„Das Denken ist nie ausgeschaltet“


An wen wendet sich Ihr neues Buch?
Hieke: Wir wollen alle ansprechen, die ein Interesse an der Bibel haben. Vielleicht auch nur, weil sie sie als Kulturgut sehen.
Huber: Und unsere bisherigen Bände haben eine breite Resonanz.
Liest man den Titel „Bibel bewusst leben“, könnte man fragen: Gibt es auch ein „unbewusst leben“?
Hieke: Ursprünglich wollten wir neben dem ersten Band „Bibel falsch verstanden“ einen Band setzen mit „Bibel richtig verstehen“ oder „Bibel richtig leben“. Das war uns aber zu belehrend. Wir kamen auf das Wortspiel „Bibel bewusst leben“, das auch meint: bibelbewusst leben. Also, ich reflektiere mein Leben im Lichte der Bibel, ohne dass wir in der Bibel ein Programm sehen, das wir abspulen. Das wäre ein sehr mechanisches Vorgehen. Das funktioniert beim Menschen nicht.
Huber: Wir möchten die Frage nach Werten und nach Handlungsperspektiven ansprechen. Im Begriff „bewusst“ steckt auch Wissen. Einfach zu sagen: Ich schlage die Bibel auf und möchte den heutigen Tag nach einem Bibelwort leben – das wollen wir mit unserem Buch so nicht. Uns geht es darum, dass Menschen mit biblischen Texten reflektiert, kritisch, informiert, textgemäß und verantwortlich umgehen.
Also, ich schalte beim Lesen der Bibel die Vernunft nicht aus.
Hieke: Die muss man einschalten. Ich habe den Eindruck, viele leben unbewusst, so, als wären sie allein auf der Welt, und sie achten auf nichts, höchstens auf sich selbst. Das hat schon die Bibel kritisiert. Insofern steckt in der Bibel ein Potenzial, den Leuten einen Spiegel vorzuhalten: Guck mal, was machst du da eigentlich? Wie handelst du, wie gehst du mit anderen um? Mit Tieren, mit Pflanzen, mit anderen Menschen? Da bietet die Bibel Impulse. Nicht, dass wir sie wörtlich eins zu eins nehmen, das geht gar nicht. Der historische Graben ist zu groß: 2000, 2500 Jahre oder mehr. Aber die Probleme sind oft die gleichen, nur unter anderen Umständen. Das wollen wir erhellen.
Mir hat Ihr Buch auch Unwissen gespiegelt. Beziehungsweise Überraschendes. Zum Beispiel, dass über Lebensanfang und Lebensende nichts in der Bibel steht. Am Rande des Katholikentags in Würzburg riet die Bundestagspräsidentin Julia Klöckner in einem Interview den Kirchen, sich in der Politik mehr auf bioethische Fragen zu konzentrieren, sozusagen als ein Kernelement christlicher Ethik. Wie passt das zur Bibel?
Hieke: Wir haben heute etwa bei der Frage nach dem Lebensende die Situation, dass Menschen oft sehr alt werden, medizinisch gut versorgt sind, noch älter werden und dann aber auch mit entsprechenden Leiden konfrontiert sind. Oder wenn jemand ins Koma fällt und dann die Maschinen ihn weiter am Leben halten. All das hat es in der biblischen Zeit nicht gegeben. Deswegen ist zu diesen Fragen nichts Direktes aus der Bibel herauszuholen.
Aber dort steht grundsätzlich etwas über das Leben drin. Und zwar, dass das Leben im biblischen Sinne – das Leben des Menschen, aber auch das Leben der Tiere und der Pflanzen – nicht etwas ist, was einfach so da ist und über das irgendjemand anderer verfügen könnte. Leben hat immer mit einer höheren Macht zu tun, die wir Gott nennen, die das alles in Gang gesetzt hat, die dieses Leben will. Da kann ich nicht als Mensch hergehen und sagen: Ich bestimme jetzt darüber ganz beliebig, wie es mir passt.
Was haben Sie selbst Überraschendes gefunden?
Hieke: Da gibt es etwa in Levitikus 19 Vorschriften, dass man beim Abernten eines Feldes eine Ackerecke freilassen oder beim Weinberg die herabgefallenen Beeren nicht auflesen soll. Nun sind heute noch ganz wenige Leute in der Landwirtschaft tätig und im Weinbau. Kann dieses Gebot also weg? Oder schaue ich, was dort für uns heute drinsteckt?
Was sagt uns diese Passage?
Hieke: Da ist etwa der Gedanke der Solidarität mit den Armen. Aber warum soll ich denn das Getreide stehenlassen? Ich könnte es doch auch abernten und dann einen Teil der Ernte den Armen geben. Das wäre eine Sicht von oben herab, Charity, Wohltätigkeit, dass ich von meinem Überfluss anderen etwas gebe. Das ist nett, aber auf der anderen Seite macht es die anderen klein. Wenn sie dagegen selbst das Feld abernten können, haben sie das Gefühl, selbst etwas gemacht zu haben. Das ist eine andere Sichtweise und auch eine Frage, wie wir unseren Wohlfahrtsstaat gestalten.
Was könnte ich persönlich daraus lernen?
Hieke: Der damalige Acker ist heute vielleicht der Terminkalender. Und da ist es gut, regelmäßig eine Ecke im Kalender freizulassen – einen Timeslot, wie wir das heute nennen. Nicht alle Zeit zu verplanen. Vielleicht treffe ich genau in dieser freien Stunde oder an diesem freien Tag jemanden, der meine Hilfe braucht.
Ihr evangelischer Kollege an der theologischen Fakultät in Mainz, Michael Roth, hat die Bibel als Gefahr für die Ethik bezeichnet. Seine These:Man könne nur mit dem eigenen Verstand Ethik betreiben. Und aus dieser Perspektive könne dann auf die Bibel geschaut werden. Aber die Bibel könne nicht als Grundlage für eigene ethische Positionen verwendet werden. Wie grenzt sich da Ihr Konzept ab?
Hieke: Die Bibel wird dann zur Gefahr für die Ethik, wenn ich meine Entscheidungen im Leben auf sie abwälze. Der evangelische Kollege hat einen anderen evangelischen Kollegen zitiert, der vom papierenen Papst gesprochen hat. Wenn die Protestanten sagen, ich muss nach der Bibel leben, dann könnten die Katholiken sagen, ich muss tun, was der Papst sagt.
Beides ist eine Gefahr für die Ethik, weil ich dann mich selbst herausnehme. Ich übergebe die Verantwortung für mein Handeln irgendeiner Autorität. Das kann der Papst sein, das kann die Bibel sein, im Sozialismus war es die Partei. Sobald ich meine Verantwortung abgebe, ist die Ethik in Gefahr.
Ich würde hier gerne das Stichwort Fundamentalismus aufgreifen.
Huber: Natürlich ist das ein Punkt, gegen den wir mit unseren Texten arbeiten. Fundamentalismus funktioniert aber auch nicht einfach so, dass ich den Text wortwörtlich nehme und ihn umsetze. So wird das zwar auch manchmal gemacht. Aber sehr häufig steht dahinter eine ganz bestimmte Absicht, genau diesen Text aufzugreifen, genau diese Option stark zu machen, und andere außen vor zu lassen und dann zu behaupten, sie entspreche dem Willen Gottes, absolut und unumstößlich. Wir wollen mit unseren Büchern verhindern, dass bestimmte Menschen die Bibel instrumentalisieren, um andere klein zu machen, um bestimmte Lebensweisen zu verurteilen, um bestimmte Interessen durchzusetzen.
Haben Sie da Beispiele?
Hieke: Dass das passiert, kann man in der Politik beobachten. Also, wenn der Vizepräsident der USA, J. D. Vance, die Bibel für seine eigenen Interessen zitiert, dann muss ihm der Papst auf die Finger klopfen. Und wenn J. D. Vance sagt, der Papst soll weniger Theologie machen – es ist ja geradezu absurd, was da passiert –, merkt man, wer wie die Bibel instrumentalisiert und für sich ausnutzen will.
Wir betreiben als Wissenschaftler Theologie, wir untersuchen und decken auf, was Menschen da angeblich im Namen der Religion behaupten. Daher können wir sagen, dass das Verhalten von J. D. Vance und Donald Trump falsch ist. Das müssen wir kritisieren, denn sie benutzen die Bibel für ihre eigenen egoistischen Interessen und für Profitmaximierung.
Was sind Ihre Kriterien?
Huber: Wir sind natürlich auch nicht ganz frei in unserem Zugang, weil wir uns mit ausgewählten Bibeltexten beschäftigen und sie aus einer bestimmten Perspektive betrachten. Man hat eine Brille auf, mit der man auf einen Text schaut. Diese Brille basiert auf der hoffentlich vernunftgeleiteten, autonomen Entscheidung, wieso ich bestimmte Bibeltexte für mich als positiv anerkenne. Andere Bibeltexte, die auf mich herausfordernd und auch negativ wirken, versuche ich zu hinterfragen.
Aber dazu braucht es einen Standpunkt von außen. Insofern deckt sich das mit dem, was der Kollege Michael Roth sagt. Spannend wird es, wenn wir den Standpunkt, den wir gewinnen, als einen Standpunkt erkennen, der mit Grundoptionen zentraler biblischer Texte zusammenfällt.
Was sind diese Grundoptionen?
Huber: Das ist die Grundoption für Leben, die Grundoption für Gerechtigkeit und Solidarität. Dazu gibt es in der Bibel nicht nur Randtexte, sondern zentrale Passagen und ganze Bündel von Texten.
Herausfordernd ist dabei: Für die christliche Tradition ist die Bibel ja kein beliebiger, austauschbarer Text, sondern hat einen exklusiven Charakter als Offenbarungsdokument. Dann stellt sich die Frage: Genügt es, im Nachhinein festzustellen, dass meine autonomen ethischen Handlungsmaximen auch in der Bibel zu finden sind und von ihr gedeckt sind? Da wird es spannend.
Wenn man zurückschaut auf die Wurzeln unserer Werte: Schüttet man nicht das Kind mit dem Bad aus, wenn man sagt, die Bibel könne nicht als Grundlage ethischer Entscheidungen dienen? In der Bibel steckt doch sehr viel Gutes?
Huber: Wir würden nicht sagen, dass wir die Bibel nicht als Grundlage nehmen können. Ein Prinzip der autonomen Ethik ist, dass Werturteile nicht im luftleeren Raum gefasst werden, sondern im sozialisierten. Wir sind in einem bestimmten Raum sozialisiert: christlich, abendländisch, biblisch. Nicht alle Werte sind automatisch christlich und automatisch biblisch, aber zumindest weite Teile davon. Man muss sich aber dessen bewusst sein.
Hieke: Wir müssen aber nicht nur zurückblicken, sondern können auch vorausschauen: Im Judentum ist das die Weisung: Ich bekomme einen Hinweis, wohin ich gehen soll. Ein Handeln, das allen guttut, heißt im Judentum „Gehen nach der Weisung Gottes“.
Das meinen wir mit bibelbewusst leben: Sich bei ethischen Fragen und beim Handeln zu sagen: Dazu gibt es doch einen Text in der Bibel. Das ist doch schon einmal vorgekommen. Und da gibt es doch Optionen, so dass ich nicht so handle, wie es üblich ist: nämlich, dass man fremdenfeindlich ist, dass man die Schwachen unterdrückt, dass man nur nach vorne strebt mit der eigenen Kraft und alles ausbeutet, genießt und ausnutzt. Sondern da ist ein biblischer Text und eine Gemeinschaft, die zu diesem Text gehört, die sagt: Es ist besser, Solidarität mit den Armen zu haben und nicht alles auszunutzen bis zum bitteren Ende.
In manchen fundamentalistischen Kreisen heißt es: Ich habe mich jetzt für Christus entschieden und jetzt mache ich alles, was er sagt. Schön, aber es wird im Einzelnen so nicht funktionieren. Man wird immer noch abwägen müssen. Das Denken ist nie ausgeschaltet. Aber das Denken geschieht eben nicht ohne Leitplanken: Es gibt die Weisung Gottes.