„Vertrauen ist die stillste Form des Mutes“ – und Mut braucht es, mehr denn je…

Predigt zur Christmette im Mainzer Dom am 24.12.2020 um 17.30 Uhr

Glasmedaillon Maria mit Jesuskind ohne Beschriftung (c) Dommuseum Mainz
Glasmedaillon Maria mit Jesuskind ohne Beschriftung
Datum:
Do. 24. Dez. 2020
Von:
Dr. Udo Markus Bentz, Weihbischof Mainz

Schwestern und Brüder,

dünnhäutig – das sind derzeit viele von uns. Ich kann es verstehen. In den letzten Tagen und Wochen gab es Augenblicke, in denen es mir nicht anders erging. Nervös und verunsichert reagieren manche. Sie sind genervt und mit ihrer Geduld am Ende. Erschöpft und in gewisser Weise gleichgültig, leer und traurig, überfordert: auch das sind Gemütszustände in diesen zermürbenden und kräftezehrenden Wochen. Allein, vernachlässigt, nicht wahrgenommen – auch darin werden sich viele wiederfinden. Dann erlebe ich auch den zunehmend aggressiven Ton im Ringen um die richtigen Entscheidungen. Man kann beobachten, wie manche die Krise nutzen, um sich zu profilieren und ins Gespräch zu bringen. Andere wissen es immer besser. Man schlägt Kapital aus der Situation mit übler Stimmungsmache. Und es wird in diesen Tagen viel verdrängt, geleugnet und banalisiert.

Das ist das „Stroh des Stalles“ der Weihnacht 2020! In diesem Stall, inmitten dieses Strohes soll es Weihnachten werden. Über dieses „Stroh“ der Weihnacht können auch die geschnitzten Krippen mit frischem Moos aus dem Wald in behaglichen Wohnungen nicht hinwegtäuschen.

Weihnachten ist tatsächlich: Nacht! Einsame Felder! Stall! Stroh! Verängstigte Hirten! …  In diese Situation hinein wird von himmlischen Chören gesungen: „Fürchtet euch nicht!“ Wie surreal!

In einer amerikanischen Bibel-App war mit 600 Millionen Aufrufen „Angst“ das meistgesuchte Schlagwort der letzten Monate, gefolgt von „Gerechtigkeit“ und „Heilung“. Und mit dieser Schlagwortsuche „Angst“ wurde ein Vers aus dem Propheten Jesaja zum beliebtesten Bibelspruch: „Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir; hab keine Angst, denn ich bin dein Gott! Ich habe dich stark gemacht, ja ich habe dir geholfen und dich gehalten…“ (Jes 41,10)

„Fürchte Dich nicht!“ als Zusage bei der Suche nach einer Antwort auf unsre Angst! Genau das ist das Wort der Engel in der Weihnacht an die Hirten und an uns – auch in dieser Situation, in der wir sind. Ich weiß, dass sich bei vielen innerer Widerstand regt, dass so etwas in manchen Ohren zu sehr nach „frommer Floskel“ und hohl klingt. Aber auch die Erzählung des himmlischen Engelchores auf den Feldern von Bethlehem klingt „surreal“.

Es ist eine Zumutung und dennoch die mutmachende Botschaft: Unser Glaube hat den Mut, auf die Angst mit einem „Fürchte dich nicht!“ zu antworten! Denn Weihnacht ist nicht nur Nacht, Stall und Stroh. Sondern mittendrin dieses Kind. Es ist eine Zumutung inmitten allen Strohs dennoch zu vertrauen: Mit diesem Kind ist eine Dynamik in die Welt gekommen, die auf Erlösung und Heil zusteuert! Es ist eine Zumutung, aber mit diesem „Fürchte Dich nicht!“ und mit allem, was darin steckt als Antwort auf unsere Angst, haben so viele in allen Etappen der Geschichte Vertrauen geschöpft, einen Lebensmut entwickelt und sich engagiert und mitgewirkt an dieser Dynamik, die Heil und Heilung in einer verwundeten und unheilen Welt will! „Fürchte dich nicht – heute ist der Retter geboren!“ Das ist kein frommes Narkosemittel gegen die Angst – sondern eine tragfähige Botschaft, wenn man sich auf sie einlässt und sich ihr anvertraut.

An diesem Punkt möchte ich Sie bitten, einmal auf die Weihnachtskarte zu schauen, die an Ihrem Platz liegt. Das ist meine Weihnachtskarte, die ich in diesem Jahr verschickt habe:

Dieses idyllische Weihnachtsmotiv ist ein Glasfenster - ursprünglich aus der Kirche Mariä Verkündigung in unserem Bistum, in Nidderau-Heldenbergen. Das Jesuskind auf dem Schoß von Maria ist ein „Wonneproppen“: lebendig, ja fast zappelig und gerade so, als wollte er bloß runter vom Schoß, dem Betrachter entgegenspringen, eine Dynamik auf uns zu. Maria kann das Kind kaum halten. Ein Bild, das mich anspricht. Es strahlt Freude aus. Ein Bild, das uns von Weihnachten erzählt: Gott wird Mensch. Es drängt Gott zu uns hin. Wie dieses Kind vom Schoß springen will, so drängt es Gott dem Menschen nahezukommen – und nichts kann ihn davon abhalten. Doch es gibt noch etwas Bemerkenswertes: Risse ziehen sich quer über das Bild. Das Glas ist kaputt. Es wurde wieder zusammengesetzt - aber nicht so, als wäre nichts gewesen. Die Risse bleiben sichtbar. Sie gehören zu jetzt zu diesem Bild.

„Fürchte Dich nicht – heute ist der Retter geboren!“ Gott rettet - aber nicht auf eine Weise, die das Leben ungeschehen macht. In diesem Kind, in Jesus streckt Gott seine Hand nach uns aus - trotz und in allem Unheil, in allen Brüchen und Scherben des Lebens. Weihnachten: Das ist das Bekenntnis Gottes zu uns Menschen, zu unserem Leben voller Brüche und Risse und zu unsrer Welt mit all ihren Brüchen und Rissen. Dieser Gott, den wir mit Weihnachten bekennen, will nicht erst dann in die Welt kommen, wenn es dort keine Probleme mehr gibt. Erlösung gilt einer unerlösten Welt! Das Kind von Bethlehem wird nicht in eine heile Idylle hinein geboren - damals nicht und heute nicht. Und doch kommt mit der Geburt Jesu eine Dynamik in die Welt, die auf Erlösung und Heil zusteuert!

Wie tragfähig diese Botschaft ist, das kann man nicht aus der Distanz heraus beurteilen: Ich sehe, wie vielen Menschen diese Botschaft Halt und Trost gibt. Ich erlebe, wie Menschen ihr Leben und ihr Schicksal tragen und auf einem guten Weg sind, weil sie dieser Botschaft vertrauen. Ich selbst bin dankbar, dass ich glauben kann und erfahren darf, welche innere Kraft, aber auch Zuversicht und Freude am Leben mir diese Botschaft gibt, trotz – im Bild gesprochen – des vielen Strohs im Stall, das derzeit überall herumliegt – so viel Stroh in unsrer Kirche, so viel Stroh in unserem gesellschaftlichen Miteinander, so viel Stroh in meinem eigenen Leben…

Ich bin dankbar, dass es „so viele Engel“ in diesen Tagen gibt in unseren Einrichtungen, den Pflege- und Altenheimen, den Krankenhäusern, in unsren Gemeinden und allen Feldern der Seelsorge, aber auch im persönlichen, privaten Umfeld. Die Engel, die jetzt in die Nacht des Menschen hinein den Mut aufbringen, ihnen zu sagen: „Fürchte Dich nicht!“ Und die das auch leben und mit ihrem Tun bezeugen. Wie heilsam ist das in einer unheilen Welt! Auch davon lebt unsere Gesellschaft, dass es diese „geistliche Dimension“ der Krisenbewältigung gibt. Wir Christen feiern Weihnachten nicht für uns selbst. Wenn wir mit großer Verantwortung und Umsicht mit einigen wenigen stellvertretend in unseren Kirchen Gottesdienste feiern, wenn wir über alle medialen Kanäle die Botschaft verkünden und mit ganz neuen Formaten seelsorgliche Nähe schaffen – worüber ich sehr froh und dankbar bin –, wenn wir die Kirchen zum persönlichen Gebet oder zum Besuch an der Krippe offenhalten, dann geht es nicht einfach um persönliche, spirituelle Bedürfnisbefriedigung – sozusagen um „frommen Konsum“. Erst recht geht es nicht um das Ausreizen irgendwelcher Privilegien. Sondern: Weihnachten ist – auch in einer säkularen und dennoch christlich geprägten Gesellschaft – eine von vielen Formen derzeit gelebter Solidarität, notwendiger Ermutigung und heilsamer Krisenbewältigung: Christen feiern und beten nicht nur für sich selbst – wir stehen vor Gott und beten und bitten für alle und wissen uns gerade so solidarisch mit allen – gerade denjenigen, die es jetzt besonders schwer haben. Wir lassen uns stärken durch die Feier dieses Festes in unserem Vertrauen, dass Gott das Leben will, uns menschlich nahe ist und dieses Leben durch alle Höhen und Tiefen mit uns lebt. Das gibt uns Halt. Wir lassen uns bestärken in unserem Bild von Gott und vom Menschen durch die Botschaft von Weihnachten, dass wir „für die Liebe geschaffen sind“, wie Papst Franziskus sagt. (Enzyklika „Fratelli tutti“, Nr. 88). Wer sich davon ergreifen lässt, dessen Blick auf das Leben verändert sich. Das strahlt aus auf alle!

Es bleibt eine Ambivalenz, wie wir in diesem Jahr verantwortungsvoll Weihnachten feiern – aber dass diese Botschaft verkündet wird, das ist unverzichtbar.

Der Botschaft der Engel „Fürchte dich nicht – heute ist euch der Retter geboren!“ gerade jetzt zu vertrauen, braucht viel Mut. Überhaupt braucht es in diesen Wochen und Tagen viel Mut. Und Vertrauen ist dabei die stillste Form des Mutes!

Christmette aus dem Mainzer Dom als Video (c) Bistum Mainz / B. Nichtweiss

Christmette aus dem Mainzer Dom als Video

24. Dez. 2020

Livestream der Christmette 2020 um 17:30 Uhr aus dem Mainzer Dom mit Weihbischof Dr. Udo Markus Bentz. Hier geht es zum Text seiner Predigt. Es musizieren Mitglieder des Mainzer Domchores und des Mainzer Domorchesters unter der Leitung von Karsten Storck sowie Professor Daniel Beckmann an der Mainzer Domorgel.