Friede! Mit Dir!

Predigt von Weihbischof Udo Bentz zur Christmette 2019 im Mainzer Dom

In Erwartung einer friedlichen Welt (c) Bistum Mainz
In Erwartung einer friedlichen Welt
Datum:
Di 24. Dez 2019
Von:
Weihbischof Dr. Udo Markus Bentz

Wer sich von diesem Kind der Krippe „entwaffnen“ lässt, dessen versöhntes Herz wird wieder neu fähig zu Respekt, entwickelt einen neuen Sinn für Gerechtigkeit, lebt in neuer Weise Aufrichtigkeit, Rücksichtnahme und Toleranz, und nimmt in neuer Weise Verantwortung nicht nur für sich selbst sondern auch für das Miteinander wahr!

Schwestern und Brüder,

„Weihnachten ist nicht mehr zu retten!“ Diese steile These hat der Historiker Wolffsohn am Sonntag im Deutschlandfunk aufgestellt. Weihnachten als religiöses Fest sei vorbei. Lediglich als kommerzielles Fest sei es noch überlebensfähig. Der Historiker macht den Kirchen den Vorwurf, in der Vermittlung der Botschaft dieses Festes zu versagen. Klar, dass sich dagegen Widerspruch regt –  und zwar zu Recht! Weihnachten muss nicht gerettet werden! Die Botschaft dieser Heiligen Nacht bleibt mehr als „anschlussfähig“ - auch in einer sogenannten „säkularen“ Gesellschaft. Die biblische Kernbotschaft sagt etwas Gültiges nicht über „Gott und Welt“, sondern vor allem über Gott und den Menschen.

„Euch ist heute der Retter geboren, Christus, der Herr! Ehre Gott in der Höhe und Friede auf Erden, den Menschen seiner Gnade!“ – Diese Botschaft der Engel auf den Feldern von Bethlehem ist die Kernbotschaft dieser Heiligen Nacht und des Weihnachtsfestes überhaupt. Diese Botschaft vom Frieden den Menschen seiner Gnade ist kein allmystisches, berauschendes Glücksgefühl, das spätestens nach der Heiligen Nacht wieder verfliegt. Auch ist der Friede, den wir Christen an Weihnachten feiern, kein selbstgemachtes Konstrukt politischer Diplomatie. Die Botschaft der Engel vom Frieden auf Erden ist: Gottes Initiative – auf uns Menschen zu.

Der Evangelist Lukas setzt in dieser „idyllischen“ Erzählung von der Heiligen Nacht auf den Feldern Bethlehems geradezu einen zwar untergründigen, aber auch deutlich politischen Impuls. Diese Provokation muss man wahrnehmen:

Die Hintergrundfolie, vor der man die Botschaft vom Frieden in der biblischen Weihnachtserzählung besser versteht, ist das damalige Selbstverständnis des römischen Kaisers. Im ganzen römischen Reich herrschte Frieden, die pax romana. Dieser Friede der Regierungszeit des Augustus baute jedoch auf dem Tribut blutiger Kriege, der Unterwerfung und der militärischen Unterdrückung der Völker auf. Die Menschen in der Provinz Judäa erlebten diesen fragilen Frieden durch die militärische Präsenz tagtäglich. Augustus proklamiert mit seiner Regierung einen immerwährenden Frieden. Augustus ließ sich als Friedensherrscher „Retter, Heiland, Herr“ nennen. – Das waren die protokollarischen Begrüßungsformeln für den römischen Augustus. Wenn nun Lukas in der Weihnachtserzählung die Engel sagen lässt: „Euch ist heute der Retter geboren, Christus der Herr“ – und weiter: „Frieden auf Erden!“ Dann wird deutlich: Der von Krieg, Gewalt und Blut erzwungenen „pax romana“ wird der Friede, der von diesem neugeborenen Kind ausgeht, gegenübergestellt. Es ist ein Friede anderer Art. Ein Friede anderen Ursprungs.

Der Friede, der von Weihnachten her zugesagt wird, ist mehr als die Unterbrechung von Krieg. Er ist etwas anderes als die Aufrechterhaltung einer ausbalancierten Taktik nach dem Motto: „Lässt du mich in Ruhe, lasse ich Dich in Ruhe“.

Dieser Friede auf den Feldern von Bethlehem in der Heiligen Nacht beginnt nicht mit einem „äußerlichen Agreement“. Er kommt nicht von außen in den Menschen hinein, sondern dieser Friede nimmt seinen Lauf von versöhnungsbereiten, friedensfähigen Menschen – und breitet sich aus von den einzelnen Menschen ausgehend hinein in das Miteinander der Gesellschaft und darüber in das Miteinander der Völkergemeinschaft.

Wir wissen heute mehr denn je, dass die Friedensfähigkeit eines Staates nach außen - mit anderen Völkern - abhängig ist von dessen Fähigkeit, Frieden nach innen - in der eigenen Gesellschaft - möglich zu machen. Wir wissen aber auch und erleben es derzeit hautnah, wie labil dieser Friede sein kann, wie leicht verletzbar ein friedliches gesellschaftliches Miteinander ist durch die Verantwortungslosigkeit schon einiger Wenigen. Wir wissen und erleben es, dass es in mancher Hinsicht zwar Friede an der Oberfläche gibt, aber man sich unterschwellig doch mit geballter Faust in der Tasche gegenübersteht. – Das gilt für die internationale Politik, das gilt aktuell auch für manche gesellschaftlichen Kräfte in unserem Land, das gilt für unser persönliches Umfeld. Und ehrlich: In mancher Hinsicht gilt das doch leider auch für uns als Kirche.

Deshalb: Frieden setzt die innere Friedensbereitschaft und die Friedensfähigkeit der Einzelnen voraus.  Um diese Friedensfähigkeit geht es. Die Weihnachtsbotschaft geht genau diesen Weg: Gott kennt die Sehnsucht eines jeden Menschen nach Frieden. Frieden ist das Verlangen, das den Menschen am tiefsten prägt. Nur die Erfahrung von innerem Frieden macht das Leben erfüllend und sinnstiftend. Dieser wechselseitige Zusammenhang von äußerem und inneren Frieden ist - wenn ich das so sagen darf - die „Friedenskonzeption“ der Weihnachtserzählung: ein Friede, der jedem einzelnen von Gott ausgehend zugesprochen wird. Friede den Menschen seiner Gnade!

Was heißt das? Ein unversöhntes Herz ist die Wurzel allen Unfriedens. Angst ist die Wurzel des Unfriedens: die Angst zu kurz zu kommen, die Angst nicht genug zu haben, die Angst zu wenig wahrgenommen zu werden. Egoismus ist die Wurzel des Unfriedens: der Drang, uns über andere zu stellen, uns auf Biegen und Brechen selbst zu behaupten, überhebliche Verhärtung. -  All das macht uns unfähig, friedfertig miteinander zu leben. Es gibt so viele Formen offenkundiger oder verborgener Aggression – in allen Lebenszusammenhängen: in unseren intimsten Beziehungen, in unserem Miteinander im Berufsleben, in unserer gesellschaftlichen Gegenwart und auch in unsrer Kirche.

Darauf antwortet Gott nicht mit moralischen Appellen und auch nicht mit einer ausgefeilten Friedensethik: das Kind in der Krippe - es ist „entwaffnend“ im wahrsten Sinne des Wortes! Die Botschaft der Engel auf den Feldern von Bethlehem sagt: Vor Gott braucht es keine Schutzwall ängstlicher Selbstbehauptung. Mensch, du bist von Gott her so sehr angenommen und geliebt auch in all der Gebrochenheit deiner Hoffnung und Sehnsucht, der Gebrochenheit deines Lebens, dass du in Frieden mit dir selbst leben kannst. Lass Dich mit Gott versöhnen! Friede den Menschen seiner Gnade! 

Wer sich von diesem Kind der Krippe „entwaffnen“ lässt, dessen versöhntes Herz wird wieder neu fähig zu Respekt, entwickelt einen neuen Sinn für Gerechtigkeit, lebt in neuer Weise Aufrichtigkeit, Rücksichtnahme und Toleranz, und nimmt in neuer Weise Verantwortung nicht nur für sich selbst sondern auch für das Miteinander wahr!

Der Friede von Weihnachten ist so eben nicht ein „rein innerlicher und privater Herzensfriede“ von weihnachtlich gestimmten Menschen. Der Friede von Weihnachten ist gewissermaßen ein innerer Impuls, der innere Anstoß, eine Initialzündung Gottes in uns – die Anfangszusage an den Menschen, uns befähigt Frieden zu wirken in einem versöhnten Miteinander, das seine Kreise zieht.

Schwestern und Brüder, wir werden weiterhin – auch nach Weihnachten, auch im neuen Jahr – den Zwiespalt zwischen unsrer Sehnsucht nach Heil und Frieden einerseits und der Realität unversöhnter Aggression erleben. Lassen wir uns vor lauter Nüchternheit über die sogenannten „Realitäten des Lebens“ die Flügel unsrer Hoffnung nicht stutzen. „Friede! Mir Dir!“ Zusage und Auftrag!

Ist Weihnachten noch zu retten? Das war meine Ausgangsfrage. Weihnachten muss nicht gerettet werden! Weihnachten will gelebt werden! Amen.