Gott hat sich zuletzt geoffenbart in seinem Sohn

Weihnachten 2001

Datum:
Dienstag, 25. Dezember 2001

Weihnachten 2001

Predigttext: Hebr 1,1-6 (2. Lesung)

Die Lesungen aus dem Neuen Testament sind in den Eucharistiefeiern dieser Weihnachtstage gut verteilt. Es gibt Erzählungen und Lieder, Hymnen und auch regelrechte Lehrstücke. Die einen Texte brauchen die anderen. Sie passen auch gut in die verschiedenen Zeiten hinein. Einige sind geeigneter am Abend oder am Morgen.

 

Alle kennen die Weihnachtsgeschichte besonders nach dem Lukas-Evangelium: Arme Eltern auf dem Weg zu einer Volkszählung, vergebliche Suche nach einer Herberge, ein ohnmächtiges Kind in der Krippe. Nur durch die Engel wissen wir, was sich darin an Ungewöhnlichem verbirgt. Das Lob der Hirten, das Erscheinen der göttlichen Herrlichkeit, Mitteilung einer großen Freude für das ganze Volk, die Geburt des Messias.

Diese Töne rühren das Herz des Menschen an. Sie sprechen elementare Schichten in uns an, auch wenn Menschen weniger Beziehung zur Gemeinschaft der Christen während des Jahres haben. Aber diese Texte allein können auch, wie wir gerade in diesen Tagen wieder sehen, zu Täuschungen führen. Sie klingen wie im Märchen, sind zu wunderbar, um wahr zu sein, regen an zum Träumen und sind zauberhaft schön, aber ist dies alles? Dann wäre Weihnachten am Ende eine Sache unserer Betroffenheit und unserer Stimmung. Dann wären wir auch rasch wieder über diese Erzählungen hinweg, wenn der Alltag wiederkommt. "Ungläubig hörten wir es – doch gern", sagt ein moderner Dichter (Peter Huchel).

Deshalb ist es gut, wenn es auch andere Töne und Texte in der Bibel gibt. Sie sind etwas später, haben vielleicht nicht so viel Farbe und Stimmung, erscheinen in ihrer mehr nüchternen Sprache – auch wenn es Hymnen und Lieder sind – eher abstrakt. Jedenfalls sind es sorgfältig theologisch durchdachte Aussagen, die sich daran machen, gleichsam am Tag sich zu fragen, was dies alles bedeutet, was sich da in der Nacht begeben hat. Die vertraute Nähe von Bethlehem und Palästina weitet sich bis an die äußersten Grenzen unserer Welt und versucht so etwas wie eine Standortbesinnung für die ganze Welt.

Wir haben mehrere solcher Texte. Zwei von ihnen sind durch Dichte und Länge, Sprache und Stil besonders ausgezeichnet, nämlich der sogenannte Johannes-Prolog (Joh 1,1-18), unser heutiges Evangelium, und die zweite Lesung des heutigen Tages aus dem Anfang des Hebräerbriefes (Hebr 1,1-6). Dieser Text lautet in seinen ersten Sätzen: "Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn, den er zum Erben des Alls eingesetzt und durch den er auch die Welt erschaffen hat; er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Abbild seines Wesens; er trägt das All durch sein machtvolles Wort, hat die Reinigung von den Sünden bewirkt und sich dann zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt; er ist um so viel erhabener geworden als die Engel, wie der Name den er geerbt hat, ihren Namen überragt." (1,1-4) Es ist ein großartiger Text, der wuchtig einsetzt, kunstvoll gebaut ist und in seiner Steigerung gar nicht so leicht in unserer Sprache wiedergegeben werden kann. Der Text ist äußerst knapp und dicht. Er ist Grundlage des ganzen Briefes.

"Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten": Gott spricht. Das ist nicht selbstverständlich. Wir sind diese Redensweise zu sehr gewohnt, ohne viel nachzudenken. In vielen Religionen schweigen die Götter. Sie sind göttlicher, wenn sie sich in ihre absolute Verborgenheit zurückziehen und uns unerreichbar ferne bleiben. Darum ist es ein erstes Zeichen für ein neues Gottesverständnis, dass Gott aus sich heraustritt, sich den Menschen zuwendet, aber nicht nur in Schöpfergewalt und mit Donner, sondern durch sein Wort. Und er hat tatsächlich gesprochen. Es war nicht nur ein Traum oder eine Einbildung. Viele Male und auf vielerlei Weise: Dies ist nicht nur ein Hinweis auf die bloße Vielzahl, die immer erneuten Anläufe, die notwendig damit verbundenen Unvollkommenheiten. Dies schwingt zwar auch mit, aber irgendwo möchte diese erste Aussage auch zum Ausdruck bringen, wie reich und vielfältig die Weisen sind, wie Gott sich offenbart. Dabei ist gewiss zuerst das Volk Gottes des Alten Bundes gemeint: ... hat Gott einst (vor Zeiten) zu den Vätern gesprochen durch die Propheten. Die Väter sind nicht nur die Patriarchen, sondern die vielen Vorgänger im Glauben, die frommen Israeliten im Lande, Bekannte und Unbekannte. Mit den Propheten sind gewiss nicht nur die großen Schriftpropheten gemeint, sondern alle die, die Offenbarung Gottes treu zu den Menschen gebracht haben.

Man darf wohl auch hinter dieser Geschichte der Offenbarungen im Alten Bund die ganze Fülle der Religionen in der Menschheit sehen. Die nachbiblische Theologie hat dies jedenfalls bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil so verstanden: Die Wahrheit Gottes ist faktisch gebrochen und vielgestaltig, in Ausschnitten und Fragmenten, zerstreut und unvollkommen, manchmal auch verzerrt in die Welt gekommen. Vor uns stehen die vielen Menschen in den nichtchristlichen Religionen, wo sich oft einmalig Schönes und absurd Grausames miteinander verbinden können. Dies zeigt sich besonders dann, wenn Religion und Gewalt miteinander verbunden werden, wenn im Namen Gottes getötet wird und Götzenfratzen das lebendige Antlitz Gottes entstellen (vgl. das Dekret des Zweiten Vatikanischen Konzils über das Verhältnis zu den nicht-christlichen Religionen "Nostra aetate").

Auch so suchen die Menschen Gott. Es ist schon wichtig, dass der Mensch überhaupt sucht und sich nicht einfach mit der banalen Wirklichkeit begnügt. Es gibt eine gewisse Entsprechung (Analogie) wenigstens beim Suchen und wohl auch manchmal beim Finden des Menschen, wenn er auf einen unerschütterlichen Grund und Halt seines Lebens zugeht.

Aber der Beginn des Hebräerbriefes macht hier auch einen gewaltigen Schnitt. Alles, was bisher auch von Gott selbst gesagt worden ist, steht unter dem Vorzeichen: Einst, vor Zeiten, in früheren Zeiten. Bewusst ist alles in der Vergangenheitsform gesagt: Gott hat so früher einmal gesprochen. "In dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn": Jetzt ist eine andere Zeit. Jetzt hat Gott noch einmal, ganz neu und endgültig gesprochen. Es gibt nicht nur den Unterschied von Früher und Jetzt, sondern es gibt einen qualitativen Unterschied der Zeiten. Das ganz Neue ist da, das nicht mehr veralten kann.

Wir haben eine unvergleichliche Chance. Gott hat sich in seinem Sohn erschlossen. Es gibt für uns Menschen keine engere Beziehung als zwischen Eltern und Kindern, Vater und Sohn bzw. Tochter, Mutter und Sohn bzw. Tochter. Der Sohn kommt ganz aus der Mitte, dem Herzen Gottes selbst. Er hat dieselbe Stellung wie der Vater, dem er gewiss als Sohn untergeordnet bleibt. So heißt er in unserer Lesung auch "der Erbe" (1,4.14; 6,12.17; 11,7.8; 12,17). Ihm ist im Blick auf den Anfang der Welt in der Schöpfung, in der Erhaltung dieser Welt und hinsichtlich ihrer Vollendung alles gegeben. Ja, er wird "Abglanz seiner Herrlichkeit und Abbild seines Wesens" (1,8) genannt. Er hat darum denselben Rang des Vaters (vgl. 1,8).

Dies ist ein gewaltiger Gedanke. Das unscheinbare Kind in der Krippe, das bald auf der Flucht sein wird, ist in Wirklichkeit schon der Herr der Welt. Hinter der Ohnmacht des Kindes verbirgt sich die Macht der Liebe Gottes. Gott hat sich ganz dem Menschen zugewandt, sich im Verlauf der Geschichte der Offenbarung wirklich Schritt für Schritt immer mehr herabgelassen und ist einer geworden von uns. Darum zeichnet er den Menschen mit seiner ganz besonderen, von Gott her kommenden Würde aus. Die Kirchenväter werden sagen: "Alles, was er angenommen hat, das hat er auch erlöst." Also ist er wirklich befreiend und erlösend in alle Situationen des Menschen gekommen und hat sie innerlich umgestaltet: von der Ungerechtigkeit zur Gerechtigkeit, von der Lüge zur Wahrheit, von der Gewalt zur Liebe. So ist er auch das letzte Wort Gottes an die Menschen. Er kann nicht mehr tun, als seinen einziggeborenen Sohn als seinen letzten Boten zu schicken. Hinter dem Sohn der Liebe kann nichts mehr radikal Neues kommen. Wir können ihn zwar immer wieder noch tiefer entdecken, aber er bleibt in seiner Unvergleichlichkeit. Damit ist er auch unersetzlich. Zugleich ist dieser Sohn unser solidarischer Bruder, der als Sohn auch Gehorsam, Leiden und Anfechtungen lernen musste.

Wir handeln heute viel vom Gespräch der Religionen miteinander. Mit guten Gründen hat darum auch Papst Johannes Paul II. die Vertreter der Religionen für Januar nach Assisi eingeladen. Aber zugleich bekommt dieses Gespräch nur dann Würze und Stärke, wenn jeder seinen ganzen Reichtum bringt. Für uns Christen gehört dazu, dass wir nicht einfach bei einem weihnachtlichen Traum oder den zauberhaften Tönen weihnachtlicher Musik und bildender Kunst allein bleiben, sondern dass wir wirklich zu Jesus als dem Herrn der Welt finden. Er ist nicht austauschbar. Er ist gerade in seiner Menschlichkeit und mit seiner Friedensbotschaft, die auf jede Gewalt verzichtet, ein einzigartiger "Anker der Hoffnung" (6,19; vgl. 7,24).

Auch und gerade zu Weihnachten gehört das ganze Bekenntnis zu Jesus Christus, wie wir es im Großen Glaubensbekenntnis zum Ausdruck bringen: "Wir glauben an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen... Und an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater; durch ihn ist alles geschaffen."

Wir müssen an Weihnachten den ganzen Weg mitgehen von der Krippe bis zu dieser Herrlichkeit, von Bethlehem bis zum Ostermorgen. Erst dann sind wir bei ihm angekommen, beugen unsere Knie allein vor ihm und wissen, dass nur er und alle, die in seinem Geist leben und wirken, Frieden bringen können in eine zerrissene, beschädigte und zerstörte Welt.

So verwirklicht sich das, was wir in den sogenannten O-Antiphonen der letzten Tage sehnsüchtig erfleht haben: "Du König der Völker, Sehnsucht aller Menschen, Eckstein, der das Getrennte zusammenführt. Komm und rette den Menschen, den du aus Lehm geschaffen hast." Amen.

von Karl Kardinal Lehmann, Bischof em. von Mainz

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