Predigt des Vorsitzenden, Karl Kardinal Lehmann, Bischof von Mainz, im Pontifikal-Gottesdienst zur Eröffnung der Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz

in Augsburg am Montag, 5. März 2001 im Hohen Dom zu Augsburg

Datum:
Montag, 5. März 2001

in Augsburg am Montag, 5. März 2001 im Hohen Dom zu Augsburg

Lesungen des Tages: Lev 19, 1 – 2. 11 – 18 (Predigttext); Mt 25, 31 – 46

In jedem Jahr hören wir zur Eröffnung der Frühjahrs-Vollversammlung unserer Bischofskonferenz die alttestamentliche Lesung aus dem uns sonst eher fremden Buch Levitikus. Es ist eine Sammlung von vielen Vorschriften und Gesetzen, die im Kern das sogenannte Heiligkeitsgesetz ausmachen (Lev 17,1 – 26,46). Unser 19. Kapitel ist auch deshalb besonders wichtig, weil in ihm der größte Teil der Zehn Gebote zusammengefasst ist. Es ist "einzigartig im AT. Es gibt viele Sammlungen von ethischen Normen (vgl. Ex 20; Ez 18), aber keine die eine so bunte Vielfalt aufweist und die so starke soziale und religiöse Akzente gesetzt hat" (E. Gerstenberger).

Auffällig ist einmal der enge Bezug zwischen den Aussagen über die göttliche und die menschliche Heiligkeit: "Seid heilig, denn ich der Herr, euer Gott, bin heilig." Zum anderen ist nicht übersehbar, wie intensiv die Aussage "Ich bin Jahwe, euer Gott" verwendet wird. Dies gilt für die eben angeführte Langform "Ich bin Jahwe, euer Gott" (19, 2.3.4.10.25.31.34.36) und die Kurzform "Ich bin Jahwe" (19, 12.14.16.18.28.30.32.37). Im Kapitel 19 findet sich dafür eine besonders dichte Häufung. Es fällt auf, wie die nüchterne Aufzählung der Vorschriften und Gebote immer wieder durch diese Selbstaussage Gottes unterbrochen wird. Es muss eine besondere Bewandtnis haben zwischen dieser Einschärfung der Gebote und dem Sprechen Gottes selbst.

Im Kapitel 19 kommt vieles aus dem menschlichen Leben zur Darstellung. Man sieht heute darin eine Art Katechese zum klassischen Zehngebot, die mit Beispielen und Ermahnungen vor allem für das Volk arbeitet. Es ist aus den angegebenen Gründen nicht leicht, eine Ordnung festzustellen. Von der Ehrfurcht gegenüber den Eltern und der rechten Einstellung zum Heilsopfer über das soziale Verhalten und die Nächstenliebe bis zum Verhalten gegen Fremde kommen viele Normen und Gebote zur Sprache, die sich schon seit längerer Zeit in der Gesellschaft Israels durchgesetzt und im täglichen Zusammenleben bewährt haben. Die meisten Gesetze sind sehr verbindlich, wir sagen gerne: apodiktisch formuliert und gelten besonders als Gottes Gebot.

Es sind deutliche Worte, besonders auch in sozialer Hinsicht. Die ganze Nüchternheit und auch Grausamkeit des Lebens ist ungeschminkt erhalten geblieben: Man soll nicht falsch bei Gottes Namen schwören, man soll den Lohn des Tagelöhners nicht über Nacht behalten, man soll keinen Betrug begehen beim Gericht und z.B. beim Festsetzen des Gewichtes mit der Waage. Alles alte und neue Gaunereien! Es ist aber nicht, wie oft nahegelegt wird, nur eine dürre Aufzählung von Gesetzen. Das Heiligkeitsgesetz betrachtet sehr genau die konkreten menschlichen Verhältnisse. Da wir gegen alle Utopien und trotz vieler Anstrengungen Arme wohl immer unter uns haben werden, soll man dies bei der Ernte nüchtern in Rechnung stellen: "Wenn ihr die Ernte eures Landes einbringt, sollt ihr das Feld nicht bis zum äußersten Rand abernten. Du sollst keine Nachlese von deiner Ernte halten. In deinem Weinberg sollst du keine Nachlese halten und die abgefallenen Beeren nicht einsammeln. Du sollst sie dem Armen und dem Fremden überlassen." (19,9 f) Hier wird eine Art gesetzlicher Armenfürsorge verbindlich gemacht (vgl. Lev 23, 22 und Dtn 24,19 – 22). Jede Parteilichkeit, auch wenn sie noch so gut gemeint ist, wird von Anfang an untersagt: "Ihr sollt in der Rechtsprechung kein Unrecht tun. Du sollst weder für einen Geringen noch für einen Großen Partei nehmen; gerecht sollst du deinen Stammesgenossen richten." (19,15; vgl. Ex 23,1 – 3. 6 – 8 und Dtn 16, 18-20) Schließlich gipfelt alles im Liebesgebot. Hier wird die Selbstliebe das Maß der Nächstenliebe: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." (19,18b) Schließlich erreicht das alttestamentliche Ethos einen letzten, bis heute nicht überbietbaren Gipfel, wenn diese Nächstenliebe auch auf den Fremden ausgedehnt wird. In unübertrefflicher Klarheit wird gesagt: "Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken. Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen." (19,33 f) Dies ist ein Höhepunkt biblischer Humanität, heute für unsere Bemühungen genau so herausfordernd, für viele befremdlich und doch befreiend – wie damals. Dies ist ein Maß an gebotener Humanität, das wir nicht unterschreiten dürfen und das wir Tag und Nacht gegen das Unrecht, das auch in unserem Land geschieht und sogar zu steigen scheint, zur Geltung bringen müssen.

Hier geht es zweifellos um so etwas wie Grundwerte, Spielregeln für ein menschenwürdiges Zusammenleben in einer Gesellschaft. Sie sind jedoch nicht einfach vorhanden oder gar naturwüchsig. Sie müssen zwar vereinbart werden, aber sie sind nicht wie techno- oder bürokratisch durchsetzbare Vorschriften zu verwalten. Es sind auch fundamentale ethische und rechtliche Impulse, gegen die wir immer wieder in unserem Herzen aufbegehren. Darum ergeht die Rede an die ganze Gemeinde (vgl. 19,1). Die Schlussmahnung schärft nochmals die Verbindlichkeit ein: "Ihr sollt auf alle meine Satzungen und alle meine Vorschriften achten und sie befolgen. Ich bin der Herr." (19,37)

Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, dass zwar in dieses biblische Ethos viele gesellschaftlichen Erfahrungen eingegangen sind, die langen Auseinandersetzungen und sozialen sowie geschichtlichen Prozessen entstammen, aber sie haben ihre letzte Autorität von dem, der gleichsam hinter ihnen steht. Dies ist nicht nur Gott als der einmal in grauer Vorzeit auf ihn selbst zurückgehende Urgrund solcher Normen, von dem man sich freilich in einem säkularen Zeitalter freimachen kann, vielmehr ist er als der lebendige Gott das bleibende Fundament für diese Gebote. Darum wird ganz bewusst immer wieder die Berufung auf Gott zwischen die einzelnen Gebote gesetzt. Nicht nur das Ganze, sondern auch die einzelnen Gebote sind in der Heiligkeit Gottes verankert. Wie ein enges Netz sind die Gebote mit diesem Urgrund von allem und miteinander verknüpft.

Dabei muss man sich diese Aussage über Gott nochmals genauer ansehen. Es geht ja nicht nur um eine feierliche Unterstreichung der Normen. Man beruft sich nicht einfach auf Gott, wie z.B. in einem Argument oder auch in einem Bekenntnis. Es ist überhaupt kein menschliches Wort zu ihm oder gar über ihn. Er sagt selbst nicht nur etwas über sich, sondern stellt sich unmittelbar mit diesem Wort vor: "Seid heilig, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig", oder ganz kurz: "Ich bin der Herr." Die Exegese spricht darum mit einem vielleicht nicht gerade schönen, aber treffenden Wort von der "Selbstvorstellungsformel" Gottes. Gott tut sich unter seinem Namen in freier Selbstäußerung kund. Es ist eine freie Gabe Gottes an sein Volk. Damit wird freilich auch die Majestät des Gebietenden offenbar. Er tritt dem Menschen als "Herr" entgegen. Er ist der Herr, der alles geschaffen hat, der dem Menschen eine wohltuende Ordnung seines Lebens gibt und der zugleich über die Einhaltung dieser Weisungen wacht sowie seinen Schutz gewährt. Er unterscheidet sich von allen Götzen und Idolen. Jahwe ist einzigartig und darum auch geradezu eifernd (vgl. 19.4).

Dies gilt gewiss zunächst einmal für alles, was von Gott kommt und die Menschen berührt. Wir haben es vorher durch einige Beispiele aus Lev 19 selbst anschaulich gemacht. Es ist aber mit besonderer Betonung für das Leben selbst gesagt. Wir sehen es auch in den Geboten, wo es um den Schutz des Lebens geht. Wenn an anderer Stelle im Alten Bund oft Auge für Auge, Zahn für Zahn, Leben für Leben verlangt wird, dann zeigt uns dies die Würde und den Einsatz für das Leben. Im Kern heißt dies, dass uns das Leben geschenkt ist. Wenn wir es in unsere Hände empfangen dürfen, sind wir nicht total verfügungsberechtigt über es. Darum ist Gott wirklich der Herr des Lebens. Leben ist nicht ohne stete Verbindung mit Gott. Wer glaubt, er könne sich selbst zum Herrn des Lebens aufschwingen, täuscht sich über seine Macht. Er wird leicht zum Hexenmeister, der seine Erfindungen nicht mehr beherrscht und zerstört sich am Ende selbst. Wir erleben in diesen Tagen von allen Seiten her, im menschlichen Bereich am Anfang und am Ende des Lebens und auch im Verhältnis des Menschen zur Kreatur und besonders zur Tierwelt, wie ungehemmt in der Zwischenzeit unsere Eingriffe in das Leben geworden sind und wie sehr uns der Sinn für so etwas wie "Heiligkeit" des Lebens, das nur von Gott her so verstanden werden kann, verlorengegangen ist. Wir beraten in diesen Tagen, wie wir diesen Sinn für die Unversehrtheit und Unverfügbarkeit des Lebens aus dem Glauben radikal erneuern können.

Die österliche Bußzeit ist die Gelegenheit zur Umkehr. Umkehr heißt zuerst entschlossenes Umdenken. Dafür ist es nie zu spät, besonders am Anfang dieser Fastenzeit. Am Aschermittwoch wurde uns gerade auch dafür verheißen: "Zur Zeit der Gnade erhöre ich dich, am Tag der Rettung helfe ich dir. Jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade; jetzt ist er da, der Tag der Rettung." (2 Kor 6,2) Amen.

von Karl Kardinal Lehmann, Bischof em. von Mainz

Copyright: Karl Kardinal Lehmann, Mainz