Schmuckband Kreuzgang

Poesie und Musik

„Das Heilige, das am Herzen mir liegt, das Gedicht..."

Dr. Burkhard Heussen beeindruckt mit Gedichtrezitationen (c) privat
So 12. Mai 2019
GERHARD KOLLMER

Das Ende als Anfang:
Seherisch mit halb geschlossenen Augen, stehend mit erhobenen Armen: Nach antikem Vorbild rezitiert Dr. Burkhard Heussen am Ende seiner knapp neunzigminütigen kommentierten Lyriklesung - als Zugabe nach dankbarem Applaus der zahlreich erschienenen Zuhörer - Friedrich Hölderlins legendäres Gedicht „An die Parzen" aus dem Jahr 1798.
In der Ode heißt es u. a.: ,,Doch ist mir einst das Heil'ge, das am Herzen mir liegt, das Gedicht gelungen; willkommen dann, o Stille der Schattenwelt!"

,,Es spielen Sternenhände vier"

Was dem Nachmittag im Gemeindezentrum St. Bonifatius seinen besonderen Wert verlieh, war der Auftritt von Dekanatskantorin Eva-Maria Anton und André Schönfeld aus Frankfurt mit Werken für Klavier zu vier Händen. Zu Beginn erklang Franz Schuberts bedeutendste Komposition dieses Genres - der Erste Satz (Allegro moderato) aus dem „Grand Duo" C-dur, op. posth. 140. Bereits nach wenigen Minuten ist der geradezu sinfonische Charakter des Werks unüberhörbar.

Nachdem Chopins „Preambule" und die reizvoll-exotische „Idylle arabe", op. 55, Nr. 3 der 1857 im Paris der Belle Epoque geborenen Komponistin Cecile Chaminade verklungen waren, stellte Dr. Heussen drei selbstverfaßte Poeme vor - die in manchem den „Geist" Gottfried Benns atmen. ,,Sommer am See", ,,Herbst", ,,Vor einem Krankenhaus": scheinbar reine Gelegenheitsgedichte, weitet sich der Blick des Autors jedoch, den schlichten Anlaß übersteigend, ins Grundsätzliche.

Letzter musikalischer Höhepunkt war der Vortrag einer Klavierbearbeitung von Felix Mendelssohns Drittem Satz aus seinem Streichquartett op. 44, Nr. 2.

Ein glücklicher Einfall: Der Rezitator bedankt sich bei den Pianisten mit Else Lasker-Schülers um 1936 im Schweizer Exil entstandenen Gedicht „Mein Blaues Klavier". Eine Zeile daraus lautet: ,,Es spielen Sternenhände vier".

Wir leben in prosaischen Zeiten.

Voll konzentriert und emontional dabei: Dr. Burkhard Heussen (c) Gerhard Kollmer 2019

Hölderlins Hochschätzung des Gedichts teilt Dr. Heussen in all seinen Formen. Geprägt ist sein Vortrag von der Trauer über die heutzutage nur noch marginale Bedeutung von Lyrik. Es werde - angefangen vom Literaturunterricht - kaum Poetisches mehr gelesen, besprochen, gelernt, vorgetragen. Gedichte würden, so Heussen, nur noch von einer verschwindenden Minderheit aller Leser rezipiert. Im Unterschied zu Gottfried Benn, für den das lyrische Wort noch „eine körperliche Sache" war, gelte formvollendetes Schreiben (und Sprechen) heute als weitgehend obsolet.

Dr. Heussens Sympathien gehören - zumindest an diesem Nachmittag - neben Hölderlin vor allem Gottfried Benn, von dem er drei Titel vorträgt. Substanzielle, formvollendete Lyrik wird auch der Begabte nur schreiben können, wenn er sich der Hektik des Alltags entzieht, um im Abseits als sicherem Ort zur Besinnung zu kommen. Die erste Strophe einer von Benns Miniaturen lautet: ,, Wer allein ist, ist auch im Geheimnis, / immer steht er in der Bilder Flut, / ihrer Zeugung, ihrer Keimnis, / selbst die Schatten tragen ihre Glut."

Neben modernen Gedichten von Kurt Drawert, Christa Reinig und Peter Rühmkorf hatte der Vortragende noch Hölderlins „Hälfte des Lebens" und Goethes vielzitiertes „Über allen Gipfeln ist Ruh'" im Gepäck.

Also wozu heute noch Gedichte?

Lyrik schreibt an gegen Tod und Vergessen, gegen die Herrschaft des sprachlosen universellen Geschwätzes, will die Zeit im „ewigen Augenblick" stillstellen, dem flüchtigen Chaos bleibende Form geben. Das sollte genügen, ihr einen festen Platz im literarischen Kanon zu sichern.

      

GERHARD KOLLMER in der Wetterauer Zeitung vom 16.05.2019: "Ihm liegt die Lyrik am Herzen"