Versöhnung als Verantwortung für die Zukunft

Datum:
Donnerstag, 12. Oktober 2006

Vortrag von Karl Kardinal Lehmann, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, bei der Abschlussveranstaltung des Versöhnungsfonds der Katholischen Kirche „Wege zur Versöhnung“ am 12. Oktober 2006 in Mainz

I.

Als wir am 30. Januar 2001 den Versöhnungsfonds der Katholischen Kirche hier in Mainz feierlich eröffnet haben, lag eine Zeit nachdenklicher Auseinandersetzung über die Rolle der Kirche im System der nationalsozialistischen Zwangsarbeit hinter uns. Angestoßen durch politische Debatten im In- und Ausland, waren wir mit der Frage nach Zwangsarbeitern in kirchlichen Einrichtungen konfrontiert. Die Ergebnisse unserer Recherchen zeigten, dass es auch dort Zwangsarbeit gegeben hatte – wenngleich nicht in jenem Ausmaß, das manche voreilig unterstellt hatten. Und die Lebensumstände dieser Menschen, die von Seiten des Staates den Klöstern und kirchlichen Häusern als Arbeitskräfte zugewiesen worden waren, waren nicht einmal von Ferne denen ähnlich, die Zwangsarbeiter etwa in der Schwerindustrie zu erdulden hatten. Dennoch: Es blieb für uns als Kirche die Erfahrung, dass wir vom nationalsozialistischen Staat in sein System der Zwangsarbeit involviert worden waren und uns dies auch lange nach dem Krieg nicht recht zu Bewusstsein gekommen ist. Mittlerweile ist dieses Kapitel der Geschichte gut aufgearbeitet und dokumentiert.(1)

Für uns als Bischöfe stellte sich damals die Frage, wie angemessen mit dieser Situation umzugehen sei. Natürlich stand die praktische Zuwendung zu den betroffenen Menschen im Vordergrund. Wohl wissend, dass erlittene Leiden nicht rückgängig gemacht werden können, ging es uns darum, durch Entschädigungen ein Zeichen des Respekts und der Solidarität zu setzen. Wir haben uns schließlich entschlossen, nicht in den staatlichen Entschädigungsfonds einzuzahlen, sondern einen eigenen Weg zu beschreiten. Dies war, so wissen wir heute, eine richtige Entscheidung. Denn die allermeisten der kirchlichen Diensten verpflichteten Zwangsarbeiter waren in der Landwirtschaft oder im hauswirtschaftlichen Bereich tätig und hätten deshalb gar keinen Anspruch auf Entschädigung gehabt. Zudem war es uns durch einen eigenen Fonds auch leichter möglich, den persönlichen Kontakt mit den betroffenen Menschen herzustellen. Dies ist in vielen Fällen auch gelungen. Die Begegnungen, die hier möglich wurden, sind ein großes Geschenk für alle gewesen.

II.

Dennoch war den deutschen Bischöfen von Anfang an klar, dass es nicht allein um Entschädigungen gehen konnte. Die Herausforderungen, die sich aus der unversöhnten Geschichte Europas ergeben, sind weiter gespannt und stellen sich uns bis heute. Auf möglichst konkrete und praktische Art wollten wir als Kirche deshalb deutlich machen, dass wir uns der Dringlichkeit dieser Fragen auch weiterhin stellen. Diese Überlegungen führten die Deutsche Bischofskonferenz schließlich dazu, neben dem Entschädigungsfonds und den begleitenden wissenschaftlichen Aufarbeitungen und Forschungen, einen Versöhnungsfonds einzurichten, der – wie der Entschädigungsfonds – mit 5 Millionen DM (also gut 2,5 Millionen EUR) ausgestattet wurde.

Wir wollten durch den Fonds diejenigen praktisch unterstützen und ermutigen, die sich in vielfältiger Weise für die Versöhnung mit unseren Nachbarn einsetzen und anderen in Europa bei deren Versöhnungsbemühungen helfen. Wir wollten dazu beitragen, dass die Erinnerung an eine gewaltdurchtränkte europäische Geschichte auch heute nicht verblasst. Wir wollten, dass die Stimmen der Opfer des nationalsozialistischen Unrechtsregimes, aber auch der anderen totalitären Herrschaftssysteme weiter gehört werden. Und wir wollten, dass Begegnungen über die Verwerfungen der Geschichte hinweg möglich werden.

Um diese Ziele zu verwirklichen, braucht es Menschen, die sich ihnen verpflichtet wissen. Tatsächlich betreiben die vielen und vielfältigen Initiativen in den Kirchengemeinden, Diözesen und Verbänden sozusagen das Kärrnergeschäft der Versöhnung. Von der breiten Öffentlichkeit werden sie meist nur wenig wahrgenommen. Ihre Bedeutung für unser Zusammenleben im gemeinsamen Haus Europa ist jedoch kaum zu überschätzen. Dabei ist ihre Arbeit keineswegs in Mode. Wer sich hier engagiert, sieht sich oft mit der Frage konfrontiert, ob sein Tun nicht letztlich rückwärtsgewandt und überholt sei. Ist die Versöhnung mit unseren Nachbarn denn nicht schon lange erreicht? Kann und muss nicht irgendwann Schluss sein mit dem Rückblick auf die Geschichte? Ist es nicht hohe Zeit für eine Rückkehr zur Normalität?

Solche Fragen sind verständlich, denn Gott sei Dank hat sich in Europa ja tatsächlich vieles verändert und auch zum Besseren gewandelt. Diejenigen, die nach 1945 erste Schritte auf dem Weg der Aussöhnung gegangen sind, wären heute vielleicht überrascht, was sie angestoßen haben. Dennoch: Wer meint, die Grabplatte auf die Geschichte von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg sei bereits gelegt, unterschätzt die lang anhaltende Wirkung von Gewalt und ihre bis heute im individuellen wie im kollektiven Bewusstsein der Völker nachwirkenden Folgen. Ähnliches gilt für die Herrschaft des Kommunismus. Wir dürfen deshalb der nur allzu nahe liegenden Versuchung nicht nachgeben, auf den langen und mühsamen Wegen der Aussöhnung mit unseren Nachbarn – und auch mit uns selbst – Abkürzungen zu nehmen. Die Erfahrung lehrt immer aufs Neue, dass es diese Abkürzungen nicht gibt. Im Gegenteil: Sich den Herausforderungen, die aus gewalt- und schuldbelasteter Geschichte herrühren, nicht mit der gebotenen Geduld und Beharrlichkeit zu stellen, führt gerade dazu, ihr in prekärer Weise verhaftet zu bleiben. Der Versöhnungsfonds war ein weithin sichtbares Zeichen der Kirche, dass wir uns dieser Versuchung nicht beugen wollen.

III.

Versöhnung, wie wir sie hier verstehen, ist ein schwieriger Weg. Sie ist weder mit den Mitteln der Sozialtechnik herzustellen noch allein durch einen materiellen Ausgleich zugunsten der Opfer. Sie kann nur gelingen, wenn Menschen und Völker sich im Angesicht verübter und erlittener Gewalt und ihrer machtvollen Folgen den Anderen aussetzen und sich damit immer auch selbst aufs Spiel setzen. Es ist richtig: Ohne Wahrheit gibt es keine Versöhnung. Aber diese Wahrheit über die Geschichte und über uns selbst, über unsere Verdrängungen und Deformationen, aber auch über unsere durchgetragenen Hoffnungen und unser Vermögen zur Liebe können wir uns nicht selbst sagen. Wir benötigen die Perspektiven der Anderen, wenn wir nicht Gefangene der eigenen Sichtweisen, des eigenen Schmerzes und des eigenen Versagens bleiben wollen. Die Begegnung mit den Anderen zerbricht zugleich unsere Fixierung auf das eigene Leiden und lehrt uns Empfindsamkeit für das Leiden der Anderen.

In seiner berühmten Vorlesung über die Schuldfrage, die er im Wintersemester 1945/46 in Heidelberg gehalten hat, ist Karl Jaspers diesen Fragen nachgespürt.

„Wir wollen lernen, miteinander zu reden. Das heißt, wir wollen nicht nur unsere Meinung wiederholen, sondern hören, was der andere denkt. Wir wollen nicht nur behaupten, sondern im Zusammenhang nachdenken, auf Gründe hören, bereit bleiben, zu neuer Einsicht zu kommen. Wir wollen uns innerlich versuchsweise auf den Standpunkt des anderen stellen. Ja wir wollen das Widersprechende geradezu aufsuchen. Das Ergreifen im Widersprechenden ist wichtiger als die voreilige Fixierung von sich ausschließenden Standpunkten, mit denen man die Unterhaltung aussichtslos beendet. Es ist so leicht, entschiedene Urteile affektbetont zu vertreten; es ist schwer, ruhig zu vergegenwärtigen. Es ist leicht, mit trotzigen Behauptungen die Kommunikation abzubrechen; es ist schwer, unablässig über Behauptungen hinaus in den Grund der Wahrheit einzudringen. Es ist leicht, eine Meinung aufzugreifen und festzuhalten, um sich weiteren Nachdenkens zu überheben; es ist schwer, Schritt für Schritt voranzukommen und niemals das weitere Fragen zu verwehren.

Wir müssen die Bereitschaft zum Nachdenken wiederherstellen. Dazu gehört, dass wir uns nicht berauschen in Gefühlen des Stolzes, der Verzweiflung, der Empörung, des Trotzes, der Rache, der Verachtung, sondern dass wir diese Gefühle auf Eis legen und sehen was wirklich ist.[...] Wenn wir miteinander reden lernen, so gewinnen wir mehr als unsere eigene Verbindung. Wir schaffen so die unerlässliche Grundlage, mit den anderen Völkern reden zu können.“(2)

Was Jaspers hier als „geistig-politisches Wagnis am Abgrund“ beschrieben hat und den Deutschen nach der größten moralischen Katastrophe ihrer Geschichte als Weg in eine andere Zukunft nahe legte, war nicht nur für die unmittelbare Nachkriegszeit von Belang. Wo Versöhnung in den seither vergangenen sechs Jahrzehnten gelungen ist, da entstand sie aus diesem Geist der Begegnung, in dem wir der Anderen und unserer selbst gewahr wurden. Und das Ethos, das sich hier ausspricht, bleibt auch für unser Versöhnungshandeln in der Zukunft verpflichtend. Gerade darin ist es zutiefst menschlich und wahrhaftig, dass es dem Anderen Raum gibt und ebenso Raum für das geschichtlich und persönlich Unabgegoltene, für Trauer und Verlust. So können jene Formen des Sprechens und des Schweigens entstehen, die jenseits aller billigen Erwartungen echte Hoffnung auf Versöhnung und neue Gemeinsamkeit begründen.

IV.

Diese knappen Überlegungen zeigen, wie anspruchsvoll das Ziel der Versöhnung ist und wie schwierig die Wege dorthin. Umso mehr dürfen wir uns glücklich schätzen, auf wie viele gute Erfahrungen wir mittlerweile zurückblicken können. Nicht nur Deutschland und Frankreich haben sich ausgesöhnt. Angesichts der Schrecken der Vergangenheit war die Versöhnung zwischen Deutschland und Polen noch viel unwahrscheinlicher. Trotz aller alten und neuen Probleme, auf die ich gleich noch zu sprechen komme, haben wir es hier fast mit einem Wunder zu tun, das indes nicht möglich geworden wäre ohne die Bereitschaft zur Umkehr, ohne beiderseitige Offenheit für eine neue Zukunft und ohne die Fähigkeit zum langen Atem. Ich bin deshalb dankbar und hoch erfreut, dass wir heute den ehemaligen Außenminister der Republik Polen, Prof. Dr. Wladyslaw Bartoszewski, in unserer Mitte begrüßen dürfen. Er gehört nicht nur zu denen, die den Weg Polens vom Kommunismus in eine freie Zukunft erfolgreich mitgestaltet haben. Über Jahrzehnte hinweg hat er auch der Verständigung von Polen und Deutschen den Weg gebahnt. Bis heute ist er einer der wichtigsten intellektuellen Brückenbauer zwischen beiden Ländern geblieben, der es meisterhaft versteht, seinen polnischen Landsleuten die Sichtweisen der Deutschen zu erklären und andersherum uns Deutschen den Blick der Polen auf ihre Nachbarn und die Welt nahe zu bringen. Professor Bartoszewski wird heute Nachmittag das Wort an uns richten.

Herzlich danke ich auch jenen, die den Versöhnungsfonds zu einem beachtlichen Erfolg gemacht haben. Besonders möchte ich hier Herrn Dr. Gerhard Albert nennen, der als Geschäftsführer von RENOVABIS zusammen mit seinen Mitarbeitern die Projekte des Versöhnungsfonds betreut hat. Dr. Albert wird im Anschluss einen Bericht über die Arbeit des Fonds und die geförderten Vorhaben geben.

Mein Dank gilt ebenso der Geschäftsführerin der Deutschen Kommission Justitia et Pax, Frau Gertrud Casel, und Herrn Dr. Georg Jelich, Generalvikar der Diözese Erfurt, die gemeinsam mit Dr. Albert den Vergabeausschuss des Fonds gebildet haben und damit die Aufgabe hatten, geeignete Projekte auszuwählen. Besonders aber darf ich all jenen Dank sagen, die diese Vorhaben konzipiert und dann auch durchgeführt haben. Größere katholische Organisationen waren ebenso beteiligt wie kleine Initiativen, Kirchengemeinden und Gruppen. Der Fonds hat ja selbst keine Projekte in Angriff genommen, sondern dazu beigetragen, ein vielfältiges ehrenamtliches Engagement anzustoßen und zu ermöglichen. Allen, die sich mit ihren Projekten um die Versöhnung verdient gemacht haben, sei an dieser Stelle sehr herzlich gedankt. Stellvertretend für sie werden im weiteren Verlauf unserer Veranstaltung sechs Vertreterinnen und Vertreter von Versöhnungsinitiativen zu Wort kommen. Die Deutsche Bischofskonferenz will sich nicht selbst loben. Auch wir sind immer wieder angewiesen auf Anregungen und auch Kritik von außen. Aber als Vorsitzender möchte ich an dieser Stelle vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Sekretariat der Deutsche Bischofskonferenz danken, die dem Projekt der Entschädigung der Zwangsarbeiter und der Realisierung des Versöhnungsfonds zugearbeitet haben. Ich nenne den herausragenden Einsatz von Herrn Ulrich Pöner, Leiter des Bereiches Weltkirche, der mit großem Weitblick wie mit geschärftem Augenmaß und umsichtiger Klugheit das Projekt begleitet hat.

Ohne ins Detail gehen zu wollen, möchte ich hier doch wenigsten drei Beobachtungen zu den vom Versöhnungsfonds geförderten Projekten zur Sprache bringen.

Zuallererst fällt der hohe Anteil von Jugendinitiativen auf. Dies ist ein außerordentlich ermutigendes Zeichen, denn es zeigt, dass die Versöhnungsarbeit der letzten Jahrzehnte kein Generationsprojekt war, sondern der Staffelstab auf die Nachgeborenen übergeht.

Dann hat mich die breite thematische Palette der vom Versöhnungsfonds geförderten Vorhaben beeindruckt. Neben der Auseinandersetzung mit der Gewaltgeschichte des Nationalsozialismus, die gewissermaßen das Fundament des Fonds bildet, finden sich Projekte, die sich den Opfern der SED-Diktatur zuwenden oder sich mit den drängenden Friedens- und Versöhnungsproblemen in Mittel-, Ost-, oder Südosteuropa auseinandersetzen. Hier ist ein für unsere Gesellschaft wichtiger Lernprozess zu beobachten: Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinen Folgen wäre letztlich halbherzig, würden ihre Ergebnisse nicht auch in anderen Konfliktsituationen zur Geltung gebracht. Dies gilt zumal da, wo Staaten und Völkern nach der NS-Herrschaft keine Luft zum freien Atmen geschenkt wurde, sondern sie neuer Gewalt und neuer Unterdrückung ausgesetzt waren.

Nachdenklich muss hingegen stimmen, dass es kaum gelungen ist, die in den letzten Jahrzehnten nach Deutschland gekommenen Migranten in die Projekte des Versöhnungsfonds einzubeziehen. Vielen scheint die Geschichte ihrer neuen Heimat noch fremd, und sie fühlen sich nur wenig von ihr berührt. Für die Zukunft der Erinnerung in Deutschland hängt indes vieles davon ab, dass sich die große Gruppe der Einwanderer mit ihren Geschichten und Sichtweisen in die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit einbringt. Erinnerung ist ja ein in sich nie abgeschlossener Vorgang. Sie lebt geradezu davon, mit neuen Perspektiven und Fragen konfrontiert zu werden. Gerade so wird das Ringen um das Verständnis der Vergangenheit immer auch zum Ringen um unser Selbstverständnis in der Gegenwart. Für die Identität und den Zusammenhalt eines Landes ist es daher von großer Bedeutung, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im Bewusstsein aller Bürger einen Zusammenhang bilden. Im Einwanderungsland Deutschland liegen hier noch große Aufgaben vor uns.

V.

Wie wenig gefestigt der gemeinsame Boden auch 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges noch immer ist, wird beispielhaft deutlich an den Beziehungen zwischen Deutschland und Polen, die vielen nicht ohne Grund als Gradmesser für die Verhältnisse in Mitteleuropa gelten. Auf der Ebene der Staaten bzw. der Regierungen sind sie in den vergangenen Jahren eher schwieriger geworden. Man muss derzeit wohl leider von einer etwas frostigen Periode sprechen.

Kritische Fragen müssen hier an beide Seiten gestellt werden. Die deutsche Politik dürfte sich in den vergangenen Jahren nicht durchgängig der notwendigen Sensibilität im Umgang mit dem Nachbarn befleißigt haben. Es gibt gewiss gute Gründe für eine enge Partnerschaft mit Russland, doch wer sie bilateral (oder unter Einschluss Frankreichs) pflegt, sollte die geschichtlich begründeten Sorgen Polens, zum Spielball der größeren Mächte zu werden, tunlichst nicht ignorieren. Bei der gegenwärtigen polnischen Regierung wiederum fällt auf, dass sie sich, offenbar vorwiegend aus innenpolitischen Gründen heraus, recht leichthändig traditioneller Klischees bedient, die weder Europa noch dem heutigen Deutschland gerecht werden. Solches Spiel mit den Ressentiments aber macht uns am Ende alle gemeinsam ärmer.

Gerade vor dem Hintergrund dieser Probleme und Entfremdungen auf politischer Ebene ist es umso wichtiger, dass die Gesellschaften in Polen und Deutschland auf einem Weg wachsender Verständigung bleiben. Es gibt viele Beispiele eines guten und ganz unaufgeregten Miteinanders der Menschen. So bin ich dankbar, dass die Feierlichkeiten der Deutschen und der Polnischen Bischofskonferenz im September 2005 in Fulda und in Wroclaw/Breslau aus Anlass des 40. Jahrestages des historischen Briefwechsels von 1965 einmal mehr den festen Willen der Kirche in beiden Ländern gezeigt haben, wirksame Impulse für Aussöhnung und gute Nachbarschaft zu geben. In dieser Situation haben wir darum miteinander eine große Aufgabe, ohne uns jeweils und gemeinsam zu überschätzen.

VI.

Eine der zentralen Streitfragen, die das Verhältnis vor allem zwischen Deutschen und Polen derzeit belasten, ist die Erinnerung an Flucht und Vertreibung am Ende und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Hier zeigt sich einmal mehr, welchen Stoff für Missverständnisse und Auseinandersetzungen die Geschichte nach wie vor bereithält. Der geschichtliche Grund, auf dem wir in der Mitte Europas stehen, ist auch heute noch leicht entflammbar. Es ist daher gewiss nicht hilfreich, dass vielerorts Populismus den Ton der Debatte bestimmt. Sorgfalt und Sensibilität sind gerade hier zwingend geboten.

Die gesellschaftliche und politische Diskussion macht sich vor allem an dem Projekt eines „Zentrums gegen Vertreibungen“ fest, das seinen Ort in Berlin erhalten soll. Initiiert und vorangetrieben wurde das Vorhaben von der „Stiftung gegen Vertreibungen“, die wesentlich vom Bund der Vertriebenen getragen wird, in der aber auch eine Reihe von Einzelpersönlichkeiten mitarbeiten. Dieses „Zentrum“ stößt vor allem in Polen und in Tschechien auf erhebliche Widerstände. Aber auch in Deutschland hat der Plan Diskussionen hervorgerufen und ist nach wie vor stark umstritten.

Über alternative Wege wird im Rahmen des „Europäischen Netzwerkes Erinnerung und Solidarität“ nachgedacht, das die Kulturminister aus Deutschland, Polen, der Slowakei und Ungarn im April 2004 gegründet haben. Dieses Netzwerk soll die Museen, Gedenk- und Forschungsstätten, die Archive und Denkmäler zur Vertreibung in ganz Europa miteinander verbinden.

Die Koalitionsvereinbarung der die jetzige Bundesregierung tragenden Parteien vom 11. November 2005 sucht beide Ansätze miteinander zu verbinden. Dort heißt es: „Wir wollen im Geiste der Versöhnung auch in Berlin ein sichtbares Zeichen setzen, um – in Verbindung mit dem Europäischen Netzwerk Erinnerung und Solidarität […] – an das Unrecht von Vertreibungen zu erinnern und Vertreibung für immer zu ächten.“

Wichtiges Anschauungsmaterial zu dieser aktuellen Debatte stellen auch zwei große Ausstellungen bereit. Eine Präsentation über „Flucht, Vertreibung, Integration“ war um die Jahreswende 2005/2006 im Bonner Haus der Geschichte zu sehen. Die Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“ wiederum hat am 11. August 2006 im Berliner Kronprinzenpalais ihre Ausstellung „Erzwungene Wege. Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts“ eröffnet. Weniger ihrer Inhalte, wohl aber des Veranstalters wegen hat sie in Teilen der polnischen Öffentlichkeit zu scharfen Reaktion geführt.

Schon diese wenigen Schlaglichter zeigen, wie kompliziert sich die Diskussion darstellt. Selbstverständlich gibt es auch in der Kirche in unserem Land dazu unterschiedliche Auffassungen. Und es wäre auch ganz und gar verfehlt, in dieser Angelegenheit eine Art kirchenoffizieller Stellungnahme zu erwarten. Dennoch möchte ich – auch um der Versachlichung der Diskussion willen – einige Gesichtspunkte vortragen, die in der herrschenden Atmosphäre aus Unterstellungen, Verdächtigungen und schriller Rhetorik oft nicht mit der genügenden Sorgfalt bedacht werden.

Meinem Urteil nach gibt es vor allem zwei grundlegende Markierungen, denen die Diskussion und die konkreten Vorschläge gerecht werden müssen.

Zum einen sollte anerkannt werden, dass auch die deutschen Vertriebenen das Recht haben, ihres Lebensschicksals zu gedenken. 15 Millionen Deutsche haben am Ende des Zweiten Weltkrieges ihre Heimat verloren. 2 Millionen Menschen – vor allem Alte, Schwache und Kinder – sind auf ihren Wegen gen Westen ums Leben gekommen. Dies schließt eine Beschränkung der Erinnerung auf den privaten Bereich, auf den Kreis der Familie aus. Die deutschen Vertriebenen haben Anspruch, wie Bundespräsident Horst Köhler in einer Rede am 2. September 2006 dargelegt hat, auf das Mitgefühl und die Solidarität des ganzen Volkes. Viele unserer Nachbarn, nicht zuletzt jene, die am eigenen Leibe Flucht und Vertreibung kennen gelernt haben, teilen die Verbundenheit mit ihnen.

Zum anderen aber darf das Gedenken an die deutschen Opfer der von Nazi-Deutschland verursachten europäischen Katastrophe nicht zur Belastung der immer noch zerbrechlichen Beziehungen zwischen den Völkern unseres Kontinents werden. Dieses Gedenken kann niemals zur heilsamen Erinnerung werden, wenn es sich sozusagen in Frontstellung (und sei es auch in aufgezwungener Frontstellung) zu unseren Nachbarn vollzieht. Deshalb ist ein europäischer Dialog über diese Fragen unerlässlich, der von allen Seiten das Bemühen um Verständnis und Konsens voraussetzt. Natürlich ist auch die Kirche hier gefordert. In den regelmäßigen Konsultationen zwischen deutschen und polnischen Bischöfen geht es deshalb derzeit immer auch darum, den Boden für ein gemeinsames Verstehen und Beurteilen der heiklen Fragen der gemeinsamen leidvollen Geschichte unserer Völker zu festigen.

Im Rahmen dieser doppelten Grundmarkierung lassen sich dann auch einige Kriterien für ein angemessenes Erinnern an die Vertreibungen und zur Beurteilung der derzeit diskutierten Vorschläge formulieren. Ich möchte sie in fünf kurzen Gedankengängen aufschlüsseln.

Erstens: Es ist von entscheidender Bedeutung, dass eine Erinnerungsstätte den historischen Zusammenhang des Vertreibungsgeschehens am Ende des Zweiten Weltkriegs anschaulich macht. Flucht und Vertreibung der Deutschen gingen die gewaltsame Eroberung, Unterdrückung und Zerstörung der mittel- und osteuropäischen Länder voraus: der mit äußerster Brutalität unternommene Versuch, die Völker des Ostens dauerhaft zu versklaven, die Vernichtung großer Teile ihrer Eliten und der systematische Völkermord an den Juden. Allein fünf bis sechs Millionen polnische Staatsbürger haben dabei ihr Leben verloren. Man kann die Vertreibung der Deutschen weder historisch verstehen noch sich ihrer moralisch erinnern, wenn man die vorangegangene Barbarei – als Voraussetzung dessen, was schließlich über Millionen Deutsche hereinbrach – nicht stets mitbedenkt und sie mit dem Gedenken der eigenen Opfer verbindet.

Zweitens: Eine Erinnerungsstätte muss erfahrbar machen, dass die Versöhnung zwischen den Völkern bestimmendes Motiv und leitendes Ziel des Gedenkens ist. Das heißt: Ein solcher Ort muss so gestaltet sein, dass die Opfer der Vertreibung, ihre Nachfahren und letztlich das ganze deutsche Volk darin bestärkt werden, die eigene Geschichte und auch den erlittenen Verlust innerlich anzunehmen. Die Trauer über den Verlust der Heimat mag für die Betroffenen eine bleibende sein – für die einen gilt das mehr, für die anderen weniger. Reife Trauer ist sie dann, aber auch nur dann, wenn sie der Heilung der eigenen Identität so dient, dass sie die Menschen öffnet für Begegnung und Versöhnung. Eine Gedenkstätte muss darum einer Trauer Raum geben, die den eisernen Bann der Vergangenheit aufbricht und frei macht für eine neue Zukunft. Gerade indem sie den Leiden Anerkennung zollt, soll sie zur Überwindung der nicht enden wollenden Nachwehen des Leidens beitragen. Alles kommt darauf an, dass es gelingt, eine Erinnerungsstätte tatsächlich zu einem solchen Ort heilender Trauer zu machen.

Drittens: Eine solche Erinnerungsstätte muss darüber hinaus die gesamteuropäische Wirklichkeit von Flucht und Vertreibungen sichtbar werden lassen. Einen Ort, der nur dem Gedenken an die deutschen Opfer diente, darf es schon deshalb nicht geben, weil andere Vertreibungen in demselben historischen Zusammenhang stehen: Schon seit Beginn des Krieges hatte das nationalsozialistische Deutschland im Rahmen seiner völkischen Siedlungspolitik unzählige Menschen gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Und mit der Vertreibung der Deutschen ging die zwangsweise Umsiedlung von Polen aus deren damaligen Ostgebieten unmittelbar einher. Man kann und darf des Einen nicht ohne des Anderen gedenken.

Hier ist noch ein weiterer Aspekt in den Blick zu nehmen. Vertreibung ist auch insofern ein europäisches (wenngleich nicht ausschließlich europäisches) Phänomen, als sie die auf die Spitze getriebene Konsequenz eines auf völkisch-kulturelle Homogenität des Staates gerichteten Denkens darstellt, das von den europäischen Völkern (wenngleich in unterschiedlicher Virulenz) Besitz ergriffen hatte. Der fragwürdige, weil zynisch anmutende Begriff der ethnischen Säuberung, der seit dem Jugoslawien-Krieg der 1990er Jahre in unser Vokabular eingewandert ist, sagt etwas über eine Denkweise, die nicht bloß im Unterholz nationalistischer Politik, sondern auch in der Beletage der idealistischen Philosophie gepflegt wurde. Beispielhaft sei hier nur Johann Gottlieb Fichte genannt, dessen Reflexionen über den Charakter der deutschen Nation ihn schließlich zu der Auffassung führten, dass für die Juden in Deutschland kein Platz sei und man sie deshalb in „ihr gelobtes Land“ schicken solle.(3) Es ist diese Verirrung einer der Homogenisierung verpflichteten Volks- und Nationalidee, der die politische Gedankenwelt des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in weiten Teilen Europas – vor allem in den so genannten verspäteten Nationalstaaten – prägt und den Umsiedlungen, Deportationen und Vertreibungen weltanschauliche Plausibilität und Legitimation verleiht. Die Balkan-Kriege des letzten Jahrzehnts, aber auch die mühsamen und stets vom Scheitern bedrohten Versuche, dieser Region – sei es im Kosovo, sei es in Bosnien und Herzegowina – eine Ordnung zu geben, die nicht einfach vom Prinzip ethnischer Zugehörigkeit bestimmt ist, legen Zeugnis davon ab, dass das völkische Identitätsdenken auch heute noch nicht zur Gänze vom Boden Europas getilgt worden ist. Hier wäre manches anzufügen und zu vertiefen. An dieser Stelle aber soll nur gezeigt werden: Es gibt Grunddaten der europäischen Real- und Ideengeschichte, die in einem angemessenen Gedenken der Vertreibungen mitbedacht werden müssen.

Viertens: Es spricht manches dafür, die europäische Dimension der Vertreibungen durch die Vernetzung mehrerer über den Kontinent verteilter Gedenkorte und Forschungsstellen zum Ausdruck zu bringen und diese im Rahmen eines europäischen Verbundes zu organisieren und zu verantworten. Für eine Erinnerungsstätte in Deutschland verbleibt aber in jedem Falle eine dauerhaft unaufgebbare Verantwortung beim deutschen Staat, insbesondere beim Bundestag. Manche Irritation bei unseren Nachbarn hat vielleicht auch mit dem Eindruck zu tun, dass die Interessenvertreter der Vertriebenen an seiner statt die Verantwortung für Gestalt und Inhalte einer Erinnerungsstätte übernehmen sollten. Tatsächlich ist aber die Verantwortung der Bundesrepublik Deutschland für das „sichtbare Zeichen“ der Erinnerung an Flucht und Vertreibungen weder heute noch in Zukunft delegierbar. Das schließt nicht aus, wie Bundespräsident Prof. Dr. Horst Köhler es jüngst formuliert hat, „dass zu diesem Projekt auch die deutschen Vertriebenen beitragen können und sollten“.

Fünftens: Auf Seiten unserer Nachbarn wird immer wieder die Sorge geäußert, dass das öffentliche Gedenken der Vertreibung, das den Deutschen am Ende und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg widerfahren ist, auf eine Revision der deutschen Erinnerungskultur hinausläuft oder gar bewusst zu diesem Zweck eingesetzt wird: Aus Täter würden Opfer gemacht und aus Opfern Täter. Nun darf gewiss nicht übersehen werden, dass in Deutschland immer noch oder wieder neonazistische und rechtsradikale Gruppen tätig sind, die mit einem geschichtsrevisionistischen Programm hausieren gehen. Darüber hinaus gibt es Organisationen wie die „Preußische Treuhand“, die Vermögensansprüche gegenüber Polen geltend machen wollen und durch solche Akte der Geschichtsvergessenheit für viel Unruhe unter unseren Nachbarn sorgen. All diese Phänomene dürfen nicht bagatellisiert werden. Dennoch frage ich: Unterschätzen nicht manche, die sich erbittert jeder Art von Erinnerungsstätte für die Opfer der Vertreibungen entgegen stellen, den tief greifenden Wandel, den das deutsche Volk in den letzten sechzig Jahren durchgemacht hat? Unter den politisch Verantwortlichen in Deutschland und auch in der Breite der Bevölkerung gibt es jedenfalls keine Tendenz, die Geschichte des Nationalsozialismus umzudeuten und die von Deutschen und im deutschen Namen begangenen Verbrechen zu leugnen oder klein zu reden. Nicht nur die Demokratie darf in Deutschland inzwischen als gefestigt gelten, sondern auch das historische Selbstverständnis. In breitesten Kreisen unserer Gesellschaft ist die schuldbehaftete Vergangenheit der eigenen Nation anerkannt und als Teil unseres Erbes angenommen. Diese Feststellung spricht, wohlgemerkt, nicht für das eine oder andere Konzept der Erinnerung an die Vertreibungen in Europa. Wohl aber spricht sie für eine gewisse Gelassenheit in der Diskussion.

So anstrengend die Auseinandersetzungen über den rechten Umgang mit den Vertreibungen auch sind – ich glaube: Sie können sich lohnen, wenn wir sie mit aller gebotenen Ernsthaftigkeit führen. Was wir in dieser Diskussion gewinnen können, ist ein tieferes Verständnis füreinander und auch für uns selbst. Nationale Rechthaberei, auf welcher Seite auch immer, ist dabei völlig fehl am Platz. Wir werden Geduld, Beharrlichkeit und auch Demut brauchen, wenn wir zu einem Ergebnis gelangen wollen, das von möglichst vielen mitgetragen werden kann.

VII.

Noch viele weitere Themen bleiben Politik und Gesellschaft im Ringen um die Versöhnung aufgegeben. In Deutschland gehört dazu ganz gewiss der Umgang mit den Folgen der SED-Diktatur und (in weiterer Perspektive) mit den Auswirkungen des Kalten Krieges. Viele in unserem Land scheinen der Auseinandersetzung mit dem Erbe dieser Diktatur inzwischen müde geworden zu sein. Im Osten macht sich vielerorts Nostalgie breit. Im Westen weicht man nicht selten mit einer gewissen Oberflächlichkeit und mit dem Gestus des uninteressierten Siegers dem Ernst der Fragen aus. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass sich schon seit einiger Zeit ein oft unerträglich freches Auftreten mancher ehemaliger Offiziere der Stasi beobachten lässt, die ihre Opfer von einst dreist verhöhnen. Um nicht missverstanden zu werden: Natürlich darf die Auseinandersetzung mit den Lasten der DDR-Vergangenheit nicht zu einer Art Fortsetzung des Kalten Kriegs mit anderen Mitteln werden. Aber die Opfer der SED haben das Recht, nicht einfach aus dem öffentlichen Interesse zu verschwinden. Ihnen muss Raum gegeben werden, um ihre Geschichten zu erzählen und ihre Erfahrungen auszusprechen. Nur so kann Erinnerung bewahrt und Versöhnung auf lange Frist gewonnen werden. Es wäre gut, wenn in der derzeit im Deutschen Bundestag anhängigen Debatte über eine Ausweitung von Entschädigungen für die Opfer der SED-Herrschaft auch diese grundsätzliche Perspektive nicht aus dem Blick geriete.

VIII.

Wenn wir heute den Versöhnungsfonds der Katholischen Kirche zum Abschluss bringen, so geben wir also nicht das Signal, dass die Aufgaben erledigt seien. Gegenwart und Zukunft halten für den, der Frieden und Versöhnung in Europa will, genügend Herausforderungen bereit. Der Fonds selbst konnte und wollte nie mehr sein als ein zeitlich befristetes Instrument, um der weiteren Arbeit einen kräftigen Impuls zu geben. Wir sind dankbar, dass er dieses Ziel erreicht und gute Früchte hervorgebracht hat. Manches, was der Fonds angestoßen hat, wird seine volle Wirksamkeit gewiss auch erst in der Zukunft entfalten.

In gewissem Sinne gehört auch die neue Maximilian-Kolbe-Stiftung, die in den kommenden Monaten gegründet werden soll, zu den Ergebnissen des Versöhnungsfonds. Mehrere katholische Organisationen – das Maximilian-Kolbe-Werk(4), RENOVABIS, der Deutsche Caritasverband, Pax Christi, das Zentralkomitee der deutschen Katholiken und die Deutsche Kommission Justitia et Pax – haben sich zusammengetan, um mit dieser neuen Stiftung Projekte der Versöhnung in Europa auf den Weg zu bringen und der katholischen Versöhnungsarbeit eine langfristig tragfähige Struktur zu geben. Die Maximilian-Kolbe-Stiftung will ausdrücklich keine rein deutsche Initiative sein. Immer mehr kommt es ja darauf an, dass die Kirche in Europa gemeinsame Wege der Versöhnung erkundet. Die Stiftung wird daher die enge Kooperation mit kirchlichen Partnern in ganz Europa, zunächst vor allem in Polen und Tschechien suchen. Die Deutsche Bischofskonferenz hat ihre Unterstützung für dieses Vorhaben bereits erklärt; auch von Seiten der Polnischen Bischofskonferenz ist lebhaftes Interesse geäußert worden. So wächst der kirchliche Dienst für die Versöhnung auf europäischer Ebene enger zusammen.

Gemeinsam dürfen wir hoffen, dass mit dem Segen Gottes auf diese Weise und auf vielen anderen Wegen der Schatz der Versöhnung auf unserem Kontinent auch in Zukunft gehütet und vermehrt wird. Dadurch möchten wir auch über den Tag hinaus erreichen, dass augenblicklich blockiert erscheinende Wege zueinander sich wieder für eine nachhaltige Versöhnung öffnen.

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(1) Vgl. Karl Kardinal Lehmann, Statement bei der Pressekonferenz zum „Entschädigungsfonds für Zwangs- und Fremdarbeiter in kirchlichen Einrichtungen“ am 31.August 2005 (= Pressemitteilungen der Deutschen Bischofskonferenz, 31.08.2005).

(2) Jaspers, Karl: Die Schuldfrage. Von der politischen Haftung Deutschlands. München 1987. S. 7ff.

(3) „Aber ihnen Bürgerrechte zu geben, dazu sehe ich wenigstens kein Mittel, als das, in einer Nacht ihnen allen die Köpfe abzuschneiden und andere aufzusetzen, in denen auch nicht eine jüdische Idee sey. Um uns vor ihnen zu schützen, dazu sehe ich wieder kein anderes Mittel, als ihnen ihr gelobtes Land zu erobern, und sie alle dahin zu schicken“. (Johann Gottlieb Fichte, Beitrag zur Berichtigung der Urtheile des Publicums über die französische Revolution, in: Gottlieb Fichtes Sämtliche Werke. Herausgegeben von I.H. Fichte, Berlin 1845/46, Bd. 6, S. 37ff, Fußnote 21; Erstdruck: o.O. [Danzig], 1793).

(4) Vgl. A. Stempin, Das Maximilian-Kolbe-Werk. Wegbereiter der deutsch-polnischen Aussöhnung 1960-1989 = Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte, Reihe B, Bd. 107, Paderborn 2006.

(c) Karl Kardinal Lehmann

Es gilt das gesprochene Wort 

von Karl Kardinal Lehmann, Bischof em. von Mainz

Copyright: Karl Kardinal Lehmann, Mainz