Fasten – ein Zeichen für die Kostbarkeit des Lebens

Predigt zum Gottesdienst an Aschermittwoch, 26.02.2020 im Mainzer Dom

Edelsteine (c) Pixabay
Edelsteine
Mi 26. Feb 2020
Weihbischof Udo Bentz

Liebe Schwestern und Brüder!

Beginnt heute mit dem Aschermittwoch wieder der Ernst des Lebens?

O nein, sicher nicht! Bei aller fröhlichen Fastnachts-Feierlaune der vergangenen Tage konnten wir es nicht ausblenden: Der Ernst des Lebens machte auch an Fastnacht keine Pause: Die schreckliche Tat von Hanau war allgegenwärtig. Die Amokfahrt an Rosenmontag in Volkmarsen hat uns alle verstört. All das ist unbegreiflich bitter. Der Ernst des Lebens zeigt sich dieser Tage aber auch in der Angst um die Ausbreitung des Corona-Virus in Europa und in Italien zu drastischen Maßnahmen geführt hat. So ambivalent ist das Leben. Ein verstörendes Amalgam in den letzten Tagen: Akte der Gewalt, Tragik und Trauer - Lebensfreude, Feierlaune, oberflächlicher und tiefgründiger Humor...

Mensch - bedenke, dass Du von der Erde genommen bist und zur Erde zurückkehrst

Die christliche Botschaft des heutigen Aschermittwochs bringt es auf den Punkt: „Mensch - bedenke, dass Du von der Erde genommen bist und zur Erde zurückkehrst - kehr um und glaube an das Evangelium!“ Das Leben ist immer beides: Freude und Lebenslust - Endlichkeit und Vergänglichkeit. Das Leben ist weder nur das eine noch nur das andere. Ja - wir können uns deshalb unseres Lebens nicht sicher sein! Das gilt nicht nur im Blick auf die schrecklichen Taten der vergangenen Tage, durch die unschuldige Menschen sterben mussten oder schwer verletzt wurden. Wir können uns unseres Lebens grundsätzlich nicht sicher sein, denn Krankheit und Sterben können jederzeit und in verschiedener Weise über uns hereinbrechen! Wir können uns unseres Lebens nicht sicher sein, denn es gibt so vieles, was ein sorgenfreies Leben in Frage stellt: Menschen werden aneinander schuldig, Schicksalsschläge stellen von jetzt auf gleich alles auf den Kopf, die Umstände ändern sich und wir ringen damit, dass das Leben nicht so verläuft, wie man es sich vorstellt! Jeder und jede von uns kann das füllen mit eigenen Erfahrungen...

Die Endlichkeit unseres Lebens lässt uns nicht klein sondern groß vom Leben denken

Mensch - bedenke, dass Du von der Erde genommen bist und zur Erde zurückkehrst! Ist das Leben so wenig wert, so nichtig? Unser Glaube ist nüchtern und ehrlich, die Bibel macht uns nichts vor: Ja, wir sind endlich und nichtig! Aber gerade deshalb wird das Leben nicht wertlos! Gerade weil wir klaren Auges sehen, wie verletzlich das Leben ist, wie anfällig und begrenzt, wie schnell und leicht zunichte zu machen - gerade deshalb ist das Leben wertvoll und kostbar und besitzt eine unverbrüchliche Würde. Die Endlichkeit unseres Lebens lässt uns nicht klein sondern groß vom Leben denken, nicht achtlos sondern respektvoll mit dem Leben umgehen!

Der Aschermittwoch setzt hier ein klares Zeichen: Indem wir uns die ernste Seite des Lebens klar vor Augen halten, uns unsere Nichtigkeit im wahrsten Sinne mit dem Aschekreuz auf den Kopf zusagen lassen, bekennen wir uns zur Einzigartigkeit, zur Großartigkeit und zur unverbrüchlichen Würde des menschlichen Lebens - ja der ganzen Schöpfung! Das können wir aber nur aus dem Glauben heraus an den Gott des Lebens, der sich in Jesus uns offenbarte.

Mit dem Aschermittwoch beginnen wir, uns auf Ostern vorzubereiten

Nur von dort her bekommen die Tage der österlichen Bußzeit ihr Gewicht und ihre Ausrichtung: An Ostern feiern wir, dass Gott durch Jesus Christus in seiner Liebe zu uns Menschen das so verletzliche Leben aus der Endlichkeit heraushebt und im österlichen Leben vollendet: die vielen offenkundigen und verborgenen Übergriffe auf die Würde des Lebens in unseren Tagen, die Fratzen von Gewalt und Terror, die ideologischen Instrumentalisierungen, Leid, Schuld, Krankheit, Ungerechtigkeiten so vieler Art, die das Leben beeinträchtigen - letztlich alles Kräfte des Todes - können dem Leben im letzten nichts anhaben! Gottes Liebe hat im Leiden Jesu, seinem Tod und seiner Auferstehung all das überwunden! Das ist der Kern, woran wir Christen glauben! Dafür stehen wir! dafür sind wir Zeugen!

Sie ermutigen, darüber nachzudenken, was Fasten für Sie in den kommenden Wochen bedeuten könnte

Deshalb sind wir gerufen, ganz bewusst in dieser Fastenzeit als eine Zeit der Vorbereitung auf Ostern Zeichen zu setzen für die Kostbarkeit des Lebens, für die unverbrüchliche Würde des menschlichen Lebens einer jeden Person, gerade auch der Ausgegrenzten und der Schwachen, derer die auf die Hilfe der anderen angewiesen sind... Fasten dient nicht der Selbstoptimierung. Fasten hat auch nichts Lebensverneinendes. Fasten bedeutet Umkehr: von der Gedankenlosigkeit über unser Leben und von einem gedankenlosen Lebensstil weg - hin zur bewussten Wahrnehmung der Würde unseres Lebens in den Augen Gottes! Fasten meint eine bewusste Entscheidung, unserem eigenen Leib und Leben, dem Miteinander unter uns Menschen und der ganzen Schöpfung die Achtung zuteilwerden zu lassen, die der Würde des Lebens von ihrem Schöpfer her entspricht. Fastenvorsätze haben nichts mit Selbstkasteiung zu tun. Sie dürfen nicht Ausdruck einer Verachtung unsrer Geschöpflichkeit sein. Fastenvorsätze sind nicht banal, sie sind mehr und gewichtiger als der Verzicht auf Süßigkeiten oder das Bier am Abend:

Am Beginn dieser österlichen Bußzeit möchte ich Sie ermutigen, darüber nachzudenken, was Fasten in diesem Sinne für Sie in den kommenden Wochen bedeuten könnte:

  • Was hilft mir, die Würde meiner eigenen Geschöpflichkeit wieder neu wahrzunehmen? Wo und wie habe ich mich in meiner Leiblichkeit vernachlässigt, habe meinem Leib zu viel zugemutet und war zu wenig achtsam?
  • Welche Zeichen kann ich persönlich setzen, um der Würde des menschlichen Lebens in unsrer Gesellschaft Gewicht zu geben? Wo nehme ich wahr, dass das Leben der Menschen und der Schöpfung geschunden und missachtet werden? Es kann z.B. auch ein Fastenvorsatz sein, bewusst in meinem Umfeld nicht zu schweigen wie das oft aus Scheu und Bequemlichkeit geschieht, sondern Stellung zu beziehen und das Wort zu ergreifen, wenn mit irgendwelchen Parolen gegen die Würde des Lebens und der Person und der Schöpfung Stimmung gemacht wird.
  • Welche Zeichen will ich setzen, vielleicht die eine oder andere Initiative unterstützen, die etwas trifft, was meinem Leben eine neue Richtung geben könnte . Ansätze dazu gibt es genügend: digital-mediales Fasten, Plastikfasten, Klimafasten, Autofasten, sieben Wochen ohne - „ohne was“, was kann das für mich persönlich bedeuten?
  • Was kann ich teilen und mit wem will ich teilen, um zu verwirklichen, was ich glaube, dass nämlich keiner für sich alleine lebt?
  • Die Zielrichtung des Fastens ist klar - sich von neuem Gott, unserem Schöpfer zuwenden und mir von ihm her die Maßstäbe des Lebens sagen lassen. Daher gehört zu meinen Überlegungen, wie ich fasten will, immer auch die Überlegung mit hinein, wie ich meine Beziehung zu Gott erneuern und intensivieren will: durch mein Beten, durch die gemeinsame Feier der Liturgie, auch durch das Sakrament der Versöhnung, das mich erneuern will.

Echtes Fasten eignet nicht zum Vorzeigen

Das Evangelium sagt: „Du, aber geh‘ in deine Kammer. Gott, der das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.“ Ja - echtes Fasten eignet nicht zum Vorzeigen nach dem Motto: Seht her, wie edel und gut ich bin! Ja, es heißt auch: „Die Linke soll nicht wissen, was die Rechte tut!“ Wer wie fasten will, das ist und bleibt eine ganz persönliche Entscheidung. In manchen politisch-gesellschaftlichen Situationen – heute - kann es aber auch sein, dass es heißen muss: „Tu Gutes und rede darüber!“ Gib Zeugnis! Nicht um sich selbstgerecht über andere zu erheben, sondern um etwas anzustoßen, etwas zu bewegen, um auch andere dafür zu sensibilisieren, wie kostbar und wertvoll aber auch wie verletzlich die Würde des menschlichen Lebens und der ganzen Schöpfung ist.

In seiner diesjährigen Botschaft zum Aschermittwoch bringt es Papst Franziskus auf den Punkt: „Die Freude des Christen entspringt dem Hören und Annehmen der Frohen Botschaft vom Tod und der Auferstehung Jesu: dem Kerygma. (...) Trotz der mitunter sogar dramatischen Gegenwart des Bösen in unserem Leben, aber auch im Leben der Kirche und der Welt, drückt dieser Zeitraum, der uns die Möglichkeit zu einem Kurswechsel bietet, den beharrlichen Willen Gottes aus, den Dialog des Heils mit uns nicht abzubrechen.“