Revolutionärer Glaube

Weihnachten – die Kraft eines verkannten Festes

Datum:
Samstag, 23. Dezember 2006

Weihnachten – die Kraft eines verkannten Festes

Gastkommentar für die Allgemeine Zeitung Mainz, Samstag, 23.12.2006

Wenn wir das Geschehen dieser Tage und Wochen vor dem großen Fest betrachten, könnte man manchmal denken, „Weihnachten“ wäre eine ziemlich beliebig auffüllbare oder auch leere Worthülse geworden. So mag es erlaubt sein, in wenigen Strichen auf den bleibenden Ursprung des Festes einzugehen.

Weihnachten verdankt sich zutiefst einer Revolution im Gottesverständnis. „Gott“ thront im biblischen Verständnis bei aller Weltüberlegenheit nicht selig in sich selbst, sondern er wendet sich aus freien Stücken der Geschichte zu: durch sein Wort, in der Tat der Schöpfung, durch seine Weisungen und die Botschaft der Propheten. Es ist ein ständiger Herabstieg Gottes, bis er schließlich in seinem „Sohn“ unter uns Wohnung nimmt. Näher kann Gott nicht zu uns kommen. Der einziggeborene Sohn ist auch das äußerste, tiefste und letzte Wort Gottes für uns.

Gott wird Mensch. Dies zeichnet auch den Menschen aus. Gott kann ein Mensch werden, ohne dass er aufhörte, Gott zu sein. Die Theologen aller Jahrhunderte haben viel über die Vereinbarkeit dieser Aussagen nachgedacht. Der Mensch ist so groß, dass er Gott aufnehmen kann, ohne dass Gott eine Minderung seines tiefsten Wesens erfahren muss.

Hier ist die Würde des Menschen begründet. Es gibt gewiss noch viele Argumente dafür. Wenn Gott ein Mensch werden kann, dann muss der Mensch einen sehr hohen Rang haben. Er verlangt so auch Respekt und Achtung bis in den rechtlichen Schutz hinein. Wenn Gott Mensch wird, muss man jedes Menschenwesen in seinem eigenen Wert und in seiner Würde verteidigen und schützen.

Gott spielt nicht mit uns. Er zieht nicht nur ein menschliches Gewand an, um dann doch rasch wieder in seine Herrlichkeit zu entschwinden. Er kommt auch nicht nur in unsere Nähe, sondern wird ganz und gar ein Mensch: Er kennt die Freude und den Schmerz dieses Lebens. Er kennt den Menschen. Darum weiß er auch um die Macht des Hasses und des Bösen, aber auch die Kraft der Versöhnung und der Liebe. Hier zeigt sich die „Macht“ Gottes in besonderer Weise. Sie besteht nicht in der Anwendung äußerster Gewalt, die alles unter sich zwingt, sondern Gottes wahre Größe besteht im Schonen und Vergeben. Um dies zu bezeugen, kommt er leibhaftig in unsere Welt. Darum stößt er auch auf die härteste Gewalt. Krippe und Kreuz gehören zusammen. Aber der Tod mit seiner zerstörerischen Kraft hat nicht das letzte Wort. Am Ende siegt die Hingabe des Lebens für die Menschen und damit die Kraft der Liebe. Und dies zeigt sich schon am Anfang: Gott kommt in der Ohnmacht eines Kindes.

So ist Weihnachten gewiss Anlass zur Freude. Man kann sie jedoch wirklich nur in der Ruhe der Besinnung und in festlicher Feier erfahren. Aber es ist nicht eine romantische Verträumtheit, gleichsam ein Märchen für Kinder. Das wahre Weihnachten hat eine große revolutionäre Kraft, nämlich der Menschlichkeit und Menschenwürde, in sich. Darum hält Weihnachten vielem Stand und ich bin überzeugt, dass viele Menschen im Grund darum dieses Fest lieben.

(c) Karl Kardinal Lehmann

von Karl Kardinal Lehmann, Bischof em. von Mainz

Copyright: Karl Kardinal Lehmann, Mainz