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Kirchenmagazin Glaube und Leben Nr. 19 :„Es öffnen sich ganze Welten“

Geöffnetes Buch auf einem Tisch
Leben in Fülle – für Christen eine Verheißung. Gehört nicht auch die Kultur mit der schönen Literatur dazu? Aber Gedichte oder dicke Romane zu lesen, will gelernt sein. Die Kirche unterstützt das Lesen mit ihrer Büchereiarbeit. Warum fasziniert Literatur? Antworten von Menschen, deren Leben sie bereichert.
Datum:
6. Okt. 2026
Von:
Anja Weiffen |Kirchenmagazin
Marcel Schneider ist bibliothekarischer Referent in der Fachstelle für katholische Büchereiarbeit im Bistum Mainz.

Ein Gespräch in Mainz, in der Stadt Johannes Gutenbergs, des Erfinders des Buchdrucks. Marcel Schneider und Daphne Neu von der Fachstelle für katholische Büchereiarbeit im Bistum Mainz sprechen über Künstliche Intelligenz, den Leseknick und Silent-Book-Clubs.

Heute gibt es mit Podcasts, Streaming-Diensten und Social Media viel Konkurrenz zu Büchern. Warum ist das Lesen von Büchern wichtig?

Schneider: In Filmen wird mir schon präsentiert, was ich zu sehen habe – im Gegensatz zu Büchern. Auch darin wird mir die Geschichte zwar vorgegeben, aber ich werde angeregt, mit meiner eigenen Fantasie diese mit eigenen Bildern zum Leben zu erwecken.

Neu: Die kann sehr individuell sein. Im Gegensatz zu TikTok oder Social-Media-Kanälen haben wir bei Büchern nicht diese kleinen Schnipsel, sondern es öffnen sich ganze Welten.

Schneider: Ein Buch konsumiert man nicht so wie einen Film oder einen Videoclip. Bei einem Buch bin ich gezwungen, mich mit längeren Texten zu beschäftigen. Diese Fähigkeit, länger an einem Thema dranzubleiben, muss erlernt werden. Sie wird beispielsweise beim wissenschaftlichen Arbeiten benötigt. Durch Bücherlesen wird dafür in der Kindheit der Grundstock gelegt.

Dabei geht es um die Aufmerksamkeitsspanne und um Geduld …

Neu: Genau, indem man sich etwa durch komplexe Themen oder auch in einem Roman durch Landschaftsbeschreibungen beißt.

Wird heute weniger gelesen als früher?

Schneider: Da sind wir uns gar nicht so sicher. Ich habe überlegt: Meine beiden Großmütter haben zum Beispiel gar nicht oder kaum gelesen. Früher war oft nicht die Zeit, sich mit Büchern zu beschäftigen. Da gab es andere Tätigkeiten, die erledigt werden mussten. Da wurde damals schon eher das Fernsehen als Medium genutzt als das Buch.

Die Langzeitstudie JIM, die seit über 25 Jahren Kinder und Jugendliche in Deutschland nach ihrer Mediennutzung befragt, zeigt, dass diese Nutzergruppe nicht unbedingt weniger liest als früher. Sondern dass die anderen Medien dazugekommen sind und dass die, die lesen, dies auch weiterhin tun. Im jugendlichen Alter entsteht – und das ist nichts Neues – der sogenannte Leseknick. Jugendliche haben dann andere Interessen und Prioritäten. Irgendwann kommen sie vielleicht wieder aufs Lesen zurück.

 

Daphne Neu von der Fachstelle für katholische Büchereiarbeit im Bistum Mainz, ist Buchwissenschaftlerin.

Also hat sich für Sie gar nicht so viel verändert? Sie rechnen mit einer stabilen Zielgruppe?

Neu: Bis jetzt ja. Zumindest was die Katholischen Öffentlichen Büchereien (KÖB) angeht, besteht die Hauptzielgruppe aus Kindern, Kleinkindern und Schülern und Schülerinnen bis zum Ende der Grundschule. Ganz oft findet man im jungen Erwachsenenalter den Weg zurück, wenn man selbst Kinder hat und sie in die Bücherei bringt.

Was gibt es für Trends? Wenn man sich in manchen Buchläden umschaut, sieht man dort viel Rosa. Bücher, die optisch auffallen.

Neu: Es gibt den starken Trend Young Adult (Anm. d. Red.: Romane für 14- bis 20-Jährige) und New Adult (Romane für 18- bis 30-Jährige), also romantische Themen. Vor allem auch für junge Frauen. Das ist weniger für Büchereien geeignet. Denn da geht es ums Besitzen der Bücher, oft wegen der Optik. Die Bücher haben etwa bunte Farbschnitte in den Erstausgaben. Die will man sich nicht unbedingt ausleihen, die will man besitzen.

Welche Trends wir außerdem feststellen: Veranstaltungen für Vorschul- und Grundschulkinder, Vorlesegeschichten und für die Erwachsenen Literatur- und Lesekreise.

Lesen entwickelt sich zum Erlebnis?

Neu: Mit Veranstaltungen auf jeden Fall. Und Büchereien werden zu Treffpunkten und Begegnungsorten.

Schneider: Was in den vergangenen Jahren in den Städten  in Mode gekommen ist, sind sogenannte Silent-Book-Clubs. Die gibt es auch in Mainz.

Was ist das?

Schneider: Dort treffen sich häufig auch jüngere Menschen, um eine gewisse Zeit lang zu lesen – jeder für sich selbst, aber im selben Raum. Wer möchte, kann sich danach mit anderen über die Lektüre austauschen. Es geht vor allem darum, andere Menschen zu treffen. Das zeigt, dass aktuell Einsamkeit auch bei jüngeren Leuten ein großes Thema ist.

Warum sind die Clubs was für Jüngere?

Neu: Ein üblicher Lesekreis setzt voraus, dass alle ein und dasselbe Buch lesen und man sich darüber austauscht. Bei den Silent-Book-Clubs ist das nicht so. Es gibt dort nicht diesen Druck. Viele junge Leute sagen: „Ich schaffe es nicht, in einem Monat ein Buch zu lesen.“ Dem kommt man entgegen, jeder macht seine eigene Leseerfahrung. Und das gemeinsame Sitzen ist auch „Digital Detox“: In der Zeit schaut keiner auf sein Handy, es gibt keinen Social-Media-Kanal, der einen triggert. Es geht nur darum, sich etwa anderthalb Stunden aufs Lesen zu konzentrieren. Das muss scheinbar wieder gelernt werden.

Eine weitere Entwicklung ist die Künstliche Intelligenz. Jetzt geistert KI-Literatur durchs Netz und viele denken: Alles wird von der Maschine geschrieben. Wie kommen Sie damit in Kontakt?

Neu: Wir als Fachstelle für Büchereiarbeit werden tatsächlich des Öfteren von Büchereien angefragt, die vermuten, dass sie unwissentlich auf KI-generierte Bücher gestoßen sind. Seit August müssen KI-generierte Inhalte in bestimmten Fällen gekennzeichnet werden, KI-generierte Bücher aber weiterhin nicht.

Wir schulen die Mitarbeitenden, wie sie KI-generierte Bücher erkennen können. Es gibt schon ein paar Signale, vor allem bei Kinderbüchern. Die Cover sind meist sehr süßlich. Die Inhalte auch: Es gibt keine Hürden, kein Entwicklungspotenzial für die Figuren. Alles hat ein Happy-End, alles ist glatt und seelenlos.

Also können sich Nutzer der Katholischen Öffentlichen Büchereien gut aufgehoben fühlen?

Neu: Es wird sich in den Katholischen Öffentlichen Büchereien bemüht, keine KI-generierten Bücher zu bestellen. Davon gehe ich aus.

Auch wenn Sie sagen, dass gar nicht so viel weniger gelesen wird als früher, braucht es Anreize, oder?

Schneider: Das ist auch notwendig, denn die Lesefähigkeit nimmt nachweislich ab. Viele Kinder haben am Ende der 4. Klasse Defizite. Die Leseförderung, die auch in den Büchereien geleistet wird, ist ein großer Beitrag. Die KÖB-Teams bieten vor allem attraktive Veranstaltungen an, etwa den Bibliotheksführerschein, Vorlese-Aktionen oder Kooperationen mit Schulen.

Können Sie weitere Beispiele von Angeboten nennen?

Neu: Etwa Spieleabende. Oder eine Bücherei in Mainz-Finthen, die einmal im Monat eine „Stricklesel“ anbietet. Da treffen sich die Menschen beim Handarbeiten und einer liest aus einem Buch vor. Die Veranstaltung ist immer ausgebucht.

Viele Büchereien befinden sich im ländlichen Raum – eine Chance für lebendige Orte der Begegnung?

Schneider: Definitiv. Ich finde die Büchereiarbeit attraktiv, weil sie viele verschiedene Einsatzmöglichkeiten für das Engagement bietet. Auch sich zu vernetzen und zu kooperieren, ist bedeutsam geworden. Etwa mit den Pfadfindern, mit der Ortsgemeinde oder anderen Gruppierungen.

Neu: Die Vernetzung über die klassischen katholischen Anlaufpunkte hinaus ist wichtig. In den Dörfern gibt es keine Läden mehr. Heute sind gerade die KÖBs oft der einzige öffentliche Raum, den es noch gibt, ohne konsumieren zu müssen.

Was bedeuten Büchereien für den Kontakt von Menschen zur Kirche?

Neu: Für manche ist es tatsächlich die einzige Möglichkeit, der katholischen Kirche zu begegnen. Man kann nicht mehr davon ausgehen, dass viele Leute sonntags in den Gottesdienst gehen. Aber die Familien kommen in die Bücherei, wenn sie denn eine im Ort haben.

Schneider: Die Katholische Öffentliche Bücherei ist ein positives Aushängeschild einer jeden Pfarrei. Es gibt keine Ausleihgebühren. Alle sind willkommen. Für manche ist es vielleicht auch ein positiver Erstkontakt mit der Kirche.