Die missionarische Grundregel des hl. Paulus: Allen alles werden

Predigt zum Abschluss des Paulusjahres für das Bistum Mainz in Offenbach, St. Paul, am 29. Juni 2009

Datum:
Montag, 29. Juni 2009

Predigt zum Abschluss des Paulusjahres für das Bistum Mainz in Offenbach, St. Paul, am 29. Juni 2009

I. Missionarische Kirche heute

Im Paulusjahr ist ein wichtiger Grundzug des Lebens, des Wirkens und der Theologie des hl. Paulus immer wieder zur Sprache gekommen. Dies ist die missionarische Struktur seiner Verkündigung. Spätestens seit der Jahrtausendwende, aber grundsätzlich schon mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, spielt die missionarische Ausrichtung der Kirche für ihr Wirken in der heutigen Welt eine zentrale Rolle. So heißt es in einem der besten, aber nicht so bekannten Verlautbarungen des Konzils, nämlich in dem „Dekret über die Missionstätigkeit der Kirche" (Ad Gentes): „Die pilgernde Kirche ist ihrem Wesen nach ‚missionarisch'." (AG 2) Dies ist gerade in den letzten Jahren immer wieder dargelegt worden.

Dabei müssen wir uns vergegenwärtigen, dass das Wort „missionarisch" gleichbedeutend ist mit „apostolisch". Es ist dasselbe Wort, das die Sendung betont, die zum Wesen des christlichen Glaubens gehört. In dem Wort „apostolisch" schwingt vielleicht mehr die Sicht auf das Erbe der Apostel mit, das mit der hl. Schrift zusammen die Grundlage für den christlichen Glauben überhaupt darstellt. Aber es ist fundamental auch die Ausrichtung der Botschaft an die ganze Welt bis an die Grenzen der Erde mitgemeint. Dies hören wir vielleicht stärker in dem Wort „missionarisch", das freilich die Herkunft dieser Botschaft in keiner Weise verleugnet.

Missionarisch ist das Christentum von Anfang an, weil es seine Botschaft für alle darbietet. Dies hängt sehr eng mit der Lebenshingabe Jesu Christi und seinem Tod „für die vielen", d.h. für alle, zusammen. Deshalb dürfen wir auch die Botschaft nicht einfach nur bewahren, so treu wir ihr gegenüber sein müssen. Wir müssen sie immer neu ausrichten und dabei andere Sprachen, andere Kulturen, andere gesellschaftlichen Verhältnisse und vor allem andere Menschen beachten. Wir dürfen also nie im Blick auf die Botschaft, die wir angenommen haben, selbstzufrieden sein („beati possidentes"). Immer wieder kommt es darauf an, dass wir die christliche Botschaft in alle Winkel der Welt und zu allen Menschen bringen. Dies geschieht natürlich nicht nur theoretisch und in Form der Predigt, sondern wir müssen das Evangelium im Wort und in der Tat des Lebens bezeugen, „die Wahrheit tun", wie das Johannesevangelium sagt (3,21). Darum müssen wir Christen selbst solche Boten, also missionarisch sein.

II. Paulus als Vorbild

In dieser Hinsicht ist der Apostel Paulus - von Jesus selbst und den Aposteln insgesamt abgesehen - tatsächlich der Apostel schlechthin. Schließlich ist er in besonderer Weise ausgerichtet auf das Weitersagen der apostolischen Botschaft in die ganze Welt hinein. Dies zeigt sich in verschiedener Hinsicht. Es fängt damit an, dass Paulus leidenschaftlich dafür kämpft, dass die Heiden nicht erst Juden werden müssen, wenn sie Christen werden möchten. So sehr der christliche Glaube bleibend auf dem Judentum gründet, also auch das Alte Testament, manche sagen gerne: das Erste Testament, einschließt (z.B. die Tora), so wenig muss man zum Christentum einen Umweg über das Judentum machen. Dies betrifft hauptsächlich die Beschneidung und die Speise- und Reinigungsvorschriften. Paulus hat, obgleich er ja in einzigartiger Weise Jude ist, für diese Freiheit leidenschaftliche gekämpft und schließlich so entscheidend mitgeholfen, dass der christliche Glaube nicht einfach in einer jüdisch orientierten Provinz geblieben ist, sondern in die ganze Welt gebracht worden ist.

Dies ist ein wichtiges Fundament für die frühe Kirche. Damit hängt noch vieles zusammen. Die Kirche war von Anfang an überzeugt, dass man das Evangelium nicht nur an eine Sprache binden darf, sei es die aramäisch-hebräische Sprache, die Muttersprache Jesu, aber auch nicht an die griechische Kultur, in der Paulus recht gut zu Hause war. Die Übersetzung der apostolischen Botschaft in die Sprachen und Kulturen der Welt, ohne sich durch die Inkulturation einfach anzupassen, kann in ihrem Gewicht gar nicht überschätzt werden. Diese Öffnung durch den Geist ist freilich schon durch das Sprachenwunder an Pfingsten der Kirche von Anfang an geschenkt worden (vgl. Apg 2,1-13).

Diese grundlegende missionarische Tätigkeit prägt das Wirken des hl. Paulus von Anfang an. Obwohl er gewiss viele Gemeinden gegründet hat, bleibt er nicht in ihnen. Er weist betont darauf hin, dass er vor allem gekommen ist, das Evangelium überall zu verkünden. Die anderen missionarischen Aktivitäten, sogar die Taufe (vgl. 1 Kor 1,17), überlässt er den Mitarbeitern. So ist es auch zu verstehen, dass Paulus nicht so fest mit einer einzelnen Kirchengründung verbunden ist, wie dies z.B. Jakobus mit Jerusalem und auch Petrus mit Rom ist (trotz der engen Zusammengehörigkeit von Petrus und Paulus!). Er ist unentwegt unterwegs, wie besonders seine Missionsreisen bezeugen, die ihn wohl fast in die ganze damals bewohnte Erde („oikoumene") gebracht haben. Die erste Missionsreise mit Barnabas können wir nicht so leicht zeitlich festlegen, die zweite Missionsreise mit Korinth als einem wichtigen Mittelpunkt lässt sich wohl in die Jahre 50-52 datieren. Die dritte Reise mit dem Schwerpunkt in Ephesus kann man in die Jahre 52-55 legen. Nicht zu vergessen sind die Aufenthalte in den damaligen Weltstädten Athen, Jerusalem und Rom; möglicherweise kam Paulus bis nach Spanien. Damit ist deutlich, warum und wie Paulus der Apostel ist, Vorbild für alle Christen, die Boten des Evangeliums sein sollen, und besonders für die Missionare aller Zeiten und aller Räume.

III. Auslegung von 1 Kor 9,19-23

Wir haben viele Zeugnisse des hl. Paulus und auch des Lukas in der Apostelgeschichte über die missionarische Tätigkeit des Paulus. Ich möchte hier keine Zusammenfassung dieser Erkenntnisse aus der missionarischen Verkündigung und ihrer Praxis versuchen. Stattdessen habe ich einen Text des hl. Paulus selbst gewählt, der im ersten Korintherbrief zu finden ist und dem man die Überschrift geben könnte: die missionarische Grundregel oder auch der missionarische Kanon des hl. Paulus (1 Kor 9,19-23).

Dieser Text ist eine Einheit, die natürlich eine konkrete Umgebung im ersten Korintherbrief hat. Das Thema ist hauptsächlich der neuen Freiheit gewidmet, die zum Verhalten des Christen gehört. Paulus könnte für seine Tätigkeit einen „Lohn" bekommen, aber er verzichtet auf dieses Recht, um unabhängig und frei zu sein. Aber der Abschnitt 9,19-23 ist dann doch relativ selbstständig.

Wir lernen zunächst diesen Text kennen. Ich wähle die so genannte Einheitsübersetzung, die ich aber an einigen Stellen etwas verständlicher zu machen versuche, entweder durch Präzisierungen oder durch andere Übersetzungsmöglichkeiten. Ich habe den einzelnen Versen jeweils eine Zwischenüberschrift gegeben. Aufbau und Zielsetzung sind so klar, gleichförmig und konsequent, dass dies leicht möglich ist.

1 Kor 9,19-23
1. Grundsatz (vgl. 19)
19 Da ich also von niemand abhängig war, habe ich mich für alle zum Sklaven gemacht, um möglichst viele (auch: die meisten, die Mehrzahl) zu gewinnen.
2. Anwendungen: Juden und Heiden (vgl. 20-21)
20 Den Juden bin ich (wie) ein Jude geworden, um Juden zu gewinnen; denen, die unter dem Gesetz stehen, bin ich, obgleich ich nicht unter dem Gesetz stehe, (wie) einer unter dem Gesetz geworden, um die zu gewinnen, die unter dem Gesetz stehen.
21 Den Gesetzlosen (= Heiden) war ich sozusagen ein Gesetzloser - nicht als ein Gesetzloser vor Gott, sondern gebunden an das Gesetz Christi -, um die Gesetzlosen zu gewinnen.
3. Konkrete Zuspitzung (vgl. 22)
22 Den Schwachen wurde ich ein Schwacher, um die Schwachen zu gewinnen.
4. Missionarische Grundregel (vgl. 22)
Allen bin ich alles geworden, um auf jeden Fall (oder: überhaupt) einige zu retten.
5. Die Botschaft und Paulus selbst (vgl. 23)
23 Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, um an seiner Verheißung teilzuhaben.

Wenn man den Text genau betrachtet, sieht man, dass in den wenigen Zeilen siebenmal ein Finalsatz gebraucht wird („um"), um das Ziel allen Bemühens deutlich zu machen. Fünfmal kommt dabei auch das Wort „gewinnen" vor, worauf noch zurückzukommen ist.

Man sieht, wie knapp und konzentriert der Text ist. Er hat eine sorgfältig gebaute Struktur und ist auch rhetorisch und literarisch meisterhaft komponiert. Der Anfang (V.19) und der Abschluss (VV.22b/23) gehören eng zusammen. Dies sieht man schon an der Funktion des Wörtchen „alle". Die ganzen Ausführungen zielen schließlich auf die kurz gefasste missionarische Grundregel in V.22: „Allen bin ich alles geworden, um auf jeden Fall (oder: überhaupt) einige zu retten."

Dieser Grundgedanke wird in den Versen 20-22 dreifach abgewandelt:
1. V.20 In Anwendung auf die Juden. Es gibt zwei parallele Sätze; der zweite erläutert den ersten. Dieser Satz ist nicht so einfach zu verstehen. Da Paulus selbst Jude ist, versteht er die Juden. Darum will er sich auch auf ihre Voraussetzungen einlassen und nicht einfach unter Hinweis auf seine Bekehrung provozieren. Er selber steht freilich nicht unter dem Gesetz, wenn man damit vor allem die Speise- und Reinigungsvorschriften ins Auge fasst.

2. In V.21 spricht er die Heiden an. Indem Paulus sie von der Befolgung des ganzen Gesetzes befreit, erscheint er auch selbst als ein „Gesetzloser". Aber dies heißt nicht, dass er - wie es manche in Korinth tun - eine grenzenlose Freiheit praktiziert oder zulässt. Vielmehr ist er an das „Gesetz Christi" gebunden; man kann auch übersetzen: dem Gesetz, dem Anspruch Christi unterstehend (im Griechischen ein unübersetzbares Wortspiel).

3. Schließlich fasst Paulus in gewisser Weise sein Verhalten im Blick auf eine Gruppe von Menschen besonders zusammen: „Den Schwachen wurde ich ein Schwacher, um die Schwachen zu gewinnen." Die „Schwachen" kennen wir aus dem Streit, ob die Christen „Götzenopferfleisch" essen dürfen (vgl. genaueres in: 1 Kor 8,9-13, aber auch 1,27 und Röm 14,1). Von den „Starken" redet er nicht. Sie sind wohl sehr autonom und autark. Für ihn sind jedenfalls die „Schwachen" diejenigen, um die er sich in erster Linie kümmert.

Paulus benutzt in diesem Zusammenhang, wie schon erwähnt, fünfmal das Wort „gewinnen". Es durchzieht den ganzen Text. Dies ist zunächst einmal Kaufmannssprache. Die christliche Verkündigung verwendet ja viele Begriffe und Bilder, um die christliche Botschaft zur Sprache zu bringen und bei den menschlichen Grunderfahrungen einzusetzen (z.B. Sprache der Bauern, Handwerker, Geldwechsler, Soldaten, Sport). Im Neuen Testament wird „gewinnen" ein zentraler Begriff der Missionssprache: für das Gottesreich gewinnen (Mt 18,15, 1 Petr 3,1, Phil 3,8), die Menschen zu Christen machen. Dahin zielen alle Bemühungen, wie in den sieben Finalsätzen besonders hervortritt.

Damit kann Paulus gleichsam in einer Art Zusammenfassung dem Höhepunkt seines Textes entgegeneilen und formulieren: „Allen bin ich alles geworden, um auf jeden Fall (oder: überhaupt) einige zu retten."

Dieser Satz ist gerade in seiner Kürze gewiss missverständlich und so auch dem Missbrauch ausgesetzt. Man hat aus diesem Satz nicht selten abgelesen, man müsse sich allem anpassen, Mission müsse in diesem Sinne ganz pragmatisch vorgehen, in dieser Anpassung liege der Kern aller Missionsstrategie. Dieser Satz verleite freilich - so sagen andere - auch dazu, den Mantel nach dem Wind zu hängen, und könne den Menschen einflüstern, man müsse den Menschen nur nach dem Mund reden. Gelegentlich ist darum auch dieser Satz des hl. Paulus zu einem Gemeinplatz, zu einem geflügelten Wort herabgesunken, sodass manche Exegeten ihn eher übergehen möchten oder schnell darüber hinweggleiten. Dies aber ist nicht erlaubt.

In Wirklichkeit will Paulus nicht den Menschen gefallen (vgl. Gal 1,10; 1 Thess 2,4). Dieser Spitzensatz „allen alles werden" kommt nämlich aus einer großen Tiefe. Weil es in Jesus Christus die Zuwendung Gottes zum Menschen gibt, darum gibt es für den Verkünder die Notwendigkeit, sich in die äußerste Nähe des anvertrauten Bruders und der anvertrauten Schwester zu begeben, ihre Welt zu teilen. Paulus formuliert seine Maxime nicht aus der Freiheit und Wandlungsfähigkeit heraus im Sinne einer stoisch-bürgerlichen Haltung, für die alle Menschen von Natur gleich sind und alle Differenzierungen zwischen ihnen relativiert werden. Die konkrete Lebenssituation und der geschichtliche Standort der einzelnen Menschen lassen sich so wenig wie der eigene Schatten überspringen. Gerade dies unterstreicht Paulus ganz besonders. Paulus akzeptiert ja nicht einfach die Standpunkte der Heiden und Juden, also ihre Heilswege, wohl aber versteht er ihre je verschiedene Position, ihre Lebensumstände als den geschichtlichen Standort, wo die Berufung des Einzelnen durch das Evangelium geschieht. Religiöse Tradition und sozialer Stand werden also unter diesem Gesichtspunkt relativiert und sind dennoch höchst bedeutungsvoll für die Verwirklichung des Christseins. Paulus handelt letztlich - obgleich das Wort nicht fällt - aus der Liebe, die nicht nach dem Eigenen, sondern nach dem trachtet, was des anderen ist (Phil 2,4; 1 Kor 13,5; Röm 15,2; Gal 6,2). Aus der Bindung an Jesus Christus und aus der Begegnung mit ihm hat Paulus eine unerhörte Kühnheit und eine unüberbietbare Bereitschaft: allen alles zu werden. Beides gehört zusammen: Die Identität aufgrund der Bindung an Jesus Christus, und nur so ist wahre Identifikation mit allen möglich. Der Inhalt (die Menschwerdung Gottes) und die Form (missionarischer Einsatz) gehören eng zusammen. In der Nachfolge des Gottesknechtes kann der Apostel das Paradox erfüllen, „Knecht aller" (1 Kor 19,19) zu werden. Hier fällt einem das Wort von E. Bethge aus der Nähe zu Dietrich Bonhoeffer ein: Identität ohne Identifikation ist Getto, Identifikation ohne Identität ist Boulevard.

Aber mitten in dieser Kühnheit ist Paulus auch ein großer Realist. Er weiß sich zu allen gesandt, niemand ist ausgenommen. Aber er weiß voller Nüchternheit, dass er dennoch nicht alle gewinnen wird. Obwohl das Wort „alle" am Anfang und am Ende gleichsam alles zusammenhält, wird doch mit aller Klarheit gesagt: „Allen bin ich alles geworden, um auf jeden Fall (oder: überhaupt) einige zu retten." Dies mindert seinen missionarischen Auftrag nicht. Er ist wirklich zu allen gesandt. Aber er weiß auch, dass er vielleicht nur einige rettet (hier kommt das Wort „retten" vor, das einen gewissen Unterschied zu „gewinnen" darstellt). Er kann nicht alle erreichen und alle bekehren, aber eingeladen werden sollen alle, wie immer sie sich dann auch entscheiden. Niemand wird abgeschrieben. Es ist Gott selbst, der am Ende zu Gericht sitzt. Diese Entscheidung ist Gott allein vorbehalten. Dann hat jeder noch eine Chance. Dies verstärkt die Dynamik der missionarischen Offenheit, nimmt aber der notwendigen Entscheidung nicht den Ernst. Der Apostel ist jedenfalls zu allen Menschen gesandt (vgl. Röm 1,14; 1 Kor 9,19ff., vgl. auch 2 Kor 2,15f., vgl. dazu auch Lk 19,10).

Im letzten Satz überrascht uns Paulus noch mit einem eigenen Gedanken. Der Text ist zuerst ganz und nur auf die Sendung konzentriert. Die Frage nach dem eigenen Heil scheint ganz ausgeklammert zu sein. Aber ist denn ein solcher Verzicht auf die Frage nach der eigenen Zukunft realistisch? Ist denn die Sorge um das eigene Heil, das Suchen nach einem „Lohn" ganz außerhalb der Frage nach der missionarischen Sendung? Dafür gibt der Vers 23 eine sehr knappe, aber treffende Antwort: „Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, um an seiner Verheißung teilzuhaben." Die Sorge um das eigene Heil und der Dienst an den Brüdern und Schwestern fallen zusammen. So geht uns auch nochmals der Eingangsvers neu auf: „Da ich also von niemand abhängig war, habe ich mich für alle zum Sklaven gemacht, um möglichst viele (oder: die meisten, die Mehrzahl) zu gewinnen." (V.19) Die Identifikation mit „allen" bindet nicht nur stärker an die Mitte des Evangeliums, sondern erfüllt auch am besten die eigene Sinnsuche. So werden auch der persönliche Glaube und der Dienst, das eigene Heilsinteresse und die kirchliche Identität vermittelt. Der Einsatz in Gottes Auftrag für die Welt schafft auch Erfüllung, ja geradezu Seligkeit für den einzelnen Menschen.

Paulus sagt am Schluss dieses Kanons mit letzter Klarheit , dass er dies alles „um des Evangeliums willen" tut. Zum Evangelium gehört sein Verkündigungsdienst. Indem er das Evangelium verkündigt, bekommt er selbst Anteil an ihm (vgl. 9,23). „Sein Anteil am Evangelium hängt mit seinem Dienst zusammen. Seine missionarische Existenz ist nicht eine zusätzliche Bestimmung seines Lebens, die auch fehlen könnte. Sie folgt für ihn daraus, dass das Evangelium ihm zufiel, worin er immer nur die unbegreifliche Gnade seines Lebens zu sehen vermochte." Es wäre also ein groteskes Missverständnis, wollte man in dem „missionarischen Kanon" des hl. Paulus einen Freibrief zur opportunistischen Anpassung sehen.

IV. Anwendung für heute

Damit ist zugleich deutlich geworden, wie dieses missionarische Programm des hl. Paulus auch unsere heutige Situation und den heutigen Auftrag der Christen und der Kirche trifft. Dies gilt besonders für die ganze Spannung, die es auszutragen gibt, dass wir buchstäblich „allen alles" werden sollen, indem wir alle einladen und uns um sie kümmern, besonders wenn sie in Not sind, dass wir aber den „Erfolg" Gott selbst überlassen müssen. Der Ausgang ist dann Gott selbst vorbehalten (im Sinne E. Peterson „eschatologischer Vorbehalt", vgl. dazu 2 Kor 5,14-6,2; 2 Kor 4,14; 5,1-10; 1 Kor 1,18). Dabei ist es nicht schwer, die Juden und Heiden, besonders aber auch die Schwachen aller Art in unserer heutigen Situation zu finden.

Dies entspricht genau dem Leitwort der Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils „Gaudium et spes", das man auch als Programmtext des Konzils lesen kann „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände. Ist doch ihre eigene Gemeinschaft aus Menschen gebildet, die, in Christus geeint, vom hl. Geist auf ihrer Pilgerschaft zum Reich des Vaters geleitet werden und eine Heilsbotschaft empfangen haben, die allen auszurichten ist. Darum erfährt diese Gemeinschaft sich mit der Menschheit und ihrer Geschichte wirklich engstens verbunden." (Art. 1)

(c) Karl Kardinal Lehmann

von Karl Kardinal Lehmann, Bischof em. von Mainz

Copyright: Karl Kardinal Lehmann, Mainz