinus für alle späteren Kirchen, die tiefe Beziehung zwischen dem hl. Bernhard und Martin Luther. Es ist ein wichtiger Schritt in dieser Richtung, wenn uns in jüngster Zeit die tiefe Verbindung mit der Mystik im Mittelalter[6] und dem monastischen Erbe bei Luther durch die Forschung neu vor Augen geführt wird,[7] und zwar nicht nur historisch. Es geht auch darum, wie die reformatorische Bewegung und die spätere lutherische Kirche z.B. durch die Übernahme katholischer Kirchen, Klöster und Kircheneinrichtungen bis heute  in einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit an die katholische Welt angeknüpft hat. Ich habe z.B. in diesem Sommer dies genauer in Lübeck gesehen.[8] Ich denke aber auch z.B. gerade auch an das so genannte Abendmahlsgerät, das ja nicht selten einfach übernommen worden ist und seine verborgene ökumenische Dimension.[9] Wir trinken das heilige Blut aus denselben Kelchen. Es gibt aus der Reformationszeit nicht nur die zertrümmerten Marienstatuen, sondern es gibt eine erstaunliche Kontinuität, die wir aber noch nicht auf einen gemeinsamen Nenner gebracht haben, und eine oft tief verborgene Katholizität.

 Luther selbst hatte noch ein sehr tiefes Bewusstsein von der Selbigkeit und Kontinuität der Kirche als geschichtlicher Größe und als lebendiger Zusammenhang, auch wenn das Verständnis der Kontinuität nicht einfach identisch mit der katholischen Sicht war.[10] Dies gilt besonders für die umstrittene Konzeption der Tradition in der Kirche (vor allem im Verhältnis zur Schrift), aber auch der apostolischen Sukzession - Themen, die im Ökumenischen Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen in den letzten zwei Jahrzehnten im Vordergrund standen.[11] Vielleicht hängt es doch auch damit zusammen, dass vor allem die skandinavischen Kirchen - und hier besonders in Finnland - dieses Stehen in einem umfassenden Überlieferungszusammenhang stärker bewahrt haben als wir in Deutschland.

Es gibt aber auch im Leben Luthers selbst einige gravierende Umstände, die uns in diese Richtung lenken. Ich will deshalb aber keine rückwärtsgewandte Geschichtsromantik betreiben. Wir stehen nicht mehr 1483-1546, der Lebenszeit M. Luthers. Aber: Martin Luther ist schließlich in der einen und selben katholischen Kirche geboren und gestorben. „Er ist gestorben in dem gleichen Glauben, in dem er gelebt und gehandelt hatte. In dem Glauben der einen katholischen Kirche, die es nach seiner Meinung - und nach der des apostolischen Glaubensbekenntnisses - nur gibt und um deren katholische Reform es ihm ging."[12] Dessen blieb er sich wohl bei aller Polemik bewusst. Luther hat auch nicht daran gedacht, eine neue, zweite Kirche neben der alten zu schaffen. Es ist gut, dass seit Jahren von den Historikern der schwer zu durchschauende „Konfessionalisierungsprozess" genauer erforscht wird, den jedenfalls die wichtigsten Theologen und Kirchenleute so nicht wollten. Aber es gab ja z.B. im Blick auf den Besitz der alten Kirche von verschiedener Seite viele andere Begehrlichkeiten, nicht zuletzt auch beim Adel und den Reichsstädten - die berühmten „nicht-theologischen Faktoren". Deswegen ist es gut, wenn wir gemeinsam in den nächsten Jahren bis 2017 das Vorhaben realisieren, zusammen zu beschreiben, wie wir die Reformation beurteilen und bewerten.

Manche bestreiten ja, dass es „die" Reformation überhaupt gebe. Wir begehen im Jahr 2009 ja zum 500. Mal den Geburtstag des Genfer Reformators Johannes Calvin (10. Juli 2009). Der Calvinismus ist ja eine andere, stärker transnationale Gestaltungskraft des neuzeitlichen Europa. Die Anfragen vor allem von Heiko A. Oberman sind nicht von der Hand zu weisen und - wie mir scheint - weitgehend unbeantwortet.[13]

Hier bin ich fest überzeugt, dass wir beim Reformationsjubiläum 2017 neue Türen auftun können und bis dorthin wohl auch einige Aufgaben miteinander klären konnten. In diesem Sinne weiß ich mich trotz aller Beschränkung auf die im Titel angesprochene Fragestellung „Die Reformation in ihrem Ursprung und ihrer kritischen Verwurzelung in der katholischen Tradition" mit den Forderungen im schon genannten Artikel von Hartmut Lehmann einig. Wir haben dieses Programm ja auch schon an vielen Ecken zu realisieren begonnen.

Wir feiern den Reformationstag 2008. Es tut gut, immer wieder auf die Thesen, die wohl oder vielleicht an diesem Tag auf einem Plakat mit 95 Grundsätzen zur Frage des Ablasses an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg geheftet worden sind, zurückzukommen. Dabei ist bereits die erste These von ganz grundlegender Bedeutung: „Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht ‚Tut Buße' (Mt 4,17), hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sei."[14] Hier kommen wir zu dem Theologen Martin Luther.

 

Dies gilt ganz besonders auch für alle ökumenischen Bemühungen. Wir entdecken immer mehr, wie wichtig der „geistliche Ökumenismus" ist, wie unersetzlich die Umkehr gerade auch der Kirchen ist und dass wir wirklich nur „einen einzigen Lehrer" haben.[15] Dazu helfen uns viele gemeinsame Unternehmungen in der wissenschaftlichen Theologie, im ökumenischen Fachgespräch und im vielfältigen Leben der Kirche, auch in gemeinsamen Stellungnahmen, nicht zuletzt auch in der Diakonie/Caritas. Aber es würde uns nichts nützen, wenn diese Umkehr nicht zuerst den Einzelnen erfassen würde, jeden und jede am Ort ihres Lebens und Wirkens, besonders auch in der Finanzkrise. Es geht ja nicht in erster Linie um die Vergangenheit, sondern um unsere gemeinsame Zukunft. Deshalb möchte ich nach der Anführung der ersten These mit den letzten beiden Thesen schließen: „Man muss die Christen ermahnen, dass sie Christus, ihrem Haupt, durch Leiden, Tode und Höllen nachzufolgen trachten / und so mehr darauf vertrauen, durch viel Trübsal in den Himmel einzugehen, als durch die Sicherheit eines Scheinfriedens."[16] Einen solchen Scheinfrieden kann es auf verschiedene Art und Weise geben. Das wahre Bild Luthers kann uns davor hüten. Dies müssen wir gemeinsam unternehmen.[17] Amen

 


[1]

Zur Auslegung vgl. nur H. Schlier, „hairesis", in: Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament, hrsg. von G. Kittel, Bd. I, Stuttgart 1933 u.ö., 179-184; H. Conzelmann, Der erste Brief an die Korinther = Kritisch-exegetischer Kommentar über das Neue Testament, V, Göttingen 1969, 227 ff.; K. S. Frank, Vom Nutzen der Häresie 1 Kor 11,19 in der frühen patristischen Literatur, in: Ecclesia militans, 2 Bände, Festschrift für R. Bäumer, hrsg. von W. Brandmüller u.a., Paderborn 1988, Band I, 23-35; J. Kremer, Der erste Brief an die Korinther = Regensburger Neues Testament, Regensburg 1997, 237; W. Schrage, Der erste Brief an die Korinther, Band 3 (11,17-14, 40) = Evangelisch-katholischer Kommentar zum NT, VII/3, Zürich 1999, 5 ff.; H. Merklein/M. Gielen, Der erste Brief an die Korinther = Ökumenischer Taschenbuch-Kommentar zum NT, 7/3 (11,2-16, 24), Gütersloh 2005, 72 ff., 83 ff.; E. Peterson, Der erste Brief an die Korinther und Paulus-Studien = Ausgewählte Schriften 7, Würzburg 2006, 235 ff. (vgl. auch H.-U. Weidemann, LXIX ff.); P. Arzt-Grabner, 1 Korinther = Papyrologe Kommentare zum NT 2, Göttingen 2006, 394; M. Ebner/St. Schreiber (Hg.), Einleitung in das NT, Stuttgart 2008, 303-325 (Th. Schmaller). Vgl. Anm. 9.

[2]

Es werden auch die griechischen Begriffe „Schismata" und „Häresien" verwendet, und zwar bei Justin Dial 35,3, die Didaskalia syr. VI 5,2; Pseudoklementinische Homilien II 17,4. Zu den drei unabhängigen Quellen, die ein gewisses Alter beanspruchen dürfen, vgl. J. Jeremias, Unbekannte Herrenworte, 3. Auflage, Gütersloh 1965, 74 f.

[3]

Vgl. im Übrigen zur Interpretation F. Stegmüller, Oportet haereses esse. 1 Cor 11,19 in der Auslegung der Reformationszeit, in: Reformata Reformanda I, Festschrift Hubert Jedin, hrsg. von E. Iserloh/K. Repgen, Münster 1965, 330-364 (Lit.); H. Grundmann, „Oportet et haereses esse", Das Problem der Ketzerei im Spiegel der mittelalterlichen Bibelexegese, in: ders., Ausgewählte Aufsätze, Bd. 1, Stuttgart 1976, 328-363 (ursprünglich 1963); A. Grillmeier, Häresie und Wahrheit. Eine häresiologische Studie als Beitrag zu einem ökumenischen Problem heute, in: ders., Mit ihm und in ihm. Christologische Forschungen und Perspektiven, Freiburg i. Br. 1978, 219-244. Vgl. auch oben Anm. 1.

[4]

Vgl. auch H. Süssmuth (Hg.), Das Luther-Erbe in Deutschland. Vermittlung zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit, Düsseldorf 1985.

[5]

Die Deutschen und ihr Luther. Im Jahr 2017 jährt sich zum fünfhundertstenmal der Beginn der Reformation. Jubiliert wurde schon oft, in: FAZ, 26.8.2008, Seite: Gegenwart. Vgl. H. Bornkamm, Das Jahrhundert der Reformation. Gestalten und Kräfte, Frankfurt 1983 (erstmals Göttingen 1961), 379 ff., 342 ff.; ders., Luther im Spiegel der deutschen Geistesgeschichte, 2. Aufl., Göttingen 1970.

[6]

Vgl. B. Hamm/V. Leppin (Hg.), Gottes Nähe unmittelbar erfahren. Mystik im Mittelalter und bei Martin Luther = Spätmittelalter und Reformation, Neue Reihe 36, Tübingen 2007.

[7]

Luther und das monastische Erbe, hrsg. von Chr. Bultmann/V. Leppin/A. Lindner = Spätmittelalter, Humanismus, Reformation 39, Tübingen 2007.

[8]

Näheres vgl. bei W.-D. Hauschild, Kirchengeschichte Lübecks. Christentum und Bürgertum in neun Jahrhunderten, Lübeck 1981.

[9]

Vgl. J. M. Fritz, Das evangelische Abendmahlsgerät in Deutschland. Vom Mittelalter bis zum Ende des Alten Reiches, Leipzig 2004 (vgl. mein Geleitwort: 11).

[10]

Vgl. W. Höhne, Luthers Anschauungen über die Kontinuität der Kirche = Arbeiten zur Geschichte und Theologie des Luthertums XII, Berlin 1963; K. G. Steck, Lehre und Kirche bei Luther = Forschungen zur Geschichte und Lehre des Protestantismus XXVII, München 1963.

[11]

Vgl. Verbindliches Zeugnis, 3 Bände: I (Kanon - Schrift - Tradition), II (Schriftauslegung - Lehramt - Rezeption), III (Schriftverständnis und Schriftgebrauch), hrsg. von Th. Schneider/W. Pannenberg, Freiburg/Göttingen 1992, 1995, 1998 (= Dialog der Kirchen 7, 9, 10); Das kirchliche Amt in apostolischer Nachfolge, 3 Bände: I (Grundlagen und Grundfragen), II (Ursprünge und Wandlungen), III (Verständigungen und Differenzen), hrsg. von Th. Schneider/G. Wenz/D. Sattler, Freiburg/Göttingen 2004, 2006, 2008 (= Dialog der Kirchen 12, 13, 14). Die Bände enthalten abschließende Gemeinsame Berichte.

[12]

H. Rückert, Das evangelische Geschichtsbewusstsein und das Mittelalter, in: ders., Vorträge und Aufsätze zur historischen Theologie, Tübingen 1972, 12-18 (1962). Ich kenne auch heute wenige Veröffentlichungen, die das Problem so offen und präzis ansprechen, vgl. auch ebd.: Die geistesgeschichtliche Einordnung der Reformation, 52-70. Zur Sache vgl. auch B. Moeller, Die Reformation und das Mittelalter, hrsg. von J. Schilling, Göttingen 1991.

[13]

Luther. Mensch zwischen Gott und Teufel, Berlin 1981; ders., Die Reformation. Von Wittenberg nach Genf, Göttingen 1986; ders., Zwei Reformationen. Luther und Calvin - Alte und Neue Welt, Berlin 2003. Vgl. auch das Programm eines Internationalen Kolloquiums „Calvin und Calvinismus - Europäische Perspektiven" vom 25. bis 28. Juni 2009 in Mainz (Veranstalter: Institut für Europäische Geschichte und Institut für Reformationsgeschichte der Theologischen Fakultät Apeldoorn, Vorankündigung).

[14]

So nach der Fassung in Martin Luther, Ausgewählte Schriften, hrsg. von K. Bornkamm/G. Eberling, Bd. 1: Aufbruch zur Reformation, Frankfurt 1982, 28; die lateinische Version lautet: „Dominus et magister noster Jesus Christus dicendo: Penitentiam agite etc. omnem vitam fidelium penitentiam esse voluit." Vgl. dazu auch K. Aland, Die 95 Thesen Martin Luthers und die Anfänge der Reformation, Gütersloh 1983; R. Decot, Kleine Geschichte der Reformation in Deutschland, Freiburg i. Br. 2005, 30 ff.

[15]

W. Kardinal Kasper, Wegweiser Ökumene und Spiritualität, Freiburg 2007; D. Deckers, Wo das Herz des Glaubens schlägt. Die Erfahrung eines Lebens, Freiburg i. Br. 2008; vgl. auch die Dokumente der Truppe von Dombes: Pour la conversion des Eglises, Paris 1991; Gruppo di Dombes, „Un solo maestro", Bologna 2006 (Paris 2005).

[16]

In der bereits in Anm. 12 genannten Übersetzung, 36 f. Die lateinische Fassung heißt: „Exhortandi sunt Christiani, vt caput suum Christum per penas, mortes infernosque sequi studeant / Ac sic magis per multas tribulationes intrare celum, quam per securitatem pacis confidant."

[17]

Für mich bedeutet das Lutherbuch von V. Leppin dabei eine große Hilfe, vgl. Martin Luther, Darmstadt 2006. Auf die bisherigen Rezensionen möchte ich nicht eingehen. Vgl. auch V. Leppin, Die Wittenberger Reformation und der Prozess der Transformation kultureller zu institutionellen Polaritäten = Sitzungsberichte der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. Philologisch-historische Klasse, Bd. 140, Heft 4, Leipzig 2008 (Vertrieb: S. Hirzel Verlag, Stuttgart/Leipzig). Zur Erarbeitung einer solchen Sicht vgl. auch P. Manns/H. Meyer (Hg.), Ökumenische Erschließung Martin Luthers. Referate und Ergebnisse einer internationalen Theologenkonsultation, Paderborn 1983.

c/o Karl Kardinal Lehmann

Es gilt das gesprochene Wort

von Karl Kardinal Lehmann, Bischof em. von Mainz

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