Neuer Blick auf Lateinamerika

Zum Besuch von Papst Benedikt XVI. in Brasilien

Datum:
Sonntag, 13. Mai 2007

Zum Besuch von Papst Benedikt XVI. in Brasilien

„Wort des Bischofs“ in SWR 2 am 13. Mai 2007

In den letzten Jahren ist es gelungen, den Blick des öffentlichen und politischen, besonders auch des kirchlichen Interesses stärker auf Afrika zu lenken. Die Nöte sind immer größer geworden, die Weltöffentlichkeit hatte sich aber eher etwas abgewandt. In der Zwischenzeit hat sich die Aufmerksamkeit im positiven Sinne geändert. Man geht nicht einfach mehr an Afrika vorbei. Natürlich ist dies alles nur ein Anfang des Anfangs, ein Tropfen auf den sprichwörtlichen Heißen Stein.

Immer wieder gilt es freilich, auch andere im Windschatten der Weltpolitik liegende Länder, ja große Teile von Kontinenten, der Vergessenheit zu entreißen. Eine solche Gelegenheit besteht heute, wenn Papst Benedikt XVI. im brasilianischen Marienwallfahrtsort Aparecida die Fünfte Generalversammlung des Lateinamerikanischen Bischofsrates (CELAM) eröffnet, die vom 13. bis 31. Mai stattfindet.

Allein schon die Zahlen machen deutlich, wie wichtig dieses Treffen ist. In Mittel- und Südamerika lebt mehr als die Hälfte aller Katholiken der Welt. Allein in Brasilien gibt es 130 Millionen Katholiken, die von über 400 Bischöfen begleitet werden. Der Papst selbst hat Brasilien als Ort für diese Fünfte Generalversammlung gewünscht. Er ist schon seit Mittwoch dort und kehrt morgen, am 14. Mai, nach Rom zurück.

Um das Gewicht dieser Generalversammlung zu verstehen, muss man ein klein wenig zurückschauen. 1955 in Rio de Janeiro, also noch vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil, wurde der Lateinamerikanische Bischofsrat (CELAM) gegründet, in dem alle 22 Bischofskonferenzen Mittel- und Lateinamerikas vertreten sind. Von geradezu historischer Bedeutung war 1968 die Versammlung in Medellín (Kolumbien). Dieser wohl bedeutendste pastorale Aufbruch nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat mit den Anliegen des Konzils radikal ernst gemacht und unter Einbeziehung des ökonomischen und sozio-kulturellen Kontextes eine Vision des Lebens und Wirkens der Kirche sowie der Theologie in Lateinamerika entworfen. Die Bischöfe brachten die unmenschliche Situation der Armut der Mehrheit der Menschen auf dem südlichen Subkontinent Amerikas zur Sprache und in Beziehung zum Befreiungswillen Gottes. Aus dem Glauben und auf der Grundlage des Wortes Gottes in der Heiligen Schrift zogen sie daraus die Konsequenz der so genannten „Option für die Armen“, ein zentrales Schlüsselwort der Sendung der Kirche bis heute. Entscheidend dafür waren auch die vor allem in Brasilien in hoher Zahl entstandenen kirchlichen Basisgemeinden. Die Theologie der Befreiung ist die etwas spätere theologische Entfaltung dieses Grundimpulses.

Die Folgekonferenzen, vor allem in Puebla (1977), Santo Domingo (1992) und Santiago de Chile (1994), litten unter der Spannung und Spaltung, die daraufhin entstand. Auf der heute zu eröffnenden Fünften Generalversammlung gibt es neben diesen schon klassisch gewordenen Themen, zu denen vor allem auch der Schutz des Lebens gehört, aber den wichtigen Tagesordnungspunkt: Die Kirche in Lateinamerika steht schon länger unter dem Druck der so genannten evangelikalen Sekten. In Brasilien läuft jährlich ein Prozent der Katholiken zu diesen Sekten über. Dabei handelt es sich um aggressiv missionarische, neoprotestantische Bewegungen, vor allem charismatischer und pfingstlerischer Prägung, die häufig aus den USA finanziert werden. Es ist auch bekannt, dass die Schere zwischen Arm und Reich in Lateinamerika immer weiter auseinandergeht, Sozialrevolutionäre, die leichter an die Macht kommen, schaffen eine sehr aufgewühlte Stimmung. Viele fürchten um die Zukunft Lateinamerikas.

Wir dürfen den Papst nicht allein in Brasilien lassen, auch nicht die dort versammelten Bischöfe und Mitchristen. Wir brauchen einen neuen Blick und ein frisches Interesse für die Menschen und die Kirche in Lateinamerika. Ich bitte auch um Ihr Gebet, gerade heute.

(c) Karl Kardinal Lehmann

von Karl Kardinal Lehmann, Bischof em. von Mainz

Copyright: Karl Kardinal Lehmann, Mainz