Grußwort zur Eröffnung der Ausstellung „Der Kardinal - Albrecht von Brandenburg“ im Dom zu Halle

am 8. September 2006

Datum:
Freitag, 8. September 2006

am 8. September 2006

Albrecht von Brandenburg erscheint für das durchschnittliche kirchliche Bewusstsein - aber auch weit darüber hinaus - als eine besonders abschreckende Figur. Rasch wird er mit den besonders anstößigen Erscheinungsweisen der damaligen Zeit in Verbindung gebracht: Beherrschung kirchlicher Ämter durch den Adel, Ämterhäufung, unglaubwürdiger Lebenswandel. Als Höhepunkt kam in den Jahren nach 1517 die Verquickung von Geld und Ablass hinzu, welche den die Reformation auslösenden Protest Martin Luthers herausforderte. Nicht nur in Halle erinnert man sich daran, dass Albrecht mit der Übersendung der Ablassthesen nach Rom den Prozess gegen Luther in Gang brachte. 1541 verlor er mit dem Erzstift Magdeburg (Calber Vertrag) auch Halle. Er starb am 24. September 1545 in Mainz. Mainz und Halle waren über längere Zeit die Schwerpunkt seines Wirkens.

Das Bild Albrecht von Brandenburgs ist in den letzten Jahrzehnten in der Forschung differenzierter geworden. Wir verstehen ihn auch besser aus seiner Zeit heraus, ohne dass dies schon identisch sein könnte mit einer Art Rehabilitation. Sehr oft wird dabei vor allem seine Vorliebe für Kunst und Wissenschaft erwähnt. Er beauftragte wie wenige andere die großen Künstler der Zeit, darunter Albrecht Dürer, Matthias Grünewald, Lucas Cranach und manche andere. Viele Bildnisse des Kardinals zeigen ihn als den meistporträtierten Mann seiner Zeit. Berühmt wurde seine Reliquiensammlung (das so genannte „Heiltum“). Mit großer Zuwendung baute er seine Residenzen in Halle, Mainz und Aschaffenburg aus.

Überhaupt nahm er in sehr jungen Jahren einen geradezu rasanten Aufstieg. Mit nur 24 Jahren vereinigte Albrecht von Brandenburg eine Ämter- und Machtfülle in seinen Händen, wie sie in dieser Epoche sonst in der Kirche nicht gegeben war. All dies hat ihn auch zu einer Schlüsselfigur in der Reformationszeit gemacht. 1518 bildete die Kardinalswürde den Abschluss seiner Ämterhäufung. Die Finanzierung der fälligen Zahlungen erfolgten übrigens über einen Kredit bei den Fuggern, denen als Sicherheit die unter anderem von Tetzel eingetriebenen Ablassgelder zugestanden wurden.

Doch gibt es auch andere Perspektiven und Farben. Der Mainzer Hof wurde zu einem humanistischen Zentrum. Es gab enge Beziehungen zu Ulrich von Hutten und schließlich zu Erasmus von Rotterdam. Dies erklärt auch wenigstens zum Teil seine gewiss zwiespältige Haltung zur Reformation. Er wollte im Sinne des Erasmus einerseits „kein Geschrei“ gegen Luther und erwartete anderseits vom Reformator Zurückhaltung in der Öffentlichkeit. Auf Luthers heftige Angriffe reagierte er eher passiv.

Auch das Verhältnis zwischen Luther und Albrecht von Brandenburg ist vielschichtig. Unter den neun Briefen Luthers an den Erzbischof von Magdeburg und Kurfürsten in Mainz gibt es besonders am Anfang im Jahr 1517 (31. Oktober), als er die Ablassthesen ankündigt, und im letzten heftigen Brief von 1535 (31. Juli), in dem es um die Hinrichtung des Hans von Schönitz ging, massive Angriffe, die auch sonst nicht fehlen. Im Jahr 1539 veröffentlichte Luther seine Schrift „Wider den Bischof zu Magdeburg, Albrecht Kardinal ...“, in der er mit Albrecht abrechnete. Ab 1533 ging er besonders in Halle gegen die evangelische Bewegung vor.

Aber es gibt auch einige andere Akzente: In dem Jahr, in dem Luther gebannt und geächtet worden war (1521), wird er in einem Brief Albrechts vom 21. Dezember 1521 als „Lieber Herr Doctor“ angeredet. Zur Hochzeit Luthers mit Katharina von Bora lässt Albrecht am 27. Juni 1525 20 Gulden überreichen, die Luther zurückweisen wollte, die Käthe jedoch behielt. Jedenfalls will Albrecht die Verbindung zu den Protestanten nicht ganz abreißen lassen. Beachtlich ist, dass Albrecht auch nach dem Bauernkrieg (1525) offenbar für fast zehn Jahre eine friedliche Verständigung ihnen im Auge behielt. Auch sonst gibt es für etliche Jahre manche Aufmerksamkeit. Dies gilt auch für Melanchthon, der 1527 in einer Widmung Albrecht als den Primas Germaniae lobte, der sich bislang im Unterschied zu anderen Bischöfen keine Gewaltakte gegen die Anhänger Luthers zu Schulden kommen lasse. So ist es auch verständlich, dass Luther im entscheidenden Jahr 1530, als einer der letzten großen Einigungsversuche im Zusammenhang der Confessio Augustana (Augsburgisches Bekenntnis) missglückte, am 6. Juli an Erzbischof Albrecht schrieb, und zwar von der Coburg aus. Luther sieht in Albrecht den fast einzigen Mittler, der noch Frieden und Eintracht wiederherstellen kann, einen wirklichen Vermittler. Ähnliche Äußerungen gibt es von Melanchthon und anderen Reformatoren in dieser Zeit. Im Übrigen hat Luther diesen Brief vom 6. Juli 1530 sofort drucken lassen, weil er bei einem privaten Brief nicht sicher genug war, dass er auch den Erzbischof wirklich erreichen würde. Hinsichtlich des Bemühens um Wahrung des gefährdeten Friedens gab es zwischen beiden ein erstaunliches stillschweigendes Einverständnis, das nach meinem Eindruck nicht immer gebührend beachtet wird. Aber mit dieser Friedfertigkeit war es bald vorbei. Spätestens in der Mitte der 30er Jahre entschloss sich Albrecht zu einer Politik im Sinne der Gegenreformation und hat durch manche Maßnahmen versucht, das weitere Vordringen der Reformation in seinen Landen gewaltsam zu unterbinden. Hier sind die Vorgänge in Halle im Sommer des Jahres 1535 mit der Hinrichtung des Hans von Schönitz besonders gravierend.

Wenn man die beiden Gestalten, Albrecht und Luther, betrachtet, so muss man sagen, dass sie nicht viel miteinander gemeinsam hatten. Sie waren zu verschieden. „Albrecht hat zu keiner Zeit für das, worum es Luther ging, Verständnis aufgebracht. Luther hingegen hat kaum hinreichend die Sachzwänge und auch die Interessen gewürdigt, unter denen ein Mann wie Albrecht als Erzbischof und Kurfürst stand. Er hat über Albrecht allein nach dessen bischöflichem Auftrag geurteilt. Die Lebensumstände beider waren ebenso verschieden wie ihre Herkunft und ihr Charakter.“ (B. Lohse).

Es liegt also bei aller menschlichen Verantwortung eine tiefe Tragik über dem wohlmeinenden, aber gerade auch durch die Zurückhaltung und die Passivität schädlichen Verhalten Albrechts. Er war ja im Blick auf ein Studium kein Theologe, wenngleich man nach den Forschungen von Kerstin Merkel (Jenseits-Sicherung, Regensburg 2004, 174-204) – wenigstens für die Spätzeit – vorsichtiger sein muss mit einem endgültigen Urteil. Der Einfluss der ersten Jesuiten in Deutschland, besonders des in Mainz lebenden Petrus Faber, und Albrechts Initiative zur ersten katholischen Bibelübersetzung lassen ihn doch nicht nur als einen theologisch ungebildeten Kardinal erscheinen. In diesen Umkreis gehören auch Ideen der Mystik und des Nikolaus Cusanus, die sich indirekt im Zusammenhang seines Mainzer Grabdenkmals bezeugen.

Auch noch in einer anderen Hinsicht sehen wir heute Albrecht in einem anderen Licht. Er hat manchen Reformforderungen seiner Zeit ein stückweit Rechnung getragen. So brachte er gründliche Visitationen in Gang und bemühte sich zeitlebens um eine Erneuerung der Geistlichen. Darüber hinaus fällt auf, wie sehr er auf dem rein administrativen Sektor grundlegende Reformen durchführte, wie z.B. das Hofgericht, Ordnungen für die Gerichte und auch das Handelsgericht, die erstmalige Errichtung eines Archivs, die Schaffung des Hofrats als oberster Verwaltungs- und zugleich Aufsichtsinstanz über die Behörden vor Ort. „Für Kurmainz bedeutete die Regierungszeit Albrechts von Brandenburg ganz sicher den Übergang zu einem modernen Verwaltungsstaat.“ (H. Duchhardt)

So gibt es Ansätze zu einem neuen Verständnis des Brandenburgers. Man muss darum keine krampfhafte Rehabilitation veranstalten. Es bleibt bei allem großen Mäzenatentum für Wissenschaft und Kunst, das gewiss noch intensiver gewürdigt wird, ein großer Schatten über Albrecht. Es ist eine tiefe Tragik und zugleich ein hohes Versagen, dass er so in die geschichtlichen Umstände seiner Zeit eingebunden war, dass er den notwendigen Dienst am Evangelium, das nicht im Zeitgeist aufgehen darf, nicht wirkungsvoll ausüben konnte, mag er auch durchaus in mancher Hinsicht reformoffen gewesen sein. Im Grunde gehörte er einer vergangenen Welt an. Sein Schwanken zwischen einer Sympathie für Luther bei einer wachsenden strikten Ablehnung ging schließlich über ihn selbst hinweg. Die geschichtliche Stunde erlaubte keine solche Unentschiedenheit mehr.

Halle und Mainz gehören tief in eine noch ausführlicher zu schreibende Biografie Albrechts. Beide Orte beleuchten mit ihren Residenzen jeweils auf ihre Weise Leben und Wirken des Brandenburgers. Ich bin dankbar, dass Sie diese Perspektive auch durch meine Berufung als Schirmherr der Ausstellung bezeugen. Ich freue mich über die Ausstellung in Halle und bin sicher, dass dies mit allen Beteiligten zu einer noch intensiveren Zusammenarbeit über diesen immer noch fremden Renaissancefürsten führen wird.

© Karl Kardinal Lehmann

Es gilt das gesprochene Wort

von Karl Kardinal Lehmann, Bischof em. von Mainz

Copyright: Karl Kardinal Lehmann, Mainz