Schmuckband Kreuzgang

Strahlkraft

„Der Galiläer” mit Orgelbegleitung von Dr. Krystian Skoczowski

Dr. Skoczowski gab eine Einführung in den Film und erläutert die von ihm dazu ausgewählte und komponierte Musik (c) Gerhard Kollmer 2019
So, 17. Mär 2019
Gerhard Kollmer

„Der Galiläer” - so lautet der Titel des 1921 im idyllischen Dreisamtal im Südschwarzwald mit mehr als hundert Komparsen gedrehten Stummfilms unter der Regie von Dimitri Buchowetzki. Nach dem Vorbild der Oberammergauer Passionsspiele zeigt er in eindrucksvollen Sequenzen die letzten Stationen aus dem Leben und Sterben Jesu - den Einzug in Jerusalem, das letzte Abendmahl, seine Gefangennahme, Verurteilung und Kreuzigung. Eine in den 1990er Jahren restaurierte Fassung von etwa 45 Minuten Dauer stand am vergangenen Sonntagnachmittag auf dem Programm der "Konzerte an St. Bonifatius".

Film zeichnet die Charaktere sehr kontrastreich

Buchowetzkis Stummfilm ist äußerst kontrastreich, zuweilen beängstigend in seinen düster-dräuenden Monumentalszenen. "Er bringt uns Licht in unsere Finsternis":
Der begeisterte Empfang Jesu in Jerusalem löst bei den Hohenpriestern blankes Entsetzen aus. Kaiphas und Nathan erscheinen mit geradezu teuflisch verzerrten Fratzen als finsteres Gegenbild zur seltsam entrückten Lichtgestalt Jesus.
Für den heutigen Zuschauer befremdlich ist die aus dem Ungeist des jahrhundertealten christlichen Antijudaismus gespeiste extreme Schwarzweißzeichnung Buchowetzkis:
Seine Erlösergestalt trägt gleichsam "romantische" Züge. Die ihm zugefügten Demütigungen und Schmerzen bis hin zur brutalen Ermordung am Kreuz scheinen Jesus - mehr Gottessohn als Mensch - kaum zu treffen. Menschliche Züge zeigt er in wenigen Szenen - am bewegendsten beim einsamen Gebet im Garten Gethsemane: „Vater, laß diesen Kelch an mir vorübergehen.”
Die Gestalt des Judas Ischariot ist hingegen sehr differenziert angelegt, und er wirkt in seiner verzweifelten Zerrissenheit viel lebendiger als der oft in Standbildern gezeigte Erlöser.

Ein Klangbild von hoher Strahlkraft

Was der Vorführung in dem nur spärlich von Kerzenlicht erhellten Kirchenschiff ihren besonderen Wert verlieh, war die von Dr. Krystian Skoczowski an der Orgel gespielte, von ihm selbst zusammengestellte und komponierte Musik zum Film:
Neben Franz Liszts Phantasie über den Bach-Choral "Weinen und Klagen" erklangen "O Haupt voll Blut und Wunden" und Johannes Brahms' Variationen über diesen berühmten Choral Johann Sebastian Bachs. Skoczowskis eigene Kompositionen waren bestens auf den mit vielen Großeinstellungen arbeitenden Film abgestimmt. So entstand ein eindrucksvolles optisch-akustisches Klangbild.
         

Die Kreuzaufrichtung wird in brutaler Drastik gezeigt (c) Filmgesellschaft

Schließlich erfolgt die Gefangennahme mit Geißelung und Dornenkrönung - die Orgel intoniert "O Haupt voll Blut und Wunden". Bis hin zu der in brutaler Drastik gezeigten Kreuzaufrichtung bleibt der Stummfilm merkwürdig beklemmend.

Beeindruckende künstlerische Leistung

Krystian Skoczowskis Agieren an der Orgel war wesentlich mehr als lautmalerische Filmmusik im herkömmlichen Sinn: Bis hin zu den wunderbaren Brahmsklängen am Ende der Aufführung war es eher die Musik als der Film, von der Licht und Hoffnung ausstrahlte.

Herzlicher, langanhaltender Beifall belohnte den Organisten für seine künstlerische Leistung.