Gott kommt umsonst

Predigt im Pontifikalamt am 1. Weihnachtsfeiertag, 25. Dezember 2006, im Hohen Dom zu Mainz

Datum:
Montag, 25. Dezember 2006

Predigt im Pontifikalamt am 1. Weihnachtsfeiertag, 25. Dezember 2006, im Hohen Dom zu Mainz

Predigttext: Jes 52,7-10; Hebr 1,1-6; Joh 1,1-18

Verehrte, liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

In den Tagen der Vorbereitung und nun auch der Feier von Weihnachten war immer wieder die Rede vom „unfassbaren Geheimnis der Menschwerdung Gottes“. Dies ist kein einfaches Wort. Worin ist denn diese Unfassbarkeit begründet? Ist das Fest selbst unfasslich geworden? Entgleitet es unserem Verstehen oder ist das Geheimnis stumpf geworden? Haben wir es vielleicht als durchaus verständlich und plausibel ausgeschöpft? Um die Unfassbarkeit wirklich zu ergründen, brauchen wir jedenfalls die Ruhe der Besinnung und des Nachdenkens. Dies wollen wir wenigstens in einer Hinsicht versuchen, um dieser Unfassbarkeit in einer Perspektive auf die Spur zu kommen.

I.

Unser Denken und Handeln ist im Lauf der letzten Jahrhunderte und erst recht der jüngsten Zeit immer stärker von der Frage beherrscht, wozu etwas dient. Dies ist eine in vieler Hinsicht unumgängliche Frage, denn wir wollen ja nicht ins Leere schaffen. Aber nützt uns nur das, was wir sehen und greifen können, was wir – wie wir wenigstens meinen – brauchen? Wir fragen oft gar nicht mehr, was eine Sache für sich selbst ist, sondern meist nur, was wir mit ihr anfangen können. Lapidar sind oft unsere Aussagen: „Nützt mir nicht!“, „Hilft mir nicht!“, „Kann ich nichts damit anfangen!“ Man kann sich an ein solches Denken mit seinen Einstellungen regelrecht gewöhnen. In den verschiedenen Bereichen unseres Lebens hat diese Mentalität unterschiedliche Gesichter. Es kann dazu führen, dass man die Dinge und auch die menschlichen Beziehungen nur nach dem blanken Nutzen einschätzt: Was bringt mir der Erwerb einer Sache? Um wie viel kann ich sie losbringen?

Für eine solche Denkweise ist Weihnachten zunächst tatsächlich unfasslich. Man kann dieses Fest nicht einfach auf ein Bedürfnis zurückführen, das wir haben. An Weihnachten gibt es offenbar andere Formen des Verstehens, die wir brauchen. Wir müssen uns diesem Geheimnis ganz anders annähern als mit einem bloß funktionalen Denken.


II.

Gott kommt in unsere Welt. Dies müssen wir uns zunächst einmal als Botschaft sagen lassen. Vom Menschen her ist es eigentlich so gut wie nicht denkbar, dass der göttliche Gott ein sterblicher Mensch wird. Es ist allein der freie Entschluss Gottes, sich uns zuzuwenden. Dieser Herabstieg Gottes in unsere Welt ist allein Gottes abgründiger Entschluss. Der biblische Gott öffnet sich von Anfang an zu uns hin: in der Schöpfung, in seinem Wort, durch die Propheten. Und er tut dies trotz unserer Undankbarkeit. Schließlich wird er noch einmal unbegreiflicherweise sogar ein Mensch, und dies trotz unserer mangelnden Bereitschaft ihm gegenüber und der Menschenschicksale. „Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn, den er zum Erben des Heils eingesetzt und durch den er auch die Welt erschaffen hat.“ (Hebr 1,1 f.)

Gott kommt umsonst. Er will nichts von uns. Er braucht uns aber auch nicht. Er kommt aus freien Stücken. Er kommt wirklich selbstlos. Wir vermuten und suchen überall in dem, was geschieht, „Interessen“. Ja, es gibt im Sinne Gottes und seiner Schöpfung Dinge und Ereignisse, die uns pur geschenkt werden. Die Menschwerdung Gottes gehört dazu. Wir meinen oft, das Wichtigste wäre, wenn wir uns alles besorgen und schaffen könnten. Wir sind auf niemand angewiesen. Wir nehmen uns die Dinge, die wir brauchen. In der Offenbarung und erst recht in der Menschwerdung Gottes erhalten wir eine Gabe, die wir nicht bestellen können. Wir erfahren durchaus ähnliches in unserem Leben, wenn wir etwas nachdenklicher werden: Wir freuen uns bei aller Geburtenplanung auch heute noch über ein Kind, das auf die Welt kommt. Wir freuen uns, wenn Menschen einander begegnen und sich gut verstehen, besonders in Freundschaft und Liebe. Ohne solche menschlichen Erfahrungen können wir vielleicht auch die Ankunft Jesu nicht so recht verstehen.

Gott kommt umsonst. Er bringt zunächst einmal nichts mit. Wir fragen ja gerne, was eine Sache uns nützt und bringt. Gott bringt zunächst einmal nur sich selbst. Er ist nicht der reiche Kaufmann, der viel verteilen könnte. Er bringt auch nicht Geld und Macht. Er bringt nur sich selbst. Er bringt sich auch mit seiner ganzen Ohnmacht: Er wird unterwegs geboren, liegt in einer Krippe, wird bald verfolgt von einem misstrauischen Machthaber. Er ist auf der Flucht, wird von vielen nicht verstanden und endet am Galgen. Krippe und Kreuz stehen nahe beieinander. Ja, es hat den Anschein, dass er nicht nur „umsonst“ kommt, sondern auch umsonst leidet und stirbt. Er geht unter. Vergeblichkeit gehört offenbar zu seinem Leben. Dennoch bleibt er nicht im Tod und wird am Ende durch die Macht der Liebe sogar ein Sieger sein. Auch dies ist wichtig für uns. Er bringt zunächst einmal nichts mit, aber sich selbst ganz und gar, vorbehaltlos. Er ist ganz und gar Hingabe, und zwar im Blick auf den Vater, dessen Willen er tut und auf die Menschen, die er befreien und heilen will. Für unsere Beziehungen liegt darin auch ein wichtiger Fingerzeig: Es kommt zuerst drauf an, dass wir in unseren Beziehungen uns nicht heimlich zurückhalten, abwarten und aussparen, sondern dass wir uns wirklich ganz dem anderen übereignen. Oft befriedigen wir uns gegenseitig, in dem wir etwas geben von dem, was wir haben, aber uns selbst dabei ausklammern. Es geht dann um das „Haben“, nicht um das „Sein“. Sogar unsere Geschenke, die Zeichen und Ausdruck unserer Liebe sein sollen, können Fallen werden, hinter denen wir uns letztlich verstecken und andere eher damit binden. Selbstlose Hingabe ist das, was die Kraft der menschlichen Person ausmacht. Hier wurzelt alle Menschlichkeit. Mit Recht sagt darum der Brief an Titus, dass in Jesus die Menschenfreundlichkeit Gottes unter uns erschienen ist (vgl. 2,11; 3,4 f.), die Humanität Jesu Christi. Und diese – dies zeigt uns Jesu Leben – kann auch bleiben, wenn wir dem Anschein nach scheitern, auf Unverstand und Widerstand stoßen und am Ende auch in den Augen der Welt verlieren. Die ist nicht nur eine Revolution im Gottesverständnis, sondern auch im Verständnis des Menschen, der Menschenwürde und der Menschlichkeit überhaupt.

Gott kommt umsonst. Dies zeigt sich auch nochmals darin, dass er als Kind zu uns kommt. Hier drückt sich besonders tief aus, wie wahr es ist, wenn wir bekennen: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unser uns gewohnt.“ (Joh 1,14) Er kommt nicht mit äußerer Macht und Herrlichkeit, sondern in der armen Gestalt eines Kindes, das nichts als sich selbst in die Welt bringt, ja schlechthin ein Symbol der Hilflosigkeit von uns Menschen und des Angewiesenseins auf uns darstellt. Aber offenbar gibt es im Bereich des Menschlichen nicht nur den Sieg der Macht und der Gewalt, sondern gerade im Kind viele Zeichen gelingenden Lebens, wenn wir es nur sehen wollen: die Freude am Leben, das selige Lächeln, die Dankbarkeit.

III.

Es ist etwas Unglaubliches, dass Gott Mensch wird. Es gibt dafür einen eindrucksvollen Beleg bei einem Denker unserer Gegenwart der von sich überzeugt war, dass er ungläubig ist. Jean-Paul Sartre hat in deutscher Kriegsgefangenschaft am 24. Dezember 1940 bei Trier ein Weihnachtsspiel aufführen lassen. Er wollte offenbar seine Mitgefangenen mindestens unterhalten. Er sagt, er habe eine Geschichte geschrieben, die „die breiteste Gemeinschaft von Christen und Nichtchristen“ zum Ausdruck bringen soll. Das Stück trägt den Titel „Bariona“ und schildert, wohl auch als eine Parallele zu den Leiden der Menschen von damals, die Ausweglosigkeit gerade der jüdischen Bevölkerung. Es werden keine Kinder mehr geboren, denn die Zukunft ist nichts mehr anderes als der sichere Tod. In dieser Situation kommt das Gerücht auf, in Bethlehem sei ein ganz ungewöhnliches Kind geboren. Manche glauben, er sei der erwartete Messias. Bariona, der für Sartre steht, schüttelt den Kopf und kann es nicht glauben. Aber tief in seinem Inneren lebt ein Traum. So sagt er: „Wenn ein Gott für mich Mensch würde, für mich liebte ich ihn, ihn ganz allein. Es wären Bande des Blutes zwischen ihm und mir, und für das Danken reichten alle Wege meines Lebens nicht.“ (Bariona oder der Sohn des Donners. Ein Weihnachtsspiel = Gesammelte Werke in Einzelausgaben. Theaterstücke Bd. 1 und 2, Reinbek bei Hamburg 1991, 7-88)

Auch Weihnachten 2006 sagt uns in der Kontinuität unseres Glaubens, dass dies nicht nur ein Traum ist: „Und das Wort ist Fleisch geworden.“ Die Lesung aus dem Hebräerbrief formuliert es auf andere Weise: „Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Abbild seines Wesens.“ (1,3) Er ist wirklich „das Bild des unsichtbaren Gottes“. Ganz Gott und ganz Mensch! Wir sind fest überzeugt, dass der Traum beglückende und seligmachende Wirklichkeit geworden ist. Dann wissen wir auch, was dies alles für unser Leben bedeutet: Gott kommt umsonst. Dann wollen auch wir in dieses Kommen Gottes hineingehen und uns von ihm verwandeln lassen: für mehr Frieden in unserer Welt, für das Ende von Gewalt, für das Staunen vor dem Wunder des Lebens, für die Freude der Liebe unter den Menschen, für unsere selbstlose Hilfe für die Armen der Welt (Adveniat in diesem Jahr für Mexiko!)

Sartre meint, wenn der Traum wahr wäre „reichten für das Danken alle Wege meines Lebens nicht“. Auch die Wege unseres Lebens reichen nicht für diesen Dank. Aber wenigstens jetzt dürfen wir dankbar und froh miteinander danken, d.h. Eucharistie feiern. Amen.

(c) Karl Kardinal Lehmann

Es gilt das gesprochene Wort!

von Karl Kardinal Lehmann, Bischof em. von Mainz

Copyright: Karl Kardinal Lehmann, Mainz