Predigt zum Tod von Papst Johannes Paul II.

im Pontifikalgottesdienst am 6. April 2005 in der Johannes-Basilika in Berlin

Datum:
Mittwoch, 6. April 2005

im Pontifikalgottesdienst am 6. April 2005 in der Johannes-Basilika in Berlin

Es gibt von Papst Johannes Paul II. einzelne Worte, die ihn mit ihrer Wucht elementar kennzeichnen: „Die Schwelle der Hoffnung überschreiten!“ oder schon am Anfang: „Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus. Öffnet die Grenzen der Staaten, der wirtschaftlichen und politischen Systeme, die weiten Bereiche der Kultur, der Zivilisation und des Fortschritts seiner rettenden Macht.“ Bis zuletzt hat er uns solche Worte geschenkt: „Bisher habe ich nach euch gesucht. Jetzt seid ihr zu mir gekommen. Ich danke euch.“ Oder die Botschaft am Ende: „Ich bin froh – seid ihr es auch!“

Dies ist Johannes Paul II.: Er empfand es als seine Sendung, von Gott her im Namen des Evangeliums Jesu Christi die ganze Welt zu umfangen und sich ihrer Größe und ihrem Elend zu öffnen. Der Papst hat dafür keine Legionen. Seine Macht kommt aus der Sphäre der Überzeugungen. Diese gründen für ihn bei aller universalen, wirklich katholischen Reichweite seiner Botschaft tief in den Antriebskräften des persönlichen Glaubens. Beides, so spannungsvoll es ist und bei den meisten Menschen auseinander fällt, kommt aus einer Wurzel. An Johannes Paul II. konnte man gut ablesen, wie wahr das Wort des großen evangelischen Historikers Leopold von Ranke ist, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts schrieb, die Macht der Päpste sei eine „Macht des Daseins“. Keine Macht der Welt kann diese Stärke ersetzen. Zu ihr gehört die Unerschütterlichkeit eines Glaubens, die die Person Karol Wojtyla und die Ausübung seines Petrusdienstes bestimmte.

Während der Hälfte seines Lebens hat er politische Systeme erfahren und erlitten, die dem Menschen bei allen Versprechungen das höchste Gut genommen haben, das er in dieser Welt kennt, nämlich seine Freiheit. Immer wieder hat darum dieser Papst eine neue „Kultur der Freiheit“ verlangt. So sagte er 1995 zum 50. Jahrestag der Gründung der Vereinten Nationen in New York über die Menschenrechte: „Freiheit ist nicht einfach die Abwesenheit von Tyrannei und Unterdrückung ... Losgelöst von der Wahrheit über die menschliche Person, verkommt Freiheit im Leben der Individuen zur Freizügigkeit, und im politischen Leben wird sie zum Spielball der Mächtigsten und zur Arroganz der Macht.“ Als Johannes Paul II. zum dritten und letzten Mal unser Land besuchte und hier in Berlin mit Bundeskanzler Helmut Kohl das Brandenburger Tor durchschritt und sich danach am 23. Juni 1996 verabschiedete – immer wieder kam er auf die Bedeutung dieser Geste zurück –, waren seine letzten Worte in Deutschland ein einziger „Appell für die Freiheit“. Leidenschaftlich hat er dies ausgeführt: „Freiheit ist kein Freibrief! Wer aus der Freiheit einen Freibrief macht, hat der Freiheit bereits den Todesstoß versetzt ... Die Idee der Freiheit kann nur da in Lebenswirklichkeit umgesetzt werden, wo Menschen gemeinsam von ihr überzeugt und durchdrungen sind. – In dem Wissen um die Einmaligkeit und Würde des Menschen und um seine Verantwortung vor Gott und den Menschen ... Die Freiheit des einzelnen ist nicht zu trennen von der Freiheit der anderen, aller anderen Menschen. Wo die Menschen ihren Blick auf das je eigene Lebensfeld begrenzen und nicht mehr bereit sind, auch ohne Vorteile für sich selbst, sich für andere zu engagieren, da ist die Freiheit in Gefahr. In Solidarität gelebte Freiheit demgegenüber wirkt sich aus im Einsatz für Gerechtigkeit im politischen und sozialen Bereich und lenkt den Blick auf die Freiheit. Es gibt keine Freiheit ohne Solidarität.“ Freilich verlangt dies einen hohen Preis: „Sie verlangt Hochherzigkeit, und die schließt Opferbereitschaft mit ein; sie verlangt Wachsamkeit und Mut gegenüber den Kräften, die sie von innen oder von außen bedrohen ... Keiner kann sich von seiner persönlichen Verantwortung für die Freiheit dispensieren. Es gibt keine Freiheit ohne Opfer.“

Weil der Papst aus dieser letzten Tiefe sprach, wurden seine Worte auch im Grunde von niemandem politisch missverstanden oder missbraucht. Dennoch haben sie immer wieder die jeweilige konkrete gesellschaftliche und politische Realität meisterhaft getroffen. So hatten diese Worte oft eine ganz erstaunliche Wirkung in der Nähe und in der Ferne. So bietet der Papst der säkularen Weltmacht der USA, wenn es um den Erhalt des Friedens geht, die Stirn, ohne ihren großen humanen Rang auch nur ein bisschen herabzusetzen. Im Blick auf die verzweifelte Lage im Nahen Osten lässt er keine Gelegenheit aus, für Frieden und Verständigung zu werben. Auch wenn er weiß, dass das Wohlstandsgefälle und die kulturelle Distanz zwischen Nord und Süd Sprengstoff im Leben der Völker ist, auf dem die Flamme der Gewalt auflodern kann, so sagt er dem internationalen Terrorismus den Kampf an. Er ist und bleibt der Brückenbauer schlechthin, Pontifex Maximus.

Alle loben ihn heute und zollen ihm Achtung. Freilich, im Lauf der 26 Jahre war er auch in dieser Hinsicht oft ein einsamer Rufer in der Wüste. Vieles von dem, was er beklagt, ist auch heute noch unerledigt. Wir dürfen darum seine Worte nicht vergessen. Nicht immer hat man besonders im Inneren der Kirche die Kraft seines prophetischen Auftretens recht verstanden. Nicht wenige werfen ihm auch heute vor, er habe zwar in die Welt hinein ein großes Beispiel der Hoffnung für alle Menschen gegeben, aber nach innen Freiheit und Dialog weniger gefördert. Aber was meint man mit Freiheit und mit Dialog? Bewegung nach außen, Erstarrung im Inneren? Gewiss kam Karol Wojtyla aus einer Situation, in der für die Kirche mitten in den Diktaturen Einheit und Disziplin Überlebensvoraussetzung waren. Und gewiss hat er darüber hinaus auch Recht, dass eine Kirche, die sich so weit in die Vielfalt und Spannungen der Kulturen sowie politischen Systeme hinauswagt, im Inneren eine einander tief verpflichtende und verlässliche Gemeinschaft, vor allem des Glaubens und so auch der Lehre sein muss, um den zentrifugalen Kräften, denen wir alle ausgesetzt sind, widerstehen zu können. Für uns Kinder pluralistischer und manchmal auch zum Individualismus neigender Gesellschaften ist dies keine leichte Botschaft. Der Papst hat mit der ihm eigenen Festigkeit des Geistes und Klugheit des Seelsorgers, der den Menschen kennt, große Barmherzigkeit walten lassen, wenn wir Menschen zu schwach waren, um diesen Verführungen Widerstand zu leisten. Aber er hat sich leidenschaftlich dagegen gewehrt, wenn wir wegen unserer gut gemeinten Anpassungsfreudigkeit die unverwechselbare Stärke unseres Glaubens und seiner Grundsätze verraten haben. Da können wir alle von ihm noch viel lernen. Darüber muss das ringende Gespräch auch nach dem Tod mit ihm weitergehen.

Dies gilt auch für das immer engere Zusammenwachsen der Christen in Ost und West. Immer mehr war Johannes Paul II. von diesem Geist der Ökumene tief erfüllt. Er hat ihn auch leidenschaftlich gefördert und gefordert. Manchmal hatte er freilich auch die Sorge, dass wir uns zu billig auf den kleinsten gemeinsamen Nenner verständigen könnten. So hat er uns schon in der wichtigen Begegnung mit Vertretern des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland in Mainz am 17. November 1980 zugerufen: „Alle Dankbarkeit für das uns Verbleibende und uns Verbindende darf uns nicht blind machen für das, was immer noch trennend zwischen uns steht. Wir müssen es möglichst miteinander ins Auge fassen, nicht um Gräben zu vertiefen, sondern um sie zu überbrücken ... Miteinander sind wir gerufen, im Dialog der Wahrheit und der Liebe die volle Einheit im Glauben anzustreben. Erst die volle Einheit gibt uns die Möglichkeit, uns eines Sinnes und eines Glaubens an dem einen Tisch des Herrn zu versammeln." Ist uns dieser Weg zu weit und zu beschwerlich? Dann hätten wir ihn und sein Testament nicht verstanden. Amen.

(c) Karl Kardinal Lehmann

Es gilt das gesprochene Wort  

von Karl Kardinal Lehmann, Bischof em. von Mainz

Copyright: Karl Kardinal Lehmann, Mainz