Ein unersetzliches Symbol: die Mantelteilung

Zum Fest des hl. Martin am 11. November

Datum:
Sonntag, 11. November 2007

Zum Fest des hl. Martin am 11. November

„Wort des Bischofs“ in SWR 2 am 11. November 2007

Heute wird das Fest des heiligen Martin, mit dem schönen Datum des 11.11. verbunden, an einem Sonntag gefeiert. So mag es angebracht sein, einige Worte zu seiner Bedeutung heute zu sagen, zumal wir im deutschen Südwesten, nicht zuletzt auch durch viele Kirchenpatrone, eine alte und intensive Verehrung haben. Für die Bistümer Mainz und Rottenburg-Stuttgart ist der heilige Martin nicht nur Patron der Bistumskirchen, sondern auch der Diözesen.

Ein Bild geht um die Welt, das keiner vergisst, wie immer die jeweiligen Illustrationen auch sind: Der junge Offizier Martin teilt am Stadttor von Amiens mit einem Schwert seinen Soldatenmantel und gibt die Hälfte einem notdürftig bekleideten Armen. Das ist eine Geste des Teilens, die man nicht so schnell vergisst. Sie gehört durch die lange Überlieferung zu den Urbildern unserer europäischen Kultur. Dahinter ist die Gestalt des heiligen Martin selbst, der später Bischof von Tours wurde, beinahe verschwunden. Die Geschichte mit dem Mantel reicht weit über seinen Tod hinaus bis in die Gegenwart.

Und auch heute noch lassen sich besonders viele Kinder und Jugendliche von diesem Ursymbol ansprechen, sodass das Brauchtum mit vielen Legenden und Umzügen heute immer mehr auch mit neuen Ideen gepflegt wird.

Über lange Zeit haben die Menschen zwar Martins Erbarmen mit den Bedürftigen stets vor Augen gehabt, aber es gibt noch einen anderen Zug, der Beachtung fand: Normalerweise ist zwischen einem Offizier und einem Bettler eine große gesellschaftliche Schranke. Indem Martin sich für den Bettler interessiert und ihn in seiner Notsituation überhaupt wahrnimmt, durchbricht er diese Abgrenzung und relativiert damit auch alle Vorurteile und aus ihnen erwachsenden Mentalitäten. Der Uniformierte akzeptiert den zerlumpten Bettler als seinesgleichen, dem er brüderlich begegnet. Deshalb bleibt er bei manchen Darstellungen auch nicht auf seinem Pferd sitzen, sondern steigt herab zu dem Armen selbst. Es gibt auch Darstellungen, wo er überhaupt kein Pferd hat.

Diese Mantelteilung rührt uns auch noch aus einem anderen Grund: Der Soldat Martin gibt keine Spende aus seinem eigenen Wohlstand oder gar Überfluss. Er gibt dem Bettler die Hälfte seines ureigenen Kleides. Deswegen steht auch die spontane, im Augenblick dringliche Hilfe im Vordergrund. Es ist ein schlagendes Zeichen für spontane Solidarität. Und diese Geste ist und bleibt auch der Keim und die Urzelle jeder institutionellen Hilfe, wie sie Wohlfahrtsorganisationen eindrucksvoll leisten. Am Anfang steht das Erbarmen mit dem konkret Notleidenden. Dies ist die Wurzel aller Nächstenliebe und Solidarität.

Die Geschichte aus dem 4. Jahrhundert ist aber damit nicht zu Ende. Martin hat nämlich in der nächsten Nacht eine Traumvision, in der ihm Jesus Christus selbst mit dem umgelegten Mantelteil erscheint. „Dann hörte er – so schreibt sein Biograf Sulpicius Severus – Jesus laut zu der Engelschar, die ihn umgab, sagen: ‚Martin, obwohl erst Katechumene, hat mich mit diesem Mantel bekleidet.’ Eingedenk der Worte, die er einst gesprochen, ‚Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.’ erklärte der Herr, dass er in den Armen das Gewand bekommen habe.“

Es gibt jedoch Vertreter der Wirtschaftstheorie und -ethik mit der Meinung, das Bild des heiligen Martin sei kein Modell für die Ordnung moderner Gesellschaften, Wettbewerb sei solidarischer als Teilen. Ich bin fest überzeugt, dass dies ein verhängnisvoller Irrtum ist, ohne dass man deswegen den solidarischen Effekt auch des Wettbewerbs leugnen müsste. Die Weisheit der Jahrhunderte und auch der Kinder von heute weiß um die Dringlichkeit der Hilfe und der Zuwendung für den vom Erfrieren Bedrohten. Deswegen hält sich das Fest auch so eindringlich und ermutigt uns zum Teilen, besonders mit den Bedürftigen.

Hinweis:

J. Drumm (Hg.), Martin von Tours. Der Lebensbericht von Sulpicius Severus. Übertragen von W. Rüttenauer, Ostfildern 1997 (Schwabenverlag);

M. Becker-Huberti, Der heilige Martin. Leben, Legenden und Bräuche, Köln 2003 (Greven-Verlag);

R. Mensing, Martin von Tours, Düsseldorf 2004 (Patmos-Verlag)

 

(c) Karl Kardinal Lehmann 

von Karl Kardinal Lehmann, Bischof em. von Mainz

Copyright: Karl Kardinal Lehmann, Mainz