Morgenfeier

am Sonntag, 22. Dezember 2002, im Zweiten Programm des Hessischen Rundfunks

Datum:
Sonntag, 22. Dezember 2002

am Sonntag, 22. Dezember 2002, im Zweiten Programm des Hessischen Rundfunks

Hinführung

In manchen Kirchen ist anstelle eines Adventskranzes auch eine Wurzel zu sehen, aus der grünes Tannenreis oder andere neue Triebe hervorgehen. Es ist ein seltsames Bild: ein abgehauener und morscher Baumstumpf, der zu nichts mehr taugt, und inmitten der ausgetrockneten Reste des Baumes sprießt neues Leben. Gelegentlich können wir dies im Wald durchaus beobachten. Dieses Ereignis der Natur bringt uns die Einheit und den Gegensatz von Tod und Leben, Sterben und Hoffnung zur lebendigen Anschauung. Was hier - nur selten beachtet - in der Schöpfung vorkommt, wird an einer bedeutenden Stelle der Bibel zu einern vielsagenden Gleichnis. Wir kennen aus vielen Liedern und aus der christlichen Kunst den „Sproß Jesses". Gemeint ist eine Rute, ein Schößling, ein Sproß. Die lateinische Bibel hat unter Verwendung möglicher Anspielungen in der hebräischen Sprache darin auch das Aufblitzen einer Blume gesehen. So ist der Grundgedanke in unser Singen und Sagen von Weihnachten eingegangen: „Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart, wie uns die Alten sungen, von Jesse kam die Art ..."

Ich möchte mit dem Bild des Wurzelstockes, der neue Zweige trifft, zu einer Besinnung über den Text des Propheten Jesaja einladen. In einer der Perlen der hebräischen Poesie" (H. Wildberger) spricht der Prophet inmitten elner abgrundtiefen Enttäuschung über den herrschenden König von einer letzten Hoffnung auf Gerechtigkeit und Frieden. Hören wir diese Botschaft aus dem siebten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung.

 

Biblischer Text (Jes 11,1-10)

Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor,
ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht.
Der Geist des Herm lässt sich nieder auf ihm:
der Geist der Weisheit und der Einsicht,
der Geist des Rates und der Stärke,
der Geist der Erkenntnis und der Gottesfurcht
.
...
Er richtet nicht nach dem Augenschein,
und nicht nur nach dem Hörensagen entscheidet er,
sondern er richtet die Hilflosen gerecht
und entscheidet für die Armen des Landes, wie es recht ist.
Er schlägt den Gewalttätigen mit dem Stock seines Wortes
und tötet den Schuldigen mit dem Hauch seines Mundes.
Gerechtigkeit ist der Gürtel um seine Hüften,
Treue der Gürtel um seinen Leib.
Dann wohnt der Wolf beim Lamm,
der Panther liegt beim Böcklein.
Kalb und Löwe weiden zusammen,
ein kleiner Knabe kann sie hüten.
Kuh und Bärin freunden sich an,
ihre Jungen liegen beieinander.
Der Löwe frisst Stroh wie das Rind.
Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter,
das Kind streckt seine Hand in die Höhle der Schlange.
Man tut nichts Böses mehr
und begeht kein Verbrechen
auf meinem ganzen heiligen Berg
denn das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des Herm,
so wie das Meer mit Wasser gefüllt ist.
An jenem Tag wird es der Sproß aus der Wurzel Isais sein,
der dasteht als Zeichen für die Nationen;
die Völker suchen ihn auf;
sein Wohnsitz ist prächtig.

 

Im Bild wird ein frisches Reis aus dem Wurzelstock eines gefällten Baumes austreiben. In der Sache steht der Wurzelstock für das Geschlecht Isais oder, wie wir auch sagen, Jesses. Dieser war der Vater Davids (vgl. 1 Sam 16). Aus diesem Geschlecht stammte auch der jetzige Herrscher, der Jesajas Rat verschmähte und auf egoistische Beeinflussungsversuche in seiner Umgebung vertraute. Aber dieses Königshaus ist dem Untergang geweiht. Gott wird wie ein Gärtner mit seiner Schere oder wie ein Holzfäller mit seiner Axt über die Bäume, nämlich das davidische Reich, herfallen. Alle müssen durch das Gericht Gottes. Seht, Gott, der Herr der Heere, schlägt mit schrecklicher Gewalt die Zweige ab. Die mächtigen Bäume werden gefällt, und alles, was hoch ist, wird niedrig. Das Dickicht des Waldes wird mit dem Eisen gerodet, der Libanon fällt durch die Hand eines Mächtigen" (Jes 10, 33 f.). Aber das Gericht ist nicht das letzte Wort Gottes. Zwar gibt es einen scharfen Bruch: Der verheißene Herrscher kommt nicht mehr aus diesem Geschlecht, das einem gefällten Baum gleicht. Nicht einmal der Name des großen Königs David wird genannt. So tief ist der Schnitt. Aber Gott möchte dennoch sein einmal begonnenes Werk in Treue vollenden. Und so knüpft er an seinem bisherigen Heilshandeln an: Wie einst David auf wahrhaft wunderbare Weise aus dem bedeutungslosen Geschlecht Isais zur höchsten Würde berufen wurde, so wird ein neuer Sproß ganz unvermutet aus dem alten Wurzelstock aufsteigen. Der zukünftige ideale Herrscher wird ein zweiter David sein. Menschliche Untreue hat die Verheißung Gottes in Frage gestellt, aber die Treue Gottes bleibt, wenn der Mensch versagt.

Von dem künftigen Herrscher wird zuerst gesagt, dass Gottes Geist ihn für sein Amt ausstattet. Damit wird an Israels Befreiungskämpfe erinnert, wo der Geist Gottes den erwählten Retter ergriff und zur befreienden Tat befähigte. Der für die Zukunft erwartete Befreier wird wieder ein Träger des Gottesgeistes sein. Der Geist Gottes verlässt den künftigen Herrscher nicht mehr, so wie er zum Beispiel von Saul wich (vgl. 1 Sam 16,14). Betont wird gesagt, dass der Gottesgeist auf dem kommenden Herrscher ruhen wird. Nur so ist eine ungestörte Herrschaft möglich (vgl. auch 1 Sam 16,13; 2 Sam 23,2f). Sie kann nur gedeihen, wenn Gott selbst sein Charisma dem verheißenen König schenkt.

 

Geistesgaben

Der Prophet bleibt jedoch nicht nur bei dieser einen Gabe Gottes stehen, vielmehr steigert Gott die Geistfülle des künftigen Herrschers, sodass nun sechs Entfaltungen der Geistesgabe sichtbar werden: der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Gottesfurcht. Wir kennen diese Aufzählung von der christlichen Tradition der Siebenzahl der Gaben des Geistes. Die Worte sind etwas abgegriffen, sodass wir sie von der Wurzel ihrer Bedeutung her aufschlüsseln müssen. Die ersten vier Eigenschaften benennen für unser heutiges Verständnis ziemlich weltliche Qualitäten. Weisheit muss fähig sein, die Probleme des Alltags zu bewältigen. So nüchterne Tugenden wie Sachverstand und Klugheit sind mitgemeint. Freilich geht es dabei immer um die Ordnung der Welt im Ganzen. Zur Weisheit gehört die Einsicht: Damit ist mehr die geistige Fähigkeit angezielt, die konkrete Situation zu durchschauen, aus ihr die richtigen Schlüsse zu ziehen und die notwendigen Entschlüsse zu fassen. Dazu gehören Weitblick und Unterscheidungsvermögen, damit die Erkenntnis zuverlässig und wahr ist. Zu jedem Handeln gehört das Bedenken der Folgen des Tuns und die Erwägungen über umfassendere Zusammenhänge. Der Geist des Rates, wie man oft übersetzt, ist wohl eher der Geist des Planens, d.h. des klugen und wirksamen Vorsorgens. Alle Pläne nützen nichts, wenn sie nicht entschlossen verwirklicht werden. So gehört der Geist des kraftvollen Entschlusses zu den Fähigkeiten des künftig erwarteten Herrschers. Jeder Führer braucht die Gabe der klaren Entscheidung. In diesen letzten beiden Befähigungen zum Planen und zum kraftvollen Entschluss klingen traditionelle Erwartungen an den König an, die vor allem am Aufstellen von Kriegsplänen und an dem Erweis der militärischen Tüchtigkeit orientiert sind. Dieser Aspekt tritt hier ganz in den Hintergrund. Es sind „zivile" Fähigkeiten, die eher einem Friedenshandeln zugeordnet sind.

Hiermit sind Fähigkeiten angesprochen, die zunächst auf den königlichen Herrscher der Zukunft abgestimmt sind. Aber sie gelten im Grunde für jeden, der zu irgendeiner Führung verpflichtet ist, sogar in den kleinen Lebenskreisen des Hauses und der Familie. Diese Fähigkeiten sind für jede Leitungsfunktion unentbehrlich: Klugheit und praktisches Wissen, konkrete Vorsorge und weise Voraussicht, Weitblick statt Kurzsichtigkeit, Zuhörenkönnen statt Eigensinn, Mut zu langfristiger Betrachtung statt Opportunismus, Entschlusskraft statt Hinausschieben von notwendigen Entscheidungen. Hier wird ein Katalog von vier Kardinaltugenden aufgestellt für jeden, der in der Erziehung und im Beruf, zu Hause und in der Öffentlichkeit eine verantwortliche Aufgabe ausübt.

Die Aufzähung der Entfaltungen des Gottesgeistes, die dem künftigen Herrscher gegeben sind, ist damit jedoch nicht zu Ende. Es folgen noch zwei Charismen, die in engstem Zusammenhang stehen und auch sonst in der biblischen Literatur miteinander vorkommen: der Geist der Erkenntnis und der Gottesfurcht. Sie sind wie eine Zusammenfassung der bisher erwähnten Gaben. Was ist mit ihnen gemeint? Die Gabe der Erkenntnis hat wenig zu tun mit rein intellektuellen Angelegenheiten. Erkennen ist für den hebräischen Menschen ein Sicheinlassen auf eine Wirklichkeit, Vertrautwerden mit etwas in allen Dimensionen. Erkennen ist immer schon eine Einheit von Intellekt und Wille, Verstand und Gemüt, Denken und Tun. Im Blick auf Gott ist eigentlich der Glaube mit allen seinen Vollzügen gemeint. Wer Gott erkennen will, muss erst vom Götzendienst ablassen, d.h. alle innerweltlichen Absolutsetzungen und alle ideologischen Positionen aufgeben. Gottes Erkenntnis ist nur möglich durch Einsicht in die eigene Unzulänglichkeit, Gebrechlichkeit und Sünde. Gottes Erkenntnis ist darum für die Bibel undenkbar ohne Abkehr von verfehlten Wegen und Umkehr zu einem neuen Leben. Wer so Gott erkennen will, sucht ihn in allen Dingen und bleibt ihm im Alltag des Lebens treu. Dies zeigt sich besonders dann, wenn der Mensch Gerechtigkeit, Recht und Liebe übt. Gotteserkenntnis meint also kein Bescheidwissen über Gott und keine Reflexion von Theologen und Priestern, sondern schließt den ganz personalen Bezug des Anerkennens in sich. Gottesfurcht sagt fast dasselbe. Wir müssen die Vorstellung von eingejagter Angst und erzwungener Untertänigkeit - soweit es nur möglich ist - aus diesem Wort herausnehmen. Es ist nicht Angst vor Gott, von der die Rede ist, vielmehr handelt es sich um eine Gabe Gottes. Gemeint ist eine religiöse Grundhaltung, die den Willen Gottes nicht nur kennt, sondern auch im täglichen Leben respektiert. Freilich erinnert "Furcht Gottes" auch an die Distanz, in welcher das Geschöpf vor dem Schöpfer und Herrn steht. Das Gottesvolk des Alten Bundes weiß um die Scheu und das Geheimnis Gottes, dessen Gedanken nicht einfach unseren Vorstellungen entsprechen. So bekommt das Wort von der Gottesfurcht einen starken Akzent des Vertrauens, denn der Gehorsam gegen den Willen Gottes verspricht Leben. ,,In der Furcht Gottes liegt ein fester Verlass, noch den Kindern ist er eine Zuflucht. Die Furcht Gottes ist eine Quelle des Lebens, sodas man den Schlingen des Todes entgeht." (Spr 14,26f.) „Wer Gott fürchtet, braucht sich selbst nicht zu fürchten. Ganz anders der, der nur sich selbst vertraut: Sein Leben lang ängstigt sich der Gottlose, all die Jahre, die dem Tyrannen bestimmt sind" (Ijob 15,20). So wird deutlich, dass das Wort „Gottesfurcht" gleichsam eine Zusammenfassung all dessen ist, was über das rechte Verhältnis des Menschen zu Gott gesagt werden kann. Am ehesten könnte man noch unser Wort Frömmigkeit dafür verwenden, wenn man es vielen Entstellungen und Einwänden entzogen hat.

Nun wird auch der Zusammenhang der ganz profan wirkenden Eigenschaften der Klugheit und Entschlossenheit, der weisen Vorausschau und der Einsicht offenbar. Gottes-Erkenntnis und Gottesfurcht sind der Quellgrund für diese im Alltag wirkenden Gaben der Führung und Leitung. Wer nicht in Gott gründet, ist in Gefahr, Weitblick und weise Vorausschau zugunsten einer schlauen menschlichen Berechnung von Erfolg zu verlieren. Wie die beiden Tafeln der Zehn Gebote verhalten sich die so weltlich erscheinenden Tugenden des idealen Herrschers und die von ihm geforderte Frömmigkeit zueinander. Dies ist der neue Herrscher, der kommen wird.

 

Gebet

Allmächtiger Vater, du kannst aus einem trockenen Wurzelstock neues Leben erstehen lassen. In diesem Bild hast du uns deine Treue zugesagt, auch wenn wir versagt haben. So haben die Menschen in der Erfahrung von Not und Unrecht immer wieder zu dir Zuflucht genommen. Du hast ihnen die Verheißung eines künftigen Herrschers in Frieden und Gerechtigkeit gegeben. Wir danken dir, dass du in Jesus Christus diese Hoffnung der Welt erfüllt hast. Er hat uns durch seine Geburt, seinen Tod und seine Auferstehung deinen Geist verliehen. Stärke in allen, die führen und leiten, den Geist der Weisheit und Einsicht, des Rates und der Entscheidung, der Erkenntnis und Furcht Gottes. Rufe jenen ins Gewissen, die arme, wehrlose und hilflose Menschen bedrängen. Wecke in ihnen wieder nach dem Bild deines Sohnes den Sinn für die Würde des Menschen. Tröste die Gefangenen und Verfolgten, die Hungernden und Leidenden. Lass alle in Gerechtigkeit und Frieden auf dieser Erde wohnen und führe einst alle Vö1ker und Nationen zusammen beim großen Mahl in deinem Reich. Amen.

Abschließende Musik

© Karl Kardinal Lehmann

von Karl Kardinal Lehmann, Bischof em. von Mainz

Copyright: Karl Kardinal Lehmann, Mainz