Grußwort und einführende Gedanken anlässlich des Konzertes „Kinder musizieren mit Justus Frantz“

am Freitag, 17. August 2007 an der Rheinpromenade Mainz

Datum:
Freitag, 17. August 2007

am Freitag, 17. August 2007 an der Rheinpromenade Mainz

„Musik – Du Sprache wo Sprachen enden“. Jener Vers aus Rainer Maria Rilkes Gedicht „An die Musik“ lässt uns Witterung aufnehmen für das, was das innerste Wesen der Musik ausmacht, was aber leider oft verdeckt wird. Denn manche Musikwissenschaftler sezieren Musik wie Anatomen ihre Präparate. Musik wird oft vereinnahmt. Der Lyriker Rilke aber meditiert das Phänomen „Musik“ still und beinahe schaudernd, seine Worte werden fast zu einem Stammeln. Ehrfürchtig besingt er die große Autonomie der Musik, die sie über alles Dingliche unendlich hinaushebt. Sie lässt sich am Ende nicht vereinnahmen.

Musik ist außerdem eine sanfte Art, uns Menschen in das Geheimnis des Menschen einzubeziehen. Da werden wir sozusagen still an die Hand genommen, von der Musik getragen: im Konzert und in vielen tausend Weisen. Musik ist Einladung, sie bewegt den ganzen Menschen, nimmt uns einmal mit, hat darum auch eine große sanfte, anziehende Kraft, kann viele Menschen ansprechen, ohne sie gleich in irgendeiner Weise zu vergewaltigen und ohne dass sie das Gefühl haben, sie würden irgendwo zu etwas gezwungen. Musik lädt ein, nimmt uns mit auf einen Weg, dann können wir sozusagen unterwegs spüren, was ist; unterwegs gehen uns Augen und Ohren auf.

Dies ist, meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Kinder, auch das Fundament, warum die Musik in ganz besonderer Weise auch auf den Glauben und auf Gott bezogen ist. „Gott loben, das ist unser Amt“, so singen wir in einem bekannten Lied: Gott loben, das ist unser Amt. Vielleicht haben wir das heute viel zu viel vergessen, reden immer zuerst und umständlich und lange vom Menschen, von unseren Bedürfnissen, von unseren Wünschen, von unseren Projektionen, von all dem, wonach wir uns sehnen, von unserem Selbstverständnis, von Selbstverwirklichung. Dies alles hat gewiss sein relatives Recht. Aber wir dürfen uns darin auch nicht gefangen nehmen lassen; wir dürfen auch Gott nicht von da aus erklären oder verrechnen. Da ist das Lob ein wichtiger Gegenzug, ein befreiender, korrigierender Gegenzug. Schon unsere Sprache sagt es: Im Ursprung heißt Loben nämlich: etwas freilassen, etwas freimachen. Gott Gott sein lassen, Gott in seiner Herrlichkeit erscheinen lassen, auch in seiner immer größeren Schönheit. Dann müssen wir uns auch selber loslassen, loslassen zu ihm hin. Und wie könnten wir dies besser tun als in der Freude der Musik? Viele große Musik kommt aus diesem Lob und der Anbetung.

So denke ich, ist die Musik in ganz besonderer Weise bedeutsam für das Finden Gottes in unseren Tagen, auch wenn wir es manchmal gar nicht so merken: Wir können uns auf viele Weisen mit der Musik gleichsam vortasten. Ich wünsche Ihnen und uns, dass wir heute da oder dort ein Stück von dieser daseinsverwandelnden Macht der Musik in unserem Leben spüren und dass wir ganz besonders auch immer wieder erfahren, wie nahe Musik und Leben, Glaube und Musik zusammengehören. Den Kindern wünsche ich viel Freude an und mit der Musik und uns allen ein schönes Konzert.

So danke ich allen Beteiligten und Verantwortlichen für Ihr Engagement, besonders Herrn Professor Ungeheuer für die Schott AG und Herrn Professor Justus Frantz, der seine Kompetenz heute wieder einmal in den Dienst des Musizierens mit den Kindern gestellt hat. Und noch etwas möchte ich hinzufügen: Beiden, Prof. Ungeheuer und Prof. Frantz, danke ich – ebenso wie Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – dafür, dass sie diese Musik vielen Kindern aus vielen Familien, die es sich sonst nicht leicht leisten könnten, nahe bringen, vor allem auch den aktiv Mitmusizierenden, die ihre eigenen Kräfte und Talente spüren können. Schön, dass es die Wunderkinder, die Elite, gibt; noch schöner, dass große Kultur auch zu uns kommen kann!

Uns allen wünsche ich nun ein paar gute Stunden hier an der Mainzer Rheinpromenade. Als Schirmherr sage ich: Herzlich willkommen und herzlichen Dank!

(c) Karl Kardinal Lehmann

Redemanuskript – Es gilt das gesprochene Wort

von Karl Kardinal Lehmann, Bischof em. von Mainz

Copyright: Karl Kardinal Lehmann, Mainz